Medien im Erziehungssystem, dritter Akt

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Was sind nun also die spe­zi­fisch päd­ago­gi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dien, die im all­ge­mei­nen Me­dium des Le­bens­lau­fes For­men bil­den? Jo­chen Kade un­ter­schei­det für seine Be­ant­wor­tung der Frage zu­nächst zwei As­pekte des Le­bens­lau­fes und weist auf eine ko­gni­tive und eine so­ziale Di­men­sion mit ih­rem je­weils ei­ge­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dium hin.

Über die An­eig­nung von Wis­sen er­wei­tere sich laut Kade der Ak­ti­ons­ra­dius der In­di­vi­duen im Sinne ei­ner Ma­xi­mie­rung von po­ten­ti­el­len An­schluss­op­tio­nen; es werde Form­bil­dung er­mög­licht und so­mit eine Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Le­bens­lau­fes im Zeit­ho­ri­zont der Zu­kunft zu­ge­las­sen: „Das Wis­sen ist die ko­gni­tive Form des Le­bens­laufs“ ((KADE, Jo­chen: Le­bens­lauf — Netz­werk — Selbst­päd­ago­gi­sie­rung. Me­di­en­ent­wick­lung und Struk­tur­bil­dung im Er­zie­hungs­sys­tem, in: EHRENSPECK, Yvonne, LENZEN, Die­ter (Hg.): Be­ob­ach­tun­gen des Er­zie­hungs­sys­tems. Sys­tem­theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ven, 2006, S.19.)); die­ser er­fährt im Mo­ment der Wis­sensan­eig­nung eine Mo­di­fi­ka­tion der Form: Wer bei­spiels­weise das De­ko­die­ren von Graffiti-Tags ge­lernt hat, dem wird es schwer­fal­len, sie wei­ter­hin als in­dif­fe­ren­tes Ge­krit­zel wahr­zu­neh­men. Wer sich (et­was nä­her am Thema) mit kon­struk­ti­vis­ti­schen Er­kennt­nis­pro­gram­men oder mo­der­ner Sys­tem­theo­rie be­schäf­tigt, dem wer­den im Pro­zess des Wis­sens­er­werbs rea­lis­ti­sche oder po­si­ti­vis­ti­sche Po­si­tio­nen der Er­kennt­nis– und Wis­sen­schafts­theo­rie mehr und mehr un­pas­send er­schei­nen — oder die Theorie-Offerte wird als un­plau­si­bel er­ach­tet und nicht wei­ter ver­folgt. Auch das ist Ler­nen. ((Diese Form­bil­dun­gen des Wis­sens dür­fen je­doch nicht in ei­nem de­ter­mi­nis­ti­schem Sinne miß­ver­stan­den wer­den: Na­tür­lich kann im wei­te­ren Pro­zes­sie­ren Wis­sen auch mo­di­fi­ziert oder fal­si­fi­ziert wer­den, über­kom­mene Vor­stel­lun­gen kön­nen auf­ge­ben werden.))

So­bald der Zweck der Aus­for­mung sich aber an der Mög­lich­keit zur Teil­habe an Kom­mu­ni­ka­tio­nen so­zia­ler Sys­teme ori­en­tiert und Be­rech­ti­gun­gen zu An­schluss­se­quen­zen be­ruf­li­cher oder fort­lau­fen­der päd­ago­gi­scher Kom­mu­ni­ka­tion be­reit­stel­len soll, er­füllt die Ver­gabe von Zer­ti­fi­ka­ten die Funk­tion der Form­bil­dung im Me­dium des Le­bens­lau­fes. ((Dass es sich bei Zer­ti­fi­ka­ten selbst wie­derum um Me­dien han­delt, wird als be­kannt vor­aus­ge­setzt.)) Durch Zer­ti­fi­kate ent­ste­hen so­mit struk­tu­relle Kopp­lun­gen des Er­zie­hungs­sys­tems mit den Sys­te­men der Wirt­schaft (die im Rah­men von Be­wer­bun­gen prä­sen­tiert wer­den) oder Wis­sen­schaft (der Be­griff der „All­ge­mei­nen Hoch­schul­reife“ scheint in die­sem Kon­text selbsterklärend).

