Permalink

39

Baecker: „15 Thesen zur nächsten Gesellschaft“

 

Perspektive

„Das In­di­vi­duum der nächs­ten Ge­sell­schaft spielt, wet­tet, lacht und ist rat­los. Es zählt wie in der Stam­mes­ge­sell­schaft, fühlt wie in der An­tike, denkt wie in der Mo­derne und muss sich den­noch jetzt und heute an der Ge­sell­schaft be­tei­li­gen. Es ver­ge­wis­sert sich sei­ner Gruppe, träumt von sei­nem Platz, be­rech­net seine Chan­cen und muss den­noch er­le­ben, wie be­reits die nächste Ver­wick­lung es über­for­dert.“ (Dirk Ba­ecker, ebd.)

Un­ter dem Ti­tel „Zu­kunfts­fä­hig­keit: 15 The­sen zur nächs­ten Ge­sell­schaft“ [edit: neuer Link!] hat Dirk Ba­ecker so­eben ein The­sen– und Dis­kus­si­ons­pa­pier on­line ver­füg­bar gemacht. Das The­sen­pa­pier bün­delt in we­ni­gen Sät­zen die theo­re­tisch re­le­van­ten Pro­gno­sen zur „nächs­ten Ge­sell­schaft“ (Kul­tur­form, Struk­tur­form, In­te­gra­ti­ons­form) und ih­rer wich­tigs­ten Sub­sys­teme (Po­li­tik, Wirt­schaft, Kunst, Wissenschaft, Religion) – so­wie mög­li­cher Im­pli­ka­tio­nen für Tech­nik, Mo­ral und Re­fle­xi­ons– oder Ne­ga­ti­ons­for­men (In­for­ma­tion bzw. Posse).

Es dient der Vor­be­rei­tung ei­nes „Theorie-Updates zur Next So­ciety“ im Rah­men des ge­mein­sam vom Lehr­stuhl für Kul­tur­theo­rie und –Ana­lyse der Zep­pe­lin Uni­ver­sity und dem Ma­nage­ment Zen­trum X or­ga­ni­sier­ten Sum­mer Camp 11 (30. Juni bis 3. Juli, Fried­richs­ha­fen) – aber ebenso gut als No­tiz­zet­tel zu Ba­eckers de­tail­lier­ten Aus­füh­run­gen (z.B. Stu­dien zur nächs­ten Ge­sell­schaft, Die Rede von der nächs­ten Ge­sell­schaftLay­ers, Flows and Swit­ches).

(Grafik: Giacomo da Vi­gnola, Per­spec­tive dia­gram, 1583; via)

39 Kommentare

  1. Das In­di­vi­duum spielt nicht, wet­tet nicht, lacht nicht und ist nicht rat­los. Es zählt nicht, fühlt nicht, denkt nicht und be­tei­ligt sich nicht. Es be­rech­net seine Chan­cen nicht, ist nicht über­for­dert und träumt auch nicht. Un­ter sei­nem Na­men wet­tet die funk­tio­nal dif­fe­ren­zierte Ge­sell­schaft auf ihre Über­le­bens­fä­hig­keit im Netz­werk ih­rer selbst. Sie setzt in ihm auf sich selbst in der Leere und Un­ge­wiss­heit ih­rer selbst, und sie bucht die­sen Ein­satz in ei­nem Kal­kül na­mens Bü­ro­kra­tie. An­ders ge­sagt: Un­ter dem Na­men des In­di­vi­du­ums spielt die Ge­sell­schaft (jede Ge­sell­schaft) ein bü­ro­kra­ti­sches Spiel mit sich selbst, sie be­rech­net ihre Chan­cen in ei­ner Wette auf ihr Ende. Wie­der an­ders ge­sagt: Un­ter dem Na­men des In­di­vi­du­ums re­si­diert die letzt­mög­li­che so­ziale Sach­lich­keit un­ter nächst­mög­li­chen so­zia­len Spannungen.

  2. @ Ma­ren Lehmann:

    Ja. Ich habe mit Luh­mann „In­di­vi­duum“ auch im­mer als eine Ord­nungs­ka­te­go­rie, bes­ser wohl: –größe, ver­stan­den – ins­be­son­dere und in ho­hem Maße für or­ga­ni­sa­to­ri­sche, po­li­ti­sche und/oder recht­li­che Zu­rech­nun­gen und da­mit: In­klu­sion. In­so­fern ist si­cher kein Zu­fall, dass es sich beim In­di­vi­duum um eine mo­derne Er­fin­dung han­delt. Dass ein sol­ches „In­di­vi­duum“ mo­der­nen Zu­schnitts der ra­tio­na­len Pro­gram­ma­tik sei­ner Zeit folgt (Mittel/Zweck-Relationen) und als sol­ches be­ob­ach­tet wird (prak­tisch: mit Re­gis­ter, Akte und CV; theo­re­tisch mit me­tho­do­lo­gi­schem In­di­vi­dua­lis­mus, Ra­tio­nal Choice und als homo oe­co­no­mi­cus) er­scheint ja nur… folgerichtig.

    Doch an und für sich muss die Stelle leer blei­ben, aber form-alisiert: Die Wette läuft wei­ter und das Spiel bleibt ris­kant. Wel­che Al­ter­na­tive bleibt auch – ge­rade in An­be­tracht der Tat­sa­che, dass die Form der Bü­ro­kra­tie und ihre Be­zif­fe­rung lau­fend Pfad­ab­hän­gig­kei­ten schaf­fen und der Preis des Aus­stiegs den des pro­gnos­ti­zier­ten Wett­ver­lus­tes si­cher­lich über­steigt, nicht nur po­li­tisch? Oder an­ders: wenn jede Ge­sell­schaft, die das In­di­vi­duum kennt, un­ter und in sei­nem Na­men das bü­ro­kra­ti­sche Spiel mit sich selbst spielt – was ge­schieht dann, wenn am Spiel­tisch lang­sam die Er­kennt­nis Ein­zug hält, dass man mit Spiel­geld zwar die Funk­ti­ons­weise ei­ner Spei­se­karte er­klä­ren kann, aber nicht satt wird?

