3 Kommentare

  1. Ich bedanke mich für die schlaue Frage und würde sie keineswegs nur mit virtuellen T-Shirts (es gab ja auch schon echte: http://bit.ly/1tSiVM) und Verweisen auf Luhmanns Humor abtun wollen. Um ein anderes Bild zu verwenden: Ein Cover der inzwischen wieder famosen Popkultur-Zeitschrift @Spex mit Luhmann (oder Dirk Baecker oder Peter Fuchs) ist durchaus vorstellbar; weshalb ich formulieren würde: Daß Luhmann (auch) Pop sei, daran kann kein Zweifel bestehen – nur in welchem Sinne?
    Wenn man als grobe Ausgangsthese formulierte, Pop beschäftige sich mit der Paradoxie, Tiefen ausschließlich an der Oberfläche auszuloten („depht on the surface“ bzw. „depth through surface“), dann würde die Nachbarschaft von Pop und (Luhmanns) Systemtheorie auf den ersten Blick erkennbar. Pop ist, könnte man von hier aus auch bedenken, nichts anderes als das Spiel von Beobachtungen, die sich selbst als solche erkennen und zelebrieren. Und Luhmann wäre dann einer der großen Pop-Theoretiker.

    Nichts für ungut, viele Grüße: Stefan

  2. Lieber Stefan,

    danke für Deine Anmerkung. Ich bin leider nicht versiert genug in Sachen Pop (-Theorie), sehe aber grundsätzlich Schwierigkeiten bei der Subsummierung der Systemtheorie unter Pop: Dies scheint sich ad hoc mit dem berühmten Diktum von Luhmanns „zweitem Blick“, mit der Warnung vor zu schnellem (weil oberflächlichen) Verstehen, nicht zu vertragen. Lohneswert wäre dafür sicher die Lektüre des folgenden Buches, das ich bislang aber nur ausschnittsweise anlesen konnte: Christian HUCK, Carsten ZORN (Hrsg.): ↳ Das Populäre der Gesellschaft. Systemtheorie und Populärkultur, Wiesbaden 2007.

    Entgegen dem ursprünglichen Vorschlag von Peter Fuchs, Pop als eigenständiges Funktionssystem zu beschreiben, unternehmen Sven Opitz und Felix Bayer („Die wollen ja nur spielen“ – Pop als transversales Programm, S. 284 – 303.) den Versuch, Pop als „gesellschaftsweit fluktuierende Programme ohne Code“ zu charakterisieren (S. 285) – Pop spielt gewissermaßen mit den Codewerten des jeweiligen Systems: Wir reden dann von Populärwissenschaft, populärer Kunst etc. Urs Stäheli (Bestimmungen des Populären, S. 306 – 321.) erinnert daher an das Konzept des Parasiten bei ↳ Michel Serres (S. 319): Pop nistet sich (behaglich?) ein, aber übernimmt nicht die Kontrolle über das System – motiviert allerdings gleichzeitig eine breite Masse potentieller Rezipienten zur Kommunikation und erfüllt damit eine inklusive Funktion. Ob das nun auf Luhmanns Theorie selbst zutrifft, sei dahingestellt…

  3. Lieber Sebastian,

    danke für Deine schnelle Reaktion! Ich bin auch alles andere als ein Pop-Theoretiker, und vielleicht liegt genau darin das Kern des Problems, das Du völlig zu recht formulierst: Kann es das überhaupt geben (trotz Diederichsen, der Spex, Greil Marcus und wie sie alle heißen), Pop-Theorie? Theorie-Pop? Natürlich kann man in einer Theorie, erst recht in der Systemtheorie, über Pop sprechen und nachdenken. Aber ist das dann noch Pop? Oder muß das spielende Programm, der behaglich nistende Parasit per definitionem untheoretisch, nichtreflektierend sein/bleiben/operieren, um weiterhin als Pop durchzugehen? – Meine eigene (aber nur durch eigene Erfahrungen und durch eigenes Herumspintisieren bzw. eigenes Hinhören gespeiste) Vermutung wäre, daß Pop beides kann, und wenn er „gut“ ist, sogar gleichzeitig. Oberflächliches, direktes, schnelles, fluktuierendes, unreflektierendes, inkludierendes „Überwältigen“ (> Wahrnehmung), reines „Operieren“, wenn es das geben könnte (> Kommunikation), woran ich dann auch das „Populäre“ des Pop anschließen würde — und eben doch die Infragestellung, Ironisierung, Beobachtung all dessen (auf einer Ebene der 2. Ordnung gewissermaßen). Wobei mir klar ist, daß mein Pop-Begriff damit möglicherweise ziemlich in die Nähe eines (weiterentwickelten) systemtheoretischen Kunst-Begriffs rückt (der den Code schön/häßlich ersetzt durch einen „Grundlagencode“ wie Beobachtetes/Unbeobachtetes). — Oder, nochmal anders: Pop tut für mich so (ja: Spiel), als könne es große Gefühle und universelle Wahrheiten noch geben – und im selben Moment dechiffriert bzw. dekonstruiert er diesen Anspruch als Größenwahn, der sich in Zeichen auflöst, die auf Zeichen, die auf Zeichen verweisen. Beobachtungsbeobachtungen eben. Es ist diese Haltung/Einstellung, die ich – obschon sie zweifellos trockener, spröder daherkommt als viele (nicht alle!) Popsongs – auch in der Systemtheorie wiederzuerkennen glaube. Auch sie spielt ein Spiel, und sei es das der Wissenschaft, und liefert – liest man genau – die fortlaufende Dechiffrierung/Dekonstruktion mit.

    Aber vielleicht ist Derrida auch mehr Pop als Luhmann. Spencer-Brown, um die Einheit der Unterscheidung aufzurufen, ist jedenfalls gar kein Pop für meinen Geschmack. Macht das irgendeinen Sinn? – Hier in Wien sagen sie jedenfalls: Bob.

    Viele Grüße!

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