Contre mspro

[D]ie Ka­ta­stro­phen des ei­nen sind nicht auch die Ka­ta­stro­phen al­ler an­de­ren.“
– Ni­klas Luh­mann, Be­ob­ach­tun­gen der Moderne

An die­sem Wo­chen­ende fand am In­sti­tut für Kunst und Kunst­theo­rie der Uni­ver­si­tät Köln ein sehr be­mer­kens­wer­tes Sym­po­sium mit dem Ti­tel „What’s next? Kunst nach der Krise“ statt. Be­mer­kens­wert vor al­lem, weil die in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Vor­träge und Work­shops der bei­tra­gen­den Künst­ler, De­si­gner, Ar­chi­ti­tek­ten, Stadt­pla­ner und Wis­sen­schaft­ler eine Viel­zahl von Per­spek­ti­ven auf re­zente Kri­sen­phä­no­mene und ihre Im­pli­ka­tio­nen für Kunst, Theo­rie oder Ge­sell­schaft als sol­che ver­sam­mel­ten, da­bei auf Her­aus­for­de­run­gen durch ak­tu­elle Kri­sen stets mit Au­gen­maß rea­gier­ten und sich bei der Be­ant­wor­tung der die Kon­fe­renz rah­men­den Aus­gangs­frage dank­ba­rer­weise vor allzu kru­den Pro­jek­tio­nen hü­te­ten. Eine Do­ku­men­ta­tion der Kon­fe­renz folgt. Heute, am Sonn­tag, ver­öf­fent­licht Te­le­po­lis ei­nen Text von Mi­chael Seemann/@mspro, der mit „Die ge­sell­schaft­li­che Sin­gu­la­ri­tät ist nah. Thesen über die An­pas­sung der Ge­sell­schaft an das Com­pu­ter­zeit­al­ter“ über­schrie­ben ist. Eine Replik.

The­ma­tisch schließt See­manns Aus­gangs­frage di­rekt an die Dis­kus­sio­nen des Sym­po­si­ums an. On­line pu­bli­zierte The­sen zur nächs­ten Ge­sell­schaft ha­ben Kon­junk­tur und See­mann nutzt die Ge­le­gen­heit, seine prio­ri­tä­ren The­men Kon­troll­ver­lust, „Que­ryo­logy“ und Post­pri­vacy mit ein paar pri­va­ten An­ek­do­ten aus Han­no­ver, la­ten­ter An­thro­po­lo­gie so­wie lo­sen Theo­rie­spu­ren von Wal­ter Ben­ja­min, Dirk Ba­ecker oder Be­ne­dict An­der­son an­zu­mi­schen und sich mit der ei­nen oder an­de­ren durch Netz­kom­mu­ni­ka­tion ge­trig­ger­ten Pros­test­be­we­gung zu so­li­da­ri­sie­ren. Am Ende steht ein (proto-)typisches Do­ku­ment der Krise: Eine schräge aber le­sens­werte Bri­co­lage, die so oder ähn­lich si­cher­lich schon das eine oder an­dere Mal als Blog-Artikel aus der Fe­der See­manns zu le­sen war. Das al­les wäre nicht wei­ter be­mer­kens– oder be­kla­gens­wert, würde der Au­tor in sei­nem Ar­ti­kel nicht mit gro­ßer Geste ele­men­tare Er­kennt­nisse am­bi­tio­nier­te­rer For­schung zur Com­pu­ter­ge­sell­schaft (das gilt so­wohl mit Blick auf ihre theo­re­ti­sche Fun­die­rung als auch für die em­pi­ri­sche Ge­nau­ig­keit) bei­seite wi­schen und durch eine Form von Text er­set­zen, die zwi­schen De­skrip­tion und Nor­ma­ti­vi­tät os­zil­liert, an ent­schei­den­den Stel­len ka­te­go­rial feh­ler­haft ist und – we­nigs­tens mit Blick auf die zen­tral im Text pla­zier­ten und kri­ti­sier­ten Stu­dien Ba­eckers zur nächs­ten Ge­sell­schaft – über­mä­ßige Text­lek­türe zwei­fel­haft er­schei­nen lässt. In die­ser kur­zen Ant­wort möchte ich den Ar­ti­kel nicht en dé­tail kri­ti­sie­ren, da­für ist er in wei­ten Tei­len auch zu as­so­zia­tiv. Es fol­gen ei­nige (zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen will­kür­lich ge­wählte) Beispiele:

