Bielefeld und andere Religionen.

Eine kurze No­tiz zu ei­ner be­son­de­ren Seminarsitzung.

Im lau­fen­den Win­ter­se­mes­ter 2009/2010 be­gleite ich als Tu­tor das Haupt­se­mi­nar „Was kann ich wis­sen? Me­diale Be­din­gun­gen und Gren­zen des Wis­sens“ von Chris­tina Schwalbe. Aus­ge­hend von der ers­ten der vier kan­ti­schen Fra­gen wer­den Be­din­gun­gen der Mög­lich­keit von Wis­sen und Bil­dung un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung ak­tu­el­ler Me­dien er­ör­tert. Als theo­re­ti­sche Grund­lage dient da­bei der Ent­wurf ei­ner struk­tu­ra­len Me­di­en­bil­dung nach Win­fried Ma­rotzki undBen­ja­min Jö­ris­sen. Die Her­aus­for­de­run­gen und Chan­cen re­zen­ter Ent­wick­lun­gen wer­den von den Se­min­ar­teil­neh­me­rIn­nen in ei­nem im neuen Jahr an­schlie­ßen­den Pra­xis­teil durch ei­gene „Feld“forschungen analysiert.

Vor zwei Ta­gen war Ben­ja­min Jö­ris­sen via Skype freund­li­cher­weise für eine kom­plette Se­mi­nar­sit­zung un­ser Gast, so dass Ver­ständ­nis– und ver­tie­fende Fra­gen di­rekt an ei­nen der bei­den Buch­au­to­ren adres­siert wer­den konn­ten. Es gab eine Reihe span­nen­der Fra­gen und er­hel­len­der Ant­wor­ten, die an die­ser Stelle nicht wei­ter Thema sein müs­sen. Er­wäh­nens­wert halte ich vor al­lem zwei Punkte:

Für alle Be­tei­lig­ten scheint diese un­ge­wöhn­li­che Form ei­nen Ge­winn dar­ge­stellt zu ha­ben. Nach Aus­sa­gen der Teil­neh­me­rIn­nen des Se­mi­nars konn­ten theo­re­ti­sche As­pekte er­hellt wer­den und hilf­rei­che Tipps für den be­vor­ste­hen­den Pra­xis­teil ein­ge­holt wer­den (auch die Er­kennt­nis, dass „Struk­tur“ und „Sym­pa­thie“ kei­nen lo­gi­schen Wi­der­spruch dar­stel­len, kann als Er­kennt­nis­zu­wachs ver­bucht wer­den). Ben­ja­min Jö­ris­sen hatte die Ge­le­gen­heit, mit Le­sern sei­ner Ein­füh­rung in ei­nen di­rek­ten (Erfahrungs-) Aus­tausch zu tre­ten — und Chris­tina und ich sind sehr glück­lich über eine Rah­mung, die eine re­süm­mie­rende Dis­kus­sion des bis­her Be­han­del­ten auf be­son­dere Weise er­mög­lichte: Durch die (vir­tu­elle) An­we­sen­heit ei­nes der bei­den Au­to­ren ent­stand ein un­ge­wöhn­lich “au­then­ti­scher” Dis­kus­si­ons­kon­text, der in die­ser Form in uni­ver­si­tä­ren Se­mi­na­ren si­cher häu­fi­ger zu wün­schen wäre (da­für nehme ich dann auch je­der­zeit gerne Witze über Bie­le­feld in Kauf…).

