Rezension: Einführung in die eigenen Gedanken

End­lich ist Carl Au­ers »Ein­füh­rung in die ei­ge­nen Ge­dan­ken« ge­schrie­ben wor­den! Der Le­ser hält da­mit die viel­leicht ra­di­kalste Ein­füh­rung in sys­tem­theo­re­ti­sches und kon­struk­ti­vis­ti­sches Den­ken in den Hän­den, die bis­her ih­ren Weg in die Ver­öf­fent­li­chung fand. Doch be­gin­nen wir vorne. Sehr weit vorne so­gar: am An­fang näm­lich, im zei­chen­lee­ren Raum.

Der Hin­weis auf den un­un­ter­schie­de­nen Raum des Tao-Te-King, den Spen­cer Brown sei­nen »Laws of Form« in chi­ne­si­scher Kal­li­gra­phie vor­an­stellt, kann auf zwei­er­lei Art ins Deut­sche über­setzt wer­den: »Ohne Na­men (bzw.: Nichts) ist der An­fang von Him­mel und Erde.« Spen­cer Brown er­mun­tert im fol­gen­den Text seine Le­ser dazu, die Sym­me­trie des lee­ren Raums zu bre­chen, ei­nen Stift in die Hand zu neh­men und ei­gene Un­ter­schei­dun­gen zu tref­fen — ganz prak­tisch, in­dem sie Kreise auf ein Blatt Pa­pier zeich­nen. Carl Auer geht im vor­lie­gen­den Band ei­nen Schritt wei­ter: er stellt dem Le­ser 120 Sei­ten un­un­ter­schie­de­nen Raum zur Ver­fü­gung. Wir kön­nen ihn fül­len, wie es uns be­liebt. Das ge­samte Buch kann — ähn­lich wie Spen­cer Browns — als ein Vor­schlag ver­stan­den wer­den, selbst tä­tig zu wer­den. Der erste Satz die­ser Re­zen­sion ist denn auch eine Va­ri­ante des ers­ten Sat­zes je­ner Hymne, mit der Heinz von Fo­ers­ter im Früh­jahr 1969 die »Laws of Form« rezensierte.

Nicht zu­fäl­lig, wie wir heute wis­sen. Denn Carl Auer war einst Haus­leh­rer von Fo­ers­ters und be­rei­tete den jun­gen Heinz auf eine ma­the­ma­ti­sche Of­fen­ba­rungs­prü­fung am Übergang von der Volks­schule zum Gym­na­sium vor (wel­che Heinz ohne Schwie­rig­kei­ten be­ste­hen sollte). Eben die­ser Carl Auer war es dann auch, der den be­rüch­tig­ten gro­ßen Fermat’schen Be­weis (wieder)fand – aber ebenso wie Fer­mat selbst nicht nie­der­schrieb. Diese ethi­sche Hal­tung be­ein­druckte Heinz von Fo­ers­ter nach ei­ge­nem Be­kun­den nach­hal­tig (und er­in­nerte ihn ohne Zwei­fel an den Satz 6.421 des Trac­ta­tus Logico-Philosophicus sei­nes Nen­non­kels Lud­wig Witt­gen­stein). In den Wor­ten von Fo­ers­ters heißt das dann: »Das kann nicht zu an­de­ren ge­sagt wer­den, das kann man nur zu sich selbst sa­gen. So, wie man das Fer­mat­sche Prin­zip für sich sel­ber be­wei­sen kann, so wie man für sich sel­ber viele Ein­sich­ten ha­ben kann. Das ein­zige, was man ma­chen kann als ein Kon­struk­ti­vist, ist an­de­ren die Ge­le­gen­heit zu ge­ben, ihre ei­gene Welt zu kon­stru­ie­ren.« In­so­fern ist auch die­ses kleine Buch eine Ein­füh­rung in ein Den­ken, für das man selbst die Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men hat. Und da man ohne zu schrei­ben be­kannt­lich nicht den­ken kann (»je­den­falls nicht in an­spruchs­vol­ler, an­schluss­fä­hi­ger Weise«, so einst Ni­klas Luh­mann), er­weist sich Carl Au­ers Buch im All­tag als zweck­mä­ßi­ger Be­glei­ter und ge­eig­ne­tes Me­dium für al­ler­lei No­ti­zen und Skiz­zen. Im bes­ten Fall: für ei­ge­nes Denken.

Carl Auer: Ein­füh­rung in die ei­ge­nen Ge­dan­ken.
Carl Auer-Verlag, Hei­del­berg 2010. 120 Sei­ten, 
€ 4,00. Link.