Umstellungen.

shift

Er­zie­hung. Was be­deu­tet am Übergang zur Com­pu­ter­ge­sell­schaft die Um­stel­lung der ge­sell­schaft­li­chen Dif­fe­ren­zie­rung von Struk­tu­ren, die auf Kom­mu­ni­ka­tion im Me­dium der Buch­ge­sell­schaft zu­ge­schnit­ten sind, auf Struk­tu­ren, die auf Kom­mu­ni­ka­tion im Me­dium des Com­pu­ters an­ge­passt sind für das Er­zie­hungs­sys­tem? Die Be­wäl­ti­gung des neu auf­tre­ten­den Überschuss-Sinns durch das Ver­brei­tungs­me­dium geht mit ei­ner Um­stel­lung der ge­sell­schaft­li­chen Dif­fe­ren­zie­rung ein­her – der Com­pu­ter zwingt die Ge­sell­schaft zu ei­ner Re­ak­tion auf den Com­pu­ter. Wid­mete Ni­klas Luh­mann sein Haupt­werk noch der Buch­druck­ge­sell­schaft mit ih­rem Prin­zip Bi­blio­thek, wird die „nächste Ge­sell­schaft“, von der Dirk Ba­ecker spricht, ei­nem an­de­ren Prin­zip fol­gen (müs­sen); Ba­ecker selbst ver­mu­tet das „Netzwerk“.

Aber las­sen wir die Spe­ku­la­tion bei­seite und fra­gen nach den mög­li­chen Kon­se­quen­zen der Um­stel­lung des Haupt­ver­brei­tungs­me­di­ums – ins­be­son­dere mit Blick auf die hier in­ter­es­sie­rende Frage nach dem sym­bo­lisch ge­ne­ra­li­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dium des Er­zie­hungs­sys­tems. Ba­ecker kon­sta­tiert eine Ent­kopp­lung des sys­tem­theo­re­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­griffs, also des Drei­schritts aus In­for­ma­tion, Mit­tei­lung und Ver­ste­hen: „An­ders for­mu­liert, die Kom­mu­ni­ka­tion im Me­dium des Com­pu­ters hat nichts an­de­res als die In­for­ma­tion selbst, um dar­über zu ent­schei­den, ob et­was und was da­mit zu ma­chen ist“ 1 Die Re­sul­tate für das re­la­tive Ne­ben­ein­an­der von In­for­ma­tio­nen geht ein­her mit ei­nem „Pau­schal­ver­dacht der kom­plet­ten Fik­tio­na­li­tät“ (Ba­ecker), ei­ner „De­re­al­sie­rungs­angst“ (Ben­ja­min Joe­ris­sen) und ei­ner ge­naue­ren Be­ob­ach­tung der Un­ter­schei­dung von Rea­li­tät und Fik­tion – und ih­rer Ein­heit 2.

Wenn die Er­zie­hung das Pa­ra­digma von In­hal­ten hin zu Kom­pe­ten­zen um­stellt und die Ge­sell­schaft mit ei­ner mas­si­ven Re­struk­tu­rie­rung kon­fron­tiert ist, was bleibt als Er­kennt­nis für die Er­zie­hung? Und spe­zi­fi­scher: Für ih­ren Un­ter­richt, für ihre In­ter­ak­tion und Organisation?

Or­ga­ni­sa­tion und In­ter­ak­tion „[…] müs­sen in der Lage sein, For­men der Kom­bi­na­tion he­te­ro­ge­ner Sach­ver­halte zu er­pro­ben, in de­nen zwar prin­zi­pi­ell je­des Ele­ment aus­ge­tauscht wer­den kann, gleich­zei­tig je­doch auch für je­des Ele­ment, seine es Per­so­nen, In­halte oder Cur­ri­cula, hin­rei­chend dau­er­hafte Chan­cen ge­ge­ben sein müs­sen, Er­fah­run­gen zu ma­chen, aus ih­nen zu ler­nen, sich zu ändern und dar­aus wie­der neue Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Kurz, Er­zie­hung im Me­dium der In­tel­li­genz wird in ers­ter Li­nie dar­auf ab­stel­len müs­sen, Selbst­be­ob­ach­tung in ver­schie­de­nen Kon­tex­ten aus­zu­bil­den.“ 3