  3. Auch wenn ich den voran ge­gan­ge­nen Kom­men­ta­ren von @Maren Leh­mann und @Sebastian et­was Bes­se­res ab­ge­win­nen kann als sie „nur“ hin­sicht­lich ei­nes Mei­nungs­stand­punkts zu be­trach­ten, so schei­nen mir, wenn auch nicht schlecht und mit pas­sen­dem Witz for­mu­liert, diese The­sen von D. Ba­ecker ei­gen­tüm­lich an­ti­quiert. Lei­der ha­ben wir den Fort­schritt, Be­mer­kun­gen die­ser Art nicht mehr als Aus­druck der Ge­ring­schät­zung zu be­trach­ten, noch nicht er­reicht: An­ti­quiert, weil sie an dem Ver­fah­ren fest­hal­ten, Ge­sell­schaft und die Welt, die sie ent­fal­tet, sei noch im­mer in­ter­pre­tier­bar: mein schreibt seine Ge­dan­ken auf ein Stück Pa­pier und na­gelt sie an die Kir­chen­tür. Nicht, dass man es in die­sem Fall tat­säch­lich da­mit zu tun hätte, aber so möchte sich das im­mer noch in­ter­pre­tie­ren las­sen. Der Au­tor und seine Ge­dan­ken, seine Mei­nung, seine Schrift und schließ­lich auch sein Pu­bli­kum, dass dar­über an­schlie­ßend ver­schie­dene In­ter­pre­ta­tio­nen ver­brei­tet. Wenn man aber an­neh­men kann, dass die nächste Struk­tur­form sich durch Netzwerk-Differenzierung er­gibt, dann könnte man si­cher auch an­neh­men, dass da­mit Be­din­gun­gen ge­schaf­fen wer­den, die sich auch auf die Mög­lich­keit ei­ner Be­schrei­bung und Er­klä­rung von Ge­sell­schaft er­stre­cken, was ins­be­son­dere hei­ßen könnte, dass auch eine Theo­rie die­ser Ge­sell­schaft das In­di­vi­duum nicht ein­fach ver­gisst oder ver­nach­läs­sigt oder be­seite drängt, son­dern auf die durch die Be­ob­ach­tung von In­di­vi­duen er­zeug­ten For­men in der Weise rea­giert, dass die Netz­werke das In­d­vi­du­elle un­ter ver­än­der­ten Be­din­gun­gen noch schät­zen müs­sen. Aber: ein be­schrif­te­tes Stück Pa­pier an die Kir­chen­tur zu na­geln (oder auch nur ein PDF auf ei­nem Ser­ver ab­zu­le­gen) wäre etwa zu ver­glei­chen mit dem ma­gi­schen Ri­tual ei­nes Pries­ters, der sei­ner Gott­heit ein Op­fer dar­reicht.
    So­ziale Sys­teme sind Selbst­er­fah­rungs­sys­teme. Aber wenn man sich die So­zio­lo­gie an­schaut, hat man manch­mal den Ein­druck, es müsste ihr, um re­le­vant blei­ben zu kön­nen, ent­we­der ge­lin­gen, sich selbst zu mo­nu­men­tie­ren, um über­le­ben zu kön­nen, oder sie muss mit der Art ei­ner Ge­sell­schafts­struk­tur un­ter­ge­hen, durch wel­che sie er­fun­den wurde. Aber wie auch im­mer: die Wis­sen­schaft als bü­ro­kra­ti­sches Ver­fah­ren zur Selbst­ver­wal­tung dürfte sich bald über­lebt ha­ben. Nur kann die So­zio­lo­gie dies nicht in Er­fah­rung brin­gen: denn wel­ches Sys­tem könnte sei­nen ei­ge­nen Tod be­schrei­ben? Kurz: die So­ziol­gie hat sich in ih­rer Lern­fä­hig­keit er­schöpft und ver­bleibt al­len­falls als folk­lo­ris­ti­sche Tri­val­form für die Netz­werke in­ter­es­sant. Sie fei­ert ihr Hap­py­end als ob sie al­les wäre was der Fall ist.

  4. Lie­ber @kusanowsky,

    die Her­aus­for­de­rung, die mit den Un­ter­schei­dungs­rou­ti­nen der mo­der­nen Wis­sen­schaft so schwer zu fas­sen ist (weil diese Teil der Her­aus­for­de­rung sind), ist doch die Ga­ran­tie ei­ner mi­ni­ma­len Ver­läß­lich­keit des pro­du­zier­ten Wis­sens: Wenn schon nicht Gott, dann we­nigs­tens eine Zu­re­chen­bar­keit auf da­für bes­tens aus-gebildete und re­pu­ta­ti­ons­rei­che Sach­ver­stän­dige – so un­ter­schei­det man schon zu Zei­ten der Er­fin­dung des La­bors den Quack­sal­ber vom Gent­le­man und nach der Er­fin­dung der mo­der­nen Uni­ver­si­tät den bes­ten– und schlimms­ten­falls halb­wis­sen­den Laien vom wis­sen­schaft­lich ge­bil­de­ten Profi. Die hart­nä­ckige Her­aus­for­de­rung be­steht in be­son­de­rem Maße auch für die Re­fle­xi­ons­theo­rien der Wis­sen­schaft, so­gar wenn man sich da­bei auf die am­bi­tio­nier­te­ren Ver­su­che be­schränkt und Ab­sur­di­tä­ten aus­blen­det. So viel ist klar.

    Nun kann nicht nur die So­zio­lo­gie nicht in Er­fah­rung brin­gen, wie zu­künf­tig be­ob­ach­tet wor­den sein muss – und ge­rade da­her tut sie mei­nes Er­ach­tens gut daran, eine mög­lichst vor­aus­set­zungs­freie Be­ob­ach­tungs­rou­tine in Stel­lung zu brin­gen; bei­spiels­weise durch die Pro­duk­tion von Me­ta­da­ten, und Me­ta­da­ten zu eben je­nen Me­ta­da­ten… usf. Em­pi­risch las­sen sich ent­spre­chende Be­mü­hun­gen fas­sen (La­tours ANT-Programm, Ba­eckers Um­stel­lung auf Form­theo­rie etc.). Eine „Er­schöp­fung ih­rer Lern­fä­hig­keit“ sehe ich (noch) nicht. Aber das ist mög­li­cher­weise ge­nau das, wo­von Du sprichst. Oder spre­chen wir am Ende gar nicht mehr von Soziologie?

