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#Giesecke

Michael Giesecke präsentiert unter der Überschrift „Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten der Informationsgesellschaft von der Buchkultur“ ein von der Sozialpsychologie inspiriertes und mediengeschichtlich interpretiertes Phasenmodell des Generationswechsels. Dabei arbeitet er unter Rückgriff auf gruppendynamische Forschung drei Phasen heraus, für die er im folgenden eine Geltung sowohl bei der Beschreibung menschlicher Sozialisationsprozesse als auch für die Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien beansprucht: Ablösung, Gegenabhängigkeit und Autonomie. 1 Angewendet auf Transformationsprozesse an den Übergängen von Kulturen mit skriptographischen, typographischen oder elektronischen Leitmedien bedeute dies, dass sich neue Medien zunächst immer in Koordination mit und in Abgrenzung zu den je aktuell vorherrschenden Medien entwickelten. Essentiell sei hierbei die Tatsache, dass bis in die Phase der Gegenabhängigkeit stets in der den alten Medien immanenten Logik operiert werde, respektive mit Hilfe der jeweils maßgeblichen Unterscheidungen beobachtet: „Um das eine zu erklären, muss man sich von dem anderen abgrenzen. Beide Seiten brauchen einander.“2

#Übergänge

Gegenwärtig befinden wir uns laut Giesecke im Übergang von der Abhängigkeitphase (mit ihrem Fortschreiben der Programme der Buchkultur: E-Mails, E-Books, digitale Bibliotheken etc. pp.) zur Phase der Gegenabhängigkeit (mit der charakteristischen Delegitimierung der geltenden programmatischen Normen, dem Preisgeben der tradierten Regeln und dem Aufzeigen ihrer mittlerweile offenkundigen Schwächen). Das Erreichen der dritten Phase gehe mit umwälzenden Neuerungen einher (und rechtfertigt insofern auch die Terminologie der „Medienrevolution“); der Wechsel des Leitmediums synthetisiert gewissermaßen die Antagonie von altem und neuem Medium und begründet damit ein neues Paradigma.

#Paradigmenwechsel

Mit dem so beschriebenen Paradigmenwechsel gehen neue Formen der Kommunikations- und Erkenntnistheorie, der Informationsverarbeitung und der Kopplung von psychischem System und Technik einher (z.B. rigider gekoppelte Mensch/Maschinen-Interfaces, vgl. als erster Vorgeschmack, wenn auch unter Zuhilfenahme einer in typographischer Semantik verhafteter Beschreibung, die neurophysiologische „Gedankenlesemaschine“3). Es komme zu strukturellen und funktionalen Ähnlichkeiten der jeweilig verwendeten „Hard-“ und „Software“. 4 Giesecke rekonstruiert ein ganzes Panorama für die typographisch geprägte Kultur: Die Erfindung und  Hegemonie von Zentralperspektive, monokausalem und linearem Denken, der zweiwertigen Logik („tertimnondatur“) unter Ausblendung von Rückkopplungsschleifen; damit einhergehend die Wahrheitskonzeption des Wissenschaftssystems und ihre mathematisch-sprachliche Beschreibbarkeit, die Wissenskanons, der Mythos der objektiven Beschreibung, kurz: die erkenntnis- und kommunikationstheoretischen Bedingungen der modernen Buchdruckgesellschaft und die Tatsache, dass im Operieren diese eigentlich kontingenten Setzungen als Normalität erscheinen – paradigmatische blinde Flecken. Durch standardisierte Verfahren und spezifische Normen oder Regelfolgen der Informationsverarbeitung wird das Soziale nachhaltig formatiert 5 und propagiert (beispielsweise im Erziehungssystem).

