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„Mein System kennt keine Grenzen“

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Wir waren in unseren bisherigen Beobachtungen konfrontiert mit Problemen hinsichtlich der mangelnden Limitionalität des Erziehungssystems. Was hat das aber mit Medien zu tun? Aus systemtheoretischer Perspektive viel mehr, als man anfangs vermuten könnte: „Die Medienfrage steht im Zentrum dieses Interesses an Limitionalität, weil sie über Autonomie und Grenzziehung des Systems gleichermaßen entscheidet.“ ((BAECKER, Dirk: Erziehung im Medium der Intelligenz, in: EHRENSPECK, Yvonne, LENZEN, Dieter (Hg.): Beobachtungen des Erziehungssystems. Systemtheoretische Perspektiven, 2006, S. 28.)) Wer über Systemgrenzen spricht, kann über Medien nicht schweigen. Wer über Medien spricht, sollte die Frage nach der Limitionalität nicht außer Acht lassen. Der vorliegende Beitrag soll dieser Relation Rechnung tragen.

Wie nähert man sich den Grenzen? Einerseits können wir nach der Funktion von Erziehung fragen, um über die Zuständigkeit des Systems seine Grenzen genauer abzutasten. Der Begriff sollte hierbei jedoch nicht als ein teleologischer Auftrag der Gesellschaft (miss-) verstanden werden; wir sollten vielmehr eine Unterscheidung zur Sicherung der Anschlussfähigkeit für Kommunikation im Hinterkopf haben, wann immer von „Funktion“ die Rede ist. Niklas Luhmann weist in diesem Zusammenhang und mit Blick auf Erziehung auf die „Genesis von Personalität“ ((LUHMANN, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt/Main 2002, S. 38.)) hin, grundlegend also auf eine Forderung und Förderung von Kompetenzen zur Teilhabe an Kommunikationen, die sich in der Umwelt des Erziehungssystems ereignen und allesamt sehr unterschiedliche Anforderungen an die Kommunikationsteilnehmer stellen ((Vgl. Wirtschaft, Politik, Kunst, Religion, Familie, Organisation etc.)): Es geht also einerseits darum, Personen zu Adressaten dieser pädagogischen Kommunikationen zu machen und gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit für gelungene Kommunikation zu erhöhen. Das Funktionssystem darf demnach nicht verkürzend mit „Schule“ gleichgesetzt werden; die Schule versucht nur, sich auf diese Funktion zu beziehen (ebenso wie auch Kindergärten, Universitäten oder Weiterbildungseinrichtungen). Mit dem Begriffsapparat der Systemtheorie ist die Ausdifferenzierung eines Funktionssystems aber an die Bestimmung eines systemspezifischen Kommunikationsmediums gebunden.

Wir stellen die Frage nach der Funktion zunächst zurück, um weiterzufragen, welches Kommunikationsmedium die unwahrscheinliche Aufgabe erfüllen kann, dass ein Mensch, der seine Sinne beieinander hat, sich Erziehungsangeboten unterwirft, die etwas aus ihm machen möchten, was er noch nicht ist. ((Vgl. BAECKER, Dirk: Nie wieder Vernunft, Heidelberg 2008, S. 342.)) Über die Frage nach dem Medium der pädagogischen Kommunikation kann rekursiv Klarheit über die Grenzziehung dieses so diffusen Funktionssystems gewonnen werden. Gleichsam können all jene Kommunikationen, die im Anschluss an diese Überlegungen als „pädagogisch“ ausgeflaggt werden, Rückschlüsse auf das Medium selbst zulassen. Die Frage nach dem Medium gleicht der Frage ums Ganze.