  5. @Sebastian Eine Ga­ran­tie der Ver­läss­lich­keit ha­ben wir mit der Wis­sen­schaft nicht, müss­ten wir sie ha­ben, ging jede Art von Re­pu­ta­tion so­fort ver­lo­ren (cf. Pla­gi­ats­af­fä­ren). Die Re­pua­tion kann ja nur an­ge­häuft wer­den, weil eine Viel­zahl von Über­prü­fun­gen gar nicht vor­ge­nom­men wer­den, schon gar nicht von Men­schen (egal wel­cher Rol­len­er­war­tung sie un­ter­lie­gen). Mi­ni­male Ver­läss­lich­keit? Ver­laß ist al­len­falls nur dar­auf, dass alle Um­welt­be­din­gun­gen aus­rei­chend sta­bil sind. Und der in­ter­es­sante Fall ist der hier zu be­ob­ach­tende: wenn sie es (schon oder bald) nicht mehr sind. Für die So­zio­lo­gie gilt, dass das, also die Ver­än­de­rung ih­rer Funk­ti­ons­be­din­gun­gen, nicht re­le­vant ist. Sie be­schreibt und er­klärt ihre Um­welt ge­mäß ih­rer kom­mu­ni­ka­ti­ven Ei­gen­wil­lig­keit und dies nur so­lange, so­lange sie sich dar­auf ver­las­sen kann, dass alle an­de­ren nicht an­fan­gen, ih­ren blin­den Fle­cke zu ent­de­cken. So­lange ist es ihr er­laubt, ih­ren ei­ge­nen zu be­hal­ten. Aber nicht län­ger! Be­ob­ach­ten wir also ihre Re­pro­duk­ti­ons­fä­hig­keit un­ter der Be­din­gung, dass Pro­fes­so­ren be­reits an­fan­gen, sich des In­ter­nets zu be­die­nen. Das In­ter­net kann so nur als Ver­brei­tungs­me­dium ver­stan­den wer­den und hat sich — so könnte man sa­gen — „wis­sen­schaft­lich“ zu ver­hal­ten. Nun­mher stel­len Wis­sen­schaft­ler Texte ins Netz und pfle­gen an­sons­ten ein Wis­sen­schafts­be­am­ten­tum, das al­ler Trol­lig­keit, wie sie im in­ter­net enorm weit ver­brei­tet ist, tra­di­tio­nell mit höchs­ten Emp­find­lich­kei­ten be­geg­net. Sie wa­gen sich mit der Ze­hen­spitze hin­ein, aber ganz vor­sich­tig und so, dass es bloß nicht auf­fällt, nicht be­mer­kend, dass das Be­ob­ach­tungs­pro­blem ganz wo­an­ders liegt, näm­lich im Wis­sen­schafts­be­am­ten­tum selbst, das sich treu auf die Zah­lungs­fä­hig­keit von Staa­ten ver­lässt. Aber das ist ein an­de­res Thema.
    Aber be­mer­kens­wert ist dein Hin­weis des­halb, da man von Ferne rie­chen kann, wie bald eine Er­klä­rungs­theo­rie wie die so­zio­lo­gi­sche Sys­tem­theo­rie in eine Recht­fer­ti­gungs­theo­rie um­ge­ar­bei­tet wer­den könnte: (Mar­xis­mus, ick hör dir trap­sen…) Aber wir wol­len nicht Schwarz­ma­len: die So­zio­lo­gie wird so schnell nicht ab­ge­schafft, aber die Frage kann schon ge­stellt: was wird aus ihr, wenn ihre Fach­dif­fe­ren­zen in der Um­welt ei­ner­seits nicht mehr fi­nan­zier­bar sind, und an­de­rer­seits von Internet-Trollen nach ei­ge­nem Gusto um­ge­än­dert wer­den dürfen?

  6. @kusanowsky:

    1) Was die Bü­ro­kra­tie an­be­langt: Ja. Sie muss (ih­rem Selbst­ver­ständ­nis nach) der in­ter­net­ty­pi­schen Trol­lig­keit mit Skep­sis be­geg­nen. Da wie­der­holt sich das pries­ter­li­che Mus­ter… He­ros bleibt He­ros, die kon­krete Rolle ist variabel.

    2) Recht­fer­ti­gung­theo­rie? Wofür?

    3) Zah­lungs­un­fä­hig­keit. Das ist ein wei­te­rer span­nen­der Punkt. Vor­al­lem in An­be­tracht der Tat­sa­che, dass die Uni­ver­si­tät sich künf­tig kaum noch als Ort des Be­trei­bens von Wis­sen­schaft eig­net – hat­ten wir das nicht letz­tens schon mal?

  7. Ei­gent­lich hatte ich heute Abend was an­de­res zu tun aber jetzt schreib ich nen So­zi­al­theo­ris­ten­ar­ti­kel zum The­sen­pa­pier. Is ja un­ge­heu­er­lich, was Ba­ecker da schreibt ;-)

  8. @Stefan

    Ver­mut­lich geht Dirk Ba­eckers Rech­nung auf: sein The­sen­pa­pier er­füllt die Funk­tion von The­sen­pa­pie­ren, sorgt für eine mehr oder we­ni­ger kon­tro­verse Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­sen schon vor Be­ginn des „Sum­mer Camps“ – und am Ende fah­ren alle, ob­wohl sie ei­gent­lich was an­de­res zu tun (und zu be­zah­len ha­ben mit 1.250,– EUR, mög­li­cher­weise ja Ur­laub) für vier Tage nach Fried­richs­ha­fen… bin ge­spannt. Jetzt erst ein­mal auf das Er­geb­nis Dei­ner neuen Abendplanung.

  9. Ich zi­tiere den Ge­nos­sen @kusanowsky von oben (#6):

    […] nicht be­mer­kend, dass das Be­ob­ach­tungs­pro­blem ganz wo­an­ders liegt, näm­lich im Wis­sen­schafts­be­am­ten­tum selbst, das sich treu auf die Zah­lungs­fä­hig­keit von Staa­ten ver­lässt. […]
    Aber wir wol­len nicht Schwarz­ma­len: die So­zio­lo­gie wird so schnell nicht ab­ge­schafft, aber die Frage kann schon ge­stellt: was wird aus ihr, wenn ihre Fach­dif­fe­ren­zen in der Um­welt […] nicht mehr fi­nan­zier­bar sind […]?“

    Pri­vat­ver­gnü­gen! Da ha­ben wir’s, mit Preis­an­gabe.
    Al­ter­na­tiv: man könnte sich an­derswo Spon­so­ren be­sor­gen… Ver­eine. Un­ter­neh­men. Mäzene… ;-)

  10. Ich würde hier gerne ein paar lai­en­hafte (nicht bü­ro­kra­tisch le­gi­ti­mierte) Be­ob­ach­tun­gen testen.

    So wie ich das ver­stehe (und was mein All­tags­ver­ständ­nis mir nahe legt), löst eine neue Ge­sell­schafts­form die alte nicht ab, sie über­la­gert sie nur. Da­bei prägt sie sich als Form in die Ele­mente ein, die die nun über­la­gerte Ge­sell­schafts­form er­zeugte und nach wie vor pro­du­ziert. Ohne Fa­mi­lie keine Stra­ti­fi­ka­tion. Glei­ches gilt — wie auch sonst — für die Ver­brei­tungs­me­dien (de­nen hier ja, so wie ich das ver­stehe, eine Schlüs­sel­rolle zu­kommt). Ohne Schrift kein Buchdruck.

    Viel­leicht re­det man zu häu­fig da­von, wie die funk­tio­nale Dif­fe­ren­zie­rung al­les so an­ders ge­macht habe, ohne zu be­mer­ken, wie vie­les doch gleich ge­blie­ben ist: Die Zentrum/Peripherie Dif­fe­renz ist ge­nauso er­hal­ten ge­blie­ben wie auch die ver­ti­kale Schich­tung der Ge­sell­schaft. Das zeigt die Em­pi­rie je­dem Be­ob­ach­ter, auch wenn man­cher da­für weit rei­sen muss. Die funk­tio­nale Dif­fe­ren­zie­rung kann das nur er­klä­ren, wenn da­bei mit­ge­führt wird, was sie über­haupt erst er­mög­licht hat, die (nicht vor­ge­la­gerte son­dern) über­la­gerte Gesellschaftsform.

