#ec10hh. Das Hamburger EduCamp — ex post.

ec10hh

Zwei Tage ↳Ham­bur­ger Edu­Camp (und viele Tage der Vor­be­rei­tung und –freude) lie­gen hin­ter mir — Ge­le­gen­heit für eine kurze Rück­schau. Ich be­schränke ich mich da­bei auf we­nige Schlag­lich­ter (die mög­li­cher­weise als wei­ter­füh­rende Ver­weis­samm­lung zu den ein­zel­nen Ses­si­ons von Nut­zen sein kön­nen). Eine sol­che Re­tro­spek­tive ist un­ver­meid­bar se­lek­tiv, was nicht zu­letzt der Tat­sa­che ge­schul­det, dass ich nur ei­nen Bruch­teil der ↳ins­ge­samt 55 Ses­si­ons be­su­chen konnte. Die größte Qual des Edu­Camps, so­viel vor­weg, be­stand für mich in der Not­wen­dig­keit, zwi­schen so vie­len span­nen­den An­ge­bo­ten se­le­gie­ren zu müssen.

#Dis­kus­si­ons­runde: “Das In­ter­net. Ein Bildungsraum?”

Die be­reits ↳im Vor­feld heiß dis­ku­tierte Dis­kus­si­ons­runde stellte für mich summa sum­ma­rum ei­nen au­ßer­or­dent­li­chen Ge­winn dar. ↳Lisa Rosa (↳In­iti­al­state­ment), ↳Pe­tra Grell, ↳Rolf Schul­meis­ter (↳State­ment) und ↳Ben­ja­min Jö­ris­sen (↳State­ment) dis­ku­tier­ten mit Chris­tina Schwalbe und Pu­bli­kum das weite The­men­feld von Me­dium, Ler­nen, Bil­dung, Kul­tur und Ge­sell­schaft an; dass da­bei Fra­gen nach den Be­grif­fen, ih­rem Zu­sam­men­spiel und den für die Pra­xis re­sul­tie­ren­den Fol­gen wäh­rend 70 Mi­nu­ten we­der er­schöp­fend noch ein­ver­nehm­lich ge­klärt wer­den kön­nen, ist nicht wirk­lich überraschend.

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Hilf­reich für die wei­tere Aus­ein­an­der­set­zung war Ben­ja­min Jö­ris­sens Dif­fe­ren­zie­rung un­ter­schied­li­cher Zu­gänge zur Un­ter­su­chung des In­ter­nets und sei­ner spe­zi­fi­schen Be­deu­tung für Lern– und Bil­dungs­pro­zesse (hier­bei wur­den die Per­spek­ti­ven der Schrift­mo­no­kul­tur, der an­ge­wand­ten Me­di­en­di­dak­tik so­wie ei­ner ↳struk­tu­ra­len Me­di­en­bil­dung Mag­de­bur­ger Prä­gung un­ter­schie­den). Trotz von­ein­an­der ab­wei­chen­der Sprach­spiele schien es, als be­stehe bei al­len Dis­ku­tie­ren­den Kon­sens dar­über, Bil­dungs­räume nicht auf das So­cial Web re­du­zie­ren zu kön­nen (Ana­lo­ges scheint auch für Kul­tur gel­ten). Ob das Ver­hält­nis von In­ter­ak­ti­ons­sys­te­men (“real life”) und Netz­werk (“so­cial web”) da­bei als Ne­ben­ein­an­der oder Ge­gen­satz be­grif­fen wird, stellt eine span­nende An­schluss­frage dar, die im Rah­men der Ver­an­stal­tung aber nicht ver­tieft wor­den ist. Wei­tere Kno­ten­punkte der Dis­kus­sion bil­de­ten sich um den Be­griff des Ler­nens (es­sen­ti­el­ler Kern, an­thro­po­lo­gi­sche Kon­stante oder me­di­en­re­la­tiv?), ins­be­son­dere des Ge­gen­sat­zes zwi­schen for­ma­len und in­for­mel­len Ler­nen, so­wie um die Frage nach der Rolle von Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen und des So­cial Webs (Neue Ver­net­zungs­struk­tur! Neue Lo­gik — In­put, Struk­tur für in­for­mel­les Ler­nen) für den so skiz­zier­ten Antagonismus.

Theo­re­tisch wie prak­tisch er­gibt sich gro­ßes An­schluss­po­ten­tial für span­nende Fol­ge­fra­gen; au­ßer­dem steht für mich am Ende der Dis­kus­sion vor­al­lem die Ein­sicht, end­lich Charles Dar­win im Ori­gi­nal le­sen zu müs­sen (Stich­worte: In­va­ri­anz, Evo­lu­tion ver­sus Re-Volution). Eine all­ge­mei­nere Zu­sam­men­fas­sung des Dis­kus­si­ons­runde fin­det sich bei den ↳Bil­dungs­re­por­tern, eine ↳kri­ti­sche Re­flek­tion bei Ben­ja­min Jö­ris­sen. Wer sich lie­ber selbst ein Bild ma­chen möchte, kann auf eine ↳Vi­deo­auf­zeich­nung zurückgreifen.

