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Macht’s gut und danke für den Leviathan

Leviathan

Eine Antwort auf den F.A.Z.-Blogs-Gastbeitrag »Das Internet, ein konstruierter Leviathan?« von Patrick Breitenbach vom 01.10. 2010.

Die Frage nach dem Leviathan (der als Metapher in Anspielung auf die Schrift Thomas Hobbes’ schlicht und einfach falsch verwendet worden ist), ist bereits andernorts (1/2/3) andiskutiert worden und soll hier nicht Thema sein. Geschenkt. Auch die Reduktionen auf wirtschaftlich bzw. machtpolitisch interpretierte Kritik (»Genau diese Leuchttürme sehen sich aber in ihrer Existenz bedroht«) am neuen Leitmedium ist mir an dieser Stelle egal – obwohl ich denke, dass solche Erklärungsversuche zu kurz greifen. Nach der Lektüre des Beitrags stellt sich mir vor allem die Frage, ob die fast beiläufige Behauptung des Autors haltbar ist, derzufolge wir die Maschinen lenkten – und nicht etwa die Maschinen uns.

Die zugespitzte Formulierung ist vermutlich eine implizite Replik auf kulturpessimistische und neuromystifizierende Artikel, die nahezu alltäglich abgespult werden (zuletzt und besonders unrühmlich: »Denken, wie das Netz es will« von Uwe Jean Häuser in DIE ZEIT 39 vom 23. September 2010, S. 26f., online) und in diesem Kontext sicher ein lobenswertes Unterfangen. Trotzdem (oder gerade deswegen): die bloße Negation dummer Thesen garantiert keine Wahrheit, im Gegenteil. Wer sich zu einer Behauptung wie »Nicht die Maschinen lenken uns, wir lenken die Maschinen« hinreißen lässt, verbreitet meines Erachtens Unsinn. Man lässt dann nämlich unberücksichtigt, dass das Medium (für das Hard- und Software sowie Netzwerk zusammen gedacht werden muss – oder vielleicht noch grundsätzlicher und mit McLuhan: Elektrizität) für die Mehrheit der Nutzer opak bleibt. Das beginnt bei der Architektur der Maschine, setzt sich bei Grammatik und Wortschatz von Programmiersprachen fort und endet nicht bei (potentiellen wie faktischen) sozialen Konsequenzen unreflektierter Nutzung digitaler Technologien. Der Computer ist und bleibt für den Großteil seiner Nutzer eine black box.

Neben dieser ersten, recht schlichten Einsicht in die Unnachvollziehbarkeit der technisch-medialen Basis ist ein weiterer und gewichtigerer Aspekt zu bedenken: dass die Verwendung eines Hauptverbreitungsmediums unausweichlichen Folgen für Struktur und Kultur der Gesellschaft hat (Dirk Baecker). Und unausweichliche Folgen für Kommunikation, Erkennen und Denken seiner Nutzer – Folgen, die als solche nicht wahrgenommen werden müssen, manchmal nicht wahrgenommen werden können. Kurz: Medien und ihr Gebrauch schreiben sich ein, in Historie, Epistemologie, Sinnbildung der Menschheit.

Was bedeutet das für den Artikel von Patrick Breitenbach, der Anlass zu dieser Replik ist? Die Reaktion auf kulturpessimistische und technikfeindliche Positionen sollte m.E. nicht in (zu) einfachen Antithesen bestehen; Begeisterung für ein »neues« Medium darf nicht mit einem tieferen Verständnis eben jenes Mediums verwechselt werden (»verwechselt« im Sinne Spencer Browns, der in seinen »Laws of Form« das Gleichheitszeichen als Verwechslung definiert). Wir sind mit technisch-medialen a prioris konfrontiert und täten gewiß gut daran, die Implikationen der Verwendung eines neuen Leitmediums für Gesellschaft zu reflektieren: also Normierungen von Informationsverarbeitung und ihrer Semantik; der nachhaltigen Formatierung des Sozialen (und als solches soll das umfassende Sozialsystem Gesellschaft verstanden sein). Vielleicht fehlt uns zum gegebenen Zeitpunkt einfach das begriffliche Instrumentarium, um diese Herausforderung zu denken? Muss das »neue« Medium daher immer und immer wieder von bereits etablierten Medien unterschieden werden, sich gegen diese behaupten oder gegen »Diskreditierungsversuche« (Breitenbach) zur Wehr setzen? Man ist versucht an Pubertät zu denken: Das neue Leitmedium hat offenkundig die Phase der Gegenabhängigkeit, wie man im Rückgriff auf die Sozialpsychologie und mit Michael Giesecke formulieren könnte, noch lange nicht verlassen. Noch einmal: Wir haben es hier nicht mit Determinismus zu tun oder linearen Abhängigkeiten. Das Internet ist schlicht und einfach noch nicht erwachsen. Seine Folgen für die Gesellschaft unabsehbar, aber gewiss.