    Ich denke, fol­ge­rich­tig sollte man an­neh­men: Die Netz­werke über­la­gern die Funk­ti­ons­sys­teme, und sie be­nut­zen da­für die Ele­mente, die die Funk­ti­ons­sys­teme her­vor­brin­gen. Die nächste Ge­sell­schaft „zer­stört“ die funk­tio­nale Dif­fe­ren­zie­rung eben­so­we­nig wie die Mo­derne die so­ziale Schich­tung zer­stö­ren konnte, eben­so­we­nig wie die so­ziale Schich­tung die Fa­mi­lie hin­fäl­lig ge­macht hat. Im Ge­gen­teil: die Über­la­ge­rung fes­tigt die zu Grunde lie­gende Struk­tur. Also: kein Ende der So­zio­lo­gie, kein Ende der Wis­sen­schaft an Uni­ver­si­tä­ten, kein Ende der Bü­ro­kra­tie. Netz­werke sind an der funk­tio­na­len Dif­fe­ren­zie­rung in­ter­es­siert, wie die Bü­ro­kra­tie an der ver­ti­ka­len Schich­tung. Was wäre ein Netz­werk ohne Adres­sen, de­nen man Fä­hig­kei­ten zu­schrei­ben kann? Ein In­di­vi­duum ohne In­klu­sion in die Wis­sen­schaft ist kein Wis­sen­schaft­ler, da kann er das tollste Netz­werk ha­ben. Aber ein In­di­vi­duum, dass zu­sätz­lich zur hier­ar­chi­sie­ren­den In­klu­sion in ein Funk­ti­ons­sys­tem auch po­si­tio­nie­rende In­klu­sion in ein Netz­werk er­fährt, be­geg­net ge­stei­ger­ten Mög­lich­keit, evtl. wird ihm letz­te­res ge­nauso un­ver­zicht­bar wie ers­te­res sein. Auf die Ge­fahr hin, stark tri­via­li­siert zu haben…

  11. Pingback: Sozialtheoristen » Soziologie zum Spaß

  12. …hab meine Über­le­gun­gen fer­tig. Sind kri­ti­scher ge­wor­den, als ich sie ge­plant hatte. Naja. ;-) Sport­li­che Grüße

  13. @ Jo­nas Mieke

    Die Idee ist rich­tig aber man darf sich das nicht so logisch-rational den­ken. Die funk­tio­nale Diff. hat die Stra­ti­fi­ka­tion nicht da­von ge­fegt. Aber die Hier­ar­chie, wie man sie in Or­ga­ni­sa­tio­nen oder zwi­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen vor­fin­det, hat mit der Stän­de­lo­gik der Vor­mo­derne, trotz der kon­zep­tio­nel­len Ähn­lich­keit, kaum et­was gemein.

    Und so we­nig wird die funkt. Diff. der Mo­derne et­was mit ei­ner „un­ter­ge­ord­ne­ten funkt. Diff.“ ei­ner nächs­ten Ge­sell­schaft ge­mein ha­ben. Viel­leicht ist es bloße Ar­beits­tei­lung in ei­ner in Eth­nien dif­fe­ren­zier­ten Ge­sell. viel­leicht was ganz anderes…

  14. Thorsten Kogge 18. Mai 2011 um 00:06

    Nur ein kur­zer Ein­wurf zu der his­to­ri­schen Be­mer­kung von Klaus:

    Aber wenn man sich die So­zio­lo­gie an­schaut, hat man manch­mal den Ein­druck, es müsste ihr, um re­le­vant blei­ben zu kön­nen, ent­we­der ge­lin­gen, sich selbst zu mo­nu­men­tie­ren, um über­le­ben zu kön­nen, oder sie muss mit der Art ei­ner Ge­sell­schafts­struk­tur un­ter­ge­hen, durch wel­che sie er­fun­den wurde.“

