Operation Performat — eine Dokumentation

Cervantes

Die fol­gen­den Über­le­gun­gen sind Ant­wor­ten auf Ant­wor­ten auf Ant­wor­ten. Oder wahl­weise Fra­gen auf Fra­gen auf Fra­gen. Der ge­neigte Le­ser kann ↳vorne oder ↳hin­ten be­gin­nen den Fa­den auf­zu­neh­men. Oder in der ↳Mitte. Oder er kann es las­sen. Ent­schei­dend ist: Wenn er ihn auf­nimmt, be­ginnt er do­ku­men­tier­ten Spu­ren zu fol­gen. Die Form fin­det zu sich selbst: Zur Do­ku­ment­form von Hy­per­text.

Klaus Ku­s­a­now­sky ↳schreibt: »Wenn Luh­mann Recht hat mit sei­ner Ana­lyse, dass die Rea­li­tät der Me­dien, ihre reale Rea­li­tät, in ih­ren ei­ge­nen Ope­ra­tio­nen be­steht, so er­gibt sich dar­aus die Über­le­gung, dass die reale Rea­li­tät der Me­dien als die in ih­nen ab­lau­fen­den, sie durch­lau­fen­den Kom­mu­ni­ka­tio­nen be­schrie­ben wer­den können.«

So­weit, so klar. Luh­mann schreibt das ex­pli­zit: »Die Rea­li­tät der Mas­sen­me­dien, ihre reale Rea­li­tät könnte man sa­gen, be­steht in ih­ren ei­ge­nen Ope­ra­tio­nen. Es wird ge­druckt und ge­funkt. Es wird ge­le­sen. […] Es macht da­her gu­ten Sinn, die reale Rea­li­tät der Mas­sen­me­dien als die in ih­nen ab­lau­fen­den, sie durch­lau­fen­den Kom­mu­ni­ka­tio­nen an­zu­se­hen« (in der Aus­gabe von 1995 auf Seite 13 – dass die Zi­ta­tion als sol­che un­ter­schla­gen wurde, ist eine Skan­da­li­sie­rung nicht wert). Die Frage bleibt: wa­rum wird das Wis­sen durch Be­ob­ach­tung zwei­ter Ord­nung, »im Au­gen­blick sei­ner Pu­bli­ka­tion«, wie Ku­s­a­now­sky schreibt, »zer­stört«? Es han­delt sich, ins­be­son­dere wo »wis­sen­schaft­lich« kom­mu­ni­ziert wird, zu­nächst ein­mal um An­schluss­ope­ra­tio­nen – und Zi­tate. Be­reits der Be­griff der »Ope­ra­tion« im­pli­ziert den dia­gnos­ti­zier­ten Per­for­matcha­rak­ter; da­her würde ich schär­fer for­mu­lie­ren: wenn Kom­mu­ni­ka­tion, dann Per­for­mat. Das hat nichts mit La­ten­zen zu tun. Im übri­gen wird auch Be­trug, Schwin­del oder Fäl­schung und die re­sul­tie­rende Em­pö­rung kom­mu­ni­ka­tiv ver­han­delt – ein feh­ler­haf­tes Zi­tat bei­spiels­weise mit dem »Ori­gi­nal« (was im­mer das ist) ver­gli­chen. Ähn­lich kann dann (mit ent­spre­chen­dem Know-How) auch im welt­wei­ten Com­pu­ter­netz­werk ver­gli­chen wer­den, aber nur wenn die­ses Kön­nen ge­konnt wird (darum ging es übri­gens im ers­ten, »schlich­ten« Pas­sus mei­ner Re­plik auf Brei­ten­bachs Le­via­than, aber das hier nur am Rande): Un­ter Re­kurs auf IP-Adressen könnte Ku­s­a­now­sky den ↳ver­mu­te­ten iden­tiy fraud über­prü­fen. Ob im world­wide web durch den »Pro­zess ei­nes stän­dig fort­schrei­ten­den Zu­rück­ver­wei­sens von Do­ku­men­ten auf Do­ku­men­ten« tat­säch­lich alle Do­ku­men­ta­li­tät in der Ent­gren­zung ih­rer Mög­lich­keit« ver­schwin­det, darf je­den­falls be­zwei­felt wer­den. Um an­schluss­fä­hig zu blei­ben, wird das Rhi­zom li­nea­ri­siert – viel­leicht müsste man, um in Ku­s­a­now­skys Dik­tion zu blei­ben, von ei­ner »Text­ua­li­sie­rung« spre­chen? Es wird nach­ge­fragt. Es wer­den Ant­wor­ten ver­langt, nicht Ver­wei­sun­gen (was zu­gleich wie­der ein­ge­schränkt wer­den muss, in dem Maße, in dem Ant­wor­ten ja im­mer Ver­weise auf Ge­dan­ken und/oder Mit­tei­lun­gen sind). Ar­gu­men­ta­tion ent­zieht sich nicht ih­rer Do­ku­men­tier­bar­keit. Die ent­schei­dende Her­aus­for­de­rung ist doch wohl, die zahl­rei­chen Fä­den und Spu­ren auf­zu­neh­men – um dann im Me­dium der Ar­gu­men­ta­tion sinn­voll For­men zu bil­den. Das ver­su­chen Herr Ku­s­a­now­sky und ich übri­gens: Man muss das mit­un­ter hart­nä­ckig ein­for­dern, scheint mir. Aber es funk­tio­niert, ganz oldschool.

