Medien im Erziehungssystem, erster Akt

Die nun fol­gen­den Bei­träge ver­dich­ten die Frage nach den Me­dien des Er­zie­hungs­sys­tems. Zu­nächst mit Blick auf Aus­füh­run­gen Jo­chen Kades, an­schlie­ßend un­ter Be­ru­fung auf Dirk Ba­ecker. Da­bei wird die Frage mög­lichst all­ge­mein ge­hal­ten, wir spre­chen also noch nicht von sym­bo­lisch ge­ne­ra­li­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dien des Erziehungssystems.

Be­zeichn­tete Ni­klas Luh­mann in älte­ren Schrif­ten noch das Kind als Me­dium der Er­zie­hung ((Vgl. z.B. LUHMANN, Ni­klas: Das Kind als Me­dium der Er­zie­hung, in: Zeit­schrift für Päd­ago­gik 37 (1991), S. 19 –40 oder ders.: Das Er­zie­hungs­sys­tem der Ge­sell­schaft, Frank­furt 2002, S. 89f: „Das Kind ist des­halb für die Päd­ago­gik […] das Me­dium der Er­zie­hung.“)), stieß er auf Ba­sis die­ser These in an­schlie­ßen­den Über­le­gun­gen je­doch recht bald auf selbst­auf­er­legte Re­strik­tio­nen: Zu­nächst han­delt es sich beim Kind– und Er­wach­sen­sein um ein Kon­strukt; die Dif­fe­renz Kind/Erwachsener ist im­mer eine be­ob­ach­ter­ab­hän­gige: „Es gibt, an­ders ge­sagt, keine un­ter­schei­dungs­freie und da­mit nicht­kon­stru­ierte Rea­li­tät, kein Kind an sich.“ ((LUHMANN: Er­zie­hung als For­mung des Le­bens­laufs, in: ders.: Schrif­ten zur Päd­ago­gik, Frank­furt 2004, S. 260. Ent­spre­chend sinn­los er­scheint die Frage, ob es ei­nen ge­nauen Zeit­punkt oder ein be­stimm­tes Al­ter gebe, dass als Zä­sur, also Grenze wirke: 10 Jahre? 12 Jahre? 32 Jahre?)) In An­be­tracht von Erwachsenen-, Fort– und Wei­ter­bil­dung oder den re­zen­ten For­de­run­gen nach ei­nem „lifelong learning“ in der so­ge­nann­ten Wis­sens­ge­sell­schaft scheint der Fo­kus auf das Kind als Me­dium der Er­zie­hung als zu eng bzw. zu stark auf schu­li­schen Un­ter­richt begrenzt.

In An­be­tracht die­ser Schwie­rig­kei­ten mo­di­fi­ziert Luh­mann seine These: Aus­ge­hend vom ba­sa­len Me­dium so­wohl psy­chi­scher als auch so­zia­ler Sys­teme, dem Sinn, fragt er nach der be­son­de­ren Spe­zia­li­sie­rung für das Funk­ti­ons­sys­tems Er­zie­hung: Wenn es ei­nem Sys­tem ge­lingt, ein spe­zi­fi­sches Pro­blem für sich zu re­kla­mie­ren, kön­nen sich ge­sell­schaft­li­che Funk­ti­ons­sys­teme aus­dif­fe­ren­zie­ren — was kann nun für das Er­zie­hungs­sys­tem an­ge­zeigt wer­den? Grund­le­gend für die Kom­mu­ni­ka­tion in ei­nem aus­dif­fe­ren­zier­ten Sys­tem sind ja Code und Me­dium: Als Code hat­ten wir in An­leh­nung an Luh­mann die Dif­fe­renz besser/schlechter (Vgl. hier und hier) fest­ge­hal­ten. ((Jo­chen KADE schlug in der Folge die Al­ter­na­tive vermittelbar/nicht-vermittelbar vor. Hier­mit wech­selt so­dann al­ler­dings auch der Be­zugs­punkt, wie Luh­mann an­merkt: „Diese Un­ter­schei­dung kann in be­zug auf The­men, aber auch in be­zug auf Zög­linge spe­zi­fi­ziert wer­den. […] Aber [die­ser Code] ist nicht iden­tisch mit dem Code der Se­lek­ti­ons­ver­fah­ren und er be­ruht des­halb auch nicht auf ei­ner Cha­rak­te­ri­sie­rung der Zög­linge nach ih­ren gu­ten bzw. schlech­ten Leis­tun­gen. Sein Be­zugs­punkt ist die Ope­ra­tion des Ver­mit­telns.“ Vgl. LUHMANN, Er­zie­hungs­sys­tem, S. 59f. Wir wer­den bei Zei­ten auf ge­nau die­sen Punkt zu­rück kom­men müssen.))

