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Die nächste Stadt. Eine Simulation

urbs, urbis

Formenbildung im Medium der Simulation. Ein neuer mit-geteilter Zettel (↳vorheriger Zettel: »Krisis und Alarmsignale als Hypertext«) als weitere Annäherung an den Begriff »Performat« (↳Link). Heute: die nächste Stadt als Simulation. Gefunden bei Dirk Baecker – Die nächste Stadt. Ein Pflichtenheft (2009/10), S. 6f. ↳Hier online (Stand: 08.10. 2010).

»Die nächste Stadt, wenn die Anzeichen nicht täuschen, ist eine virtuelle Stadt (franz. virtuel, fähig zu wirken, möglich, lat. virtus, Tugend, Tüchtigkeit, Kraft, Männlichkeit), insofern sie sich zum Medium (lat. medium, die Mitte, das Mittel) ihrer selbst macht. Strenger noch als die moderne Stadt ist sie darüber hinaus ein urbaner Raum, der als solcher auf der Erde kein Außen mehr kennt. Die virtuelle Stadt hebt den in der modernen Stadt territorial noch sichtbaren, aber bereits nicht mehr funktionalen Unterschied zwischen Stadt und Land endgültig auf, indem Stadt, das Miteinanderleben von untereinander Unbekannten, jetzt überall möglich ist. Entscheidend ist, dass Protokolle verfügbar sind, die Zugriffe ermöglichen und definieren, dass Netzwerke ausgewiesen werden können, in denen man sich im Wissen um noch unbekannte, aber absehbare weitere Möglichkeiten bewegt, und dass Grenzflächen bis hin zu No-Go-Areas sichtbar sind, die Abstände schaffen, Gefahrenzonen ausweisen und so das Bewusstsein für die Riskanz jedes virtuellen Zugriffs wach halten. Der Begriff der Stadt beginnt, in die Irre zu führen, weil er unvermeidbar Konnotationen einer politischen Ordnung der Repräsentation und einer funktionalen Ordnung der anschaulich arbeitsteiligen Gesellschaft mit sich führt, die im urbanen Raum der nächsten Gesellschaft nicht mehr ohne Weiteres vorausgesetzt werden können.

Die nächste Stadt ist virtuell, das heißt sie bezieht ihre Realität daraus, dass sie Formen aller Art medialisiert und so deren Material für andere Formen brauchbar macht. Virtualität ist hierbei nicht etwa das Gegenteil von Realität, wie es ein weit verbreiteter Irrtum haben will, sondern eine Form des Umgangs mit Realität.

Die virtuelle Stadt ist ein urbaner Raum, in dem Rechner und Rechnernetzwerke dazu genutzt werden, Konstellationen zwischen Bewusstsein, Körper und Kommunikation auszuprobieren, für die bislang nicht nur die Phantasie, sondern vor allem die Kontrollmöglichkeit gefehlt hat. Die Suchmaschinen der privaten Computerbenutzer, die Diagnoseunterstützungsgeräte der Ärzte, die Reutersbildschirme der Aktienhändler, die CAD-Maschinen der Ingenieure, die Gefechtsfeldmonitore des Soldaten, die Modellrechner der Investoren, die Multimediamaschinen der Künstler, die Sicherheitsüberwachungssysteme zahlloser Polizisten, Wächter, Kontrolleure und eine Flut von statistischen Daten, die diesen Computernetzwerken nicht nur zur Verfügung stehen, sondern durch den schieren Umstand ihrer Nutzung aufgefrischt und vermehrt werden (zum Beispiel in der Form von clickstreams), verflüssigen und verdampfen ein weiteres Mal alles Bestehende (Karl Marx) und fangen Kondensate politischer und wirtschaftlicher, technischer und militärischer, kultureller und wissenschaftlicher Informationen auf, von denen man sich bisher vielfach nichts hätte träumen lassen.«

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