Noch ein kur­zer Nach­satz zu Buch und Text: Dass diese not­wen­dig li­near auf­ge­baut sein müs­sen stimmt nicht. Da­für wurde ↳ges­tern auf Arno Schmidts »Zet­tels Traum«, auf Baraldi/Corsi/Esposito und ihr »GLU« und hier­mit und heute auf Luh­manns »Ge­sell­schaft der Ge­sell­schaft« ver­wie­sen, die die­sem Be­fund ent­ge­gen­ste­hen. Wei­tere wi­der­stän­dige Bei­spiele gibt es si­cher reich­lich. Mög­li­cher­weise ist fol­gen­der ↳Pas­sus ein Sym­ptom eben je­ner Be­ob­ach­tung: »die Luh­mann­sche Sys­tem­theo­rie ist die erste So­zio­lo­gie, die zwar noch in Bü­chern auf­grund ei­nes Man­gels an Al­ter­na­ti­ven do­ku­men­tiert wurde, ohne aber, dass diese Theo­rie auf ihre Do­ku­men­tier­bar­keit an­ge­wie­sen wäre. Ir­gend­wie steht sie zwar ir­gendwo ge­schrie­ben, aber man kann nicht ein­fach mal nach­le­sen um ge­nau wis­sen zu kön­nen, was Luh­mann ge­meint hat.« Text ist nicht not­wen­dig li­near. Ku­s­a­now­skys Ana­lyse liegt ein »mo­der­nes« Ver­ständ­nis vom »Text« zu Grunde, das in die­ser Form em­pi­risch nicht (mehr) halt­bar ist (»Vor-Intertextualität« würde ich sa­gen, wenn das nicht so be­scheu­ert klänge).