    So­zio­lo­gie ent­stand als Re­fle­xi­ons­theo­rie ei­ner sich im­mer schnel­ler ur­ba­ni­sie­ren­den, ar­beits­tei­len­den und — wahl­weise nach Be­ob­ach­ter­per­spek­tive — funk­tio­nal dif­fe­ren­zie­ren­den Ge­sell­schaft. Fra­gen nach dem Ver­hält­nis von Sys­tem– und So­zial­in­te­gra­tion (Gemeinschaft/Gesellschaft bei Tön­nies; Ano­mie und Mo­ral bei Durk­heim) konn­ten hier ebenso re­flek­tiert wer­den wie das Ver­hält­nis von Ka­pi­tal und Ar­beit, die von Marx zu We­ber und Sim­mel ver­läuft: die Be­deu­tung von zweck­ra­tio­na­lem Han­deln im Pro­zess der Ra­tio­na­li­sie­rung, die Be­deu­tung von Geld und die re­li­giöse Fun­die­rung der Idee des ab­so­lu­ten Reich­tums im Cal­vi­nis­mus und sei­ner Er­mög­li­chung ka­pi­ta­lis­ti­schen Un­ter­neh­mer­tums wa­ren hier do­mi­nante The­men. Die „so­ciale Frage“ und der Ver­ein für So­zi­al­po­li­tik wa­ren viel­leicht die Ge­burts­stunde des­sen, was spä­ter die in­sti­tu­tio­na­li­sierte So­zio­lo­gie wer­den sollte. Die „Selbst­dis­zi­pli­nie­rung der So­zio­lo­gie“ ging ein­her mit ei­nem Ver­lust des re­vo­lu­tio­nä­ren Duk­tus sei­ner Ver­tre­ter. Or­ga­ni­sa­tio­nen stan­den nun­mehr im Zen­trum der Frage, wie Ge­sell­schaft und vor al­lem de­mo­kra­ti­sche Ver­fasst­heit mög­lich sind, man denke an Ro­bert Mi­chels So­zio­lo­gie des Par­tei­we­sens (das eherne Ge­setz der Olig­ar­chie) oder Schum­pe­ters dy­na­mi­sche Sicht­weise „krea­ti­ver Zer­stö­rung“ un­ter Markt­be­din­gun­gen. Als po­li­tisch klar, dass in Deutsch­land we­der Kom­mu­nis­mus, So­zia­lis­mus, di­rekte De­mo­kra­tie noch Li­be­ra­lis­mus sie­gen wer­den, musste die Frage nach Hy­brid­for­men ent­ste­hen und da­mit die Frage nach de­ren Steue­rungs­fä­hig­keit und Le­gi­ti­ma­tion (wenn schon nicht „sys­tem­r­ein“ selbst­ge­steu­ert und da­mit selbst le­gi­ti­miert, ohne wei­tere Er­klä­rung). Zu die­ser Zeit war die in­sti­tu­tio­nelle Tren­nung noch brü­chig, da wurde noch mehr in­te­griert ge­dacht und we­ni­ger in den dis­zi­pli­nä­ren Ka­te­go­rien: Kein So­zi­al­wis­sen­schaft­ler in die­ser Zeit wäre auf den Ge­dan­ken ge­kom­men, das Öko­no­mi­sche ohne das So­ziale zu den­ken! Erst in der „bü­ro­kra­ti­schen Recht­fer­ti­gung“ der So­zio­lo­gie nach dem Krieg kam es zu den be­kann­ten Bin­de­strich­so­zio­lo­gien, die im Prin­zip als Dau­er­re­fle­xion der Wohl­fahrts­ge­sell­schaft kon­zi­piert wa­ren: Fa­mi­lien, Ver­bände, Staa­ten, Rol­len, Stra­ti­fi­ka­tion, Werte (Par­sons trennte zwi­schen „va­lue“ und sah hier die Wirt­schafts­wis­sen­schaft ge­fragt wäh­rend er „va­lues“ als Ge­gen­stand der So­zio­lo­gie be­griff), so­zia­ler Auf­stieg, Mo­der­ni­sie­rung, Pro­bleme der In­dus­trie­ar­beit — al­les sich eman­zi­pie­rende Dis­kurse, die ir­gend­wann zu Be­ginn der 80er Jahre, wo­mög­lich als Luh­mann „So­ziale Sys­teme“ schrieb, den Be­fund der Theo­rie­krise recht­fer­tig­ten und die Er­star­rung der So­zi­al­wis­sen­schaft im uni­ver­si­tä­ren Be­trieb kennt­lich mach­ten. Vor al­lem die Tren­nung zur Wirt­schafts­wis­sen­schaft (und zur Rechts­wis­sen­schaft), die doch wie keine zweite Dis­zi­plin un­be­dingt zu ei­ner so­zio­lo­gi­schen Re­fle­xi­ons­theo­rie da­zu­ge­hört, wurde in der neo­li­be­ra­len Epo­che seit den 80er Jah­ren zu ei­nem ech­ten Hemm­schuh der eig­ne­nen Mög­lich­kei­ten von Ge­sell­schafts­theo­rie und von Zeit­dia­gno­sen. In­zwi­schen ha­ben So­zio­lo­gen ver­schie­de­ner „Her­kunft“ die Be­deu­tung der Öko­no­mie wie­der ent­deckt und es im­mer­hin ge­schafft, ins­be­son­dere den Märk­ten wie­der ver­stärkte Auf­merk­sam­keit zu wid­men. Ob das reicht, um nicht mit der Ge­sell­schaft un­ter­zu­ge­hen, lass ich da­hin­ge­stellt aber ei­gent­lich fühlt es sich so an, als würde die So­zio­lo­gie ge­rade wie­der zu ih­ren Ur­sprungs­fra­gen zu­rück­keh­ren. Und ganz per­sön­lich: ich sehe die Bü­ro­kra­ti­sie­rung und den Wett­lauf um Recht­fer­ti­gung in­zwi­schen ge­nauso kopf­schüt­telnd zu wie an­dere au­ßer­halb des Fachs — an­de­rer­seits bleibt zu fra­gen, ob die Spra­che der So­zio­lo­gie au­ßer­uni­ver­si­tär (also zum Bei­spiel in den Blogs hier) über­le­ben kann. Denn wenn wir ehr­lich sind: alle die hier Blogs schrei­ben ha­ben eine So­zia­li­sa­tion, eine so­zio­lo­gi­sche „Ich-Werdung“, in die­sem Sys­tem ge­habt (sonst wäre es ja gar nicht so kennt­nis­reich zu kri­ti­sie­ren). Die nächste Ge­sell­schaft be­schrei­ben im­mer noch die, die die alte Ge­sell­schaft ken­nen. Nur so kann es auch gehen!

  15. @Jonas Mielke:

    Im Gro­ßen und Gan­zen stimme ich Dir zu: es ist dem alt­eu­ro­päi­schen Be­ob­ach­tungs­schema ge­schul­det, dass Er­eig­nisse, Um­brü­che, Re­vo­lu­tio­nen und he­roi­sche Sub­jekte ge­gen­über Pro­zes­sen, Ent­wick­lun­gen, kon­ti­nu­ier­li­chen Wand­lun­gen prä­fe­riert wer­den. Von ei­ner not­wen­di­gen „Fes­ti­gung“ der vor­an­ge­gan­ge­nen Ge­sell­schafts­struk­tur würde ich nicht spre­chen – eher wohl von ei­nem „Gen­pool“ für Re­kom­bi­na­tion, um eine et­was pas­sen­dere Ana­lo­gie zu be­mü­hen. Die Erb­an­la­gen (hier: Seg­men­ta­tion und Stra­ti­fi­ka­tion) ver­schwin­den nicht – ver­lie­ren aber re­la­tiv zur funk­tio­na­len Dif­fe­ren­zie­rung an Be­deu­tung. Oder diese re­la­tiv zum Netz­werk, wenn sich Dirk Ba­eckers The­sen be­wahr­hei­ten sollten…

    @ Ste­fan

    Ge­wal­tig. Und wit­zige Picard-Geschichte. Ob sie auf Ba­eckers The­sen zur nächs­ten Ge­sell­schaft (nicht not­wen­dig gleich­zu­set­zen mit den ver­kürz­ten State­ments aus sei­nem hier ver­link­ten Pa­per) über­trag­bar ist, müsste man im Ein­zel­fall prü­fen. Dass seine So­zio­lo­gie den „Kon­takt zu ih­rem Ge­gen­stand“ ver­lo­ren hat, kann man m.E. zu­min­dest pau­schal nicht be­haup­ten. Si­cher geht man Ri­si­ken ein, wenn man die not­wen­dige Em­pi­rie (und hier heißt das wohl: die Em­pi­rie ge­sell­schaft­li­cher Un­ter­schei­dun­gen) als hy­po­the­tisch setzt und auf Ba­sis von Pro­gno­sen ar­bei­tet. Aber (und das muss für heute erst ein­mal ge­nü­gen): wer um die la­tente Dys­funk­tio­na­li­tät der Funk­ti­ons­sys­teme weiß – bei­spiels­weise, weil er (auch und ge­rade vor den Pla­gi­ats­af­fä­ren) den Wis­sen­schafts­be­trieb an deut­schen Unis aus der Nähe kennt oder als Cop in Bal­ti­more daran ver­zwei­felt, keine Po­li­zei­ar­beit ver­rich­ten zu kön­nen –, der ahnt auch, dass mit funk­tio­na­ler Dif­fe­ren­zie­rung nicht al­les ge­sagt ist.

    Dar­aus folgt nicht, dass Luh­manns Theo­rie so­zia­ler Sys­teme mit dem Übergang in Ba­eckers Com­pu­ter­ge­sell­schaft ihre Eig­nung für Er­klä­run­gen ver­löre – im Ge­gen­teil. Dar­aus folgt kei­nes­falls, dass man ihre Ter­mi­no­lo­gie has­tig über Bord wer­fen müsste. Man muss, und da gebe ich Dir Recht, noch ge­nauer hinschauen…

  16. Also zwi­schen den „Stu­dien zur nächs­ten Ge­sell­schaft“ und dem The­sen­pa­pier sehe ich auch recht we­nig Zu­sam­men­hang. (Hab das auch noch­mal kurz in mei­nem Text ergänzt.)