De­mons­trie­rende ge­gen das Ver­kehrs– und Stä­de­te­bau­pro­jekt „Stutt­gart 21“, ame­ri­ka­ni­sche „Tea Party Pro­tes­ters“, Plün­de­rungs­mobs in den Stra­ßen bri­ti­scher Me­tro­po­len, Mietspiegel-Proteste in Is­rael, die dif­fuse „Oc­cupy Wall Street“-Bewegung und die jüngs­ten Re­vo­lu­tio­nen in Nordafrika. Wenn so grund­ver­schie­dene For­men ge­sell­schaft­li­cher De­vi­anz mit­ein­an­der ver­schränkt wer­den um (un­ter still­schwei­gen­der Auf­recht­er­hal­tung ei­ner im Kon­text von so­viel ex­ten­si­ver Pro­gres­si­vi­tät selt­sam an­mu­ten­den Un­ter­schei­dung von Rea­li­tät und Vir­tua­li­tät) das Überg­rei­fen der Meme in die „reale Welt“ zu pos­tu­lie­ren, bleibt der Ein­druck, dass hier ver­sucht wor­den ist, ge­wünschte Schluss­fol­ge­run­gen des ei­ge­nen Theo­re­ti­sie­rens ge­gen je­den em­pi­ri­schen Wi­der­stand durch ge­sell­schaft­li­che Rea­li­tät nie­der­zu­schrei­ben. Wich­ti­ger als das ge­naue Prü­fen der vor­aus­set­zungs­vol­len Rede ist die ver­meint­li­che Konklusion. Das kann man so ma­chen – man muss nur wis­sen, was man dann tut: man schreibt Fik­tion, in die­sem Fall sci­ence fic­tion. Ge­ne­rell ein Me­dium, in dem es nicht wei­ter be­kla­gens­wert ist, wenn ent­schie­den krea­tiv wie kurz­schlüs­sig mit wis­sen­schaft­li­chen Frag­men­ten ge­bas­telt wird (auch wenn es sich da­bei in der Re­gel um Na­tur­wis­sen­schaft han­delt). Man kann dann auch Ni­klas Luh­manns Ter­mi­no­lo­gie in den ei­ge­nen Wunsch da­von über­set­zen, in­dem man etwa aus dem Ver­wei­sungs­über­schuss von Sinn ein „euphemistisch[es] Mehr an An­schluss­mög­lich­kei­ten“ macht. Aber man sollte nicht jeg­li­che Acht­sam­keit auf­ge­ben, denn es gibt ne­ben we­nig gu­ter eine ver­mut­lich un­über­schau­bare Menge schlech­ter sci­ence fic­tion. Die Form im Sinne Ge­orge Spen­cer Browns, die mit Dirk Ba­ecker als heis­ser Kan­di­dat für die pa­ra­do­xale Her­aus­for­de­rung des Rech­nens mit Et­was, mit dem noch nicht ge­rech­net wer­den kann, gel­ten muss, hält See­mann in sei­nem Ar­ti­kel schlicht für „un­be­frie­di­gend“. Nicht ohne je­doch et­li­che Zei­len spä­ter der Form der Query funk­tio­nal und in ei­nem still­schwei­gen­den Re-Entry die Qua­li­tä­ten der Ein­heit von Un­ter­schei­dung und Be­zeich­nung an­zu­dich­ten: näm­lich „[d]as Gren­zen­zie­hen in vor­han­de­nen Kom­mu­ni­ka­tio­nen“ – und so die kon­krete Form der Such­an­frage mit der all­ge­mei­nen Ope­ra­tion der Un­ter­schei­dung nach Spen­cer Brown ver­wech­seln. Dank der Query werde Sinn­über­schuss „ab nun nicht mehr re­du­ziert, son­dern ge­fil­tert“, sie wird flugs zur „Eman­zi­pa­tion al­ler von al­len“ de­kla­riert und im Fol­gen­den in eine Zu­kunfts­vi­sion ein­ge­ar­bei­tet, die an die­ser nicht wei­ter von In­ter­esse ist.