Der zweite be­mer­kens­werte Punkt be­rührt di­rekt die Frage nach dem häu­fig disk­tu­tier­ten Nut­zen der so­ge­nann­ten „Neuen Me­dien“: Wie selbst­ver­ständ­lich und ohne vor­he­rige Pla­nung ent­stand spon­tan die Idee, die Dis­kus­sion kol­la­bo­ra­tiv mit Hilfe von Google Wave zu do­ku­men­tie­ren (dass Ben­ja­min Jö­ris­sen mitt­ler­weile ei­gene Kom­men­tare in der Wave er­gänzt hat, un­ter­streicht die­sen Punkt so­gar). Flugs wurde über Twit­ter von der Sit­zung be­rich­tet und auf erste Be­richte in den stu­den­ti­schen Blogs warte ich ge­spannt. Er­wäh­nens­wert er­scheint mir da­bei ins­be­son­dere die Tat­sa­che, dass die Ver­wen­dung der Me­dien nicht Ge­gen­stand der Kom­mu­ni­ka­tion war — son­dern ge­wis­ser­ma­ßen emer­gierte. Eine be­son­dere Lehre mag also sein: Über Tools sollte we­ni­ger ge­spro­chen wer­den — man kann sie ein­fach nutzen.

(Gra­fik: Wi­ki­pe­dia)


Kommentare

  1. Stefan sagt:

    Das Fa­zit find ich gut. Bspw. Google Wave und Twit­ter kann man ru­hig 5 Jahre nut­zen, be­vor man erst­mals dar­über re­flek­tiert. Die­sen be­wuß­ten Anti-Aktionismus be­rüße ich sehr.

  2. Sebastian sagt:

    @Stefan:

    Ja, mit Pro­gno­sen ist das ja eh so ‚ne Sa­che. Ich habe in letz­ter Zeit aber lei­der häu­fig be­ob­ach­tet, dass in ge­stei­ger­ter Eu­pho­rie das „next big thing“ de­kla­riert wird (ein Vor­gang, der ei­gent­lich eher Wer­bung als Wis­sen­schaft zu­ge­rech­net wer­den kann) — und das zu al­lem Über­fluss auch noch auf Kos­ten span­nen­der an­de­rer Fra­gen (da­von hat auch die Er­zie­hungs­wis­sen­schaft ei­nige zu bie­ten). In die­sem Sinne: Danke für dei­nen Zuspruch!

  3. Roitsch sagt:

    Moin Seb,

    also ich stimme dir zu, die Mög­lich­keit mit dem Au­to­ren selbst zu dis­ku­tie­ren, ihm Fra­gen zu stel­len war wirk­lich in­ter­es­sant und weit­aus er­gie­bi­ger als zu ver­su­chen her­aus­zu­fin­den, was der Au­tor mit X oder mit Y meint.
    Aber das für mich wirk­lich In­ter­es­sante war zu se­hen, wie auch „der Profi“ mit den Me­dien um­geht. Also ge­nau die­ses emer­gierte Nut­zen der Me­dien. Aber ich denke, dass nur für uns „Nerd-Klasse“ so et­was in Frage kommt, an­dere Se­mi­nare sind wahr­schein­lich noch nicht „so weit“. Wir sind so­zu­sa­gen schon auf der Bil­dungs­ebene 1 (oder so­gar schon auf Ebene 2, da bin ich mir jetzt un­si­cher), wäh­rend an­dere Se­mi­nare sich noch mit Ler­nen 1 aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, denn der Um­gang mit den Me­dien muss erst er­lernt wer­den. Und vor­al­lem sind wir be­son­ders ten­ta­tiv im Um­gang mit den Me­dien. Wie von dir in der Wave er­wähnt, sind wir ja auch teil­weise so „ge­fähr­det“, dass wir ent­we­der „Twitter-süchtig“ oder „Lese-süchtig“ sind, man kann sa­gen, dass wir „Informations-Junkies“ sind, wir brau­chen den In­put, ob durch Tweets, Blog­ein­träge, Bü­cher oder an­dere Me­di­en­for­mate.
    Es ist wahr­schein­lich auch et­was sehr be­son­ders, dass wir gleich­zei­tig die Me­dien, die wir nut­zen, als Thema ha­ben. Oder noch ge­nauer ge­sagt, dass wir die von uns ge­nutz­ten Me­dien analysieren.

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