Dirk Baecker greift auf Talcott Parsons und Gerald Platt ((PARSONS, Talcott, PLATT, Gerald M.: Die amerikanische Universität. Ein Beitrag zur Soziologie der Erkenntnis, Frankfurt/Main 1990.)) zurück, wenn er Intelligenz als Medium der Erziehung vorschlägt. Die beiden Autoren beschrieben in den 1960er Jahren die Universität als eine „Intelligenzbank“, die ähnlich einer regulären Bank Einlagen entgegennehme und Kredite vergebe und im Prozessieren sogar Kreditschöpfung ermögliche. Nur wird hierbei nicht, wie im Wirtschaftssystem, im Medium des Geldes mit seinen Zahlungen und Nichtzahlungen operiert, sondern mit möglichem Wissen. ((Wissen ist übrigens, um diesem möglichen Einwand gleich vorzugreifen, im Gegensatz zum Geld kein knappes Gut: Wissen kann geteilt werden, ohne dass es weniger wird! Hier soll also nicht einer dumpfen Verwirtschaftlichung von Erziehung Vorschub geleistet werden.)) Das Kommunikationsmedium des akademischen Systems wäre demnach nicht Geld, sondern Intelligenz. Diese soll im Anschluss an die Überlegungen Parsons und Platts nicht (mehr) als Eigenschaft von Personen, sondern als „(…) eine symbolisch generalisierte Fähigkeit der Verfügung über Wissen (…)“ ((BAECKER, Erziehung, S. 32.)) begriffen werden; einem Wissen, das von Lehrenden, Forschenden und Studierenden gleichermaßen beansprucht werden kann. Genauer: Es geht nicht darum, Intelligenz als individuelle Errungenschaft zu betrachten, sondern als eine „[…] in jedem Alltag brauchbare Kompetenz im Umgang mit Wissen […], als Auszeichnung eines bestimmten Typs von Kommunikation und zugleich als Motiv, sich auf diese Kommunikation einzulassen.“ ((BAECKER, Vernunft, S. 345.))

Halten wir fest: Intelligenz kann im Rekurs auf Parsons und Platt als Medium begriffen werden. Allerdings beschränkte sich der Ansatz auf die Universität (respektive ein „akademisches System“). Die hier anschließenden Beiträge sollen sich der Frage stellen, ob dieses Konzept auch für das Erziehungssystem Sinn macht.


Die Grafik basiert auf einem Foto von flickr-User Idiolector unter folgender cc-Lizenz. Vielen Dank!

7 Kommentare

  1. Intelligenz würde ich nicht benutzen. Ich benutze den Begriff immer als Unterscheidung zu Rationalität… Meistens dann, wenn BWL-Schlaumeier unter der Hand mit Rational Choice und Spieltheorie arguemntieren, dann merke ich klug an, dass der Mensch kein rationales sondern ein intelligenten Wesen ist… ;-)

    Intelligenz ist daher, meiner Meinung nach, eher sone besondere Art des Umgangs mit dem Komplexitätsgefälle die zwei Systeme trennt, die besonders dann eine Rolle spielt wenn Psyche und Sozialität zusammentreffen – da gibts ja bekanntlich ein enormes Gefälle und dennoch muss das Individuum irgendwie mit der Gesellschaft klar kommen. Es kann glauben, rational rechnen (was glauben sehr nahe kommt) oder intelligent sein und wissen, das es fast nichts weiss und trotzdem… usw.

    Also ich finde Intelligenz in dem Thema nicht schlecht, aber irgendwie auch nicht ganz passend als Medium der Erziehung…

    In deiner Literaturliste oben fehlt, denke ich, noch Peter Fuchs. Er ist ja eignetlich derjenige, der immer Systemtheorie und Sozialisation zusammenbringt. Zum Beispiel in seinem „Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie“-Text (Soziale Systeme ’97, Heft 1). Ich weiss zwar nicht mehr, wie er genau argumentiert – aber thematisch geht es darum, einen kleinen Neugeborenen als adressierbar hinzubiegen und so – ganz interessant.

  2. Hallo Stefan,

    danke zunächst einmal für deinen ausführlichen Kommentar und den Literaturtipp! Ich muss ja gestehen, dass ich in die Feinheiten der soziologischen Handlungstheorien nicht ganz eingeweiht bin und zielte daher auch nicht auf Intelligenz im Sinne eines Rational-Choice-Theoretikers.
    Ich mühe mich ja nun schon seit geraumer Zeit mit den strukturellen Defiziten „meines“ Systems ab, der Erziehung und merkte in der Auseinandersetzung, dass der Maestro da eine klaffende Lücke zurückließ: Sowohl Kind als auch Lebenslauf helfen nicht weiter, um via Kommunikationsmedium die komplette Ausdifferenzierung zu beschreiben. Baeckers Vorschlag finde ich ganz vielversprechend, denn Intelligenz funktioniert m.E. zunächst einmal ganz hervorragend als Medium für Formenbildungen des Wissens (Intelligenz im oben beschriebenen Sinne, nicht in R.C.-Sprech). In den nächsten zwei, drei Beiträgen werde ich das etwas genauer ausführen – würde mich freuen, wenn du auch weiterhin dabei bist.

