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Pädagogische Paradoxien verflüssigen

Wie bislang festgestellt wurde, hindert die Paradoxie den Erzieher nicht an der Arbeit. Das Vorhandensein von Zwang (z.B. Schulpflicht) entbindet den Lehrer nicht von der pädagogischen Aufgabe, zur Freiheit zu erziehen: Also wo immer möglich der Freiheit den Vorzug vorm Zwang zu geben bzw. Zwang in den Dienst der Freiheit zu stellen. ((Vgl. AHRENS, Sönke: Die paradoxale Grundstruktur des Sadomasochismus, in: Zeitschrift für Sexualforschung 19 (2006), S. 285f.)) Die Frage, wie dies konkret auszusehen habe, stellt sich dem Lehrer in jeder spezifischen Situation wieder und individuell hinsichtlich des/der jeweiligen SchülerIn: Wie reagiere ich bei Störungen? Arbeitsverweigerung? Aggression?

Das Funktionssystem muss die Unterscheidung, mit der es operiert, in die Unterscheidung selbst einführen: Es kommt zum re-entry. So kann das Erziehungssystem die Differenz Freiheit/Zwang intern behandeln ohne dass die Paradoxie das System nachhaltig blockiert. Die Figur des re-entry ermöglicht dem Erziehungssystem, sich selbst zu informieren und daraufhin seine Strukturen zu überprüfen bzw. seine weiteren Operationen zu strukturieren. Die Paradoxie wird „verflüssigt“. ((Analog dazu kann die epistemologische Reflexion, die ebenso wie das übergeordnete System der Wissenschaft den Code wahr/nicht-wahr verwendet, als re-entry aufgefasst werden. Hier wird nach der Wahrheit der Operationen der Wissenschaft gefragt.)) Die Unterscheidung anhand desselben Codes taucht nun zweimal auf. „Der Begriff des re-entry ist zunächst nützlich, um die Frage der Paradoxie zu behandeln, weil er zeigt, wie ein System durch Rekurs auf die zeitliche Nachfolge seiner Operationen das Problem der Paradoxie neutralisieren kann.“ ((ESPOSITO, Elena: Re-entry, in: BARALDI, Claudio, CORSI, Giancarlo, ESPOSITO, Elena: GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt/Main 1997, S. 153.))

Mit der Neutralisierung der Paradoxie ist jedoch nur ein erster Schritt getan. Das Fortdauern und Mitlaufen der Paradoxie stellt Lehrer wie Schüler vor kommunikative Schwierigkeiten: Die Schüler geben „freiwillig“ genau jene Antworten, die sie als die gewünschten Antworten der Lehrperson antizipieren. So wird aus dem harmlosen Problem der doppelten Kontingenz ein bedrohlicher „Doublebind“: Jeder „freiwillige Akt gerät unter Simulationsverdacht.“ ((AHRENS 2006, S. 286.)) Der Lehrer beginnt seinen Schülern zu misstrauen und Schüler lernen im Laufe ihrer Schulzeit vor allen anderen Dingen die Inhalte des „geheimen Lehrplans“. Hier befinden wir uns jedoch am falschen Ende der Differenz von Freiheit und Zwang.

Grund genug, uns zukünftig des Taktes anzunehmen, mit dem Luhmann eine mögliche Lösung skizziert. ((Zunächst sollen hier aber noch andere Anschlüsse aufgenommen werden. Das Aufnehmen des taktvollen Fadens wird dann an diese Stelle zurück verlinkt.))

[edit: Anschluss zu Doublebinds, paradoxer Kommunikation und Unterricht]


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