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Neu-[Form]-ationen. Heute: Der Kongress.

one way

Nach den letzten Erörterungen zu den Geschehnissen rund um die deutschsprachige Wikipedia habe ich begonnen, empirische Daten zur Herausbildung neuer Interaktions- und Organisationsformen im Zuge der Umstellung des gesellschaftlichen Hauptverbreitungsmediums zu suchen und zu archivieren. Dabei bin ich auf den spannenden Bericht Torsten Meyers zum Bundeskongress der Kunstpädagogik in Düsseldorf gestoßen: Dieser Artikel ist äußerst lesenswert, denn er berührt explizit die Frage nach einer angemessenen Form des wissenschaftlichen Kongresses. Ein (um einige Hyperlinks ergänzter) Ausschnitt aus meinem Kommentar (der gesamte Artikel findet sich hier):

Der bereits erwähnte ↳ Dirk Baecker skizziert in einem kurzen Beitrag (”Zurück zu den Sachen”, erscheinen in: ders.: ↳ Postheroisches Management. Ein Vademecum, Berlin 1994, S. 16 – 19, hier: 18f.) seine Idee des postheroischen Managements, “[…] das sein Heldentum nicht mehr in der Verfügung über Kapitalvermögen und einer Inszenierung entsprechender Risikobereitschaften und Verantwortungen sucht, sondern einen neuartigen Spürsinn für die sachlichen und sozialen Dimensionen der Organisation von Arbeit und der Verteilung von Verantwortlichkeit entwickelt, die damit einher geht. Das geht nur unheroisch, weil große Gesten nicht geeignet sind, andere zur Mitarbeit anzuregen.”

Eine Übertragung auf die Kunstpädagogik (oder Wissenschaft im Allgemeinen) liegt nahe, denn Baecker zieht Wirtschaft nur als beispielhafte Anwendung heran: Grundsätzlich haben wir es mit Fragen nach der Organisation (also einem Spezialfall sozialer Systeme) zu tun. Kapitalvermögen lassen sich auch ↳ im Sinne Bourdieus lesen und an Inszenierungen zu denken, liegt bei der Rede vom ↳ Theaterdiskurs nahe. Die (system-)theoretischen Implikationen auszubreiten erscheint mir unnötig, der zentrale Punkt ist wohl folgender:

Gerade weil die klassischen Konferenzen mit ihren Heroen nicht mehr zeitgemäß erscheinen, sich gleichzeitig aber durch beeindruckende Resistenz gegen Irritationen auszeichnen, treten alternative Organisationsformen (eben sogenannte ↳ Unkonferenzen oder ↳ BarCamps) auf den Plan, die ohne die üblichen Teilnahmebedingungen (Einladungen, Mitgliedschaft in der entsprechenden Fachgesellschaft, Teilnahmegebühren etc.). In der Form der Organisation (genauer: auf Programmebene) wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass auf “undemokratische” kommunikative ↳ Einbahnstraßen (wie eben Vorträge ohne Partizipationsoption) weitgehend verzichtet wird – als Konsequenz der Tatsache, dass sie eben nicht “geeignet sind, andere zur Mitarbeit anzuregen.” In diesem Sinne ist man fast versucht zu raten: “Bildet ein, zwei, viele Bundeskongresse!” Oder weniger sloganhaft: Strukturen bleiben nur unverändert, wenn aktiv dafür gesorgt wird, dass sich nichts ändert. Wenn sich die Form nicht ändert, müssen neue gefunden werden. Für die Kunstpädagogik als solche heisst das wohl mit ↳ Fritz B. Simon: “Der Status quo bedarf immer der Erklärung!”

Post Scriptum: Inwiefern die Kommunikationen in den “Neuen Medien” Bedingung der Möglichkeit der Entwicklungen neuer Formen der Interaktion und Organisation darstellen (oder ob wenigstens bzw. überhaupt eine Korrelation besteht) ist eine weiterführende (und ungemein spannende) Frage. Die Vermutung liegt nahe.

(Grafik: Ausschnitt aus “ one way sign” von flickr-User Coach O. CC-Lizenz)

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