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#EvG

„Vom Gesichtspunkt des Handelnden ist es irrelevant, ob seine Vorstellungen von der Umwelt ein „wahres“ Bild der ontischen Wirklichkeit darstellen – was er braucht, ist eine Vorstellung, die es ihm erlaubt, Zusammenstöße mit den Schranken der Wirklichkeit zu vermeiden und an sein Ziel zu kommen.“ (Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, S. 22.)¹

#Wissen. Viables Wissen.

Scheinbar: „Knowing how“ der Naturwissenschaft versus „knowing that“ der klassischen, der Ontologie verpflichteten Erkenntnistheorie (vgl. S. 13) bzw. das Wissen über das Sein der Welt befand sich in der Verwahrung durch die Religion (vgl. S. 16). Glasersfeld widerspricht dieser Intuition, indem er tradierte Konzepte (Übereinstimmung, Kongruenz, Korrespondenz etc.) durch das Konzept der Viabilität (etwa „Gangbarkeit“, vgl. S. 18) ersetzt und den Begriff des Wissens damit aus einem wahrheitswertfähigen in einen funktionalen Diskurs überführt („praktisches Wissen“). Dieser Schritt ist notwendig gekoppelt an die eigene Erlebens- und Erfahrungswelt (vgl. S. 21). Weltbilder und Wissen müssen somit als Resultate von Konstruktionen der Individuen in ihren Interaktionen mit einer sozialen und physischen Umwelt aufgefasst werden. Diese Erkenntnis geht zurück auf die Forschungen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget (Akkomodation/Assimilation als Ergebnis auf erfahrene Irritationen/Perturbationen).

Der ontologische Absolutheitsanspruch wird zugunsten des flexibel-funktionalen Viabilitätsprinzips aufgeben. Im Zuge dieser Relativierung wird jedoch keinem erkenntnispessimistischem Relativismus Vorschub geleistet: Weltbilder und Wissen bleiben falsifizierbar! Wahrheit wird systemrelativ: Die Relation zwischen erinnertem Erleben und aktuellem.

#Objektive Wirklichkeit.

„Wissenschaftliche und religiöse Redeweisen ähneln sich darüber hinaus vielfach auch darin, dass sie beide meinen, absolutes Wissen zu vermitteln.“²

Deontologisierung der Welt: Die klassisch-philosophische Erkenntnistheorie begeht den Fehler einer petitio principii, die das als gegeben annimmt, was erst einmal zu beweisen wäre: Objektive, ontische Wirklichkeit (vgl. S. 17). Dieser naive Realismus ist tief verwurzelt in der europäischen Philosophiegeschichte, von der sich auch von Glasersfeld nicht völlig frei machen kann („Subjekttheorie“). Was sichert in Ermangelung von Korrespondenz mit einer objektiven Wirklichkeit nun Wissen? Epistemologisch hängt der Begriff des Viabilität m.E. eng mit dem Konzept der Kohärenztheorie (Grafik) zusammen. Das heisst: Widerspruchsfreiheit eines Überzeugungssystems (in Zeit-, Sach- und Sozialdimension!) ersetzt „Objektivität“ (vgl. oben: systemrelative Wahrheit).³

#Wahrnehmung der Welt.

Die Aufgabe des priviligierten Zugriffs auf eine objektive Wirklichkeit hat weitreichende Folgen. Jede sinnliche Wahrnehmung bleibt in Folge dessen beobachterabhängig, kein Beobachter (also auch kein Forscher) hat eine wirklichere, „sinnlichere“ Wahrnehmung als jeder andere Beobachter auch: Welcher „Meta-Sinn“ soll auch die Wahrnehmung via Sinn überprüfen können? Stattdessen: Prinzip der indifferenten Codierung. Interpretation der Signale von Sinnesorganen als Unterscheidungen von anderen Interpretationen, nicht aber von ontischen „Dingen“ (vgl. S. 21):

„Der „Bedarf“ wird dabei durch den Zusammenhang des Handelns bestimmt, in dem wir uns gerade befinden; und dieser jeweilige Zusammenhang erfordert nie, daß wir die „Umwelt“ so sehen, wie sie „in Wirklichkeit“ ist (was wir ja ohnedies nicht könnten), sondern verlangt nur, daß das, was wir wahrnehmen, uns zu erfolgreichem Handeln befähigt.“ (S. 22)

Angewendet auf das Prinzip der Viabilität bedeutet dies für die Wahrnehmung der Welt und unter Rückgriff auf den evolutionären Erkenntnistheoretiker Donald Campbell ein „zunehmendes Passen des Organismus in seine Umwelt“ (S. 27). Allerdings muss an dieser Stelle vor einem (wie auch immer) priviligierten Zugriff auf objektive Wirklichkeit gewarnt werden: „Wahrnehmung und Erkenntnis wären demnach also konstruktive und nicht abbildende Tätigkeiten.“ (S. 30) Viabilität garantiert das „Passen“ des Wissens mit dem bisherigen Erleben und hilft so beim fortlaufenden Aufbau, bei der Konstruktion von „Wirklichkeit“.

#Diskussionsfragen.

  • „Wie kann einem konstruktivistisches Wissenskonzept im Interaktionssystem des schulischen Unterrichts Rechnung getragen werden (beispielsweise mit Blick auf Leistungsbewertung)?
  • Wenn vor allem das Abgleichen von Wissen mit Anderen zur Steigerung der Kohärenz eines Überzeugungssystems führt: Was bedeutet dies für die Arbeit mit Wissen? Für seine Darstellbarkeit? Für die „Vermittlung“?

#Bonustracks.


#Anmerkungen.

¹Alle nicht gesondert gekennzeichneten Verweise basieren auf der folgenden Textfassung: GLASERSFELD, Ernst v.: Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, in: GUMIN, Heinz, MEIER, Heinrich (Hg.): Einführung in den Konstruktivismus, München ⁶2002, S. 9 – 39.

² GLASERSFELD im Interview mit Bernhard PÖRKSEN. Vgl. ders.: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus, Heidelberg ²2008, S. 49.

³ Vgl. die eigene Grafik zum Kohärenzmodell.

Die Grafik basiert auf einer Fotografie von Christian Michelides und unterliegt folgender CC-Lizenz. Danke!

2 Kommentare

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