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Medium/Form


Medien und Formen werden immer gleichzeitig reproduziert. Das Schema Medium/Form externalisiert die hochkomplexen internen Zustände der konditionierten Konditionierungen. „Es ‚objektiviert’ gewissermaßen die intern erbrachten Leistungen, indem es sich vorstellt, unter gegebenen Möglichkeiten die eine oder die andere zu wählen.“ ((Vgl. LUHMANN, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt/Main 2002, S. 89.))

Luhmann zieht einen Vergleich mit dem Schachspiel: Angesichts einer spezifischen, selbsterzeugten Stellung betrachtet man das Spiel (als Möglichkeitsraum, der im Laufe des bisherigen Spiels eingeschränkt wurde) und entscheidet den nächsten Zug. Im Medium des Spiels wird die eine oder die andere Form realisiert. ((Vgl.  ebd.)) Das Medium muss aus aktuellen Gegebenheiten laufend neu konstruiert werden. Es ist auch augenscheinlich, dass Medium und Form keine Gegenbegriffe im strengen Sinne sind: Das Medium begrenzt vielmehr die Menge der möglichen Formen.

Wir können die Analyse nun schärfer fassen: Wie an anderer Stelle schon angedeutet worden ist, fehlt dem Erziehungssystem ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Die Folgen dieses Defizits treten nun klarer zu Tage: Wenn die bisherige Form der Lehre paradox konstituiert ist und immer wieder Doublebinds drohen, dann lässt sich dieses Dilemma nicht ohne Berücksichtigung eines (Kommunikations-) Mediums bearbeiten. Wenn von Misstrauen und Simulationsverdacht die Rede war, dann lassen sich diese Probleme als eine mangelnde Objektivierung der Lehr- und Lernprozesse beschreiben.

Der Blick muss sich nun also auf das fehlende symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium richten.

[Edit: Daher zunächst eine Begriffsklärung.]


Grafik  | flickr-User Csaba Bajkó | cc-Lizenz | Danke!

10 Kommentare

  1. Ich habe mal einen Vortrag von Peter Fuchs gehört, obwohl es um irgendwas anderes ging, sagte er in einem Halbsatz in etwa: Im Erziehungssystem geht es um Bestanden/Nicht-Bestanden.

    Es scheint sich, wie im Medizinsystem, um ein „umgekehrtes“ Medium zu handeln. Ärzte streben nach Gesundheit ihrer Patienten, können aber nur mit einer Diagnose auf Krankheit etwas anfangen. Lehrer streben nach bestandenen Prüfungen ihrer Schüler, können aber nur mit den Noch-nicht-bestanden-Schülern etwas anfangen.

    Ich hoffe ich habe dir jetzt nicht die Pointe geklaut. ;-)

  2. Nee, keine Sorge um die Pointe.

    Tatsächlich ist das mit dem Kommunikationsmedium für das Erziehungssystem so eine Sache für sich. Zunächst wurde das Kind als Medium begriffen mit dem Code besser/schlechter als Selektionsformel.

    Kade schlägt 1997 mit Blick auf Luhmanns neue (konstruktivistische) Lebenslauf-Semantik den Code vermittelbar/nicht vermittelbar vor, Luhmann findet den Vorschlag überzeugend, merkt aber an, dass damit die Referenz verändert wird: Vermittlung statt Selektion.

    Erziehung sei demnach nicht mehr pauschal als Selektionstechnik zu verstehen, sondern tautologisch mit der Absicht zu erziehen bestimmt. Zudem wird jetzt auch eingeräumt, dass die strikte Trennung von Code und Programm im Erziehungssystem nicht aufrecht zu erhalten sei… Technologiedefizit, paradoxale Grundstruktur, symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium – ich warte auch noch auf die Pointe!

    (Bin aber zuversichtlich)

  3. Also ich finde den Peter Fuchs Vorschlag von Bestanden/Nicht-Bestanden plausibel. Genau so, wie Diagnose/Nicht-Diagnose statt Krank/Gesund im Gesundheitssystem.

    Bestanden/Nicht-Bestanden erfüllt auch komplett die Funktion der Selektion, trennt sich von den Programmen und verweist auf das Medium.

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