Strange loops bei Griechen und Gödel.

Be­vor ich in ei­nem Bei­trag ex­pli­zit die Pa­ra­do­xien des Er­zie­hungs­sys­tems zur Spra­che brin­gen kann, muss et­was Grund­la­gen­ar­beit ge­leis­tet werden. Strukturelle De­fi­zite wer­den für ge­wöhn­lich als pa­ra­doxe Sys­teme be­schrie­ben. Wer­fen wir ei­nen Blick auf die Ur-Paradoxie des Epi­men­ides, je­nen Kre­ter, der der Le­gende nach den Satz

„Alle Kre­ter sind Lügner“

aus­sprach. Die kür­zere Fas­sung lau­tet analog

„Diese Aus­sage ist falsch.“

Of­fen­sicht­lich schei­tern diese Sätze aber an ei­ner zwei­stel­li­gen Lo­gik, die nur die Prä­di­kate „wahr“ oder „falsch“ er­laubt. Ist die Aus­sage wirk­lich falsch, ist die ‚Aus­sage‘ des Sat­zes wahr. Vice versa gilt für eine wahre Aus­sage, dass die ‚Aus­sage‘ falsch ist. Auf eine nä­here Er­läu­te­rung die­ser Pa­ra­do­xie soll hier ver­zich­tet wer­den, der Punkt scheint mir of­fen­sicht­lich (und im übri­gen auch po­pu­lär) ge­nug zu sein.

Kern der Pa­ra­do­xie ist ihre Selbst­be­züg­lich­keit, ihre Selbst­re­fe­renz, diese selt­same Schleife, ihre Selbst­her­vor­brin­gung, die Au­to­po­ie­sis. An die­ser Art von loops schei­tert eine Lo­gik, die nur zwei Wahr­heits­werte ak­zep­tiert (also bi­när ist) und Drit­tes aus­schließt (das Prin­zip wird in der Lo­gik da­her auch ‚ter­tium non da­tur‘ ge­nannt). Der Ma­the­ma­ti­ker Kurt GÖDEL be­weist in sei­nem Es­say „Über for­mal un­ent­scheid­bare Sätze der Prin­ci­pia Ma­the­ma­tica und ver­wand­ter Sys­teme I“ aus dem Jahre 1931 den Satz, wo­nach alle wi­der­spruchs­freien axio­ma­ti­schen For­mu­lie­run­gen der Zah­len­theo­rie un­ent­scheid­bare Aus­sa­gen ent­hal­ten. Kein ma­the­ma­ti­sches Sys­tem, wie kom­pli­ziert auch im­mer, könne es mit der Kom­ple­xi­tät der gan­zen Zah­len auf­neh­men, so GÖDEL. Es gibt also et­was jen­seits von blo­ßer Wahr– und Falschheit.

Ähn­li­ches kann mit Blick auf die Lo­gik, die­ser Kon­struk­tion zum De­sign von Wi­der­sprü­chen, ge­sagt wer­den: Kein lo­gi­sches Sys­tem, wie kom­pli­ziert auch im­mer, kann es mit der Kom­ple­xi­tät der Um­welt auf­neh­men. Wieso nicht, wird noch dar­zu­le­gen sein.

(Gra­fik: Ei­gene Be­ar­bei­tung auf Ba­sis des Mö­bius strips der Wikipedia.)


Kommentare

  1. […] je mehr das Pro­blem ge­löst ist, desto mehr wird es zum Pro­blem“ (LUHMANN 1994, S. 152).

    Aus „Die Wirt­schaft der Gesellschaft“ ;)

    Es gibt kaum gute Sei­ten im In­ter­net zur Sys­tem­theo­rie. Hier kann man ge­trost schmökern.

    A.

  2. autopoiet sagt:

    Da­bei ist ge­rade das In­ter­net mit sei­ner Hyperlink-Struktur bes­tens dazu ge­eig­net, kom­ple­xi­täts­re­du­zie­rend und mo­dell­haft sys­tem­theo­re­ti­sches Ge­dan­ken­gut ab­zu­bil­den… Woran es die­ser Seite hier zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen bis­lang fehlt, aber sie steckt ja noch in ih­ren Kin­der­schu­hen; ein re­kur­si­ver Auf­bau ist auf je­den Fall fest geplant.

    Liebe Grüße, auch A.