Ein Fa­zit drängt sich auf: Bei See­manns Text han­delt es sich selbst um ein Kri­sen­phä­no­men der Buch­druck­kul­tur – bei al­len Re­pli­ken dar­auf übri­gens auch. Möglicherweise er­hebt See­mann auf Nach­frage und mit iro­ni­scher Volte gar nicht den An­spruch auf Wis­sen­schaft­lich­keit und kann da­mit jed­wede Kri­tik; viel­leicht läuft die Be­wäl­ti­gungs­stra­te­gie für Über­schuss­sinn der Buch­druck­ge­sell­schaft hier ins Leere. Zwei­er­lei er­scheint mir nach der Lek­türe trotz­dem erwähnenswert:

  1. Eine Spu­ren­su­che, die ihre Mis­sion und ih­ren Ge­gen­stand ernst nimmt, kann es sich nicht leis­ten, kon­tro­verse Da­ten allzu schnell durch allzu ge­wisse Er­klä­run­gen zu er­set­zen. Weil da­bei die strit­ti­gen Da­ten ver­lo­ren ge­hen kön­nen, die es ei­gent­lich noch zu ent­fal­ten gilt. „Auf­schrei­ben, be­schrei­ben, nicht dis­zi­pli­nie­ren“, mahnt Bruno La­tour. Wer Spu­ren ver­wischt, setzt ihre Ori­en­tie­rungs­leis­tung aufs Spiel. Und man muss nicht wis­sen­schaft­lich ar­bei­ten, um dichte Be­schrei­bun­gen der Ge­sell­schaft zu ver­fas­sen: der Au­tor und TV-Produzent Da­vid Si­mon ist ein be­son­ders gu­tes Bei­spiel für ei­nen be­mer­kens­wer­ten Be­ob­ach­ter von Gesellschaft.
  2. Die von Luh­mann und Ba­ecker be­schrie­be­nen ge­sell­schaft­li­chen Rou­ti­nen und Struk­tu­ren der un­ter­schied­li­chen Me­di­en­epo­chen sind nicht in ei­nem stren­gen Sinne ex­klu­siv, son­dern über­la­gern sich im Laufe ge­sell­schaft­li­cher Evo­lu­ti­ons­pro­zesse. Beide Au­to­ren wur­den nicht müde, die­sen Um­stand zu un­ter­strei­chen. Ge­rade im Zuge von Er­eig­nis­sen, die als Kri­sen wahr­ge­nom­men wer­den, steigt im Mo­dus la­ten­ter Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit die Wahr­schein­lich­keit des Rück­griffs auf be­währte Struk­tu­ren und Rou­ti­nen zur Ver­ar­bei­tung der über­schüs­si­gen Sinn­ver­wei­sun­gen  – hier kon­kret: zur Stei­ge­rung der Ab­leh­nungs­wahr­schein­lich­keit von Meinungen.

Viel­leicht klingt das al­les dras­ti­scher, als es ge­meint ist (und im Gro­ßen und Gan­zen tei­len Mi­chael See­mann und ich ver­mut­lich mehr Über­zeu­gun­gen als uns tren­nen) – aber die kon­krete Form sei­nes Ar­ti­kels do­ku­men­tiert auf eine sehr ex­pli­zite Art den Zer­falls­pro­zess wis­sen­schaft­li­cher Be­ob­ach­tung un­ter den Be­din­gun­gen in­ter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­tion. Und ist da­mit wert­vol­ler em­pi­ri­scher Bei­trag für eine Do­ku­men­ta­tion die­ser „Ach­sen­zeit“. Für See­manns im­pli­zi­ten Vor­schlag („Que­ryo­lo­gie“ als Zu­kunfts­wis­sen­schaft zu be­grei­fen) gilt wohl, dass die ent­schei­dende Dif­fe­renz von Re­fren­zier­bar­keit und Ar­bi­tra­ri­tät sei­ner Such­an­fra­gen der Form nach Form sein wer­den: Per­son und Do­ku­ment.