Das Internet »bedroht die gesellschaftliche Ordnung und das kulturelle Niveau« tatsächlich – das ist aber weder »abgrundtief böse« noch ist es uneingeschränkt gut. Das ist zunächst einmal ein Faktum. Wenn sich die Kommunikation bewegt, muss das Denken mit. Der Umkehrschluss gelte gleichermaßen. Jenseits der Binärlogik von Dämonisierung und Euphorie.


Grafik: Ausschnitt aus »Leviathan« von Roberto Padula.

8 Kommentare

  1. Die Frage nach dem Leviathan (der als Metapher in Anspielung auf die ↳ Schrift Thomas Hobbes’ schlicht und einfach falsch verwendet worden ist), ist bereits andernorts (1/2/3) andiskutiert worden und soll hier nicht Thema sein.

    Auch Hobbes bediente sich für seine Schrift der biblischen Mythologie. An keiner Passage des Textes sprach ich von Hobbes Leviathan. Auch bediente mich des übermächtigen Ungeheuers, um ein passendes Bild für die von mir subjektive Beobachtung der Dämonisierung des Internets. So viel Zeit muss sein. ;-)

    die bloße Negation dummer Thesen garantiert keine Wahrheit, im Gegenteil

    Als radikaler Konstruktivist glaube ich nicht an die absolute Wahrheit – nur an eine vom Konsens konstruierte. Derzeit beobachte ich eine starke Tendenz dass man sich im Zusammenhang mit dem Internet eine Ohnacht konstruiert, in der memetischen Formel „Maschinen beherrschen uns Menschen“. Die Gegenthese ist daher sehr wohl als Antidot zu sehen und entspricht sicherlich nicht der Gesamtheit aller diesbezüglichen Thesen. Ich denke auch, dass es eine gegenseitige Beeinflussung gibt, aber sowohl der Ursprung wie auch das hypothetische Ende der Maschinen liegt beim Menschen selbst. Ob es nun sinnvoll ist auf Maschinen zu verzichten oder ob ein Schritt der Maschinenlosigkeit zu radikal wäre, darüber lässt sich weiterhin streiten, dass wir aber gegenüber Maschinen völlig willenlos und ohnmächtig sind, das bestreite ich hiermit vehement.

    Natürlich birgt fortschreitende Technologie auch eine fortschreitende Komplexität in sich. Komplexe Maschinen sind keine One-Man-Shows mehr, dass heißt sehr viele menschliche Gehirne haben sich zusammengeschlossen um diese Maschine überhaupt bauen zu können. Logisch ist dann wiederum, dass einzelne menschliche Gehirne eine komplexe Maschine gar nicht mehr intellektuell erfassen kann. Das führt zu dem von dir beschriebenen Black Box Effekt.

    Ich glaube daher umso mehr dass wir Menschen in einer durch und durch komplexen Welt entweder

    a) einfach Thesen, Bilder und Semantik benötigen
    b) für wesentlich mehr Tätigkeiten ein kollaboratives Denken und Handeln

    benötigen, im bestenfall beides.

    Simplen, angstmachenden Thesen kann man nicht allein wissenschaftlich hochkomplexen Ausführungen entgegenstellen, die Wirkung würde (leider) verpuffen. Wenn man wirklich etwas in aller Breite bewegen möchte, so muss man mit einfachen, bildhaften Gegenthesen gegensteuern (aber eben nicht ausschließlich).

    Von daher ist mein Artikel im FAZ-Blog tatsächlich ein Versuch mit relativ einfachen Worten und Metaphern dem derzeitig konstruierten Leviathan entgegenzutreten, sich eben nicht von ihm einfach verschlingen zu lassen. Es ist Komplexität die allen Angst macht, der Kontrollverlust, aber eben die von mir geforderten utopischen Fantasien führen zu einer Kontrollmöglichkeit zurück – wenn auch sie ebenfalls nur konstruiert sind.

