Double bind. Oder: Paradoxe Kommunikation, No. 2.

Nach­dem der Be­griff des Dou­ble­binds kurz vor­ge­stellt wor­den ist, soll seine Pro­ble­ma­tik nun noch et­was nä­her be­leuch­tet wer­den. Die For­scher­gruppe um Gre­gory Ba­te­son un­ter­suchte Phä­no­mene schi­zo­phre­ner Kom­mu­ni­ka­tion und ver­öf­fent­lichte ihr Kon­zept im Jahr 1956 mit dem Auf­satz „Toward a Theory of Schi­zo­phre­nia“ ((dt.: Vor­stu­dien zu ei­ner Theo­rie der Schi­zo­phre­nie, in: BATESON, Gre­gory: Öko­lo­gie des Geis­tes. An­thro­po­lo­gi­sche, psy­cho­lo­gi­sche, bio­lo­gi­sche und epis­te­mo­lo­gi­sche Per­spek­ti­ven, Frankfurt/Main 1981, S. 270 — 301)).

Kon­stru­ie­ren wir wir mit Ba­te­sons „not­wen­di­gen In­ge­di­en­zien“ ((Ebd., S. 276 ff)) eine Doublebind-Situation:

  1. Zwei oder mehr Per­so­nen in ei­ner en­gen Be­zie­hung. Wir wäh­len (aus na­he­lie­gen­den Grün­den) ei­nen Schü­ler und eine Lehrerin.
  2. Wie­der­holte Er­fah­rung. Die er­fah­re­nen Struk­tu­ren keh­ren wie­der, die Er­fah­rung der Un­ter­richts­si­tua­tion wird so zur ha­b­itu­el­len Erwartung.
  3. Ein pri­mä­res ne­ga­ti­ves Ge­bot. „Lest bis mor­gen bitte fol­gen­den Text…“ als Kurz­form von „Mach deine Haus­auf­ga­ben (oder ich werde dich mit schlech­ten No­ten be­stra­fen)!“ ((Diese For­mu­lie­rung darf nicht in ei­nem ethi­schen Sinne miss­ver­stan­den wer­den. Die Leh­re­rin kann gar nicht an­ders: „Wer die Auf­gabe ei­nes Er­zie­hers über­nimmt und dann Be­ur­tei­lun­gen ver­wei­gert, kom­mu­ni­ziert, wie man sagt, ei­nen per­for­ma­ti­ven Selbst­wi­der­spruch. Er macht sich selbst un­glaub­wür­dig“, so LUHMANN, Ni­klas: Takt und Zen­sur im Er­zie­hungs­sys­tem, in: ders.: Schrif­ten zur Päd­ago­gik, Frankfurt/Main 2004, S. 253.))
  4. Ein se­kun­dä­res Ge­bot, das mit dem pri­mä­ren kon­f­li­giert. „Lerne frei­wil­lig!“ läuft als Im­pe­ra­tiv so­gar dau­ernd mit…
  5. Ein ter­tiä­res ne­ga­ti­ves Ge­bot, das die Flucht ver­bie­tet. Hier­für trägt die Schul­pflicht Sorge. Der Schü­ler muss sich der pa­ra­do­xen Si­tua­tion aussetzen.

Watz­la­wick ((Vgl. WATZLAWICK, Paul. BEAVIN, Ja­net, JACKSON, Don: Mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­tion. For­men, Stö­run­gen, Pa­ra­do­xien, Bern, Stutt­gart, To­ronto (7.Aufl.) 1985, S. 201ff.)) schil­dert drei mög­li­che Kon­se­quen­zen des Doublebinds:

  • die (ver­geb­li­che) Su­che nach ei­nem tie­fe­ren Sinn oder nach nicht wahr­ge­nom­me­nen An­halts­punk­ten zur Er­klä­rung der ab­sur­den Situation
  • ober­fläch­li­ches Mit­spie­len der Si­tua­tion, buch­sta­ben­ge­treues Be­fol­gen der An­ord­nun­gen ohne jeg­li­ches ei­ge­nes Den­ken („die kon­fuse Lo­gik […] des Mi­li­tär­le­bens“, S. 202)
  • Rück­zug aus mensch­li­chen Be­zie­hun­gen, Blo­ckie­rung der Kom­mu­ni­ka­tion oder an­dau­ernde Über­tö­nung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bote der Um­welt (Hyperaktivität)

