Permalink

4

Die Ordnung der … Bücher.

“… denn wenn ich eine besondere Bedeutung für »ordentlich« habe, dann werden mir einige »Ordnungen« anderer Leute als Durcheinander vorkommen – selbst wenn wir uns über das meiste einig sind, was wir als Durcheinander bezeichnen -” Gregory Bateson¹

Bücher

Gestern spielte ich kurzfristig mit dem Gedanken, für (neue) Ordnung in meiner (zugegebenermaßen recht bescheidenen) Büchersammlung zu sorgen. Enthusiastisch begab ich mich zum Regal; dort fand der Enthusiasmus aber alsbald ein jähes Ende: Wenn schon ordnen, dann richtig. Aber welche Ordnung ist die richtige? Mir schwante, dass diese Frage zu groß für ein kurzes Ordnungsprojekt am frühen Sonntagabend sein könnte. Ich beschloss, einen Hilferuf über Twitter zu senden (ärgerlich: Der Rechtschreibfehler. Eigentlich kann ich “Bücherregal” schreiben).

Regaltweet

Mittlerweile zweifelte ich an der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Aber Menschen mit einer Passion für Bücher (oder wahlweise: Schallplatten, CDs etc.) werden das Problem kennen: Eine Sortierung nach Verlagen korrumpiert jede thematische Ordnung, thematische Ordnungen sind mit Blick auf einzelne Bücher kontingent (Spencer Brown: “Philosophische Logik” oder “Systemtheorie/Konstruktivismus”?) – und überhaupt: wieso dann bei groben Vereinfachungen wie wissenschaftlichen Disziplinen stehenbleiben? Warum nicht einfach nach ästhetischen Prämissen vorgehen und die elegante “schwarze Reihe” von Suhrkamp als Basis nehmen und dann weiter nach Farbe (oder Format) sortieren? Nein – das würde die geliebte Luhmann-Abteilung zerfleddern. Gleiches gilt übrigens für die Verlags-Sortierung (Suhrkamp, Carl Auer, Merve, VS und einige mehr). Macht es heute (nach Chaostheorie, Theorien selbstorganisierender Systeme und Kommunikationen mit Zettelkästen) überhaupt noch Sinn, nach einer Ordnung des Ganzen, dem kata logos, zu suchen? “Triff eine Unterscheidung und du erschaffst ein Universum”, fasst Felix Lau die “Laws of Form” von Spencer Brown zusammen.² – Mir würde zunächst ein ordentliches Regal reichen.

Inzwischen gibt es Resonanzen auf den Hilferuf: Ich erhalte Antworten von ↳@FriederK, ↳@euboii, ↳@wruge und ↳@xenzen, die im Laufe des Abends die Frage sogar – und das beeindruckt mich wirklich – als Anlass für einen Artikel im ↳Stabi-Blog nimmt. Dort wird auf den indischen Bibliothekswissenschaftler ↳Ranganathan verwiesen, dessen fünftes Gesetz der Bibliothekswissenschaft eine Bibliothek als einen wachsenden Organismus bezeichnet („A library is a growing organism“). Also doch Selbstorganisation?

xenzen

Das Fazit: Das “Projekt: Neuordnung” liegt auf Eis. Nicht zuletzt auch, weil Anne mich in einem ↳letzten Tweet auf ein Buch hinwies, das vor einiger Zeit ganz oben auf meiner Leseliste stand (ich dann aber wie so oft aus den Augen verlor und das nun glücklicherweise wieder präsent ist): ↳”Zettelwirtschaft : die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek” von Markus Krajewski. Bis dahin: Mut zu losen Kopplungen: “Will man einen Kommunikationspartner aufziehen, ist es gut, ihn von vornherein mit Selbstständigkeit auszustatten”, schreibt Luhmann.³

Vielen Dank an all jene, die mir mit Ratschlägen zur Seite standen. Vielleicht reihen sich hier ja auch noch Interessierte ein?


¹ Gregory Bateson: Ökologie des Geistes, Frankfurt/Main 1985, S. 33.

² Felix Lau: Die Form der Paradoxie, Heidelberg ³2008, S. 195.

³ Niklas Luhmann: Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht, in: ders.: Universität als Milieu, Bielefeld 1992, S. 58.

4 Kommentare

  1. @roitsch: Großartige Szene. Assoziere ich spontan mit einem Fundstück von gestern:

    „irgendwie erinnert mich das an die Geschichte (von Kishon?), in der die Sekretärin im Büro die Ablage nach assoziativen Gesichtspunkten organisiert: bei “Musik” denkt sie an “Töne” bzw. “Ton”, an “Keramik”, an die alten “Sumerer”, mithin landet alles, was mit Musik zu tun hat, unter “K” wie “Keilschrift”

    (via http://bit.ly/LKwOp – bücher.leben: Das Regal. Die Ordnung. Und das große Suchen.)

    Ziemlich nahe am Spiel „In fünf Schritten von Würstchen zu Plato“, das Umberto Eco im Foucaultschen Pendel beschreibt….

    Außerdem ein Link, den ich oben vergessen habe:
    „Sortieren durch Einfügen“: http://www-i1.informatik.rwth-aachen.de/~algorithmus/algo2.php

  2. Ich ordne tatsächlich nach Farben und Format … und nach Epochen, außerdem nach Quellentexten und Forschungsliteratur.

    Die Farben deshalb, weil meine Wohnung ist sehr klein ist, die Bücher und deren Regale neben Bett und Schreibtisch praktisch der einzige Einrichtungsgegenstand sind. Wenn ich im Bett liege, möchte ich nicht auf ärgerliche oder hässliche Buchrücken schauen, schon gar nicht auf Suhrkamp-Bände, überhaupt darf nichts im Blickfeld stehen, was mich an Arbeit erinnert (z. B. Forschungsliteratur).

    Das Prinzip funktioniert recht gut, führt sogar dazu, dass auf einzelnen Regalbrettern noch Platz ist – was mir ebenfalls gut gefällt, wegen der Erweiterung der Sammlung.

  3. „schon gar nicht auf Suhrkamp-Bände“?

    Die empfinde ich als Highlight des Regals: Klassisches und schnörkelloses Design, schwarz und durch die Bank qualitative Werke (bis auf ein oder zwei Ausreisser)…

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.