    So wie ich es sehe, kann man mit vie­len so­zio­lo­gi­schen Theo­rien ge­las­sen auf die Ver­wir­rung in der Ge­sell­schaft rea­gie­ren ohne große Be­ob­ach­tungs­ver­luste fürch­ten zu müs­sen (aus den übli­chen kon­struk­ti­vis­ti­schen An­sprü­chen & Prin­zi­pien). Viel­leicht steckt in dem The­sen­pa­pier ein Ex­pe­ri­ment, die Wir­run­gen in der Ge­sell­schaft in die Theo­rie zu ho­len… ;-) Ich bin mal ge­spannt, was ihr be­rich­ten werdet.

  17. @ Ste­fan:

    Ich will nicht „per­for­ma­ti­ver Wi­der­spruch!“ ru­fen – aber fänd‘ es schon span­nend zu fra­gen, wie sich Dirk Ba­ecker ver­hal­ten ha­ben würde, hätte er seine The­sen nicht nur als funk­tio­nal und streit­bar, son­dern auch als nor­ma­tiv be­grif­fen. An­ders: ich kann und will seine The­sen hier nicht ver­tei­di­gen und Herr Ba­ecker wird mut­maß­lich nicht kom­men­tie­rend in die­sem Kom­men­tarst­rang auf­tau­chen (vgl. „[Wis­sen­schaft­ler] wa­gen sich mit der Ze­hen­spitze hin­ein, aber ganz vor­sich­tig und so, dass es bloß nicht auf­fällt“, Ku­s­a­now­sky oben, #6) und seine The­sen ver­tei­di­gen – da­für gibt es ja am Ende wohl auch das er­wähnte Sommer-Camp. ;-)

    Nur zwei Dinge: Zum ei­nen spre­chen wir, wie oben von Jo­nas er­wähnt, von Über­la­ge­run­gen, nicht Er­set­zun­gen. Die nächste Ge­sell­schaft ist folg­lich nicht „to­tale Si­tua­tion“ (wie in Dei­ner Kri­tik der ers­ten These an­ge­deu­tet); aber re­la­tiv zur modern-linearen Form der bü­ro­kra­ti­schen Do­ku­men­ta­tion (Akte, Pro­to­koll, Mo­no­gra­phie) ge­win­nen Per­form­anz, Gleich­zei­tig­keit und Ver­net­zungs­grad an Be­deu­tung. Ähn­li­che Er­war­tun­gen wird man mit Blick auf Er­war­tungs­struk­tu­ren ha­ben kön­nen: Lau­fend ge­trig­gert von pro­gnos­ti­zier­ten Kri­sen, die ja eh der Nor­mal­zu­stand sind. Hey, die Kul­tur­form be­zeich­net Ba­ecker als „Sys­tem“! Der Au­to­po­ie­sis ist’s egal, ob Du auf Ba­sis von his­to­ri­scher Er­fah­rung oder zu­künf­tig zu er­war­ten­der Krise rechnest…

    Zum an­de­ren hat Dirk Ba­ecker of­fen­kun­dig die Netz-Spielregeln er­kannt: Sein Pa­per und der re­sul­tie­rende Fu­ror sind mus­ter­gül­tige Kenn­zei­chen vi­ra­ler Wer­bung. Was er­zeugt Dy­na­mik in Netz­werk­struk­tu­ren? Kon­to­ver­sen. Tusch! Die­ser zweite Punkt kann (und soll!) nicht für die Rich­tig­keit der 15 The­sen spre­chen – eine sol­che Les­art er­in­nerte dann auch eher an die Volte des Iro­ni­kers – aber ein Feldforschungs-Testlauf Dirk Ba­eckers un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­nes „Kontroverse-Stresstests“ („Con­tro­ver­sies, like pro­jects but with a ne­ga­tive twist, probe for what is pos­si­ble, for who can mus­ter what kind of power, what is­sues and what people may en­dure to eit­her ar­gue or be ar­gued about and for how long.“ ders., Lay­ers, Flows, and Swit­ches: In­di­vi­du­als in Next So­ciety, 2011) ist nicht undenkbar.

    @ Tors­ten Kogge:

    Danke für die um­fang­rei­chen so­zio­lo­gie­his­to­ri­schen Er­gän­zun­gen! Sie be­le­gen in ge­wis­ser Weise, daß auch künf­tig mit Ge­schichte ge­rech­net wer­den wird – nicht nur, weil diese bei der Un­ter­schei­dung und Be­zeich­nung von Zu­kunft ko­pro­du­ziert wird. Ob das dann hin­reicht, um die Dis­zi­plin zu ret­ten, ist eine ganz an­dere Frage. Luh­mann ent­schied sich mei­nes Wis­sens zu Be­ginn sei­ner aka­de­mi­schen Kar­riere für die So­zio­lo­gie, weil man al­les mit ei­nem Bin­de­strich ver­se­hen und so Rechts-, Religions-, Wirt­schafts­so­zio­lo­gie etc. pp. be­trei­ben konnte. Mit ei­ner Ge­schichts­wis­sen­schaft wird ge­nau das wohl wei­ter­hin mög­lich sein – in­wie­fern sie re­le­vant (und be­zahl­bar, s.o.) sein wird, ist die an­schlie­ßende Frage.

