Permalink

5

SZ: Schanze, Gentrification, tertiumdatur

»Die „Schanze“ ist mittlerweile eine feste Adresse für jede Klassenreise nach Hamburg sowie der Stolz der Hamburg-Werbung. Diesen Ruhm verdankt sie vor allem dem Vergnügungs- und dem Krawall-Tourismus. Auf letztlich sechs Straßen im nördlichen St. Pauli ballt sich ein Angebot an Läden, Kneipen, Friseuren und Imbissen, das 362 Tage im Jahr von jungen Besuchern lebt, drei Tage aber von angereisten Autonomen attackiert wird, die gegen den Staat und die „Gentrification“ kämpfen wollen. Obwohl das Viertel einst als Kreativreaktor der Stadt galt, geprägt von Musikern, Künstlern, Netzaktivisten, Modemachern und Architekten, hat die Polarisierung zwischen Schaufenster-Glotzen und -Einschmeißen bedenklich zugenommen. Als Einkaufszentrum für Jugendmoden und Kampfplatz für Schrebergarten-Anarchismus ist das kulturelle Flair der Schanze stark verblasst.« (SZ vom 21.07. 2009, S. 13)

Die Kontrastierung von „Schaufenster-Glotzen und -Einschmeißen∑ gefällt mir. Mit Blick auf den pop-autonomen Dresscode sollte man sich aber die Frage stellen, ob es sich dabei wirklich um eine eine strikte Entweder/Oder-Unterscheidung handelt – oder ob nicht wahlweise auch tagsüber gezahlt und des Nachts eingeschmissen werden kann…

(Foto: Auschnitt aus dem Bild „Himmel über Flora“ von Jan Koch)

5 Kommentare

  1. Hallo Markus, halle Malte,

    ich finde das Thema ziemlich kompliziert, insbesondere wenn man mit beiden Beinen drin steckt (meine Wohnstationen in Hamburg so far: 1 Jahr Schanze, fünf Jahre St. Pauli, seit drei Jahren Wilhemsburg – die „Gentrification“ war eine stete Begleiterin…).

    Ich kann nur ein persönliches Fazit geben: „Die Gentrification“ zu kritisieren halte ich für ähnlich einfallslos wie „den Kapitalismus“ anzuprangern. Kritik macht Sinn, wenn sie zu (Selbst-) Reflexion anregt und funktionale Äquivalente vorschlagen kann. Wer von Gentrification spricht, sollte von sich selbst nicht schweigen – da beobachte ich häufig eine merkwürdige Doppelmoral (die Malte sehr treffend beschreibt). Auch bei mir selbst.

    P.S. Eine besondere Gefahr sehe ich zusätzlich bei Bekundungen mit dem Tenor von „Yuppies raus – das ist unser Kiez!“ (so als Transparent gesehen). Dabei werden ziemlich unangenehme Assoziationen aktiviert, die eine strukturelle Nähe zur „Blut und Boden“-Ideologie aufweisen: Hier die rechtschaffenen Schanzen-, Kiez- oder Wilhelmsburgbewohner (mindestens seit der Zeit, bevor der Stadtteil gehyped worden ist), dort die parasitären und Subkultur-zersetzenden Yuppies, Studenten, Werber, Galão-Trinker (nicht Zutreffendes bitte streichen). Das ist schon ein ziemlich unterkomplexer #fail, beruht aber vermutlich darauf, dass Ressentiments häufig einfacher aufrecht zu erhalten sind als Selbstreflexionen…

  2. Oha, die Gentrifizierung, komisch, ich hatte auch mal darüber geschrieben und dann ging es los mit den Artikeln, Filmen und Aktionen. Nicht, dass da ein Zusammenhang besteht, leider nicht: http://roitsch.info/2008/12/gentrification/

    Das blöde ist, ich weiß wirklich nicht, wie ich mich verhalten soll. Steine werfen werde ich nicht aber boykottieren und dann in einem anderen Stadtteil in eine andere Filiale der gleichen Kette gehen?! Das ist so ähnlich wie „Ah, Tiere töten ist gemein aber Fleisch ist lecker!“

    Wo ich jetzt richtig ins Grübeln komme, ob das neue Restaurant von Tim Mälzer, Bullerei, auch schon zur Gentrifizierung gehört!? http://www.bullerei.com/

    Eigentlich ist Tim Mälzer ja auch Hamburger Urgestein und ich sehe kaum ein wesentlichen Unterschied zu anderen Restaurants in der Gegend, weder preislich, noch von der Karte her. Aber das Design, das Moderne, etc. irgendwie passt es doch eher unten an die Elbe. Was denkt ihr?