 


Ab­bil­dung: „His­to­ri­cal ar­chaeo­logy at Cham­poeg State Park, Ore­gon (USA) 1975“ von John Ather­ton, (CC-Lizenz).


Kommentare

  1. Stephan sagt:

    Naja, was mir viel mehr Stirn­run­zeln be­rei­tet hat, ist so­was wie: „Die Query ist es, die die In­sti­tu­tio­nen er­set­zen kann.“ Das ist doch et­was zu hoch ge­grif­fen, und au­ßer­dem lehrt die Ge­schichte, daß sel­ten et­was er­setzt wird, son­dern eher et­was Neues da­zu­kommt (und höchs­tens ei­nen Teil des vom Al­ten be­setz­ten Platz einnimmt).

    Und meinst Du mit dem „Zer­falls­pro­zess wis­sen­schaft­li­cher Beob­ach­tung un­ter den Bedin­gun­gen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­tion“ etwa, daß sein Ar­ti­kel wis­sen­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­tion wäre oder nur die Be­ob­ach­tung die­ser? Wie auch im­mer, ich sehe nur Feuille­ton – mich eingeschlossen.

  2. mspro sagt:

    Danke für die aus­führ­li­che Replik.

    Zu­nächst: der Text — das ist rich­tig — war nicht als wis­sen­schaft­li­cher Text, viel­leicht so­gar als be­tont un­wis­sen­schaft­li­cher, zu­min­dest als küh­ner, uto­pi­scher Spin­ner­text ge­dacht. Es war schließ­lich ein Vor­trag auf der Open­mind, wo es — nach mei­ner In­ter­pre­ta­tion — um das mög­lichst frei Her­um­spin­nen geht.

    Aus der wis­sen­schaft­li­chen Warte ist es also völ­lig nach­voll­zieh­bar, dass man sich ab mei­ner Holterdipolter-Baecker-Exegese sto­ßen kann.

    Es kann übri­gens auch gut sein, dass ich Ba­ecker da in den fal­schen Hals be­kom­men habe. Lei­der hilft mir deine Re­plik aber auch nicht wirk­lich ver­ständ­nis­mä­ßig wei­ter. Ich er­klär mal, was ich nicht verstehe:

    Das abs­trakte Prin­zip der Form ist für mich nicht wirk­lich in eine kul­tu­relle Pra­xis für das Com­pu­ter­zeit­al­ter über­setz­bar. Wo­bei: auf der an­de­ren Seite wie­der doch: Wenn Ba­ecker von der Ein­füh­rung der „Grenz­zie­hung“ bei der Ent­ste­hung der Stam­mes­ge­sell­schaft durch die Spra­che spricht, dann be­schreibt er doch die Form schon. Das Zie­hen von ka­te­go­ria­len Gren­zen zwi­schen den Din­gen ist doch ge­nau das, was die Form tut, oder nicht?

    Und mit dem Com­pu­ter wird sie er­neut ein­ge­führt? Wie das? Auf wel­cher Ebene, in wel­cher Im­ple­men­tie­rung? Das wird mit bei Ba­eckers Stu­dien über­haupt nicht klar. Und das nenne ich dann eben „un­be­frie­die­gend“. Aber viel­leicht kannst du mir das ja erklären.

    Dass mein Text ein Sym­ptom der Krise der Buch­kul­tur sein könnte, finde ich eine char­mante These. In der Tat merke sel­ber ich an mei­nen Denk­pro­zes­sen, dass sie — al­lein weil sie sich im Me­dium des Blogs ent­fal­ten — sich ganz an­ders ent­wi­ckeln, als würde ich von vorn­her­ein ei­nen Auf­satz, eine wis­sen­schaft­li­che Ar­beit oder ein Buch projektieren.

