Pädagogik als „strange loop“

Be­trach­ten wir (ein vor­erst letz­tes Mal) die Pa­ra­do­xie des Epimenides:

„Diese Aus­sage ist falsch.“

Mit Heinz von Fo­ers­ter möchte ich den Satz als eine prin­zi­pi­ell un­ent­scheid­bare Frage cha­rak­te­ri­sie­ren. Das be­deu­tet, dass der Be­ob­ach­ter un­mög­lich ent­schei­den kann, ob die Aus­sage wahr oder falsch ist. Die Be­din­gun­gen der Aus­sage sind zu­gleich die Be­din­gun­gen ih­rer Ne­ga­tion, der Be­ob­ach­ter be­ginnt (wie be­reits hier be­schrie­ben) zwi­schen den bei­den Po­len zu os­zil­lie­ren und die Fort­set­zung der Be­ob­ach­tung wird un­mög­lich. ((Vgl. CORSI, Gian­carlo: Pa­ra­do­xie, in: BARALDI, Clau­dio, CORSI, Gian­carlo, ESPOSITO, Elena: GLU. Glos­sar zu Ni­klas Luh­manns Theo­rie so­zia­ler Sys­teme, Frankfurt/Main 1997, S. 132.))

Der Be­ob­ach­ter fragt die Dif­fe­renz der be­reits selbst­ge­nutz­ten Dif­fe­renz ab, be­zie­hungs­weise die Be­ob­ach­tung tas­tet eben je­nes bi­näre Schema ab, das sie selbst schon ver­wen­det: In die­sem Bei­spiel also den bi­nä­ren Code des Wis­sen­schafts­sys­tems, wahr/unwahr. Pa­ra­do­xien blo­ckie­ren so­mit Be­ob­ach­tun­gen, die Ope­ra­tion läuft fortan blind.

Die Os­zil­la­tion be­wirkt, dass sich die Pa­ra­do­xie nicht wie im Sys­tem der Lo­gik auf­löst, son­dern im­mer wie­der auf­tritt. Ba­te­sons Com­pu­ter löst sich nicht auf, Epi­men­ides stört nicht die For­schung, Er­zie­hung fin­det täg­lich statt. Das ver­meint­li­che De­fi­zit lässt sich nicht auf­lö­sen, so dass sich die Frage stellt, wie man da­mit ar­bei­tet. ((Vgl. LUHMANN, Ni­klas: Struk­tu­relle De­fi­zite. Be­mer­kun­gen zur sys­tem­theo­re­ti­schen Ana­lyse des Er­zie­hungs­we­sens, in: ders.: Schrif­ten zur Päd­ago­gik, Frankfurt/Main 2004, S. 92.)) Das Er­zie­hungs­sys­tem ist pa­ra­dox kon­sti­tu­iert, wenn Frei­heit zur Er­zie­hung zur Frei­heit vor­aus­ge­setzt wird: Es han­delt sich hier­bei um eine ide­al­ty­pi­sche „selt­same Schleife“.

Wenn psy­chi­sche Sys­teme als ge­schlos­sene au­to­po­ie­ti­sche Sys­teme be­schrie­ben wer­den, kann So­zia­li­sa­tion nur als Ei­gen­leis­tung des so­zia­li­sier­ten Sys­tems ver­stan­den wer­den. ((Vgl. ebenda, S. 95.)) Will der Leh­rer kon­se­quent die po­si­tive Seite der Dif­fe­renz von Freiheit/Zwang her­aus­ar­bei­ten, wie kann er auf Schulpflicht aufbauen?

Oder an­ders ge­fragt: „Wie bringt man Frei­heit dazu, sich selbst zu stei­gern?“ ((Ebenda, S. 96.))