    Ich bleibe dabei, wir entscheiden was die Maschinen für uns tun können.

  2. Okay, der Leviathan: Als »radikaler Konstruktivist« weisst Du bestimmt um das hermeneutische Prinzip, demzufolge die Bedeutung einer Aussage durch den Hörer bestimmt wird, nicht durch den Sprecher. Vielleicht bin ich bei Hobbes einfach etwas sicherer als in der biblischen Mythologie… aber ich nehme die Referenz zur Kenntnis. Möglicherweise trifft Deine Metapher dann genau das, was Du mit ihrer Verwendung zu beabsichtigen suchtest. Oder so, Geschenkt. Der Leviathan ist mir eigentlich egal.

    Zu den spannenden Fragen: an absolute Wahrheit glaube ich auch nicht. Dass wir Maschinen gegenüber »völlig willenlos und ohnmächtig sind« habe ich nirgendwo behauptet. Ich frage mich, woher Du diese harten Gegensätze nimmst. Die halte ich, gelinde gesagt, für ziemlich unkonstruktivistisch… ;-)

    Ich zitiere Heinz von Foerster: »Diese Kategorien zerstören stören die Beziehung von Mensch zu Mensch, sie erzeugen ein Klima, in dem andere überredet, bekehrt und gezwungen werden. Es entsteht Feindschaft. […] Revolutionäre, die einen König stürzen wollen, machen häufig den bedauerlichen Fehler, daß sie laut und deutlich schreien: „Nieder mit dem König!“ Das ist natürlich kostenlose Propaganda für den König […]. Wenn ich eine Person, eine Idee oder ein Ideal laut und deutlich negiere, ist die endgültige Trennung noch nicht geglückt.« (in: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, 8. Auflage 2008, S. 32).

    Genau das versuchte ich mit dem Begriff Gegenabhängigkeit und der Pubertätsmetapher zu umschreiben: Das Internet wird auf eigenen Beinen stehen. Die Gesellschaft wird reagieren. Ich möchte mich auf das Spiel von »gut/böse«, »richtig/falsch« oder »besser/schlechter« nicht einlassen müssen… beide Seiten verweisen aufeinander – kostenlose Propaganda halt. Evolution ist nicht böse! Ich kann den Reflex verstehen (hast Du den erwähnten Artikel von Häuser aus der ZEIT gelesen? Da stehen einem tatsächlich die Haare zu Berge!), bleibe einstweilen aber bei meinen Leisten: Wissenschaft. Und ihrem Medium, der Wahrheit. Wohlgemerkt: nicht die absolute (welche sollte das auch sein?), aber jene, die Widerspruch zulässt. Ich würde das aber gerne jenseits der Konkurrenzsemantik von (vermeintlich) »neuen« und »alten« Medien tun. Und erst Recht nicht im Medium der Moral. Funktional sehe ich durchaus die Berechtigung von Widerspruch – als Alarm im Immunsystem der Gesellschaft. Aber bleiben wir nicht bei Widersprüchen stehen, okay?

  3. Mein Arbeitsfeld ist das Labor, das Experimentieren, das Machen und ich bin ein Anhänger des „aus dem Herzen“ Sprechens, was wiederum für mich den größten Wahrheitsgehalt enthält, weil man sich wenigstens nicht selbst dabei belügt. :-)

    Das hermeneutische Prinzip ist soweit klar, nur heißt das für mich nicht, dass der Sprecher keinerlei Mitsprache an der von ihm gemeinten Intention hat. Das wäre verquer. Daher versuche ich so gut es geht der Interpretation des Hörers Hilfestellung zu geben.

    Das werde ich nun auch an anderer Stelle versuchen: Ich habe nicht dir den harten Gegensatz zugesprochen, jedenfalls wüsste ich nicht wann. In der Tat ist meine These (Konstruktion) – nochmal – ein Gegengift zu Aussagen aus dem von dir zitierten ZEIT-Artikels oder beispielsweise Schirrmachers Thesen.