    Grüße nach Bielefeld.

  3. Also die Idee, das das Kind das Medium ist, ist nicht so unnachvollziehbar. Man muss Luhmann da eben historisch deuten. In der Gesellschaft die er beschreibt, gibt es noch kein Lebenslanges lernen oder berufsbegleitende Fortbildung (von der besnderen richterlichen Rechtsfortbildung mal abgesehen, aber die hat andere Gründe). Das Kind war der (zwingende weil Schulpflicht und so) Ansatzpunkt der Pädagogik.

    In „Schriften zur Pädagogik“ findet sich übrigens auf Seite 29 ein interessanter Hinweis: „Coderiert wird nur die soziale Selektion, und dies auf eine technisch so zwingende Weise, dass die Pädagogik bei all ihrer MItwirkungdafür nur Abneigung und wideriwllen aufbringen konnte.“

    Da stecken ja zwei Hinweise drin. Erstens geht es um soziale Selektion und zweitens um eine eklante Unterschreidung von Selbst- und Fremdbeschreibung.

    Die Funktion der Pädagogik ist die „Zuweisung von Positionen innerhalb und ausserhalb des Systems.“ Ebenfalls Seite 29.

    Die Pädagogik hat es also mit dem selben Problem wie die Medizin (Heilen und entlassen) zu tun, sie muss ihre Klienten aus ihrem System exkludieren, das ist ihr Ziel.

    Die Medizin tut das, in dem sie ihre Klientel heilt, die Pädagogik, in dem sie ihre Klientel den gesellschaftlichen Stellen zuweist. Wenn diese Zuordnung nicht mehr passt, wird neu selektiert. (der nichtselektierte also an die Pädagogik zurücküberwiesen.)

    Von Begriffen wie Bildung, Ausbildung und weiterführend auch Intelligenz würde ich mich also verabschieden. (So erscheint es mir schlüssig.)

    Die Funktion der Pädagogik ist die Verknüpfung von Position und Personal, der Code ist: Zugewiesen/Nicht zugewiesen und das Medium demnach, wenn auch nicht mehr das Kind pauschal, doch irgendwie der „nichtzugewiesene“, selektionsbedürftige Mensch.

    Also, ich würde mich nicht zu weit von Luhmann entfernen und kann auch die „klaffende Lücke“ nicht ganz erkennen. Dirk Baeckers Intelligenzbegriff (die ich noch nicht weiter kenne) kommt mir schonmal komisch vor. (Obwohl Baecker mich auch gerne überrascht, wenn ich seiner ARgumentation detailiert folge.)

  4. Zu deinem ersten Punkt gebe ich dir Recht, vgl. auch die Beiträge „Medien im Erzeihungssystem, erster Akt„, „∼, zweiter Akt“ und „Paradigm lost„.

    Wie kann die Gesellschaft (und insbesondere das notorisch defekte) Erziehungssystem dann aber auf die Herausforderungen reagieren, die „lifelong learning“ und die Proklamation der Wissensgesellschaft mit sich führen? Neben diesen beiden Fragen stellt sich vor allem auch das Problem, dass das Medium Kind (oder deinem Vorschlag folgend, das Medium „selektionsbedürftiger Mensch“) nicht (oder nur unzureichend) binär codierbar ist: Das Kind als solches ist zwar vermittelbar/nicht-vermittelbar, aber es wird dann auch wirklich nur die soziale Selektion codiert. Die Erziehung braucht m.E. den Bezug auf ein umfassenderes Medium (als das Kind, das in vermittelbarer Form bloß die strukturelle Kopplung mit dem Wirtschaftssystem oder einzelnen Organisationen ermöglicht), zugleich jedoch nicht zu ausgreifendes Medium (das wie der Lebenslauf auch die Umwelt des Systems zu kolonisieren beginnt – das ist für das System dauerhaft nicht möglich, wir reden ja von autopoietischen Systemen). Die beiden Vorschläge oszillieren zwischen Inflation und Deflation des Systems.

