Oszillationsbereiter Unterricht

Hal­ten wir uns noch ein­mal die Form von Un­ter­richt vor Au­gen: Zum Pro­zes­sie­ren der Pa­ra­do­xien gibt sich das Sys­tem os­zil­la­ti­ons­be­reit („re-entry“, ima­gi­nä­rer Raum) und ope­riert mit der Un­ter­schei­dung besser/schlechter. Wir hat­ten fest­ge­hal­ten, dass durch die­ses Set­ting Leh­rer und Schü­ler von Si­tua­tion zu Si­tua­tion neu ge­for­dert sind. Wir hiel­ten ebenso fest, dass die la­tente Ge­fahr von Dou­ble­bind–Si­tua­tio­nen mit­läuft: Der Schü­ler er­füllt den ge­hei­men Lehr­plan und kom­mu­ni­ziert, was er als Er­war­tung der Lehr­per­son an­ti­zi­piert. Beide wis­sen um die­ses Di­lemma, kön­nen es aber nicht the­ma­ti­sie­ren; „je­der frei­wil­lige Akt ge­rät un­ter Si­mu­la­ti­ons­ver­dacht“ ((AHRENS, Sönke: Die pa­ra­do­xale Grund­struk­tur des Sa­do­ma­so­chis­mus, in: Zeit­schrift für Se­xu­al­for­schung 19 (2006), S. 286.)):

1. Leh­rer und Schüler

(= zwei Per­so­nen in ei­ner en­gen Beziehung)

2. Un­ter­richt

(= wie­der­holte Erfahrung)

3. „Ver­letze nicht die Er­war­tung der Lehrperson!“

(= pri­mä­res ne­ga­ti­ves Ge­bot, Ver­let­zung wird mit Sank­tion ge­ahn­det; Be­fol­gung durch gute No­ten po­si­tiv verstärkt)

4. „Lass dir die Ge­wohn­heit Nr. 3 zu be­fol­gen, nicht anmerken!“

(= se­kun­dä­res, mit dem pri­mä­ren kon­f­li­gie­ren­des Gebot)

5. Schul– oder Anwesenheitspflicht

(= ter­tiä­res ne­ga­ti­ves Ge­bot, das die Flucht verbietet)

Um die Pa­ra­do­xie noch sicht­ba­rer zu ma­chen, for­mu­liere ich die ers­ten bei­den Ge­bote (et­was ver­kür­zend) um:

3.’ „Ahme mich nach!“

4.’ „Ahme mich nicht nach!“

Die Be­fol­gung der ers­ten An­wei­sung im­pli­ziert die Ver­let­zung der zwei­ten und vice versa; so wer­den Schü­ler so­zia­li­siert: Denn als struk­tur­de­ter­mi­nier­tes Sys­tem be­stimmt der Schü­ler die Be­deu­tung sei­ner Er­fah­run­gen selbst, Ler­nen ist ak­ti­ver Se­lek­ti­ons­pro­zess. Und das Ziel die­ses „ge­hei­men Lern­plans“ heißt: Si­mu­la­tion. Die Schü­ler kön­nen Meis­ter im Spiel mit der dop­pel­ten Kon­tin­genz wer­den und ler­nen die rich­ti­gen Ant­wor­ten mit den rich­ti­gen Ges­ten zu ser­vie­ren. Und dass man sich un­ter­wer­fen muss. „Die Form der Lehre ist stets der ei­gent­li­che Lehr­stoff“, schreibt Fritz Si­mon. ((SIMON, Fritz B.: Die Kunst nicht zu ler­nen, S. 153.))

Im übri­gen ist nicht nur der Schü­ler po­ten­ti­el­les Op­fer des Dou­ble­binds (wie man bis­lang glau­ben könnte): Auch der Leh­rer, der sich dem Ver­dacht der Si­mu­la­tion hin­gibt, ge­rät in sein Fänge; wie soll er nun noch be­wer­ten kön­nen?  Soll er etwa No­ten für die An­ti­zi­pa­tion sei­ner Mei­nun­gen ver­ge­ben? Ist das dann Er­zie­hung zur Frei­heit? Un­ter den ge­schil­der­ten Be­din­gun­gen zu un­ter­rich­ten und Un­ter­richt zu er­lei­den ist paradox.

Die takt­volle, pa­ra­doxe Kom­mu­ni­ka­tion über­deckt das Doublebind-Dilemma; und im Ge­gen­satz zu fa­mi­liä­ren Sys­te­men kön­nen die Schü­ler in letz­ter In­stanz die päd­ago­gi­schen Tricks und Ges­ten des Leh­rers igno­rie­ren, das Spiel mit­spie­len: Man kann sich be­mü­hen, sich seine Be­mü­hung nicht an­mer­ken zu las­sen und so gute No­ten kas­sie­ren. Das Sys­tem läuft auf zwei Schie­nen: ei­ner pa­ra­do­xie­ge­fähr­de­ten und ei­ner eher tech­ni­schen. ((LUHMANN, Ni­klas. Das Er­zie­hungs­sys­tem der Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 2002, S. 76.)) Nach­dem wir bis­lang der pa­ra­do­xie­ge­fähr­de­ten Seite viel Auf­merk­sam­keit wid­me­ten, wen­den wir uns nun der tech­ni­schen Seite zu.

[Dies ist übri­gens keine lo­gisch zwei­wer­tige „entweder-oder“-Unterscheidung, son­dern ein „sowohl-als-auch“…]


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