Post Scrip­tum: Zur un­schö­nen antiintellektuell-induzierten Dis­kus­sion um die Form werde ich mich nicht mehr äußern. Ich habe das in ↳ei­nem Kom­men­tar ge­tan und pflichte an­sons­ten ↳Mandy Schief­ners Ein­schät­zung bei.

#Ses­sion: “Keine Bil­dung ohne Medien”

Die Vor­stel­lung und Dis­kus­sion des Ma­ni­fests ↳”Keine Bil­dung ohne Me­dien” in ei­ner Ses­sion von ↳Kers­tin Mayr­ber­ger und ↳Ben­ja­min Jö­ris­sen hängt eng mit den zen­tra­len As­pek­ten der Dis­kus­si­ons­runde zu­sam­men — für mich ins­be­son­dere mit der zu­letzt er­wähn­ten Frage nach Mög­lich­kei­ten und Her­aus­for­de­run­gen für Or­ga­ni­sa­tio­nen des “Bil­dungs­sys­tems” (aus sys­tem­theo­re­ti­scher Per­spek­tive kann die­ser Be­griff nur in An­füh­rungs­zei­chen ge­braucht wer­den): Ab­war­ten oder in­ter­ve­nie­ren (in An­be­tracht ope­ra­tio­na­ler Ge­schlos­sen­heit so­zia­ler Sys­teme heißt das: ir­ri­tie­ren), um eine der nächs­ten Ge­sell­schaft ad­äquate Pra­xis– und Kul­tur­form zu ent­wi­ckeln? Bil­dungs­po­ten­ziale ent­ste­hen nicht ex ni­hilo — die In­itia­to­ren schla­gen da­her ei­nen dif­fe­ren­zier­ten Weg zwi­schen “Di­gi­tal Native”-Hype und me­dia­lem Pes­si­mis­mus vor.

Die (in­di­rekte) Adres­sie­rung der Or­ga­ni­sa­tion deckt sich da­bei m.E. mit dem Kon­zept, das im Rah­men des Pro­jekts ePUSH als “↳stu­dent lifecy­cle” für die Leh­rer­bil­dung vi­sua­li­siert wor­den ist und zu­künf­ti­gen Leh­rer als leis­tungs­fä­hi­gen, pro­duk­tive Im­pulse ge­ben­den “Pa­ra­si­ten” (im Serres’schen Sinne) be­greift — und so­mit An­schluss­si­cher­heit zu ge­währ­leis­ten versucht.

#Ses­sion: “Cul­tu­ral Hacking”

Sehr nah daran für mich übri­gens wie­derum das Kon­zept “Cul­tu­ral Hacking”, das ↳Tors­ten Meyer in sei­ner gleich­na­mi­gen Ses­sion bild­reich vor­stellte und da­bei auch auf die ↳ePUSH-Poster ver­wies, die im Rah­men des Edu­Camps zu neuem Le­ben er­weckt wur­den. Hin­ter­gründe zum Cul­tu­ral Hacking fin­den sich in ↳Tors­tens Web­log.

#Ses­sion: “Game ba­sed learning”

↳Wey-Han Tan prä­sen­tierte und dis­ku­tierte seine Ideen zum Game Ba­sed Learning bzw. Se­cond Or­der Ga­ming. Wei­tere In­for­ma­tio­nen zum radikal-konstruktivistischen Zu­griff auf das Spiel sind in sei­nem ↳Web­log zu fin­den. Un­be­dingt emp­feh­lens­wert und als ers­ter Ein­stieg sehr ge­eig­net sind m.E. die ↳Fo­lien zu Weys Prä­sen­ta­tion sei­ner ↳Master-Thesis.

#Ses­sion: “Neue Musikinterfaces”

↳Arne Bense prä­sen­tierte im Rah­men sei­ner “Hands on”-Session die Kom­bi­na­tion der Soft­ware Ab­le­ton Live und des Multitouch-Interfaces Jazz­mu­tant Le­mur — eine ge­lun­gene Über­lei­tung zum Abend­pro­gramm am Frei­tag. Für den mu­sik­wis­sen­schaft­li­chen Back­ground der Ses­sion rund um die Be­griffe Virtualität/Cyberspace, In­ter­faces und In­stru­mente emp­fehle ich nach­drück­lich die Lek­türe von ↳Ar­nes Blog, akus­ti­sche Re­sul­tate sei­ner Ar­beit fin­den sich da­ge­gen un­ter an­de­rem ↳hier.