    Zu gut und böse: Gut und böse ist wie ALLES (und da steckt bei mir das radikale drin) konstruiert. Gleichzeitig wird es aber eine Welt ohne diese Kategorien nicht geben (jedenfalls nicht in dieser Dimension), das ist der „Denkfehler“ (bzw. seine Wirklichkeitskonstruktion) von Heinz von Foerster, auch wenn ich ihn und seine freien, radikalen Gedanken unglaublich schätze. Ich glaube auch, dass er selbst mal gesagt hat, dass die beste Geschichte am Ende gewinnt.

    Ich male also lieber romantische, fantasiereiche, utopische Geschichten, die dem Menschen einen Nutzen, etwas Schönes, mehr Lebensqualität schenken. Dazu bedarf es aber eben auch entsprechende Visionen in der Richtung. Konstruktivismus heißt eben in letzter Konsequenz für mich NICHT, dass man Konstruktion abschaffen kann, sondern im Gegenteil, dass man sie aktiv mitgestalten sollte. Dann sind wir nämlich beim imaginieren. Diese Vorstellung finde ich wesentlich spannender als eine rein geisteswissenschaftliche Wirklichkeitskonstruktion. Aber jedem so wie es ihm gefällt und ich finde die Wissenschaft eine interessante Variante um Geschichten zu erzählen, es verleiht ihnen tatsächlich so etwas wahres. ;-)

    Du siehst es prallen Welten aufeinander, aber wenigstens keine Universen! :-)

  4. Ich würde auch nicht behaupten, dass der Sprecher keinerlei Kontrolle über die (Nach-)Wirkungen seiner Aussagen hat, das wäre in der Tat verquer. Er kann beispielsweise nachfragen, sich vergewissern, Einspruch erheben, zustimmen und so fort. Dass man aktuelle Debatten mitgestalten kann und nach Möglichkeit auch sollte – auch dort gehe ich gerne mit. Das schließt meines Erachtens auch eine »geisteswissenschaftliche Wirklichkeitskonstruktion« in keiner Weise aus, im Gegenteil. Wenn es der Wissenschaft (oder: ihren Subdisziplinen) gelingt, die Berichterstattung der Massenmedien zu irritieren – wunderbar! Gleiches gilt auch für die Kunst, das sei nur am Rande bemerkt.

    Insofern bleibe ich unter dem Strich bei meinem Plädoyer: Wenn sich die Kommunikation bewegt, muss das Denken mit. Der Umkehrschluss gelte gleichermaßen. ;-)

  5. Da Wissenschaft für mich wie gesagt auch eine mögliche Kunstform ist, ist dem nichts mehr hinzuzufügen.

    Und so weit entfernt von deiner These bin ich ja im Grunde dann auch gar nicht, mir macht es einfach nur Spaß zu streiten und einfach mal die eine oder andere Position einzunehmen (Perspektivenwechsel) meist die Spiegelverkehrte, weil sonst bewegt sich ja am Ende gar nix mehr! ;-)

    Liebe Grüße

  6. »Konflikte dienen also gerade der Fortsetzung der Kommunikation durch Benutzung einer der Möglichkeiten, die sie offen hält: durch Benutzung des Nein«, schreibt Luhmann (1984, S. 530). Wenn es um Wahrheit(en) geht, also wissenschaftlich kommuniziert wird, um so besser! ;-)

  7. Der Vollständigkeit halber.

    Ein Link zur Meta-Diskussion: »Sind sich @breitenbach und @autopoiet uneinig darüber, dass sie sich eigentlich einig sind?« im Blog von Marco Luciano:

    http://marcoluciano.com/sind-sich-breitenbach-und-autopoiet-uneinig-d

    Und ein weiterer Link zum Kommentar »Der Leviathan: das Internet als Katastrophe und soziale Dämonie«, den Klaus Kusanowsky verfasst hat:

    http://differentia.wordpress.com/2010/10/03/der-leviathan-das-internet-als-katastrophe-und-soziale-damonie
    Anschluss:
    http://sebastian-ploenges.com/blog/2010/der-leviathan-schlaegt-weiter-wellen/

  8. „Wer sich zu einer Behauptung wie »Nicht die Maschinen lenken uns, wir lenken die Maschinen« hinreißen lässt“

    Oberste Direktive: Laß dich nicht hinreißen, laß dich nicht von deiner Wunschmaschine fremdsteuern? Oder: laß Dich nur zum guten hinreißen, nicht aber zum schlechten?

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