  3. empeiria sagt:

    Im­mer die­ser Un­ter­schei­dungs­zwang, der in uns an­ge­legt ist und uns auf­for­dert ei­nen Un­ter­schied zu ma­chen, auch wenn die­ser kei­ner ist.
    Juli Zeh fin­det da­für in Spiel­trieb auch gute Worte: „Diese ganze, auf­ge­blähte Täu­schung, die­ser maß­lose Wahr­neh­mugs­spiel­platz ist in ei­nem ein­zi­gen Punkt ent­hal­ten. Wir selbst ent­schach­teln ihn wie die Ku­lis­sen ei­nes Kin­der­buchs, und der Mo­tor die­ser gi­gan­ti­schen Schöp­fung ist Un­ter­schei­dungs­zwang, der uns zu al­lem das Ge­gen­teil su­chen lässt.„
    GEIL, oder?

  4. Sebastian sagt:

    Das Pro­blem ist ja: Ohne Un­ter­schei­dung keine Be­ob­ach­tung! Das geht ja wirk­lich ziem­lich lange zu­rück, Heinz von Fo­ers­ter hat ein­mal diese Dao-Weisheit von Lao-Zi (ca. 500 v. Chr.) auf­ge­grif­fen, die auch Spen­cer Brown sei­nen „Laws of Form“ vor­an­stellt: „Der An­fang von Him­mel und Erde ist na­men­los.“ Ohne Na­men, ohne Be­zeich­nung und ohne Un­ter­schei­dung, ohne Ord­nung. In der grie­chi­schen My­tho­lo­gie spricht man von χάος — Chaos. Spen­cer Brown und Luh­mann spre­chen vom „un­mar­ked space“. Un­ter­schei­dung ist Sor­tier– und Konstruktionsleistung.

    Ob mit Schöp­fer, De­mi­ur­gen, un­be­weg­tem Be­we­ger oder dem ers­ten Un­ter­schei­der: Um von κόσμος spre­chen zu kön­nen, brau­chen wir die erste Un­ter­schei­dung und eine Be­zeich­nung. Ziem­lich über­re­li­giös übri­gens: Am An­fang war das Wort…

    „Im selbst­kon­sti­tu­ier­ten Me­dium Sinn ist es un­er­läß­lich, Ope­ra­tio­nen an Un­ter­schei­dun­gen zu ori­en­tie­ren.“ Luh­mann (GdG, S. 48)

  5. empeiria sagt:

    .. so wie Hum­boldt meinte „Der Mensch ist nur Mensch durch Spra­che“. Da­durch dass wir be­zeich­nen und un­ter­schei­den, schaf­fen wir die Welt. Die Frage nach wahr und falsch bleibt den­noch un­be­ant­wort­bar. Denn ob un­sere Kon­struk­tion auch eine wahre Ent­spre­chung hat kann von un­se­rem Be­ob­ach­ter­stand­punkt aus nicht mehr ob­jek­tiv be­ur­teilt wer­den.
    Da durch die ge­trof­fene Un­ter­schei­dung der „un­mar­ked space“ ver­las­sen wird, ma­chen wir uns selbst zum Men­schen, der nicht an­ders kann als stän­dig zu un­ter­schei­den, zu ord­nen, zu sor­tie­ren und so­mit dann in stän­di­ger Selbst­be­züg­lich­keit Pa­ra­do­xien zu schaffen.

    Dass am An­fang das Wort war ist übri­gens nicht über­re­li­giös son­dern er­hält im Jo­han­nes­evan­ge­lium seine Ent­spre­chung in Je­sus Chris­tus. Ist also die Frage, ob von dem ers­ten Un­ter­schei­der an­ders als von dem christ­li­chen Gott ge­spro­chen wer­den kann.… da über­leg‘ ich noch dran rum.

    Gut zu wis­sen und ent­las­tend, dass bei sol­chen Über­le­gun­gen selbst Witt­gen­stein hin und wie­der keine Worte ge­fun­den hat: „Es gibt al­ler­dings Un­aus­sprech­li­ches. Dies zeigt sich, es ist das Mys­ti­sche.“ (Trac­ta­tus 6.522)

  1. […] Aus­sa­gen über Zah­len tref­fen zu kön­nen, ge­wis­ser­ma­ßen eine ma­the­ma­ti­sche Co­die­rung der Epimenides-Paradoxie. Durch sein Sys­tem der Gö­del­zah­len ist je­dem arith­me­ti­schen Zei­chen ge­nau eine Gödelzahl […]

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