  18. Nur zum Ver­ständ­nis, be­vor man sich an der Un­ter­stel­lung „un­ge­heu­er­li­cher An­ti­quiert­hei­ten“ und dem Ende der So­zio­lo­gie be­rauscht: Bü­ro­kra­tie ist eine der wit­zigs­ten, sub­ver­sivs­ten Herr­schafts­for­men, die es gibt — sie war es im­mer­hin, die den Ab­so­lu­tis­mus kal­ku­liert, da­durch re­la­ti­viert und da­durch der stra­ti­fi­zier­ten Ge­sell­schaft mit de­ren ei­ge­nen Mit­teln den fes­ten Bo­den ent­zo­gen hat. Sie ist der Ge­gen­spie­ler der Aris­to­kra­tie in de­ren ei­ge­nem Feld (und die­ses Spiel­feld nennt Luh­mann, mit ei­ner iro­ni­schen Wen­dung ei­ner For­mu­lie­rung von Otto Brun­ner, „Alt­eu­ropa“, ohne im min­des­ten zu mei­nen, dies sei „an­ti­quiert“).
    Die Frage ist dem­nach, ob es ei­nen Ge­gen­spie­ler der Bü­ro­kra­tie gibt. In Frage kommt be­reits die funk­tio­nal dif­fe­ren­zierte Ge­sell­schaft selbst, die den Tri­umph der Bü­ro­kra­tie dar­zu­stel­len scheint und tat­säch­lich nichts wei­ter ist als das Feld, in dem die Bü­ro­kra­tie den Leu­ten (auch das eine These Ba­eckers) be­geg­net. Der Aris­to­kra­tie war sie ge­wach­sen, den Leu­ten nicht. Man muss wohl ernst neh­men, dass sich dies am deut­lichs­ten in den Dik­ta­tu­ren des 20. Jahr­hun­derts ge­zeigt hat, welt­weit. Kein Grund, auf die To­le­ranz der Leute zu hof­fen und der Igno­ranz der Bü­ro­kra­tie zu miss­trauen. Aber „Leute“ sind in­stan­tane Re­so­nan­zen, mit de­ren In­sta­bi­li­tät die Bü­ro­kra­tie nicht zu­recht kommt, weil es ihr Pro­prium (ihre Posse) ist, Sta­bi­li­tät in In­sta­bi­li­tät bzw. Sta­tus in Va­ria­bi­li­tät zu über­set­zen. Leute sind nicht In­di­vi­duen, man sollte viel­leicht so­gar sa­gen: Nicht-Individuen (von Un-Individualität hatte Luh­mann in ei­nem sei­ner dra­ma­tischs­ten Auf­sätze ge­spro­chen). Was also ist die Posse der Leute?
    Ver­nunft kann es nicht sein, die ist der Ein­wand — das Me­dium — der Bü­ro­kra­tie. Rausch kann es nicht sein, der ist die an­dere Seite der Ver­nunft im Spiel der Bü­ro­kra­tie mit der Aris­to­kra­tie. Blei­ben Kal­kül und — als des­sen an­dere Seite — Pas­sion. Das wa­ren die bei­den Sei­ten der Form der Theo­rie. Sind sie das noch im­mer? Gibt es eine Theo­rie der Leute, eine Nicht-Wissenschaft, vgl. These 8, die nichts an­de­res ist als die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form der „nächs­ten Ge­sell­schaft“? Wenn diese Theo­rie die Posse der Leute wäre: Ist das Netz­werk ihre Form?
    (Und war nicht ex­akt dies Marx‘ Kon­zept ei­nes mög­li­chen ne­ga­ti­ven Re­prä­sen­tan­ten der Ge­sell­schaft, der den Un­ter­gang zu or­ga­ni­sie­ren ver­mag, weil die Leere sein Me­dium ist? Weil er also in Ke­no­gram­ma­ti­ken schrei­ben, weil er also rech­nen kann?)

  19. @Jonas Mieke:
    Würde ich sa­gen, ja: Sie rech­nen mit ihr, in ei­ner „Ma­the­ma­tik der re­kur­si­ven Kom­ple­xi­tät“ (Ba­ecker; nur dass ich auch dies ein Kal­kül nen­nen würde).

  20. Pingback: Sozialtheoristen » Was könnte die Politik noch leisten?

  21. @ Ma­ren Lehmann:

    „Bü­ro­kra­tie ist eine der wit­zigs­ten, sub­ver­sivs­ten Herrschaftsformen“

    Ja und nein. Viel­leicht sollte man „po­ten­ti­ell“ er­gän­zen? Bü­ro­kra­tie ist zu­nächst in­dif­fe­rent ge­gen Nor­ma­ti­vi­tät und Hu­mor, mit Luh­mann kon­zen­triert sie Will­kür zu­guns­ten der Ver­mei­dung auf al­len Ebe­nen an ih­rer Spitze. Sie stellt da­mit Mög­lich­kei­ten zur Aus­for­mung ei­ner „wit­zi­gen und krea­ti­ven Herr­schafts­form“ be­reit – ex­pe­ri­men­tell hat Luh­mann das chaotisch-subversive Po­ten­tial der Bü­ro­kra­tie selbst aus­ge­tes­tet, un­ter La­bor­be­din­gun­gen quasi. Den Ver­suchs­auf­bau schil­dert er in sei­nem Er­fah­rungs­be­richt über Kom­mu­ni­ka­tion mit Zet­tel­käs­ten.
    Sie hat aber zu­gleich Po­ten­tial zur gut ge­öl­ten und „ba­nal bö­sen“ Be­fehls­ma­schine (in die­ser Hin­sicht ir­ri­tiert der obige Pas­sus zu den Dik­ta­tu­ren des 20. Jahr­hun­derts ein we­nig: funk­tio­nier­ten diese nicht ge­rade we­gen ih­rer Durch­set­zungs­fä­hig­keit im bü­ro­kra­ti­schen Me­dium?).

    „Die Frage ist dem­nach, ob es ei­nen Ge­gen­spie­ler der Bü­ro­kra­tie gibt.“

    Wenn die Un­ter­schei­dung von Per­so­nen und Leu­ten mit der der Un­ter­schei­dung von Zu­re­chen­bar­keit und Nicht-Zurechenbarkeit zu par­al­le­li­sie­ren ist – der Be­griff „Leute“ also auf Dif­fu­sion und Flüch­tig­keit ab­stellt – dann stimme ich zu.
    Weil Per­so­nen nar­ra­tiv fi­xiert wer­den kön­nen (mit Hilfe von Me­dien wie Per­so­nal­ak­ten, Kir­chen­re­gis­tern oder Le­bens­läu­fen, s.o., #3), ist das Pro­blem der Bü­ro­kra­tie nicht der Man­gel, son­dern ein Übe­r­an­ge­bot von Schrift­lich­keit und Do­ku­men­ten: „Das muss al­les noch be­ar­bei­tet wer­den.“ Bloße In­ter­ak­ti­ons­sys­teme las­sen im­mer noch die Mög­lich­keit der Pro­to­kol­lier­bar­keit of­fen (und seien es „Ge­dächt­nis­pro­to­kolle“) – ein Over­flow der Pro­to­kolle da­ge­gen nicht. Dies gilt umso mehr, wenn zu pro­zes­sie­rende Do­ku­mente und/oder An­träge un­ab­läs­sig und in hö­he­rer Zahl ein­tref­fen, als sie von der Ver­wal­tung be­ar­bei­tet wer­den kön­nen. Oder zwei­fel­haft wer­den. Zwar steigt die Ef­fi­zi­enz daten­ver­ar­bei­ten­der Tech­no­lo­gie – aber da­mit im­mer auch die Mög­lich­keit für Hacks: Bot­netze, Stuxnet-Programme, Si­mu­la­tio­nen von An­trä­gen und Si­mu­la­tio­nen von Si­mu­la­tio­nen sind künf­tig für bü­ro­kra­ti­sche Ord­nun­gen eine un-stete Ge­fahr – De­nial of Ser­vice? Als (Zweck-)Rationalitätsgarant schließt Bü­ro­kra­tie Un­ord­nung aus. Was, wenn sie diese aber selbst im Über­maß er­zeugt? Die Struk­tur­form des Netz­wer­kes mit ih­rer un­ru­hi­gen Va­ri­anz be­güns­tigt diese Mög­lich­keit – weil da­bei we­der In­ter­ak­tio­nen noch Or­ga­ni­sa­tio­nen not­wen­dig sind. Netz­werke rech­nen ohne Zwei­fel mit der Bü­ro­kra­tie – aber gilt das vice versa?

