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Show Media. [sic!]

slow

Am 02.01. 2010 erscheint ein kollaboratives ↳”Slow Media Manifest”, auf das die Welt nicht gewartet hat. Gründe? Fehlanzeige. Eine Chronik.¹

Draw a distinction and create a universe.

Mit zunehmendem Abstand zum ersten Lesen des Manifests scheint sich für mich die diskursive Blase um ein neues (bzw. in den deutschen Sprachraum neu importiertes) Buzzword leider als eben solche zu erweisen: Vor allem Spannung an der Oberfläche. Medientheoretische bzw. -didaktische Gemeinplätze werden in modischer Manifest-Form unter neuem Label aggregiert, als “slow” bezeichnet und dann wird munter entlang einer neuen Unterscheidung operiert (“Medium x ist “slow” (d.h. “gut”), gdw. es Kriterium y erfüllt oder in Weise z gehandhabt wird.”): Anstatt sich einer kritischen Diskussion der eigenen Forderungen zu stellen, kaprizieren sich die drei AutorInnen darauf, im eigens eingerichteten Blog an zahlreichen Beispielen die Definition vorzuführen und zu deklinieren.

Die in diesem Beitrag formulierten Zweifel sollen einigen Kerngedanken einzelner Thesen des “Manifests” in keiner Weise ihre Berechtigung absprechen; Qualität beispielsweise ist für viele Funktionen von Medien eine zentrale Forderung (ob für Journalismus im System der Massenmedien, für die Programme der Wissenschaft etc. – kontextabhängig und relativ zum jeweiligen Medium und seiner Funktion). Ich frage mich nur, welche Funktion das Manifest selbst erfüllen soll, auf welches Problem es eine Antwort geben mag, kurz: wozu das alles?

Katálogos.

Dass es bei Veränderungen im Zuge des Wandels gesellschaftlicher Hauptverbreitungsmedien zu Irritationen kommt, ist bekannt. Dass Gesellschaften Wege finden müssen, mit diesen Herausforderungen umzugehen, sich auf sie “einzustellen”, ebenso. Und auch die Erkenntnis, dass Errungenschaften als Resultat der Beschäftigung mit und in vorangegangenen Medien nicht ad hoc über Bord geworfen werden, ist gleichermaßen sinnvoll wie offensichtlich (so wird Sprache nach gewissen Regeln benutzt – die zwar wandelbar sind, aber nie völlig aufgegeben werden). Das Schlagwort “slow media” als Alarmsignal, Gedächtnisstütze, normativ aufgeladenes Immunsystem? Ein heroisches Statement, das den mahnenden Zeigefinger nutzt – aber davor warnt? Ich halte den Versuch einer solchen normativen Katalogisierung für irreführend, wenn nicht sogar die bloße Möglichkeit für einen offensichtlichen Trugschluss.

Halbzeitstand: Es wurde eine arbiträre Unterscheidung eingeführt, durchdekliniert und (wie auch anders?) in der Praxis bestätigt gefunden. Natürlich lässt sich so arbeiten (und man kann dann ↳Luhmanns Zettelkasten, ein ↳Kochbuch oder ↳Steine in Bayern in die neue Kategorie ein- oder aussortieren). Ein Schritt nach hinten (eine neue Unterscheidung, die eben jene erste beobachtet) offenbart dann aber genau diese Arbitrarität. “slow” um der slowness Willen kann nicht die Antwort sein. Und absolute Qualität jenseits des jeweiligen medialen Kontextes auch nicht, oder? Ein straffer Anforderungskatalog oder eine normative Todo-Liste für Medien (-umgang) muss mit Blick auf mediale Evolution irritieren: Woher soll eine “medienübergreifende Kategorie zur Bewertung und Nutzung von Medien” genommen (und vor allem: wie soll sie kommuniziert) werden?