Kommentare

  1. Kusanowsky sagt:

    ich be­fürchte, dass es sich bei der Un­ter­schei­dung Dokument/Performat um keine theo­re­tisch an­schluss­fä­hige, bes­ser: er­gie­bige Un­ter­schei­dung han­delt“ — der Ar­ti­kel oben be­weist et­was an­de­res. Denn tat­säch­lich bist du ei­ner der we­ni­gen, die ver­ste­hen, worum es geht. Am bes­ten hat mir diese Satz ge­fal­len:
    „wenn Kom­mu­ni­ka­tion, dann Per­for­mat.“ Ge­nau. Ent­schei­dend ist aber nicht mehr die Frage, ob das stimmt. Das wäre eine Frage tri­vi­al­po­si­ti­vis­ti­scher Hy­po­the­sen. Tat­säch­lich aber be­kom­men wir es, wenn wir Kom­mu­ni­ka­tion un­ter völ­li­ger Ver­nach­läs­si­gung po­si­ti­vis­ti­scher An­nah­men dis­ku­tier­bar ma­chen kön­nen, mit ei­nem Be­ob­ach­tungs­schema zu tun, das die Frage er­laubt: Wie und wo­durch ist die An­nahme em­pi­risch und so­zial an­schließ­bar zu ma­chen, dass es Men­schen sind, die kom­mu­ni­zie­ren, die han­deln, die be­trü­gen, ma­ni­pu­lie­ren? Wie ge­lingt es ei­ner Ge­sell­schaft, die Be­haup­tung evi­dent zu ma­chen, es könne Sin­nes­täu­schun­gen ge­ben? Wahr­neh­mungs­stö­run­gen? Geis­tes­krank­heit? Wie kann die Zu­rech­nung von Kom­mu­ni­ka­tion auf Men­schen de­ra­tige Evi­denz­ver­stär­kun­gen her­vor­ru­fen, dass eben nur das und nichts an­de­res em­pi­risch mög­lich scheint? Wie kann er­kenn­bar wer­den, dass eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie durch ein Sender-Empfänger-Modell höchste Ak­zep­tanz er­zeugt? Wie und wo­duch er­klä­ren wir die Struk­tu­ren der Rei­fi­zier­bar­keit al­ler Rea­li­tät in der Weise, dass so­gar noch „Geis­tig­keit“ als Ei­gen­tum be­han­delt wer­den kann und eine ent­spre­chende Grenz­über­schrei­tung als „Dieb­stahl geis­ti­gen Ei­gen­tums“. Wie brin­gen es die Sys­tem fer­tig, Wis­sen ha­ben, wei­ter­ge­ben, ver­heim­li­chen, ver­nich­ten zu kön­nen? Wie, wo­durch und wa­rum wer­den Un­ter­schiede von Iden­ti­tät und Al­te­ri­tät so der­ma­ßen be­las­tet, dass Mas­sen­mord als ein­zig mög­li­cher Aus­weg erscheint?

    Wie und wo­durch er­klärt sich all dies, wenn man nicht ein­fach scho­las­tisch be­haup­ten möchte, die Sys­teme seien über sich selbst im Irr­tum, im Un­kla­ren? Wenn man nicht ein­fach sa­gen kann, die Sys­teme hät­ten über sich selbst eine fal­sche Theorie?

    Also: Wie kann man in Er­fah­rung brin­gen, dass nur Kom­mu­ni­ka­tion kom­mu­ni­ziert? Nicht, ob das in­ter­es­sant ist oder nicht, klug, ir­rig, wei­ter­füh­rend, son­dern: wie kommt man dar­auf? Wenn die Ant­wort lau­tet: es seien selbst­re­fe­ren­zi­ell ope­rie­rende Sinn­sys­teme, die dar­auf kom­men, dann will ich wis­sen un­ter wel­chen Be­din­gun­gen sol­che Über­le­gun­gen ernst­haft er­wo­gen wer­den kön­nen. Unnd: un­ter wel­chen Be­din­gun­gen sol­che Über­le­gun­gen als ab­we­gig in Er­schei­nung tre­ten.
    Ich will also wis­sen: wie geht das vor sich in ei­nem Sys­tem, das sich über sich selbst in der Weise ir­ri­tert, dass es mal als sich selbst, mal als seine Um­welt mit den glei­chen Dif­fe­ren­zen und un­ter Be­rück­sich­tiugng der glei­chen Re­fe­ren­zen be­schrei­ben kann.
    Ich ap­pe­liere: bitte ein­mal we­ni­ger Luh­mann le­sen. Und ein­mal mehr die Frage stel­len, ob das wirre Zeug, dass in die­sen Bü­chern steht, nicht ei­gent­lich höchst merk­wür­dig, ja ver­däch­tig ist. Denn, es kommt ja nicht nur dar­auf an, was kom­mu­ni­ziert wird, son­dern auch dar­auf, was un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen nicht mehr oder noch nicht kom­mu­ni­zier­bar ist.

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