  22. Post Scrip­tum (@ Ma­ren Leh­mann and to whom it may con­cern)

    1. Bü­ro­kra­tie
    Das Fil­tern aus dem Dokument-Overflow (vgl. #25) ist dann wo­mög­lich das Kern­ge­schäft der Com­pu­ter­ge­sell­schafts­bü­ro­kra­tie. Er­schwert durch ge­nau das, was bei­spiels­weise auch hier ge­rade ge­schieht: Rausch­ver­stär­kung. Oder wie Dirk Ba­ecker in ei­nem sei­ner zu­letzt pu­bli­zier­ten Auf­sätze (wenn­gleich mit an­de­rer Ziel­rich­tung – aber doch pas­send) no­tiert: „[…] daß wir nicht mehr bloße Be­ob­ach­ter [sic!] blei­ben kön­nen, son­dern zu Ak­teu­ren wer­den, die ih­rer­seits in ih­ren Blogs, auf den Kom­men­tar­sei­ten der On­line­por­tale der Mas­sen­me­dien, in ih­ren elek­tro­ni­schen Netz­wer­ken mit wei­te­ren Kom­men­ta­ren wei­tere Do­ku­mente schaf­fen“ („Fal­scher Alarm“, in: Wi­ki­leaks und die Fol­gen, Frankfurt/Main 2011, S. 225). Wenn man dazu die Er­kennt­nis in Rech­nung stellt, dass ein Übe­r­an­ge­bot an Pro­to­kol­len zwar selbst pro­to­kol­liert wer­den kann, das Pro­zes­sie­ren die­ser und al­ler an­de­ren Da­ten aber – wie seit je­her – als kon­tin­gent be­trach­tet wer­den muss, dann ge­winnt die These #8 eine be­son­dere Wen­dung:
    „[Die Wis­sen­schaft] al­lein ist zu­stän­dig für das Neue.“ Da die Mas­sen­me­dien in Ba­eckers Pro­gnose Ge­sell­schaft re­flek­tie­rend In­for­ma­tion pri­mär zu Ori­en­tie­rungs­zwe­cken ge­ne­rie­ren wer­den (These #12), wird sich nun­mehr die Wis­sen­schaft des Neuen an­neh­men. Dies kann ei­ner­seits als Eman­zi­pa­tion von ih­ren me­ta­phy­si­schen Alt­las­ten be­grif­fen wer­den, an­de­rer­seits als kon­krete Aus-formung letzt­mög­li­cher „so­zia­ler Sach­lich­keit“ (Ma­ren Leh­mann, vgl oben, #1) – und ei­ner ex­pe­ri­men­tel­len Hal­tung bzw. Dis­po­si­tion, wie sie in La­bors schon lange ge­pflegt und als sol­che von der Wis­sen­schafts­for­schung be­schrie­ben wird (und so­mit durch­aus, aber das nur als Fuß­note, kom­pa­ti­bel ist mit dem oben re­fe­ren­zier­ten Ver­suchs­auf­bau Luh­manns und ei­nem re­kur­si­ven Rech­nen mit Kom­ple­xi­tät).

    2. Kunst
    Nur, weil es ges­tern als pro­duk­ti­ves Miß­ver­ständ­nis im Rah­men ei­ner Dis­kus­sion auf­tauchte (danke Frie­der):
    These #7, zur Kunst der nächs­ten Ge­sell­schaft, hat ein stil­les Up­date er­fah­ren. In der ur­sprüng­li­chen Fas­sung (vom 16.05.) lau­tet sie:
    (7) Die Kunst der nächs­ten Ge­sell­schaft ist wild und de­ko­ra­tiv. Sie zit­tert im Netz­werk, vi­briert in den Me­dien, fal­tet sich in Kon­tro­ver­sen und ver­sagt vor ih­rer Not­wen­dig­keit. Wer künst­le­risch tä­tig ist, sucht für sei­nen Wahn-Sinn ein Pu­bli­kum.
    Die ak­tu­elle These (streng ge­nom­men also 7′ – spä­tes­tens vom 20.05.) un­ter­schei­det sich wie folgt:
    (7) Die Kunst der nächs­ten Ge­sell­schaft ist leicht und klug. Sie weicht aus und bin­det mit Witz. Ihre Bil­der, Ge­schich­ten und Töne grei­fen an und sind es nicht ge­we­sen.

    @Stefan M. Sey­del / sms:
    Habt ihr das ges­tern auf­ge­zeich­net? Sehe, dass Du auf Tors­tens Buch ver­wie­sen hast…

  23. Es ist wohl un­fair, im Fol­gen­den Ma­ren Leh­manns Kom­men­tare mit „der Uni­ver­si­tät“ gleich­zu­set­zen, aber aus der Dy­na­mik die­ser span­nen­den Dis­kus­sion er­scheint mir das fast un­aus­weich­lich. Es gibt hier jede Menge Bot­schaf­ten ne­ben ih­rer ers­ten Bot­schaft, die uns zu­nächst (un­nö­ti­ger­weise) be­lehrt, was das In­di­vi­duum nicht ist. Und diese an­de­ren Bot­schaf­ten finde ich sehr span­nend. Ich zu­min­dest habe dies als Re­flex ei­nes al­ten (küh­len) Me­di­ums auf­ge­fasst, das ver­sucht, das neue (heiße) ab­zu­küh­len. Die So­zio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät hat hier of­fen­bar (be­rech­tigte) Ver­lust– und De­rea­li­sie­rungs­ängste. Ein Stück weit würde ich @kusanowskys Idee vom Ende der So­zio­lo­gie also zu­stim­men. Ich emp­finde die­sen Ver­such, sich der­ge­stalt zu mo­nu­men­ta­li­sie­ren, als überg­rif­fig, als Ord­nungs­ruf. Aber gut, wie sollte sie auch an­ders rea­gie­ren kön­nen? Und mehr noch, viel­leicht wird sie ge­rade in die­ser Funk­tion gebraucht?

    Hier be­ginnt meine Rat­lo­sig­keit und en­det der Ho­ri­zont ei­nes Mu­sik­wis­sen­schaft­lers, doch so ist die Uni­ver­si­tät für mich nicht Teil der nächs­ten Ge­sell­schaft, wie ich diese bis­her ver­stan­den habe (in den „Stu­dien“). Aber wenn ich mir Ba­eckers neue The­sen an­sehe, habe ich of­fen­bar noch nicht ein­mal an­nä­hernd ver­stan­den, was er meint.

  24. Pingback: „Eine neue Kunst für eine neue Gesellschaft?“ — autopoiet/blog

  25. Pingback: Die Empirieform der Netzwerkstruktur #netzwerktheorie #systemtheorie « Differentia

  26. Pingback: „Der Weise hängt an keiner Idee“ — autopoiet/blog

  27. Pingback: Sozialtheoristen » Konturen

  28. Pingback: Die Struktur der modernen Arroganz. Ein Beitrag zur #Trollforschung « Differentia

  29. Pingback: „Die Erziehung der nächsten Gesellschaft bleibt ratlos“ — autopoiet/blog

  30. Pingback: Contre mspro — autopoiet/blog

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*