Was bleibt: Medienevolution oder »Intelligent Design?«

Die mutmaßliche Kategorie, ihre Forderung und die Formulierung der Forderung sind einem medialen a priori unterworfen, selbst nämlich immer schon medial. Die von den AutoInnen geforderte Universalkategorie muss diesen Umstand berücksichtigen, sonst wäre sie keine. Sondern nur eine Illusion. Oder ein Taschenspielertrick. Kommunikation um der Kommunikation willen (es lässt sich zweifellos kontrovers über das “Manifest” streiten – wenn es das Ziel war, einen Diskurs zu initiieren, eine Kontroverse zu starten, – okay. Das kann man machen und das System der Massenmedien liebt Konflikte. Der bleibt aber mit Blick auf die Form an der Oberfläche).

Noch einmal: Was rechtfertigt also die universale Kategorie?

Moral?²

Ontologie?³

Intelligent Design?

Nein. Gesellschaften (er-)finden Regeln, Ideen, Kategorien im Laufe der Nutzung neuer Medien (Co-Evolution) – sie nehmen sie nicht an, nicht weil sie ihnen diktiert werden.⁴ Motivation und Rechtfertigung sind nicht dasselbe: Ein Manifest verfassen zu wollen rechtfertigt noch lange nicht die einzelnen Forderungen. Massenmedialer Konflikt (bzw. “Diskurs”) ist mir zu wenig. Über Begründungen für die vermeintliche Universalkategorie lässt sich produktiv streiten; und diese Begründungen entscheiden für mich über Relevanz oder Irrelanz des Unterfangens als solches. Die VerfasserInnen des Manifests sehen das offenbar anders.


Anmerkungen

1 Es handelt sich bei diesem Artikel um eine Zusammenfassung meiner drei Kommentare in der ↳”Diskussion” des Manifests.

2 ↳“Es geht bei slow media aber zu nahezu 90% um Normatives.” – @furukama

3 Solche Anklänge sind laut SZ bei Elissa Altman in der Huffington Post zu vernehmen: “Schallplatte statt MP3, Brief statt E-Mail, Buch statt Kindle.” (vgl. ↳hier)

4 Zumindest sind mir für Sprache, Schrift oder Buchdruck keine entsprechenden Versuche bekannt…

Grafik: Ausschnitt aus ↳”Slow” von flickr-User ↳freefotouk mit ↳cc-Lizenz. Danke!

3 Kommentare

  1. Ich danke Sebastian für seine schlauen und klug formulierten Fragen, die für mich sehr präzise das Problem beschreiben, das ich auch mit diesem Manifest – vielleicht aber sogar mit Manifesten überhaupt – habe. Kurz gesagt: Ich halte nicht viel von Appellen, weil ich ihnen nicht besonders viel zutraue. „Appellitis“ hat Luhmann (nicht der Holzhändler) das genannt und darin spöttisch eine Krankheit diagnostiziert: „[…] im Prinzip harmlos, keinesfalls lebensgefährlich; aber für den, der davon befallen ist, zeitweise doch recht schmerzhaft. Man sieht das an eigentümlichen Zuckungen und an der Heftigkeit und Insistenz, mit denen der Kranke agiert und andere anzustecken versucht.“

    Noch einige durch Sebastian angeregte vorläufige Anmerkungen (nicht streng systemtheoretisch durchgeführt): Ich denke, daß die Unterscheidung „slow“/“fast“ ganz grundsätzlich in die Irre führt – oder zumindest nichts zur Präzisierung des Problems bzw. der Funktionsweise „neuer“ Medien beiträgt. Man kann, darauf wurde ja auch schon oft genug verwiesen, langsam twittern oder schnell, und schon den Mönchen im Mittelalter war zuzutrauen, eine Handschrift auch mal schneller runter- bzw. rauszuhauen anstelle Monate an einem einzigen Buchstaben herumzuzeichnen. Geht es nicht vielmehr um die Frage, die dann allerdings gar keine neue (sondern typisch massenmediale) wäre: Wie läßt sich „Neues“ oder gar „Relevantes“ sagen – unter den allerdings neuen Bedingungen eines anderen Verbreitungsmediums, das die Unsicherheiten darüber weiter erhöht, ob das Neue nicht schon x-fach gesagt wurde oder das vermeintlich Relevante wirklich relevant sei (und für wen)? Wer sollte darüber entscheiden, wenn die Anschluß- und Irritationsmöglichkeiten durch das neue Verbeitungsmedium „Netz“ exponentiell gestiegen sind – und also potentiell beinahe „jeder“ darüber mitentscheiden kann?