#Herausforderungen

Dieser aus Entsubjektivierung und Synchronisierung des Erkenntnisprozesses resultierenden Ordnung stehen derzeit allerdings neue Herausforderungen gegenüber: Ambivalenzen und Kontingenzen, rekursive Phänomene und seltsame Schleifen – eine Erweiterung der  zentralperspektivistischen Informationsverarbeitung ist nötig um die Komplexität einer veränderten Umwelt reduzieren zu können. Die lineare Konzeption ist offensichtlich ungeeignet, Phänomene des sequentiellen Feedbacks und der Multimedialität zu erfassen; die operativen Eigenheiten der Buchkultur hemmen sogar die Entwicklung einer autonomen Semantik, die tertiumdatur, Oszillation, Multimedialität und Synästhesie als Basis ihrer Erweiterung berücksichtigen können muss. Ein eigenständiger Kommunikations- und Erkenntnisbegriff ist notwendige Bedingung um nicht doch in der Phase der Gegenabhängigkeit verhaftet zu bleiben; das Verhältnis von latentem und manifestem Wissen und der erkenntnisleitenden Programme der Kommunikationsysteme muss dekomponiert und im Anschluss neu definiert werden – dies ist mit Giesecke die Aufgabe im Übergang zur Autonomiephase.

#Fazit

Insofern soll die Lektüre abschließend als ein Plädoyer verstanden werden, nicht nur die Medien, sondern ebenfalls den Objektbereich und die Verfahrensweisen neu zu denken, mit entsprechender Sensibilität und Irritationsfähigkeit für aktuelle Herausforderungen: Wenn sich die Kommunikation bewegt, muss das Denken mit. Der Umkehrschluss gelte gleichermaßen.

 

#Postscriptum.

„Sätze wie „keine Kommunikation ohne Bewusstsein“ – oder die gegenteilige Behauptung – errichten im Alltag wie in der Wissenschaft unnötige Denkverbote. Sie sind entweder trivial oder falsch.“6

Ein Satz, den Giesecke seiner Problematisierung des systemtheoretischen Begriffs der Beobachtung voranstellt, und den er im Duktus der zentralperpektivistischen Priorisierung des Visuellen verorten will. Hier versteigt sich der Autor in der Folge leider selbst in Trivialität oder schlichtem Fehlverständnis: „Die Mystifizierung des Blicks findet im Konstruktivismus aber auch in Gestalt des „Beobachters“ statt. […] Sinn machen diese Formulierungen nur dann, wenn wir uns einen Forscher vorstellen, der seine Umwelt mit den Augen fixiert.“ 7 Einer so verkürzten Interpretation sei ein häufig geäußerter Ausspruch Niklas Luhmanns gegenübergestellt, nach dem der „[…] Ausgangspunkt […] bei einem extrem formalisierten Begriff des Beobachtens [liegt], definiert als Operation des Unterscheidens und Bezeichnens.“ 8 Eine Operation also, die zweifelsohne real stattfindet – aber nicht mit Giesecke als Primat des Blickes beschrieben werden sollte – um das Blicken geht es nur bedingt: Gerade der Rückgriff auf den abstrakten Formenbegriff Spencer Browns erlaubt die Handhabung von Selbstreferenz, Paradoxien und mehrwertiger Logik – alles Forderungen, die Giesecke zuvor selbst postulierte. Doch nicht genug: „Besonders prämiert wird bekanntlich der Beobachter zweiter Ordnung“ und diese Prämierung führe „[…] zu einer willkürlichen Hierarchie […].“9 Dazu wiederum Luhmann: „Auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung, auf der man den Beobachter beobachtet, bezieht man keine hierarchisch höhere Position.“ 10 Schlussendlich ein gleichsam unnötiger wie unglücklicher Angriff auf Gegner, die gar keine sind.

Anmerkungen

  1. GIESECKE, Michael: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft, Frankfurt/Main 2002, S. 271.
  2. Ebd., S. 273. Wir haben es hier also mit einer „Form“ im Sinne Spencer Browns zu tun. Wir werden diesen Aspekt unten wieder aufgreifen.
  3. EVERS, Marco: Gehör für stumme Stimmen, in: Der Spiegel 14 / 2008, S. 142 – 143. Online im Netz unter : http://bitly.com/neuro (29.06. 2009).
  4. Vgl. GIESECKE, S. 292f.
  5. „Legitimation durch Verfahren“ – vgl. ebd., S. 315, in Anlehnung an LUHMANN.
  6. GIESECKE, S. 325.
  7. Ebd.
  8. LUHMANN, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1992, S. 73.
  9. GIESECKE, S. 325.
  10. LUHMANN, S. 87.

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