    Ich kann viel ex­pe­ri­men­tel­ler ar­bei­ten, Ge­dan­ken roh und un­fer­tig raus­hauen, The­sen aus­tes­ten, Feed­back ein­ho­len, wei­ter­ver­ar­bei­ten und eine er­neute, ver­bes­serte Ver­sion nach­lie­fern. Das er­gibt na­tür­lich hin und wie­der das Miß­ver­ständ­nis, dass man meine Texte im Blog an den Kri­te­rien wis­sen­schaft­li­cher Auf­sätze mes­sen sollte.

  3. Sebastian sagt:

    @ Ste­phan:

    a) „Die Query ist es, die die Insti­tu­tio­nen erset­zen kann.“ Ja, das ist ein wei­te­res gu­tes Bei­spiel für mein Pro­blem mit dem Text. Ich wäre je­den­falls sehr über­rascht, wenn die Com­pu­ter­ge­sell­schaft auf In­sti­tu­ti­uo­nen (oder all­ge­mei­ner noch: auf die Form der Or­ga­ni­sa­tion) ver­zich­ten könnte. Zur Tat­sa­che, dass Rou­ti­nen sich nicht ab­lö­sen (son­dern über­la­gern) hatte ich oben schon et­was geschrieben.

    b) „ich sehe nur Feuille­ton“ Feuille­ton sehe ich nicht, aber ich denke ich weiss, was Du meinst. Seit Dei­nem Kom­men­tar ist ja Zeit ver­gan­gen und mitt­ler­weile hat @mspro diese Les­art ja selbst bestätigt.

    @mspro:

    a) „Danke für die aus­führ­li­che Re­plik. […] Das wird mit bei Ba­eckers Stu­dien über­haupt nicht klar. Und das nenne ich dann eben „unbe­frie­die­gend“. Aber viel­leicht kannst du mir das ja erklären“

    Keine Ur­sa­che. Ich ver­su­che mal, so prä­gnant wie mög­lich auf Deine Frage zu ant­wor­ten.
    Als Un­ter­schei­den im Sinne Spen­cer Browns (oder als Be­ob­ach­ten mit dem spä­te­ren Luh­mann) be­zeich­nen wir die ba­sale Ope­ra­ti­ons­weise von Sinn­sys­te­men – das gilt na­tür­lich und not­wen­dig auch für alle Sys­teme tri­ba­ler Ge­sell­schaf­ten (Fa­mi­lien, Clans, Be­wusst­seine etc.). Wie Ba­ecker in sei­nen Stu­dien schil­dert, stellt ihre Ab­gren­zung als „eth­ni­sche“ Lö­sung eine kul­tu­relle Ant­wort auf das neue Sprach­pro­blem dar (die Ein­heit der Un­ter­schei­dung kann in ih­rer Ant­wort aber nicht be­ob­ach­tet wer­den). Dass diese Kul­tur­tech­nik mit Hilfe ei­ner Form be­schrie­ben wer­den kann (wie übri­gens auch die Te­leo­lo­gie der Grie­chen oder die Equi­li­bri­ums­vor­stel­lun­gen mo­der­ner Öko­no­men) be­deu­tet aber nicht, dass da­bei Form schon Kul­tur­tech­nik wäre.