Als Al­ter­na­tive des Me­di­ums Kind schlägt Luh­mann dar­auf­hin den Be­griff des Le­bens­laufs vor: Das Er­zie­hungs­sys­tem bil­det For­men im Me­dium des Le­bens­laufs und er­zeugt so im In­di­vi­duum die Res­sour­cen zur Teil­habe an an­de­ren so­zia­len Sys­te­men. Der Le­bens­lauf ist da­bei hin­rei­chend fle­xi­bel: Es han­delt sich um eine Be­schrei­bung, die wäh­rend des Le­bens an­ge­fer­tigt und bei Be­darf re­vi­diert wird. ((Vgl. LUHMANN, Schrif­ten, S. 267.)) Er kann er­zählt, muss da­bei aber nicht be­grün­det wer­den; es kann eine Ord­nung prä­sen­tiert wer­den, eine Kopp­lung, wo ebenso gut Zu­fall hätte wal­ten kön­nen. Weil der Le­bens­lauf im­mer Le­bens­lauf ei­nes In­di­vi­du­ums ist, ist seine spe­zi­fi­sche Aus­for­mung not­wen­di­ger­weise kon­tin­gent. Ge­rade so kann das In­di­vi­duum seine Ein­zig­ar­tig­keit prä­sen­tie­ren; der Le­bens­lauf ist Aus­druck der für mo­derne Ge­sell­schaf­ten kenn­zeich­nen­den In­di­vi­dua­li­sie­rung und Tem­po­ra­li­sie­rung. ((Vgl. KADE, Jo­chen: Le­bens­lauf — Netz­werk — Selbst­päd­ago­gi­sie­rung. Me­di­en­ent­wick­lung und Struk­tur­bil­dung im Er­zie­hungs­sys­tem, in: EHRENSPECK, Yvonne, LENZEN, Die­ter (Hg.): Be­ob­ach­tun­gen des Er­zie­hungs­sys­tems. Sys­tem­theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ven, 2006, S.15.))

In­so­fern ist der Le­bens­lauf ei­ner stän­di­gen Wie­der­be­schrei­bung aus­ge­setzt; von Wen­de­punkt zu Wen­de­punkt des Er­zähl­plans. Die­ser darf da­bei kei­nes­falls als te­leo­lo­gisch miss­ver­stan­den wer­den! Der Be­griff des Le­bens­lau­fes for­mu­liert keine Er­zie­hungs­ziele, er ge­schieht: er ge­schieht als das Pro­zes­sie­ren der Dif­fe­renz von Me­dium und Form. For­men wer­den von Si­tua­tion zu Si­tua­tion fort­lau­fend fest­ge­schrie­ben, die vom je­wei­li­gen Stand des Le­bens­lau­fes aus die­sen re­pro­du­zie­ren. ((LUHMANN, Schrif­ten, S. 270. Dem Au­to­po­ie­sis–Be­griff nicht zu­fäl­lig ähn­lich!)) Ein Me­dium ist er im Sinne ei­nes „Mög­lich­keits­raums“ für diese For­men. ((Zur Er­in­ne­rung sei an die­ser Stelle auf die be­reits ein­ge­führte Un­ter­schei­dung von Me­dium und Form er­in­nert!)) Zum „so­zia­len Kon­strukt Er­zie­hung“ ((LUHMANN, Schrif­ten, S. 274.)) kann es nur dann kom­men, wenn bei der Her­aus­bil­dung von In­ter­ak­ti­ons­sys­te­men das Me­dium Le­bens­lauf als Ba­sis ge­nutzt wird: Das Wis­sen ((…, dass man et­was kann, z.B. eine ma­the­ma­ti­sche Kur­ven­dis­kus­sion kor­rekt durch­füh­ren.)) gibt dem Le­bens­lauf Form und re­pro­du­ziert ihn gleich­zei­tig als Me­dium der Formbildung.

Der Le­bens­lauf ist aber kein ge­nui­nes Me­dium des Er­zie­hungs­sys­tems: „Er ist ein dem Er­zie­hungs­sys­tem vor­aus­ge­setz­tes ge­sell­schaft­li­ches Me­dium der Ver­mitt­lung von so­zia­len und psy­chi­schen Sys­te­men. Er ist nichts an­de­res als die in der Zeit pro­zes­sie­rende, im­mer neue For­men bil­dende Ver­mitt­lung; er kommt dem nahe, was in nicht tem­po­ra­li­sier­ter Ge­stalt — be­zo­gen auf das psy­chi­sche Sys­tem — als So­zia­li­sa­tion ge­fasst wird.“ ((KADE, Le­bens­lauf, S. 16.))


Die Gra­fik ba­siert auf ei­nem Foto von Jo­seph Hu­ges un­ter fol­gen­der cc-Lizenz. Vie­len Dank!