„[D]ie Katastrophen des einen sind nicht auch die Katastrophen aller anderen.“
– Niklas Luhmann, Beobachtungen der Moderne
An diesem Wochenende fand am Institut für Kunst und Kunsttheorie der Universität Köln ein sehr bemerkenswertes Symposium mit dem Titel „What’s next? Kunst nach der Krise“ statt. Bemerkenswert vor allem, weil die interdisziplinären Vorträge und Workshops der beitragenden Künstler, Designer, Archititekten, Stadtplaner und Wissenschaftler eine Vielzahl von Perspektiven auf rezente Krisenphänomene und ihre Implikationen für Kunst, Theorie oder Gesellschaft als solche versammelten, dabei auf Herausforderungen durch aktuelle Krisen stets mit Augenmaß reagierten und sich bei der Beantwortung der die Konferenz rahmenden Ausgangsfrage dankbarerweise vor allzu kruden Projektionen hüteten. Eine Dokumentation der Konferenz folgt. Heute, am Sonntag, veröffentlicht Telepolis einen Text von Michael Seemann/@mspro, der mit „Die gesellschaftliche Singularität ist nah. Thesen über die Anpassung der Gesellschaft an das Computerzeitalter“ überschrieben ist. Eine Replik.
Thematisch schließt Seemanns Ausgangsfrage direkt an die Diskussionen des Symposiums an. Online publizierte Thesen zur nächsten Gesellschaft haben Konjunktur und Seemann nutzt die Gelegenheit, seine prioritären Themen Kontrollverlust, „Queryology“ und Postprivacy mit ein paar privaten Anekdoten aus Hannover, latenter Anthropologie sowie losen Theoriespuren von Walter Benjamin, Dirk Baecker oder Benedict Anderson anzumischen und sich mit der einen oder anderen durch Netzkommunikation getriggerten Prostestbewegung zu solidarisieren. Am Ende steht ein (proto-)typisches Dokument der Krise: Eine schräge aber lesenswerte Bricolage, die so oder ähnlich sicherlich schon das eine oder andere Mal als Blog-Artikel aus der Feder Seemanns zu lesen war. Das alles wäre nicht weiter bemerkens– oder beklagenswert, würde der Autor in seinem Artikel nicht mit großer Geste elementare Erkenntnisse ambitionierterer Forschung zur Computergesellschaft (das gilt sowohl mit Blick auf ihre theoretische Fundierung als auch für die empirische Genauigkeit) beiseite wischen und durch eine Form von Text ersetzen, die zwischen Deskription und Normativität oszilliert, an entscheidenden Stellen kategorial fehlerhaft ist und – wenigstens mit Blick auf die zentral im Text plazierten und kritisierten Studien Baeckers zur nächsten Gesellschaft – übermäßige Textlektüre zweifelhaft erscheinen lässt. In dieser kurzen Antwort möchte ich den Artikel nicht en détail kritisieren, dafür ist er in weiten Teilen auch zu assoziativ. Es folgen einige (zugegebenermaßen willkürlich gewählte) Beispiele:
Demonstrierende gegen das Verkehrs– und Städetebauprojekt „Stuttgart 21“, amerikanische „Tea Party Protesters“, Plünderungsmobs in den Straßen britischer Metropolen, Mietspiegel-Proteste in Israel, die diffuse „Occupy Wall Street“-Bewegung und die jüngsten Revolutionen in Nordafrika. Wenn so grundverschiedene Formen gesellschaftlicher Devianz miteinander verschränkt werden um (unter stillschweigender Aufrechterhaltung einer im Kontext von soviel extensiver Progressivität seltsam anmutenden Unterscheidung von Realität und Virtualität) das Übergreifen der Meme in die „reale Welt“ zu postulieren, bleibt der Eindruck, dass hier versucht worden ist, gewünschte Schlussfolgerungen des eigenen Theoretisierens gegen jeden empirischen Widerstand durch gesellschaftliche Realität niederzuschreiben. Wichtiger als das genaue Prüfen der voraussetzungsvollen Rede ist die vermeintliche Konklusion. Das kann man so machen – man muss nur wissen, was man dann tut: man schreibt Fiktion, in diesem Fall science fiction. Generell ein Medium, in dem es nicht weiter beklagenswert ist, wenn entschieden kreativ wie kurzschlüssig mit wissenschaftlichen Fragmenten gebastelt wird (auch