Zwischenspiel: Triviale Maschinen


Ei­gent­lich wollte ich heute über die Ver­än­de­rung der Form schrei­ben, denn dar­auf schei­nen mir die Er­ör­te­run­gen hin­aus­zu­lau­fen. Den­noch muss ich an die­ser Stelle ei­nen kur­zen Ein­schub ma­chen, ei­nen Ge­dan­ken näm­lich, der mir eben beim Le­sen des letz­ten Bei­trags in den Sinn kam.

Die Lehr­per­son gibt Stan­dards vor, wenn „Stoff“ ver­mit­telt wer­den soll. Im (zu­nächst) ein­fachs­ten Falle han­delt es sich um Vo­ka­beln, im Phi­lo­so­phie­un­ter­richt wird eine Stan­dar­di­sie­rung dann aber schon kom­pli­zier­ter („Was ist wahr?“, „Was ist das gute Le­ben?“, „Was ist Phi­lo­so­phie?“). Für ge­wöhn­lich setzt der Leh­rer eine In­ter­pre­ta­tion als rich­tig vor­aus: Seine ei­gene  (vgl. 3.’ „Ahme mich nach!“). Selbst Re­la­ti­vis­ten sind da­vor nicht ge­feit, im Ge­gen­teil. Die wie auch im­mer ge­ar­tete Hal­tung des Leh­rers wird un­ter nor­ma­len Um­stän­den nicht Ge­gen­stand der Kom­mu­ni­ka­tion. Er er­war­tet aber „[…] (und die Schü­ler er­war­ten, dass er er­war­tet), dass diese Ein­stel­lung über­nom­men wird.“ ((LUHMANN, Ni­klas. Das Er­zie­hungs­sys­tem der Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 2002, S. 107.)) Und sei es auch nur eine grund­sätz­lich po­si­tive Hal­tung zum Wis­sen, Wert­schät­zung des Wis­sens. ((Vgl. ebd.))
In die­sem Sinne kann dem Schü­ler rich­ti­ges oder fal­sches Ver­hal­ten at­tes­tiert wer­den. Und die­ses Ver­hal­ten bleibt rich­tig oder falsch: 2 x 2 = 4. Heute und mor­gen. Und über­mor­gen. Der Leh­rer stellt Fra­gen, de­ren Ant­wor­ten ihm be­kannt sind. ((Luh­mann merkt zu Recht an, dass so ein Ver­hal­ten im All­tag un­üb­lich, so­gar eher pein­lich sei. Vgl. ebd., S. 78.)) Heinz von Fo­ers­ter, der zwi­schen tri­via­len und nicht-trivialen Ma­schi­nen un­ter­schei­det, spricht folg­lich von ei­ner Trivialisierung:

F: „Wann wurde Na­po­leon ge­bo­ren?“
A: „1769.“
Rich­tig! (weil er­war­tet)
Schü­ler => Schü­ler
Aber:
F: „Wann wurde Na­po­leon ge­bo­ren?“
A: „Sie­ben Jahre vor der ame­ri­ka­ni­schen Un­ab­hän­gik­eits­er­klä­rung.“
Falsch! (weil un­er­war­tet)
Schü­ler => Nicht-Schüler ((FOERSTER, Heinz von: Wis­sen und Ge­wis­sen. Ver­such ei­ner Brü­cke, Frank­furt 1993, S. 208.))

Tri­vi­al­ma­schi­nen sind zu­ver­läs­sige Ma­schi­nen“, schreibt Luh­mann. ((LUHMANN, Ni­klas. Das Er­zie­hungs­sys­tem der Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 2002, S. 77.)) Schwie­ri­ger wird die An­ge­le­gen­heit, wenn der Leh­rer auf die Idee kom­men sollte, Schü­ler als nicht-triviale Ma­schi­nen zu be­grei­fen und (Selbst-)Reflexion Thema des Un­ter­richts wird. Oder um­fas­sen­dere Kom­pe­ten­zen an die Stelle ka­no­ni­scher In­halte tre­ten. Dann kann und sollte der Schü­ler näm­lich nicht be­re­chen­bare, zu­ver­läs­sige Ant­wor­ten geben…

[Edit: Nun kön­nen wir über For­men re­den: Hier und hier.]


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