    Für die tri­ba­len, stra­ti­fi­zier­ten und funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­ten Ge­sell­schaf­ten sind Struk­tu­ren be­kannt (eigener/fremder Stamm oder Clan via Grenz­zie­hung, natürliche/göttliche Ord­nung bzw. Schich­tung via Teleologie/Zweck, sach­li­che Ord­nung via selbst­re­fe­ren­ti­el­ler Aus­dif­fe­ren­zie­rung spe­zia­li­sier­ter Funk­ti­ons­sys­teme). Was Form für die Struk­tur der Ge­sell­schaft ge­nau be­deu­tet, ist (noch) nicht klar. Ba­ecker schlägt die Form selbst vor – weil sie es er­mög­licht, mit Un­be­stimm­ten zu rech­nen. Und zwar im Kon­text ei­ner Un­ter­schei­dung, die auf ih­rer In­nen­seite zwar et­was bezeichnet/anzeigt (und so An­schluss­fä­hig­keit für wei­te­res Ope­rie­ren er­mög­licht), gleich­zei­tig die Au­ßen­seite un­be­stimmt las­sen kann, als Mög­lich­keits­raum oder Kon­text. Aber si­tua­tiv rea­gie­ren kann. Lei­der finde ich den Vor­trag nicht wie­der, in dem er sagt, dass es sich hier­bei am Ende um eine Va­ria­tion von Luh­manns Medium/Form-Differenz han­delt. Das fand ich da­mals sehr auf­schluss­reich. Sie er­laubt (mit François Jul­lien ge­spro­chen) das lau­fende „Sur­fen“, mit Der­rida das ak­tive Dif­fe­rie­ren der dif­férance. Falls Dir sol­che Über­set­zungs­ver­su­che eher hilf­reich sind.

    b) „Dass mein Text ein Sym­ptom der Krise der Buch­kul­tur sein könnte, finde ich eine char­mante These“

    Das geht auf die Aus­ein­der­set­zung mit Klaus Ku­s­a­now­skys Blo­g­ar­ti­keln zu­rück. Letz­ter Stand der Dis­kus­sion stellt (für mich) der oben re­fe­ren­zierte Ar­ti­kel „Per­son und Do­ku­ment“ dar. Da fin­den sich auch wei­tere Links, falls Du die Spur auf­neh­men willst…

  4. Sascha Stoltenow sagt:

    Es sind mitt­ler­weile 16 The­sen, wo­durch sich der URL ge­än­dert hat: http://www.dirkbaecker.com/16_Thesen.pdf

    Und die char­man­teste Ge­gen­rede wäre es, mit dem Baecker’schen Theo­rie­be­steck die Re­so­nanz auf ms­pros Pos­sen zu erklären.

  5. Sebastian sagt:

    @ Sa­scha Stoltenow

    Danke für den Hin­weis. Viel­leicht in­ter­es­siert Dich ne­ben der Er­wei­te­rung um die Er­zie­hungs­these ja auch die stille Va­ria­tion der sieb­ten These, je­ner zur Kunst? Und: Ja. Das wäre die char­man­teste Ge­gen­rede – das hier war in der Tat auch der Ver­such zu ei­ner sol­chen Ein­ord­nung. Wo wür­dest Du an­set­zen, wenn nicht mit der Krise wis­sen­schaft­li­cher Be­ob­ach­tung?

  6. Sebastian sagt:

    P.S. @ mspro:

    Das er­gibt natür­lich hin und wie­der das Miß­ver­ständ­nis, dass man meine Texte im Blog an den Kri­te­rien wis­sen­schaft­li­cher Auf­sätze mes­sen sollte.“

    Eine der zen­tra­len Er­kennt­nisse aus Ba­eckers Buch war für mich übri­gens die sim­ple Tat­sa­che, dass mit Be­ob­ach­tung, Kri­tik, Ent­frem­dung und (Re-)Kombination von Do­ku­men­ten, Un­ter­schei­dun­gen, Per­for­ma­tio­nen etc. im­mer ge­rech­net wer­den muss. Mit Blick auf alle Sinn­di­men­sio­nen (so­zial, zeit­lich, sach­lich), was ge­wis­ser­ma­ßen als ein Po­ten­tial zum Un­ter­lau­fen un­se­rer lieb­ge­won­ne­nen funk­tio­na­len Ord­nung ge­deu­tet wer­den kann: Wie kön­nen wir dann noch ei­ni­ger­ma­ßen kon­sis­tent von „Miß­ver­ständ­nis­sen“ sprechen?

