Computergesellschaft

computergesellschaft

Wir müs­sen in Vor­an­schrei­ten der Ana­lyse de­zi­diert Me­dien des Un­ter­richts und das sym­bo­lisch ge­ne­ra­li­sierte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dium des Er­zie­hungs­sys­tems un­ter­schei­den, viel ge­nauer als dies bis­lang der Fall war. Sys­tem­theo­re­tisch be­wan­der­ten Le­sern mag die­ser Hin­weis re­dun­dant er­schei­nen, er ist den­noch von größ­ter Be­deu­tung; die­ser Un­ter­schied (der ei­nen Un­ter­schied macht!) muss mit not­wen­di­ger Trenn­schärfe be­tont werden. ((

Es gibt kein Me­dium „an sich“, son­dern ein Me­dium im­mer nur in Re­la­tion zu ei­ner Form. Der Be­griff kann an die­ser Stelle nicht hin­rei­chend pro­ble­ma­ti­siert wer­den, zur Ori­en­tie­rung mag die fol­gende Skizze dienen:

Das all­ge­meinste Me­dium ist Luh­mann zu­folge Sinn, als ein be­stimm­tes hin­rei­chend un­be­stimm­tes Me­dium zur Aus­bil­dung tem­po­ra­ler For­men. Das Zu­sam­men­spiel von Me­dium und Form wurde im gleich­na­mi­gen Ar­ti­kel so­wie un­ter Trans-Formation aus­ge­führt. Die­ser all­ge­meine Me­di­en­be­griff geht auf den öster­rei­chi­schen Ge­stalt­psy­cho­lo­gen Fritz HEIDER zu­rück (vgl. ders.: Ding und Me­dium, Ber­lin 2005. Ur­sprüng­lich er­schie­nen in: Sym­po­sion. Phi­lo­so­phi­sche Zeit­schrift für For­schung und Aus­spra­che Jg. 1, H. 2, Ber­lin 1926, S. 109 — 157.). Wenn also all­ge­mein vom „Me­dium“ die Rede ist, soll auf diese Kon­zep­tion Be­zug ge­nom­men wer­den, kon­kret: Die Dif­fe­renz von Medium/Form wird selbst zum Me­dium, in dem un­ter­schied­li­che Medium/Form-Differenzen ver­zeich­net wer­den können.

Dem­ge­gen­über sind sym­bo­lisch ge­ne­ra­li­sierte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dien, eben­falls in ei­nem gleich­na­mi­gen Ar­ti­kel be­han­delt, ab­zu­gren­zen. Diese ge­ne­ra­li­sier­ten Er­folgs­me­dien er­lau­ben durch ihre Co­die­rung eine Viel­falt von Kom­mu­ni­ka­tio­nen, die nun auch über den Kreis von An­we­sen­den (In­ter­ak­ti­ons­sys­teme) hin­aus mög­lich sind. Sie sind ex­klu­siv auf Kom­mu­ni­ka­tion be­zo­gen und die­nen der Trans­for­ma­tion von Un­wahr­schein­lich­keit in Wahr­schein­lich­keit bei der An­nahme von Kommunikationsofferten. 

Um den Me­di­en­be­griff wei­ter zu dif­fe­ren­zie­ren, wen­den wir uns nun den Ver­brei­tungs­me­dien zu. )) Denn zu den bis­her be­han­del­ten Me­dien ge­sellt sich nun auch noch eine dritte Art, die Ver­brei­tungs­me­dien. Diese er­wei­tern, ähn­lich wie sym­bo­lisch ge­ne­ra­li­sierte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dien, die Reich­weite für Kom­mu­ni­ka­tio­nen: Sie pro­du­zie­ren Über­schuss­sinn und er­rei­chen auch Per­so­nen, die (im stren­ge­ren Sinne von In­ter­ak­tion) nicht phy­sisch an­we­send sind. Mit dem Com­pu­ter tritt ein neues Ver­brei­tungs­me­dium auf den Plan, mit noch un­ab­seh­ba­ren Kon­se­quen­zen für die Gesellschaft:

 „Wir ha­ben es mit nichts Ge­rin­ge­rem zu tun als mit der Ver­mu­tung, dass die Ein­füh­rung des Com­pu­ters für die Ge­sell­schaft ebenso dra­ma­ti­sche Fol­gen hat wie zu­vor nur die Ein­füh­rung der Spra­che, der Schrift und des Buch­drucks.“ ((BAECKER, Dirk: Stu­dien zur nächs­ten Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main  2007, S. 7.))

Hin­ter die­sem Zi­tat steht die sys­tem­theo­re­ti­sche These Ni­klas Luh­manns, dass je­des neue Ver­brei­tungs­me­dium die Ge­sell­schaft mit neuen und über­schüs­si­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten kon­fron­tiert. Für die­ses neue „Mehr“ an Kom­mu­ni­ka­tion rei­chen Struk­tur und Kul­tur ei­ner Ge­sell­schaft nicht im­mer aus,  so dass um­wäl­zende Ver­brei­tungs­me­dien ent­spre­chende Mo­di­fi­ka­tio­nen der Ge­sell­schafts­struk­tur er­for­dern und er­wir­ken: Die se­lek­tive Hand­ha­bung des über­schüs­si­gen Sin­nes kann auf Ba­sis der eta­blier­ten Struk­tur und Kul­tur nicht mehr ge­hand­habt wer­den, das heisst Struk­tur und Kul­tur ei­ner Ge­sell­schaft müs­sen ent­spre­chend an­ge­passt werden.

Die Ein­füh­rung der Spra­che kon­sti­tu­ierte die Stam­mes­ge­sell­schaft, die Ein­füh­rung der Schrift die an­tike Hoch­kul­tur, die Ein­füh­rung des Buch­drucks die mo­derne Ge­sell­schaft und die Ein­füh­rung des Com­pu­ters die nächste Ge­sell­schaft.“ ((Ebd.))

In die­sem Zu­sam­men­hang soll an die­ser Stelle noch auf ein Fund­stück hin­ge­wie­sen wer­den, das den Zu­sam­men­hang zwi­schen Me­dien– und Stadt­ent­wick­lung vi­sua­li­siert: Das fol­gende Vi­deo „Die Me­di­en­epo­chen der Stadt“ il­lus­triert die zu Grunde lie­gende Idee mit Blick auf Stadt­ent­wick­lung sehr deut­lich; die Ani­ma­tio­nen sind um In­ter­view­pas­sa­gen mit Dirk Ba­ecker ergänzt.


Die Gra­fik ba­siert auf dem Bild „Bo­xi­city“ des flickr-Users Syn­to­pia. Es un­ter­liegt ei­ner cc-Lizenz. Danke!