    Verstehe mich nicht falsch: Luhmanns Vorschläge sind von höchster Wichtigkeit. Aber die Erziehungswissenschaft muss neben systemtheoretischen auch die Herausforderungen der gegenwärtigen Umbrüche annehmen (Umstellung des Hauptverbreitungsmediums etc.). Ich hoffe, da im Dialog mit Systemtheoretikern anderer Disziplinen und in der weiteren Beschäftigung hier eine viable Lösung vorschlagen zu können…

    Post scriptum:
    Was deinen Vergleich mit der Medizin betrifft: Wir müssen genau genommen die Zurechnungskonstellation des (potentiellen) symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium in den Blick nehmen. Wie ist seine Selektivität strukturiert? Alters Erleben muss zu Egos Handeln derart in Beziehung gesetzt werden, dass Motive zur Kommunikation im selben Medium aus diesem Bezug resultieren. Pikanterweise erkennt der Luhmann-Kenner die Parallelität zur Liebe (vgl. GdG, S. 336). Zum Bildungsgedanken: Der ist in der Tat viel zu gefährlich. Überall wuchert Erziehung – mit dem Bildungsbegriff wäre sie deckungsgleich mit der Gesellschaft, was „Wissengesellschaft“ zumindest andeutet. Arme Pädagogen.

  5. Ja, ich glaube, du musst dich nicht zu sehr um die Anti-inflationierung bemühen. Funktionssysteme haben ja die Eigenschaft, die ganze Welt und nicht nur sich selbst, nach ihrem Code zu beobachten und jeden beobachten zu lassen. Die funktionssystem-Kommunikation findet sich nicht nur bei ihren Agenten. Man muss nicht Jurist sein, um einen Vertrag zu schließen, kein BWLer um Geld zu verdienen und kein Arzt, um zu heilen, usw.

    Für dein System ist es ebenso. Pädagogische Kommunikation (es geht ja nur um die Kommunikation) kann überall stattfinden – in Familien, in Organisationen, in geselligen Runden. Wenn es darum geht, Menschen die nicht passen passend zu machen (durch Rat, Tipp, Hilfe, …), hat man es meiner Meinung nach mit Pädagogik zu tun.

    Somit wird sowohl das Kind als auch der Pädagoge aus dem Zentrum der Pädagogik geholt und dennoch eine eindeutige, weil nicht mit anderer Funktionssystems-Kommunikation interferierende, gesellschaftsfunktionale Kommunikation beschrieben, die ihr Medium überall in Form bringen kann, nicht nur in der Schule.

  6. Wir müssen hier klar zwischen innerer und äußerer Ausdifferenzierung unterscheiden und ich möchte gerne die System/Umwelt-Differenzen innerhalb des Erziehungssystems fokussieren, d.h. auf Basis der autopoietischen Reproduktion pädagogischer Kommunikation; das Erziehungssystem muss Erziehung ja anders beobachten als ein Unternehmen oder eine gesellige Runde. Tut mir Leid, wenn ich so auf der Inflations-/Deflationsgeschichte herumreite, aber da erwarte ich schon eine höhere Selektivität des zuständigen Funktionssystems, sonst könnten ja versierte Manager oder bessere Stammtischphilosophen mit der Aufgabe der „Personwerdung des Menschen“ beauftragt werden… Das kann nicht nur in der Schule geschehen, da gebe ich dir Recht, aber dennoch ist eine klare Ausdifferenzierung mit allen Konsequenzen (insbesondere der Herausbildung eines tragfähigen symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums) notwendige Bedingung, um von einem Erziehungssystem sprechen zu können.

    Ich möchte mich gleichzeitig allerdings von dem ideologischen Reflex aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive distanzieren, die den Autonomieverlust ihres Systems beklagen oder (schlimmer noch) mit der Pädagogisierung der Umwelt antworten. Das System muss sein eigenes Medium in Stellung bringen, alles weitere klärt sich dann. Das dringlichste Problem bleibt die Transformation von Unwahrscheinlichkeit zu Wahrscheinlichkeit – Komplexitätsreduktion.

  7. Pingback: Intelligenz als Medium — autopoiet/blog

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