  7. mspro sagt:

    Se­bas­tian — oh, danke, das hilft mir wei­ter. Jetzt fällt es mir wie Schup­pen von den Au­gen. Mal in mei­nen Worten:

    Die Form als Kul­tur­form (oder viel­leicht auch Re­zep­ti­ons­hal­tung?) wäre dann ein Be­wusst­sein über die Un­mög­lich­keit der Be­ob­acht­bar­keit der Ein­heit der Un­ter­schei­dung? Quasi ein Be­wusst­sein über das nicht Wiss­bare, die Un­de­fi­niert­heit der un­de­fi­nier­ten Seite der Un­ter­schei­dung? Quasi der mit­ge­dachte schwarze Schwan? Hab ich das so ei­ni­ger­ma­ßen rich­tig verstanden?

  8. Sascha Stoltenow sagt:

    @Sebastian: Viel­leicht mit der Posse, die wo­mög­lich auch gar nicht so neu ist. Ich habe im Ur­laub die Be­spre­chung des Bu­ches „Wint­zen­ried“ in der FAZ ge­le­sen (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/karl-heinz-ott-wintzenried-der-duemmste-und-also-folgenreichste-aller-aufklaerer-11483783.html). „Der dümmste und also fol­gen­reichste al­ler Auf­klä­rer“ ist sie über­schrie­ben und ge­meint ist Rous­seau. Nun ist ms­pro nicht Rous­seau, aber die Ka­te­go­rie der Posse, könnte hel­fen, bei­der (und vie­ler an­de­rer) Pu­bli­ka­tio­nen tref­fend zu fassen.

    Dar­über hin­aus wäre zu fra­gen, wie sich mit Hilfe der Laws of Form eine Krise fest­stel­len ließe. Ich habe da ei­nen deut­li­chen Lek­tü­re­rück­stand, weil ich nach Luh­mann und Ba­ecker in Rich­tung Har­ri­son White „ab­ge­bo­gen“ bin, sehe aber in der Tat eine Ge­mein­sam­keit der o.g. Kri­sen, die ich theo­re­tisch als „Hand­lungs­wen­dun­gen in stra­te­gi­schen Nar­ra­ti­ven“ be­schrei­ben möchte. Die Krise ist also das an­ders Re­den über ei­nen Gegenstand.

    Wenn ich das Kon­zept der Form an­satz­weise rich­tig ver­stan­den habe, müsste eine echte Krise das Kon­zept spren­gen. Die Kri­sen aber, über die wir re­den, ent­ste­hen da­durch, dass we­der klar ist, was Au­ßen– noch In­nen­seite ist und schon gar nicht, wer das de­fi­niert. Aber: das ist mehr ein half-educated guess.

    In je­dem Fall aber sehe ich darin kei­nen Kon­troll­ver­lust, son­dern eher eine Des­il­lu­sio­nie­rung de­rer, die Kon­troll­an­sprü­che hat­ten, nun aber ge­wahr wer­den, dass sie, ob­wohl sie ab­so­lut mehr denn je „kon­trol­lie­ren“ kön­nen, an­ge­sichts der Viel­zahl der Sys­tem­zu­stände, re­la­tiv im­mer we­ni­ger über­haupt nur er­fas­sen kön­nen. In­so­fern ist die „ge­sell­schaft­li­che Sin­gu­la­ri­tät“ eher weit als nah.

  9. Sebastian sagt:

    @ ms­pro:

    Re­zep­ti­ons­hal­tung ist eine an­ge­mes­sene Über­set­zung, wenn man sie nicht als eine be­wusste oder gar in­ten­tio­nale (miss)versteht. Es geht eher um eta­blierte Rou­ti­nen, die auf­grund von Ge­wöh­nung vor­be­wusst ab­lau­fen. Noch­mal zu­rück­ge­spult zum Buch­druck (weil wir alle noch pri­mär buch­druck­for­ma­tiert lau­fen): Meine Re­ak­tio­nen beim Le­sen Dei­nes Ar­ti­kels wa­ren „Das kann man so nicht schrei­ben“, „Das ist eine fal­sche Les­art von XYZ“, „Quatsch“ usf. – Kri­tik als Hand­ha­bung von zu­ge­mu­te­nen Mei­nun­gen (auch den ei­ge­nen, übri­gens). Wenn man nun noch vom In­di­vi­duum ab­stra­hiert und an eta­blierte Sche­mata denkt – dann würde ich Dir zu­stim­men. Das gilt dann ne­ben dem Buchdruck-Beispiel auch für jede Kulturform.