Das Er­zie­hungs­sys­tem ope­riere mit der si­mul­ta­nen Form­bil­dung durch beide Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dien, so Ka­des Fa­zit. ((KADE, Le­bens­lauf, S. 20f.)) Diese An­nahme führt je­doch zu der Kon­se­quenz, dass das Er­zie­hungs­sys­tem eher als ein „lo­cker ge­kop­pel­ter netz­werkar­ti­ger Zu­sam­men­hang von le­bens­lauf­be­deut­sa­men Kom­mu­ni­ka­ti­ons­se­quen­zen ohne scharfe Gren­zen ge­gen­über sei­nen Um­wel­ten“ ge­dacht wer­den muss und eben nicht mehr als ein re­la­tiv kom­pak­tes und ro­bust in­te­grier­tes Sys­tem wie das Recht oder die Po­li­tik. ((Vgl. ebd., S. 22f.)) Eine These, die vor al­lem mit Blick auf die re­zen­ten For­de­run­gen nach le­bens­lan­gem Ler­nen sehr plau­si­bel klingt, da sich die­ses kei­nes­wegs auf die klas­si­schen Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen be­schränkt. Als Folge er­scheint das tra­di­tio­nelle Er­zie­hungs­sys­tem dann aber un­ge­wöhn­lich kon­tin­gent: Päd­ago­gi­sche Kom­mu­ni­ka­tio­nen sind Ka­des Hy­po­the­sen fol­gend auch au­ßer­halb der Sys­tem­gren­zen mög­lich; eine Per­spek­tive, die hin­sicht­lich der zu­neh­men­den „Selbst­päd­ago­gi­sie­rung“ im Rah­men von ePort­fo­lios oder von Lernen2.0 auf Ba­sis der neuen Ver­brei­tungs­me­dien eine ge­wisse Plau­si­bi­li­tät ent­wi­ckelt und die vor al­lem auch für die Sze­na­rien des „lifelong learning“ at­trak­tiv er­scheint. Die Frage die sich dann je­doch stellt, ist fol­gende: Kann un­ter die­sen Um­stän­den über­haupt noch von ei­nem Sys­tem der Er­zie­hung ge­spro­chen wer­den? Und wenn dies der Fall sein sollte: Wo wä­ren seine Gren­zen zu verorten?

Das Kon­zept er­scheint pro­ble­ma­tisch; nach Ex­po­si­tion und Ent­wick­lung folgte hier­mit also (wie bei je­der klas­si­schen Tra­gö­die) im drit­ten Akt die Ka­ta­stro­phe: An die­sen An­satz, der doch nur fol­ge­rich­tig Luh­manns Vor­schlag des Le­bens­lau­fes aus­dif­fe­ren­ziert, scheint kein sinn­vol­ler An­schluss mög­lich. Im Rah­men der wei­te­ren Er­ör­te­run­gen soll da­her als Al­ter­na­tive eine Of­ferte von Dirk Ba­ecker skiz­ziert wer­den, der in An­leh­nung an Tal­cott Par­sons In­tel­li­genz als Me­dium begreift.


Die Gra­fik ba­siert auf ei­nem Foto von Chris Camp­bell un­ter fol­gen­der cc-Lizenz. Vie­len Dank!


Kommentare

  1. Alex sagt:

    Ich habe die Pro­ble­ma­tik dei­ner Schluss­fol­ge­rung nicht ganz ver­ste­hen kön­nen, wieso folgt die Ka­ta­stro­phe?
    In­ter­es­sant ist für mich ge­rade, dass diese schein­bar re­vo­lu­tio­nä­ren Ge­dan­ken zur Ver­än­de­rung der Ge­sell­schaft und kon­kre­ter un­se­res Bil­dungs­sys­tems, wie so oft in ver­schie­dens­ter auch älte­rer Li­te­ra­tur ge­fun­den wer­den kön­nen. Mo­men­tan denke ich, dass nicht un­be­dingt die Me­dien der trei­bende Fak­tor in die­sen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen sind, son­dern sie in ih­rer Form ein­fach sehr gut zur Be­wäl­ti­gung neuer An­for­de­run­gen ge­eig­net sind.
    Als Fan der Sys­tem­theo­rie könnte dir in die­sem Zu­sam­men­hang auch die­ses Buch ge­fal­len, das ich ge­rade sehr in­ter­es­siert be­ar­beite: Schäff­ter, Ort­fried (2001): Wei­ter­bil­dung in der Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft: zur Grund­le­gung ei­ner Theo­rie der In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung. Schneider-Verl. Hohengehren.

