Permalink

3

Fröhliches oszillieren

In einem Gespräch mit einem sehr liebenswürdigen Kommilitonen erinnerte mich dieser an unsere Lektüre des Foucaultschen Pendels von Umberto Eco; dieser Roman bildete die Grundlage für mein erstes Referat an der Uni. In einer bemerkenswerten Szene begegnen sich zwei Hauptakteure des Buches, Casaubon und Belbo. ((Eco, Umberto: Das Foucaultsche Pendel, München u.a. 1989, S. 76ff.)) Letzterer arbeitet als Lektor für einen Mailänder Verlag, zu dessen Klientel „Weise und Irre“ gehören. Zur Identifikation der Irren konstruierte Belbo eine eigene Typologie, anhand derer vier Grundtypen unterschieden werden können: Die Idioten, die Dämlichen, die Dummen und die Irren. Jeder Mensch gehöre zu mindestens einer dieser Kategorien und „normal“ sei, bei wem sich das Mischungsverhältnis einigermaßen gleichmäßig auf die vier Komponenten verteile. Den Idioten erkenne man sofort, weshalb Belbo ihn für die weitere Erörterung außer Acht lässt.

Dämlich sein sei hingegen schon komplexer: Der Dämliche rede stets neben der Spur und verletze Konversationsregeln, er frage beispielsweise den frisch Geschiedenen nach dem Befinden seiner Frau. Er spreche von Katzen, wenn andere von Hunden sprechen.

Der Dumme dagegen vertue sich im Denken und im Benehmen. Belbo illustriert dies mit einem falschen Syllogismus:

„Alle Hunde sind Haustiere und alle Hunde bellen.“

„Alle Katzen sind Haustiere.“

„Ergo: Alle Katzen bellen.“

Der Dumme könne auch etwas Richtiges sagen, aber aus den falschen Gründen. Und vielleicht sei die Dummheit in einer anderen Logik Weisheit: „Die ganze Geschichte der Logik besteht in der Definition eines akzeptablen Begriffs der Dummheit.“ ((Ebenda, S. 81.))

Ein Gedanke, der sich ähnlich in Luhmanns „Soziale Systeme“ findet: „Unter Logik ließe sich, wenn man dieser Perspektive folgt, ein System von Regeln verstehen, das die Konstitution von Widersprüchen konditioniert.“ ((Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/Main 1984, S. 495.))

Erst nach der Konstruktion von Widersprüchen lässt sich ein widerspruchsfreies System errichten: Die Logik muss demnach zuvorderst Vorschriften zur Herstellung von Widersprüchen liefern, bevor sie mit ihrer Vermeidung beginnen kann. Aber liegt die mit Mitteln der Logik zu beschreibende Wirklichkeit überhaupt widerspruchsfrei vor? Und selbst wenn dies zugestanden werden sollte (unter Ausklammerung des Sozialen): Auch aus widerspruchsfreien Elementen produziert der Widerspruch sich selbst.

Die Einheit des Widerspruchs entsteht durch das selbstreferentielle Konzept, erst durch die „[…] Einheitszumutung tritt  ja Unterschiedliches, Gegensätzliches, Konkurrierendes zu einem Widerspruch zusammen, und erst der Widerspruch macht das, was in ihm zusammengezogen wird, zu etwas Widersprechendem.“ ((Ebenda.))

Die Konstitution der Differenz erfolgt paradox, wenn jede Einheit als Einheit von Selbst- und Fremdreferenz begriffen wird. In der Welt der Logik hört das Prozessieren auf, in der realen Welt nicht. Oder um es mit einer schönen Metapher von Bateson zu sagen: „Der Computer, der auf ein Paradoxon stößt (das sich einer falschen Programmierung verdankt), löst sich nicht ins Nichts auf. […] Der Computer stößt niemals wirklich auf eine logische Paradoxie, sondern nur auf die Simulation einer Paradoxie in Ketten von Ursache und Wirkung. Der Computer vergeht daher nicht. Er oszilliert nur.“ ((Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, Frankfurt/Main 1981, S. 364.))

In diesem Sinne: Fröhliches oszillieren!

Post scriptum: Der Irre ist nach Belbo übrigens ein Dummer, der sich nicht verstellen kann: „Der Irre kümmert sich nicht um Logik, er operiert mit Kurzschlüssen.“ ((Eco 1989, S. 81.))


3 Kommentare

  1. Pingback: Rückbezüglichkeit & Schleifen: Ein erstes Fazit | strange loops

  2. Pingback: Pädagogik als “strange loop” | strange loops

  3. Pingback: #Logik — „draw a distinction!“

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.