Sel­ten habe ich eine trenn­schär­fere Ana­lyse der re­zen­ten An­for­de­run­gen an das Er­zie­hungs­sys­tem ge­le­sen 4. Wir hal­ten fest: In­tel­li­genz wurde in An­leh­nung an Par­sons, Luh­mann und Ba­ecker als die ge­ne­ra­li­sierte Fä­hig­keit im Um­gang mit Wis­sen be­schrie­ben; also zu­vor­derst als die Be­fä­hi­gung Nicht­wis­sen zu iden­ti­fi­zie­ren und von dort auf die Mög­lich­keit des Wis­sens zu schlie­ßen: „Per­son wird man, in­dem man lernt, Wis­sen und Nicht­wis­sen als eine Form mit zwei Sei­ten zu be­grei­fen und zu be­han­deln.“ 5

Dem bleibt – für heute – nichts hinzuzufügen.


Die Gra­fik ba­siert auf dem Foto „Mac­book Pro Key­board“ des flickr-Users vi­sual­den­sity. Es un­ter­liegt ei­ner cc-Lizenz. Danke!

An­mer­kun­gen

  1. BAECKER, Erziehung im Me­dium der In­tel­li­genz, in: EHRENSPECK, Yvonne, LENZEN, Die­ter (Hg.): Be­ob­ach­tun­gen des Er­zie­hungs­sys­tems. Sys­tem­theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ven, 2006, S. 55.
  2. Er­kennt­nis­theo­re­tisch ist auf das Pro­gramm des ra­di­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus hin­zu­wei­sen, auch populär-medial wurde die Ein­heit die­ser Dif­fe­renz pla­ciert: The Ma­trix (ers­ter Teil), The Tru­man Show, Das Netz etc. …6. Die Ant­wort bil­den mit Ba­ecker hy­bride Netz­werke, wie sie auch Bruno La­tour skiz­ziert hat 7LATOUR, Bruno: Wir sind nie mo­dern ge­we­sen, Frankfurt/Main 1998 und ders.: Eine neue So­zio­lo­gie für eine neue Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 2007.
  3. BAECKER, Er­zie­hung, S. 57.
  4. Be­zeich­nend, dass es ei­nen So­zio­lo­gen da­für braucht.
  5. BAECKER, Nie wie­der Ver­nunft, Hei­del­berg 2008, S. 346.

Kommentare

  1. Er­zie­hung im Me­dium der In­tel­li­genz wird in ers­ter Li­nie dar­auf ab­stel­len müs­sen, Selbst­be­ob­ach­tung […] aus­zu­bil­den.„
    http://bit.ly/dNLdki

  2. Auf den le­sens­wer­ten Ar­ti­kel v. @autopoiet bin ich ge­rade erst ge­stos­sen wor­den: http://bit.ly/dNLdki
    #leit­me­di­en­wech­sel #schule
    (@lisarosa)

  3. Danke für den Hin­weis auf den Bei­trag! Ein mir bis­her nicht be­kann­ter, gu­ter Be­griff von Er­zie­hung, der so of­fen wir ‚trenn­schaft‘ ist. Er macht deut­lich, dass je­der Ver­such, ein ein­heit­li­ches Cur­ri­cu­lum zu ent­wi­ckeln, wel­ches die In­halte für ei­nen Normal-Schüler fest ver­an­kert auf ei­ner Zeit­leiste fi­xiert und in Stu­fen ein­teilt, nicht mehr wei­ter trag­fä­hig ist. Nur durch fle­xi­bi­li­sierte Ler­nar­ren­ge­ments las­sen sich „hin­rei­chend dau­er­hafte Chan­cen“ ent­wi­ckeln, dass Ler­nende Er­fah­run­gen ma­chen dür­fen um sich da­von aus­ge­hend zu ändern und in­di­vi­du­elle Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Das wäre ein Punkt, an dem sich im heu­ti­gen Sys­tem eine Bruch­stelle fin­den wird.

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