  2. Sebastian sagt:

    Hallo Alex, danke erst ein­mal für dei­nen Kom­men­tar! Trotz der Uhr­zeit ver­su­che ich noch ein paar Zei­len zur Erklärung:

    Die Ka­ta­stro­phe ist zu­nächst vor­al­lem eine sys­tem­theo­re­ti­sche: Ohne Li­mi­t­io­na­li­tät, d.h. ohne eine klare Grenze, kann nicht mehr an­ge­mes­sen vom Erziehungs„system“ ge­spro­chen wer­den. Das ist viel­leicht nicht so dra­ma­tisch, hätte in die­ser Form aber durch­aus weit­rei­chende Konsequenzen:

    Hier schei­nen im Gro­ßen und Gan­zen zwei Op­tio­nen denk­bar. Ent­we­der wu­chert das Sys­tem sehr weit in die Ge­sell­schaft hin­ein und ok­ku­piert Funk­tio­nen, die ur­sprüng­lich an­de­ren Teil­sys­te­men zu­ka­men. Die­ser Auf­gabe ist es nicht ge­wach­sen, denn ihm feh­len die Vor­aus­set­zun­gen da­für: Leh­rer oder Pro­fes­so­rin­nen kön­nen nicht die Funk­tio­nen von Po­li­zis­ten, Psy­cho­lo­gen oder Kon­zern­ma­na­gern über­neh­men. Das ist nicht ihr Job und es man­gelt ih­nen an Be­fä­hi­gung (zu­min­dest in den meis­ten Fäl­len). Die zweite Mög­lich­keit zielt auf das Ge­gen­teil hin: Un­klare Gren­zen kön­nen ebenso auf Kos­ten der Au­to­no­mie des Er­zie­hungs­sys­tems ver­la­gert wer­den. Hier­für schei­nen sich ge­rade Or­ga­ni­sa­tio­nen aus dem Wirt­schafts­sys­tem an­zu­bie­ten mit der Kon­se­quenz, dass die Er­zie­hung ihre re­la­tive Selbst­be­stim­mung im­mer mehr zu ver­lie­ren droht.

    Auch ohne worst case-Szenarios: Ak­tu­ell be­fin­det sich das Er­zie­hungs­sys­tem in ei­ner Ori­en­tie­rungs­krise; un­zäh­lige Fak­to­ren wir­ken auf das Sys­tem ein und be­wir­ken ei­nen gro­ßen (Anpassungs-) Druck. Die „Me­dien“ sind nur ein As­pekt ne­ben un­zäh­li­gen an­de­ren („lifelong learning“, Wis­sens­ge­sell­schaft…). Aber sie sind auch ein enorm bedeutender.

    Um die skiz­zier­ten Ge­fah­ren zu ver­mei­den, sollte die Re­fle­xi­ons­theo­rie der Er­zie­hungs­wis­sen­schaft, die Päd­ago­gik (also ir­gend­wie: wir), die Theo­rie­of­fer­ten von nüch­ter­nen Be­ob­ach­tern (wie den So­zio­lo­gen) an­neh­men und wei­ter­ent­wi­ckeln bzw. für „un­ser Sys­tem“ nutz­bar ma­chen: Die­ser Ar­ti­kel sollte dar­le­gen, dass der von Ni­klas Luh­mann (viel­leicht et­was ei­lig) als sym­bo­lisch ge­ne­ra­li­sier­tes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dium vor­ge­schla­gene Le­bens­lauf (ins­be­son­dere wenn er wie von Kade kon­se­quent aus­for­mu­liert wird) in Schwie­rig­kei­ten führt. Also muss nach Al­ter­na­ti­ven Aus­schau ge­hal­ten wer­den. Und hier kommt Dirk Ba­ecker ins Spiel… Und noch ei­ni­ges mehr.

