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Eigenwerte

„Während die klassische Logik vom Satz der Identität ausging, weil er im Axiomengerüst dieser Logik unentbehrlich zu sein schien, kann man heute fragen: wie wird Identität produziert (oder mit Heinz von Foerster: errechnet)? Offenbar kommt es zu Identifikationen nur unter zwei Voraussetzungen. Die eine besteht im Weglassen von Unterschieden, etwa solchen der räumlichen oder zeitlichen Lokalisierung. Ohne Abstraktion (und zwar nicht: Abstraktion von anderen Objekten, sondern Abstraktion von Unterschieden!) gibt es keine Identität. Die zweite Voraussetzung liegt im Gelingen einer rekursiven Produktion von »Eigenwerten«. Identität muß, mit anderen Worten, am schon Identifizierten identifiziert werden. Die Wiederholung der Operation des Identifizierens (trotz eines immer kühneren Weglassens von Unterschieden) muß gelingen, muß das für identisch Gehaltene kondensieren können. Und anders als in der Mathematik muß dies rekursive Testen mit anderen Operationen in veränderten Konstellationen aber im selben System erfolgen, sie muß also trotz Kontextvariationen konfirmiert werden können. Auf diese Weise errechnet das System seine »Eigenwerte« und identifiziert Identität als Zeichen für solche Eigenwerte, und über Eigenwerte kann es dann Eigenverhalten organisieren.“

Aus: Niklas Luhmann – ↳Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main1992, S. 311f. Grafik: Ausschnitt aus ↳”Geek Graffiti” von flickr-User ↳Ben Cumming mit ↳cc-Lizenz.

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