wenn es sich dabei in der Regel um Naturwissenschaft handelt). Man kann dann auch Niklas Luhmanns Terminologie in den eigenen Wunsch davon übersetzen, indem man etwa aus dem Verweisungsüberschuss von Sinn ein „euphemistisch[es] Mehr an Anschlussmöglichkeiten“ macht. Aber man sollte nicht jegliche Achtsamkeit aufgeben, denn es gibt neben wenig guter eine vermutlich unüberschaubare Menge schlechter science fiction. Die Form im Sinne George Spencer Browns, die mit Dirk Baecker als heisser Kandidat für die paradoxale Herausforderung des Rechnens mit Etwas, mit dem noch nicht gerechnet werden kann, gelten muss, hält Seemann in seinem Artikel schlicht für „unbefriedigend“. Nicht ohne jedoch etliche Zeilen später der Form der Query funktional und in einem stillschweigenden Re-Entry die Qualitäten der Einheit von Unterscheidung und Bezeichnung anzudichten: nämlich „[d]as Grenzenziehen in vorhandenen Kommunikationen“ – und so die konkrete Form der Suchanfrage mit der allgemeinen Operation der Unterscheidung nach Spencer Brown verwechseln. Dank der Query werde Sinnüberschuss „ab nun nicht mehr reduziert, sondern gefiltert“, sie wird flugs zur „Emanzipation aller von allen“ deklariert und im Folgenden in eine Zukunftsvision eingearbeitet, die an dieser nicht weiter von Interesse ist.
Ein Fazit drängt sich auf: Bei Seemanns Text handelt es sich selbst um ein Krisenphänomen der Buchdruckkultur – bei allen Repliken darauf übrigens auch. Möglicherweise erhebt Seemann auf Nachfrage und mit ironischer Volte gar nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und kann damit jedwede Kritik; vielleicht läuft die Bewältigungsstrategie für Überschusssinn der Buchdruckgesellschaft hier ins Leere. Zweierlei erscheint mir nach der Lektüre trotzdem erwähnenswert:
- Eine Spurensuche, die ihre Mission und ihren Gegenstand ernst nimmt, kann es sich nicht leisten, kontroverse Daten allzu schnell durch allzu gewisse Erklärungen zu ersetzen. Weil dabei die strittigen Daten verloren gehen können, die es eigentlich noch zu entfalten gilt. „Aufschreiben, beschreiben, nicht disziplinieren“, mahnt Bruno Latour. Wer Spuren verwischt, setzt ihre Orientierungsleistung aufs Spiel. Und man muss nicht wissenschaftlich arbeiten, um dichte Beschreibungen der Gesellschaft zu verfassen: der Autor und TV-Produzent David Simon ist ein besonders gutes Beispiel für einen bemerkenswerten Beobachter von Gesellschaft.
- Die von Luhmann und Baecker beschriebenen gesellschaftlichen Routinen und Strukturen der unterschiedlichen Medienepochen sind nicht in einem strengen Sinne exklusiv, sondern überlagern sich im Laufe gesellschaftlicher Evolutionsprozesse. Beide Autoren wurden nicht müde, diesen Umstand zu unterstreichen. Gerade im Zuge von Ereignissen, die als Krisen wahrgenommen werden, steigt im Modus latenter Orientierungslosigkeit die Wahrscheinlichkeit des Rückgriffs auf bewährte Strukturen und Routinen zur Verarbeitung der überschüssigen Sinnverweisungen – hier konkret: zur Steigerung der Ablehnungswahrscheinlichkeit von Meinungen.
Vielleicht klingt das alles drastischer, als es gemeint ist (und im Großen und Ganzen teilen Michael Seemann und ich vermutlich mehr Überzeugungen als uns trennen) – aber die konkrete Form seines Artikels dokumentiert auf eine sehr explizite Art den Zerfallsprozess wissenschaftlicher Beobachtung unter den Bedingungen internetbasierter Kommunikation. Und ist damit wertvoller empirischer Beitrag für eine Dokumentation dieser „Achsenzeit“. Für Seemanns impliziten Vorschlag („Queryologie“ als Zukunftswissenschaft zu begreifen) gilt wohl, dass die entscheidende Differenz von Refrenzierbarkeit und Arbitrarität seiner Suchanfragen der Form nach Form sein werden: Person und Dokument.
Abbildung: „Historical archaeology at Champoeg State Park, Oregon (USA) 1975“ von John Atherton, (CC-Lizenz).
