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Der Leviathan schlägt weiter Wellen

Oder: die Geister, die ich rief. Eine zweite Antwort auf Klaus Kusanowskys Replik »Der Leviathan: das Internet als Katastrophe und soziale Dämonie«. Die erste Antwort findet sich hier. Mein ursprünglicher Artikel dort.

Leviathan

»Allein unsere bisherige Vorstellung von der Wissenschaft hat eine Beherrschung absolut gemacht, die sonst relativ geblieben wäre.« – Bruno Latour

Der Leviathan, beziehungsweise seine Metapher, schiebt sich laufend vorweg: Wenn man Medienarchäologie betreibt, also das Referenzsystem umfassend ausflaggt, kann man die (mutmaßlich) richtige oder falsche Verwendungsweise von Vergleichen plausibilisieren – das macht die Sache nicht undurchsichtig, aber zeitaufwendig. Man kann auch schlicht und einfach merken, dass man von Unterschiedlichem spricht und die Unterscheidung löschen. Das aber nur am Rande.

Ich spule etwas zurück: »Denn die Strukturen vernetzter Computer erzeugen eine Unbestimmtheitsstelle, an der etwas geschieht, wovon man noch nicht weiß, wie es weiter gehen wird«, schreibt Klaus Kusanowsky im Beitrag »Die Katastrophe der Empirieform 1«. Dieser Umstand ist sicher nicht zu leugnen, seine Erkenntnis ist ebenso gewiß nicht sonderlich neu: das, was wir als »komplizierte Datenmengen« deklarieren ist vor allem in historischer Betrachtung eine hochgradig kontingente Angelegenheit. Für den federbekielten Mönch im mittelalterlichen Scriptorium würde es sich bei den laufenden Metern von Literaturbestand in einer durchschnittlichen Universitätsbibliothek wohl sehr wahrscheinlich um eine ebenso »komplizierte Datenmenge« gehandelt haben wie für den rezent-ratlosen wissenschaftlichen Betrachter des Internets. Die Parallelisierung von Medienrevolutionen führt dann m.E. zu dem Schluß, dass folgendes Zitat auch für Bücher gelten muss: Sie »[…] rechnen sie mit, das heißt, als unverzichtbare Umweltbedingung verändern sie die Resultate der Kommunikation auf eine Art und Weise, die in der Kommunikation von der Kommunikation weiterverwendet werden müssen« (Kusanowsky). Die Frage läuft also auf den vielfach prognostizierten Austausch des Beobachtungsschemas hinaus, egal ob wir das Aufziehen der ersten Wolken nun als Katastrophe oder Dämonologie bezeichnen… (den vom Autor diagnostizierten »appellativen« Charakter meiner Breitenbach-Replik konnte ich übrigens immer noch nicht identifizieren).

Was bedeutet das für die Empirie?
Die Erfindung der (hier: empirischen) Wissenschaft, bekanntermaßen Resultat dieser letzten, großen Katastrophe, basiert auf einem Gentlemen’s Agreement, das doxa, bislang als bloße »Meinung« verspottet, als Dispositiv von prinzipiell gleichrangigen Gewährsleuten gesellschaftsfähig macht – und somit Fakten schafft (vgl. die Rekonstruktion des bereits oben Zitierten am Beispiel von Robert Boyles berühmter Luftpumpe). Ob ein solches Beobachtungsschema oder ein Medium wie Wahrheit durch das Auftreten des Computers in die Mottenkiste gehören oder nicht doch in neue Formen inkorporiert werden wird (wie bei allen vorangegangenen Medienrevolutionen auch), sei dahingestellt. »Disposition« ist nicht wertend, soviel ist Fakt. Das wollte ich übrigens auch Herrn Breitenbach mitteilen. »[A]uch ein Verhältnis von Selbst und Welt – wie auch immer man es auffassen wollte – wird sich performativ Musealisieren lassen müssen.« Transzendentes Ideenschauen oder Deduktion von Gott sind ja auch nicht mehr en vogue… Als eine »Zumutung« würde ich das übrigens nur in jenem Maße bezeichnen wollen, in dem auch jeder kommunikative Akt per se als Zumutung begriffen werden kann. Ansonsten ist das genau mein Punkt, ja. Schön gesagt.

Obligates Postscriptum: Wir sollten bei all den Überlegungen nicht vergessen, dass mit dem Rekurs auf Wahrheit (bzw. Überprüfbarkeit) nur ein extrem begrenzter und idiosynkratischer Auschnitt alltäglicher Kommunikation Gegenstand der Beobachtung ist: nämlich Wissenschaft (bzw. und unter besonderen Umständen: Journalismus). Und am lautesten soll man ja immer über sich selbst lachen können.

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