    Achja, der Film „Empire St.Pauli – Von Perlenketten und Platzverweisen“ ist jetzt unter CC-Lizens vollständig online: http://vimeo.com/5459411

    Habe ihn selbst noch nicht gesehen aber ich werde ihn mir mal die Tage anschauen. (Und DANN vielleicht auch mal ein Stein in die Schaufensterscheiben werfen. NICHT, war nur n Spass!)

  3. Durchaus. Samstags kauft man sich den Carhartt-KaPu in dem Laden in der Schanzenstraße, dann besäuft man sich (idealerweise im Saal II), zieht die Kapuze über, schmeisst dem Laden die Scheiben ein, und arbeitet dann am Montag wieder als Kreativnutte in der Glashüttenstraße. Dabei träumt man davon sich selber zu verwirklichen, mit eigenen T-Shirt-Designs und so. Diese werden dann bei Cyroline am Knust verkauft, wo sich gleichzeitig die Studenten die sich noch kein Carhartt leisten können ihren KaPu kaufen. Nur um dann dort wieder die Scheiben einzuwerfen, worüber man sich als T-Shirt-Designer wiederum aufregt, weil wegen der Laden is ja „Indie“.

    Sonntags frühstückt man übrigens im Portugiesen-Viertel – weil Schanze „geht ja gar nich mehr, ey“. :D

  4. Kleiner Nachtrag:

    Ohne Zweifel haben (politische) Konflikte eine Funktion: Als eigene und hochintegrative soziale Systeme gewährleisten sie Erwartungssicherheiten wo Erwartungen zuvor unsicher waren; somit dienen Widersprüche als Immunsystem für die Autopoiesis: Es muss etwas geschehen, um den Widerspruch (kommunikativ) zu lösen. Eine komplette Negation ist nur schwer denkbar:

    „So kann man jedoch im Latenzbereich einer funktionsorientierten Ordnung nicht formulieren, denn genau das ist ja schon längst das Prinzip der Systeme, die man ablehnt. Es müßte also eine Konsolidierung jenseits aller Austauschbarkeiten möglich sein […]. Der Grund dafür dürfte sein, daß eine an Funktionen orientierte Systemordnung das, was für sie latent bleiben muß, nicht funktionalisieren kann, weil sie es eben dadurch in die Ordnung selbst einbeziehen würde. Was möglich bleibt, ist dann nur noch eine Art blinder, funktionsloser Terrorismus: eine auf Existenz reduzierte Gegenkontingenz.“ (Luhmann, Soziale Systeme, S. 464f.)

  5. Ich finde das Wettern gegen Gentrification als solche durchaus gerechtfertigt, aber gerade die Reduzierung auf einzelne, und das Verlangen des Ausschlusses einzelner Gruppen ist genau die falsche Richtung. Nicht „Yuppies Raus“, im Gegenteil: Yuppies rein, aber nachhaltig. Die Hamburger Stadtentwicklung sieht sozial heterogene Stadtteile anscheinend zur Zeit als Übergangslösung, sie müssen aber das Ziel sein. Es darf in keine Richtung Ghettoisierung geben, ein (durchaus erheblicher) Bestandteil des Wohnungsmarktes in der Innenstadt muss reglementiert und für sozialschwache Gruppen (dazu zähl ich hier auch mal Studenten) subventioniert werden und vor allem BLEIBEN. Nicht weils so schön multikulti ist, sondern um die Marginalisierung und die Entstehung von Banlieues a la Billstedt und Osdorfer Born zu verhindern. Am besten sollte man da auch ein paar Yuppies und Kreative einquartieren ;)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.