    Ich lese das Manifest also viel eher als Ausdruck einer reichlich diffusen Sehnsucht nach einer Prämoderne, die es so wohl auch nie gegeben hat – auch wenn die Manifestautoren wieder und wieder betonen, „slow“ mit allen „fasten“ Mitteln der Zeit sein zu wollen. Sehnsucht nach moralisch codierten, also „guten“ Autoritäten, die Irritationsüberschüsse abbauen und damit – von vielen bestimmt gewünschte – Entlastungsfunktionen anbieten. Eine Art Manufactum im Netz (aber interessanterweise scheint auch dieser Katalog immer dicker zu werden und mithin: unübersichtlicher). Dieser Sehnsucht Ausdruck zu verleihen, ist im Genre der sog. „schönen Literatur“ übrigens schon zu den vergleichsweise slowen Zeiten der frühen 1980er Jahre Sten Nadolny gelungen: „Die Entdeckung der Langsamkeit“ heißt das Buch, das mich mit den Mitteln der Kunst unterhält, anstelle mich mit den Mitteln der Moral belehren zu wollen.

    Wenn es nur um die Anregung gehen sollte, sich bei dem, was man tut, anzustrengen und um Qualität zu bemühen (also zum Beispiel auch bei Tweets und in Blogs die Regeln der Rechtschreibung und Grammatik zu beachten – ein Hinweis, der ausdrücklich nicht gezielt auf die Manifestautoren gemünzt ist), dann muß man nicht so viele Worte machen. Dann genügt es mal wieder, sich an Bielefelder Phantome zu halten, wie bereits getwittert: „Es muß gut gemacht sein.“ Dem könnten bestimmt auch Lüneburger Holzhändler Luhmann zustimmen. (Danke an @PBBMarx für den ironischen Hinweis.)

    Und ein kluger, fingerfertiger Taschenspieler ist mir allemal lieber als ein erhobener Zeigefinger.

    Nichts für ungut, viele Grüße,

    Stefan

  2. Lieber Stefan,

    vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Wenn die Frage nach Funktion und Begründung im luftleeren Raum hängt, bleibt dem skeptischen Beobachter vor allem das Beobachten. Ohne Zweck sind Unterscheidungen übrigens auch nicht zweckdienlich, sondern willkürlich. Dann kann man moralin-infizierte, hybride Manifeste tippen, signieren, veröffentlichen (nicht Wissenschaft, nicht Journalismus, nicht Kunst…). Dass medientheoretisch reaktionäre Implikationen in Kauf genommen werden, empfinde ich als wesentlich unangemessener.

    Un dass schließlich im ganzen Retweet-Wahnsinn („#slowmedia“) genau das getan wird, was man eben noch mahnend anprangerte? Ironisch, aber geschenkt. Ob man eine „diffuse Sehnsucht nach einer Prämoderne“ diagnostizieren kann, weiss ich nicht (halte das aber auch nicht für kategorisch ausgeschlossen). Vermutlich sind die Gründe viel banaler… aber das bleibt Spekulation.

    Beste Grüße, S.

    P.S. http://twitpic.com/hg7ip

  3. „Woher soll eine “medienübergreifende Kategorie zur Bewertung und Nutzung von Medien” genommen (und vor allem: wie soll sie kommuniziert) werden?“

    Ganz einfach: durch die drei Autoren, die eine Unterscheidung treffen, die sich als medial anschlussfähig erweist. Freilich, aus systemtheoretischer Perspektive eine Banalität. Aber wir haben weder behauptet, etwas Außeralltägliches zu tun, noch uns besonders um Systemtheorie zu kümmern.

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