    So­viel in Kürze. „Ka­ta­stro­phe“ übri­gens nur, weil die Dar­stell­lung der Pro­bleme mit dem Le­bens­lauf (un­ge­plant) in drei Akte zer­fiel und der letzte Teil, der den Vor­schlag zu­rück­weist, die Wen­dung zum Nie­der­gang (katá — strephein) für eben diese Idee dar­stellte. Rei­ner Zu­fall, ehr­lich. Danke übri­gens auch für den Buch­tipp, klingt spannend!

  3. Alex sagt:

    Word.

    Dei­nen Aus­füh­run­gen kann ich ge­rade nach mei­ner Prü­fung, die er­staun­li­cher­weise sehr nahe an dei­nem Thema hier dran war (plötz­lich er­gibt al­les ei­nen Sinn… ;-) ), nichts mehr hin­zu­fü­gen. Die Frage bleibt also: Was kann das Er­zie­hungs­sys­tem leis­ten, viel­leicht aber auch mit wel­chem Selbst­be­wusst­sein wir­ken Päd­ago­gen in wel­chen Be­rei­chen. Mo­men­tan schei­nen sie/wir viel zu sehr auf ein Trai­ner– und Aus­bil­der­da­sein re­du­ziert zu sein.
    Las­sen sich durch diese sys­tem­theo­re­ti­schen Be­trach­tun­gen über­haupt Schlüsse für tat­säch­li­ches Han­deln zie­hen? Wann kom­men wie­der Men­schen­bild, Wert­vor­stel­lun­gen, Ideale etc. zum tragen?

  4. Sebastian sagt:

    Tja, das ist eine äus­serst wich­tige Frage. Meine per­sön­li­che Mei­nung dazu ist, dass die (so­zio­lo­gi­sche) Sys­tem­theo­rie kei­ner­lei nor­ma­tive Hand­lungs­an­wei­sun­gen be­reit­stellt. Das ist ihr häu­fig (lei­der aus ei­nem fal­schen Ver­ständ­nis der Theo­rie her­aus) vor­ge­wor­fen wor­den. Das nur vor­weg. Deine For­mu­lie­rung ist ja viel tref­fen­der: „Las­sen sich durch diese sys­tem­theo­re­ti­schen Be­trach­tun­gen über­haupt Schlüsse für tat­säch­li­ches Han­deln ziehen?“

    Und meine Ant­wort? Zu­nächst möchte ich die Leis­tungs­fä­hig­keit der Theo­rie für die Wahr­neh­mung der ge­gen­wär­ti­gen Pro­bleme des Er­zie­hungs­sys­tems be­to­nen: Mit die­sem In­stru­ment ist es mög­lich, sehr prä­zise und wert­frei die Krise des Sys­tems zu be­schrei­ben, das Be­wusst­sein für die Pro­bleme zu schär­fen (wenn denn über­haupt Päd­ago­gen und Er­zie­her zu­hö­ren). Und das ist schon sehr viel wert… Ge­nau diese Nüch­tern­heit scheint mir vie­len Päd­ago­gen zu feh­len, die Schü­lern ihre ei­ge­nen Wert­vor­stel­lun­gen und Ideale zu­mu­ten. Das funk­tio­niert im All­ge­mei­nen ja auch recht schlecht (Was er­gibt die Be­ob­ach­tung der Schü­ler­ge­ne­ra­tio­nen von 68er-Lehrern?) und ist aus gu­ten Grün­den z.B. für den Po­li­tik­un­ter­richt im sog. „Beu­tels­ba­cher Kon­sens“ von 1976 ab­ge­lehnt wor­den. Wel­che Werte sol­len ver­mit­telt wer­den? Ist nicht die größt­mög­li­che For­de­rung die Be­fä­hi­gung zur ei­ge­nen Meinungsbildung?

    Aber ich sehe schon, das ist eine ganz an­dere Debatte.

  1. […] In letz­ter Kon­se­quenz kann dann, wie wir aus­ge­hend von Jo­chen KADES Auf­satz zum Le­bens­lauf fest­ge­hal­ten ha­ben, von „dem Er­zie­hungs­sys­tem“ keine Rede mehr sein: Ein sta­bi­les Sys­tem benötigt […]

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