Rückbezüglichkeit & Schleifen: Ein erstes Fazit

Mit die­sem Bei­trag soll der Pro­blem­aufriss zu­nächst be­en­det wer­den. Dazu also ebenso kur­zes wie vor­sich­ti­ges Fa­zit der bis­lang lau­fen­den Be­ob­ach­tun­gen, be­vor in den Fol­ge­ar­ti­keln dann ein ers­ter ab­tas­ten­der Brü­cken­schlag zu Er­zie­hung und Päd­ago­gik ge­wagt wer­den soll.

Durch Ope­ra­tion dif­fe­ren­ziert sich eine Ein­heit. Sie ist ge­schlos­sen kann fortan un­ter­schie­den wer­den. Ein po­pu­lä­res Bei­spiel für diese Au­to­no­mie ist die Zelle: Sie dif­fe­ren­ziert sich durch die De­fi­ni­tion ei­ner Grenze, die sie von ih­rer Um­welt trennt. Gleich­zei­tig muss zur Grenz­fest­le­gung (= Auf­bau ei­ner Mem­bran) eine mo­le­ku­lare Pro­duk­tion statt­fin­den, die ih­rer­seits durch die Grenze erst mög­lich wird. Pro­duk­tion und Dif­fe­ren­zie­rung be­din­gen sich ge­gen­sei­tig. Die­ser au­to­po­ie­ti­sche Klas­si­ker kann Fran­cesco Va­rela fol­gend gra­fisch mo­del­liert wer­den ((Bei al­len Gra­fi­ken han­delt es sich um ei­gene Re­pro­duk­tio­nen. Sie ba­sie­ren auf den Il­lus­tra­tio­nen zum Auf­satz von VARELA, Fran­cesco: Der krea­tive Zir­kel . Skiz­zen zur Na­tur­ge­schichte der Rück­be­züg­lich­keit, in: WATZLAWICK, Paul (Hg.): Die er­fun­dene Wirk­lich­keit. Wie wis­sen wir, was wir zu wis­sen glau­ben? Bei­träge zum Kon­struk­ti­vis­mus, Mün­chen (3. Aufl.) 1985, S. 294 — 309.)):

Ana­log zum mo­le­ku­la­ren Pro­duk­ti­ons­vor­gang lässt sich so auch die Selbst­re­fe­renz in der Pa­ra­do­xie des Epi­men­ides be­schrei­ben. Hier­bei soll zu­nächst noch ein­mal auf das Gödel’sche Theo­rem zu­rück­ge­grif­fen wer­den. Aus­gangs­punkt bil­dete hier­für die Frage, ob sich die for­male Spra­che der Ma­the­ma­tik selbst­be­schrei­ben kann, das heißt: Ob for­male Spra­chen mit ei­ge­nen Mit­teln Ge­gen­stand der Ana­lyse wer­den kön­nen. Hierzu kon­stru­ierte Gö­del eine selt­same Schleife; sie tritt auf, wenn in der Spra­che der nu­me­ri­schen Zah­len Aus­sa­gen über Zah­len ge­trof­fen wer­den. Gö­del co­dierte sprach­li­che Aus­sa­gen um zah­len­theo­re­ti­sche Aus­sa­gen über Zah­len tref­fen zu kön­nen, ge­wis­ser­ma­ßen eine ma­the­ma­ti­sche Co­die­rung der Epimenides-Paradoxie. Durch sein Sys­tem der Gö­del­zah­len ist je­dem arith­me­ti­schen Zei­chen ge­nau eine Gö­del­zahl zu­zu­ord­nen. ((Auf die ma­the­ma­ti­schen De­tails soll in ei­nem zu­künf­ti­gen Ar­ti­kel ein­ge­gan­gen wer­den. An die­ser Stelle sei da­her auf NAGEL, Er­nest, NEWMAN, Ja­mes R.: Der Gö­del­sche Be­weis, Mün­chen (6. Aufl.) 2001 so­wie auf ei­nen Schul­auf­satz (!) von Mar­tin Matthes ver­wie­sen. Hier wird die Über­set­zung der Lügner-Paradoxie ih­rer arith­me­ti­schen Über­set­zung ta­bel­la­risch ge­gen­über­ge­stellt.)) Gö­dels Schleife lässt sich ana­log zu Va­re­las Schema gra­fisch darstellen:

An­hand der Epimenides-Paradoxie kann nun noch il­lus­triert wer­den, was Gre­gory Ba­te­son und Ni­klas Luh­mann mei­nen, wenn sie vom Os­zil­lie­ren spre­chen (vgl. das Bateson-Zitat in die­sem Beitrag):

Va­rela schließt sei­nen Ar­ti­kel nach ei­ner Er­ör­te­rung der mensch­li­chen Ko­gni­tion mit der Fest­stel­lung, dass die Selbst­re­fe­renz uns lehre, dass Ethik die Grund­lage der Er­kennt­nis und zu­gleich ihr End­punkt sei: „An die­ser Stelle sind Ta­ten ein­deu­ti­ger als Worte.“ ((VARELA 1985, S. 309.)) Ein gu­ter Aus­gangs­punkt für wei­tere Fra­ge­stel­lun­gen, die aus­ge­hend vom bis­lang Er­ör­ter­ten eine erste An­nä­he­rung an die (päd­ago­gi­sche) Pra­xis leis­ten sollen.



Kommentare

  1. […] strange loops Post­he­roi­sche Be­ob­ach­tun­gen 2. Ord­nung « Rück­be­züg­lich­keit & Schlei­fen: Ein ers­tes Fazit […]

  2. […] die Ho­ri­zonte von Ver­gan­gen­heit (do­ku­men­tiert durch Zen­su­ren) und Zu­kunft (das er­geb­nis­of­fene Oszillieren) […]

  3. […] Auf der Ebende des In­halts fas­sen wir zu­sam­men: Pa­ra­doxe Kom­mu­ni­ka­tion bie­tet als re-entry die Mög­lich­keit, die Au­to­po­ie­sis des Er­zie­hungs­sys­tems auf­recht zu er­hal­ten. The show can and must go on. Päd­ago­gen und Leh­rer soll­ten je­doch um die grund­sätz­li­che pa­ra­doxe Kon­sti­tu­tion des Ge­sche­hens wis­sen und ihre mög­li­chen Fol­gen ein­kal­ku­lie­ren. Bi­näre Co­die­rung zeigt zwar keine Lö­sung, aber ei­nen Aus­weg an, das Pro­blem wird so we­nigs­tens ent­schärft. Dies ge­schieht, ganz im Sinne Luh­manns und Spencer-Browns, durch Tem­po­ra­li­sie­rung. Mit Heinz von Fo­ers­ter hiel­ten wir fest, dass sich das Sy­tem­ge­dächt­nis lau­fend un­ter va­ria­blen Be­din­gun­gen die Ho­ri­zonte von Ver­gan­gen­heit (do­ku­men­tiert durch Zen­su­ren) und Zu­kunft (das er­geb­nis­of­fene Os­zil­lie­ren) re­or­ga­ni­sie­ren kann. Das Sys­tem ist be­reit, sich über­ra­schen zu lassen.(1) Diese selbst­er­zeugte Un­ge­wiss­heit for­dert das Sys­tem von Si­tua­tion zu Si­tua­tion neu sich selbst zu re­pro­du­zie­ren. Wir spre­chen von Autopoiesis. […]

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>