„Soll Verständlichkeit bedeuten: Verständlichkeit für jedermann? Verständlichkeit ohne Mühe? Verständlich ohne jede Vorbereitung, ohne jeden Zeitaufwand des Nachdenkens und Entschlüsselns?“ (Niklas Luhmann)
„Labyrinthisch, unverständlich, anstrengend.“ Mit einer gewissen Regelmäßigkeit lassen sich Beschreibungen wie diese nach dem Erstkontakt mit den Schriften Niklas Luhmanns beobachten. Bücher wie „Soziale Systeme“ oder „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ dürften zu den meistgekauften und am wenigsten vollständig gelesenen Büchern¹ zählen. Natürlich zu Unrecht. In persönlichen Gesprächen mit Lesern, die nicht resignieren, begegnet mir regelmäßig die Frage „Wie beginne ich eine systematische Luhmann-Lektüre?“ Da sie auch immer häufiger in digitaler Form gestellt wird, soll dieser kurze Artikel eine entsprechende Antwort geben — aus der Position eines immanenten Beobachters, versteht sich.
Der vermutlich gängigste Satz in Einführungen in das Theoriewerk Luhmanns lautet sinngemäß: Dieses Buch wird die Lektüre der Originaltexte nicht ersetzen können. Es folgen dann für gewöhnlich die unterschiedlichsten Rechtfertigungen für den Umstand, dass diese eine Einführung nun doch noch geschrieben werden musste. Die signifikant gestiegenen Verkaufszahlen von Einführungsliteratur (nicht nur für Systemtheoretisches) unterstreichen den offensichtlichen Bedarf nach Reduktion (Korrelationen mit der Neustrukturierung der Universitäten nicht ausgeschlossen) und lassen zusätzliche motivierende Faktoren erahnen, die dann aber vermutlich im Wirtschaftssystem codiert sind.
Wenn die Frage lautet, wie die Luhmann-Lektüre begonnen werden kann, müsste der konsequente Ratschlag lauten: „Soziale Systeme“ lesen (dies war übrigens auch mein erster Zugang — der mich zugebenermaßen einige Nerven kostete und mein Durchhaltevermögen auf eine harte Probe stellte. Glücklicherweise waren Faszination und Herausforderung durch das waghalsige Projekt einer Universaltheorie größer als die Widerstände gegen die Lektürearbeit). Luhmann selbst bezeichnete „Soziale Systeme“ im Untertitel als „Grundriß einer allgemeinen Theorie“ und in einem Interview mit Rainer Erd und Andrea Maihofer alle vorherigen Publikationen als „Null-Serie der Theorieproduktion“. Ausgestattet mit einem umfangreichen Index ist „Soziale Systeme“ für mich auch heute häufig die erste Wahl, wenn es gilt, einzelne Begriffe oder Details nachzulesen.
Trotzdem gibt es empfehlenswerte Begleitlektüre für die Reise ins Land der Theorie autopoietischer Systeme.² In Anbetracht Luhmanns enormer Produktivität (geschätzte 14000 Druckseiten allein auf Basis der Erstpubikationen — nicht zufällig lautete der Titel der Festschrift zu seinem 60. Geburtstag „Theorie als Passion“…), dem häufig als labyrinthisch empfundenen Design seiner Theorie und seiner eigensinnigen Sprache kann ich den Wunsch nach Komplexitätsreduktion durchaus nachvollziehen. Zwei Einführungen halte ich dabei für hinreichend geeignet: „GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme“ von Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi und Elena Esposito sowie „Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme“ von Georg Kneer und Armin Nassehi.
Das erstgenannte Buch ist dabei mein absoluter Favorit und ungemein hilfreich. Das Glossar akzeptiert die Zirkularität Luhmanns Theorie und verabschiedet sich konsequent von einem linearen Aufbau. Statt dessen bietet es einen gedruckten Hypertext: In über 60 prägnanten Artikeln gelingt den Autoren die Skizze der zentralen Begriffe von „Soziale Systeme“ (zum Beispiel Autopoiesis, Form/Medium, Sinn und viele mehr) — eine Konzeption, die das GLU zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk macht. Darüber hinaus bieten die Autoren dem Leser unterschiedliche „Lesewege“ durch ihr Buch an, abhängig vom primären Erkenntnisinteresse (beispielsweise Gesellschaftstheorie, allgemeine Systemtheorie, Grundbegriffe etc.). Das umfangreiche Verweissystem innerhalb der Artikel ermöglicht nicht zuletzt selbstgewählte Sinnselektionen. Zusammenfassend: Ein unverzichtbares Arbeitsbuch für jeden Luhmann-Leser.
Das zweite Buch, das ich unter dem Etikett „Einführung“ empfehlen kann, ist besagtes von Kneer/Nassehi. Hier wird im Gegenteil zum GLU ein sehr linearer Pfad verfolgt, der aber (vorallem im Gegensatz zu anderen Einführungen) durch eine solide Basis („Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma“ beginnt bei Hegel und skizziert über von Bertalanffy, Parsons, die Kybernetiker und dann insbesondere Maturana/Varela den Weg zu Luhmann) und eine klare Sprache überzeugen kann. In der Folge legen die Autoren die Schwerpunkte ihrer Einführung auf eine verständliche Erläuterung zur Theorie sozialer Systeme und zur Theorie der Gesellschaft. Beiden hier vorgestellten Büchern ist gemein, dass sie die Verknappungen Luhmanns Theorie auf ein der Sache angemessenes Maß beschränken.
Ein dritter und letzter Weg eröffnet sich dem interessierten Leser dank der Vorlesungstranskriptionen Dirk Baeckers. Es handelt sich um die verschriftlichte Form der im Wintersemster 1991/92 an der Uni Bielefeld gehaltenen Vorlesung „Einführung in die Systemtheorie“. Im Vorwort merkt der Herausgeber an, dass Luhmann dabei auch „mit Hörern rechnete, die zum ersten Mal mit der Materie konfrontiert wurden“. Insofern bietet der Band (den Luhmann selbst vermutlich nie publiziert hätte, ebd.) gewissermaßen die einmalige Gelegenheit, mit Luhmann selbst den Luhmann-Einstieg zu wagen. Ein besondereres Erlebnis garantiert übrigens die Kopplung mit dem Audiomitschnitt der Vorlesung, der beim Carl-Auer-Verlag in Form von MP3-Dateien zu erwerben ist: Das gleichzeitige Lesen und Hören Luhmanns ermöglicht die vielleicht unmittelbarste Auseinandersetzung — zumindest für jene angehenden Systemtheoretiker, die wie ich nicht das Glück hatten, Niklas Luhmann während seiner Tätigkeit in Bielefeld live erleben zu können.
Eine letzte abschließende Anekdote. Ein von mir außerordentlich geschätzter Dozent ermutigte mich sinngemäß wie folgt während der Lektüre von „Soziale Systeme“: „Die ersten 400 Seiten sind hart, dann macht langsam alles Sinn. Und nach der Lektüre ist nichts mehr wie vorher.“ Er sollte Recht behalten.³
¹ Vermutlich nicht nur in den Bücherregalen Studierender…
² Oder, um in einem Bild zu bleiben, das Luhmann selbst gebrauchte: Beim Flug über den Wolken gibt es hier und da auch die Möglichkeit mit dem Tower oder anderen Piloten zu kommunizieren.
³ Danke, Sönke! Muss ja auch mal gesagt werden.