Da un­sere Um­welt nicht lo­gisch sau­ber funk­tio­niert, ist pa­ra­doxe Kom­mu­ni­ka­tion vor­über­ge­hend nicht ge­fähr­lich und so­gar all­täg­lich [viele Witze wür­den nicht ohne die Kon­text­ver­mi­schun­gen pa­ra­do­xer Kom­mu­ni­ka­tion funk­tio­nie­ren, wie Fritz B. Si­mon tref­fend be­merkt ((SIMON, Fritz B.: Meine Psy­chose, mein Fahr­rad und ich. Zur Selbst­or­ga­ni­sa­tion der Ver­rückt­heit, Hei­del­berg (2.Aufl.) 1991, S. 144.))]. Was aber, wenn die Doublebind-Situation chro­nisch wird? Wenn sie die Er­war­tun­gen zur Na­tur mensch­li­cher Be­zie­hun­gen struk­tu­riert? Dann hat die Pa­ra­do­xie die Schule ein­ge­holt, die Kom­mu­ni­ka­tion kann die Grund­pa­ra­do­xie des Er­zie­hungs­sys­tems nicht mehr ca­mou­flie­ren. ((Vgl. ebd., S. 248f.)) Den­noch ar­ran­gie­ren sich Schü­ler wie Leh­rer mit der Un­wahr­schein­lich­keit und dem Wi­der­spruch des Un­ter­richts, tag­täg­lich fin­det er statt. Und seine Teil­neh­mer wer­den nicht im­mer ver­rückt… Was ge­schieht also?

Luh­mann grenzt den schu­li­schen Un­ter­richt klar vom fa­mi­liä­ren Set­ting der Bateson’schen Be­ob­ach­tun­gen ab und emp­fiehlt so­gar ex­pli­zit Takt, also pa­ra­doxe Kom­mu­ni­ka­tion. Die von Watz­la­wick ge­schil­der­ten mög­li­chen Kon­se­quen­zen be­greift Luh­mann als War­nun­gen an das Sys­tem Er­zie­hung ((Vgl. LUHMANN, Ni­klas: Takt und Zen­sur im Er­zie­hungs­sys­tem, in: ders.: Schrif­ten zur Päd­ago­gik, Frankfurt/Main 2004, S. 249.)) — aber die Show muss wei­ter­ge­hen. Wir wer­den an ge­eig­ne­ter Stelle dar­auf zu­rück kommen.

Wei­ter­hin muss (wenn man Spencer-Brown folgt) der dritte lo­gi­sche Wert, der ima­gi­näre, be­rück­sich­tigt wer­den. Spencer-Brown schlägt als ei­nen mög­li­chen Raum des Ima­gi­nä­ren die Zeit vor. Der Takt der Zeit, jen­seits von zwei­stel­li­gen entweder-oder, ver­flüs­sigt die Pa­ra­do­xie: Das Sys­tem­ge­dächt­nis kann, nach Heinz von Fo­ers­ter ((FOERSTER, Heinz von: Wis­sen und Ge­wis­sen, Frank­furt 1993, S. 299ff.)), lau­fend un­ter va­ria­blen Be­din­gun­gen die Ho­ri­zonte von Ver­gan­gen­heit (do­ku­men­tiert durch Zen­su­ren) und Zu­kunft (das er­geb­nis­of­fene Os­zil­lie­ren) re­or­ga­ni­sie­ren.

In die­ser „selbst­er­zeug­ten Un­ge­wiss­heit“ ((LUHMANN 2004, S. 258)) sind Leh­rer und Schü­ler von Si­tua­tion zu Si­tua­tion neu ge­for­dert. Von vor­aus­ge­gan­ge­nen Zen­su­ren kann nicht auf künf­tige ge­schlos­sen wer­den: „Das Sys­tem ist os­zil­la­ti­ons­be­reit und be­kennt sich dazu.“ ((Ebd.)) Hier an­ge­langt kön­nen wir verschnaufen.

Po­ten­ti­elle An­schlüsse an die­ser Stelle:

  • Le­bens­lauf. Be­ob­ach­tung 2. Ord­nung. Takt. Te­leo­no­mie. Burnout-Syndrom. Tri­viale Ma­schine. Nicht­tri­viale Ma­schine. Wahn­sinn. Pro­fes­sio­na­li­sie­rung. Sprach­spiel. Post­he­roi­sche Er­zie­hung. ePort­fo­lios. Ab­sur­di­tät. Un­ter­richt. Ge­fan­ge­nen­di­lemma. Metaspra­che. Nicht­ler­nen. Hirn­for­schung. Sokrates…