#Ses­sion: “Das Port­fo­lio Paradox”

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Ein letz­tes Schlag­licht soll an die­ser Stelle auf jene Ses­sion ge­wor­fen wer­den, die ich ge­mein­sam mit ↳Kers­tin Mayr­ber­ger, ↳Chris­tina Schwalbe und ↳Chris­tian Beer­mann an­bot. Wir ent­schie­den uns am Frei­tag­abend, in An­be­tracht (des ent­ge­gen al­ler Er­war­tun­gen Portfolio-freien) Ses­si­on­plans spon­tan eine Ses­sion zum Thema an­zu­bie­ten, die in­halt­lich an Er­geb­nisse und vor al­lem of­fene Fra­gen der letzt­jäh­ri­gen ↳Cam­pus In­no­va­tion an­knüp­fen sollte (hier übri­gens der ↳Link zur Ab­schluss­dis­kus­sion, der ich als Ver­tre­ter ei­ner stu­den­ti­schen Per­spek­tive bei­wohnte). Un­sere Ses­sion diente pri­mär dem Er­fah­rungs­aus­tausch und der Frage, ob bzw. wie sich das päd­ago­gi­sche Pa­ra­dox ver­flüs­si­gen lässt, das bei der Ar­beit mit der Portfolio-Methode und (im Ge­gen­satz zu je­ner mit we­sent­lich tri­via­li­sie­ren­de­ren Pro­gram­men) be­son­ders gut ex­em­pli­fi­ziert wer­den kann.

Die Er­geb­nisse wur­den im ↳EduCamp-Wiki do­ku­men­tiert und kön­nen dort wei­ter er­gänzt wer­den. Schließ­lich sei im Geiste des Zet­tel­kas­tens auf die mit dem Schlag­wor­ten ↳”ePort­fo­lio” bzw. ↳”Pa­ra­do­xien” ver­se­he­nen Ein­träge in mei­nem systemisch-konstruktivistischem Blog ↳Selt­same Schlei­fen ver­wie­sen. Mir hat die Ses­sion viel Spaß ge­macht — danke an alle Teilnehmenden!

[Edit: Re­fle­xio­nen zu un­se­rer Ses­sion fin­den sich auch bei ↳Chris­tina, ↳Kers­tin und ↳Chris­tian.]

#Fa­zit

Ein Fa­zit zu for­mu­lie­ren fällt schwer. Das Wo­chen­ende war ebenso in­spi­rie­rend wie an­stren­gend. Ich freue mich in je­dem Fall, Teil ei­nes so groß­ar­ti­gen ↳Orga-Teams ge­we­sen zu sein dür­fen und möchte an die­ser Stelle al­len Teil­neh­me­rIn­nen in Ham­burg für En­ga­ge­ment und Freund­lich­keit dan­ken. Wir se­hen uns auf dem nächs­ten EduCamp!

Mehr re­tro­spek­tive Be­richte sind im ↳Nachlese-Abschnitt des EduCamp-Wikis zu fin­den, eine fo­to­gra­fi­sche Do­ku­men­ta­tion in ↳Ralfs flickr-Album.


Kommentare

  1. Joeriben sagt:

    Hätte ich mal Ar­nes Ses­sion nicht ver­passt! So ein Ärger.

    Apro­pos Evo­lu­tion: Dar­win zu le­sen ist si­cher im­mer eine gute Idee, aber ich denke, die neuere Evo­lu­ti­ons­for­schung kann erst ei­ni­ger­ma­ßen er­klä­ren, wieso Evo­lu­tion re­la­tiv schnell von­stat­ten geht. Das „al­ter­na­tive Sp­li­cing“ z.B. kenne ich aus meine Bio-Leistungskurs nicht, und es ist sehr span­nend. http://de.wikipedia.org/wiki/Alternatives_Splicing
    Und au­ßer­dem, am Rande für we­gen des selbst­re­fe­ren­zi­el­len Me­cha­mis­mus für Dich viel­leicht in­ter­es­sant zu ken­nen: Man­fred Ei­gens Theo­rie der Hy­per­zy­klen. Hier kann man viel­leicht schon mit der Medium/Form-Differenz ar­bei­ten (RNA als Medium./.RNA als Form)!

  2. Sebastian sagt:

    @joeriben: Danke für den Tipp, war mir völ­lig un­be­kannt… Die erste Wiki-Suche ver­weist auf „Man­fred Ei­gen, Pe­ter Schus­ter: The Hy­per­cy­cle — A Prin­ciple of Na­tu­ral Self Or­ga­niza­tion, Ber­lin 1979.“ — klingt span­nend. Er­setzt aber ver­mut­lich die Darwin’schen Ba­sics nicht, oder?

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