    Die Form als Kul­tur­form trägt dem Den­ken von Pro­zess Rech­nung, dem je si­tua­ti­ven Her­stel­len (oder Lö­schen) von Zu­sam­men­hän­gen im Be­wusst­sein der Tat­sa­che, dass die un­ge­ahnte und un­sicht­bare Menge an Da­ten und Be­ob­ach­tern schon gleich wie­der al­les ändern kann. Dass da­bei jede In-Form-ation (und Nicht-Information) do­ku­men­tiert wird und uns da­mit wie­derum als Me­dium zur Ver-Fügung steht, wenn ent­spre­chende Be­züge rea­li­siert wer­den wol­len. Kom­bi­na­tion und Re­kom­bi­na­tion, fes­tere und lo­sere Kopplungen.

    @ Sa­scha Stoltenow:

    Die Ne­ga­ti­ons­form der nächs­ten Ge­sell­schaft ist nicht mehr der Rausch, die Kor­rup­tion oder die Kri­tik, son­dern die Posse, die Trans­for­ma­tion ei­ner Un­mög­lich­keit in eine Mög­lich– keit. Sie ist so un­be­re­chen­bar pro­duk­tiv wie jede Ne­ga­ti­ons­form; und dies nicht etwa, weil sie nicht wüsste, was sie tut, son­dern weil nie­mand weiß, wel­che Re­ak­tio­nen sie her­auf­be­schwört.“ (#16)

    Was hat man sich denn un­ter ei­ner „ech­ten Krise“ vor­zu­stel­len? Luh­mann be­zeich­net Kri­sen me­ta­pho­risch als alar­mie­rende Er­eig­nisse im Im­mun­sys­tem der Ge­sell­schaft. Ein ge­wis­ses Maß an Un­ruhe läuft da­bei kon­ti­nu­ier­lich un­ter­halb der Wahr­neh­mungs­grenze des Sys­tems – erst das ge­häufte Auf­tre­ten von Ir­ri­ta­tion und Er­war­tungs­ent­täu­schun­gen macht dann die Krise. Die Krise ist das Nicht-Passen der Struk­tur, der Stress­test der eta­blier­ten Ver­ar­bei­tungs­rou­ti­nen am Wi­der­stand der Rea­li­tät. Im Falle der Nicht­an­pas­sung an die Um­welt­be­din­gun­gen be­deu­tet das für das Sys­tem: keine wei­te­ren Ope­ra­tio­nen durch Ver­lust von An­schluss­fä­hig­keit. Dann sieht man auch, dass Kri­sen durch­aus funk­tio­nal sind: sie er­re­gen das Sys­tem, sor­gen für die Be­reit­stel­lung zu­sätz­li­cher Auf­merk­sam­keit, Selbstir­ri­tie­rung und si­chern so sehr grund­le­gend die Au­to­po­ie­sis. Das Sys­tem hat nur Fieber…

  10. Sascha Stoltenow sagt:

    @ Se­bas­tian: Ja, ge­nau des­halb habe ich ja ms­pro ver­sucht, als Pos­sen­ma­cher zu ver­ste­hen. Das gibt das kla­rere Bild, denn das des Wis­sen­schaft­lers, wo­bei Rol­len und Per­form­an­zen verschwimmen.

    Die Ant­wort, die ich mir er­hofft habe war, wie man Krise im Form­kal­kül dar­stel­len würde. Was ist ihre In­nen­seite | Au­ßen­seite, wel­chen Re-Entry macht sie möglich?

    Die Ba­sis­krise, nach Luh­man, die wir die­ser Tage er­le­ben, habe ich in der Dis­kus­sion auf google.plus als nar­zis­ti­sche Krän­kung all de­rer zu be­schrei­ben ver­sucht, die dach­ten, Per­fek­tion sei mög­lich, nun aber er­ken­nen müs­sen, dass sie ge­nau das nicht ist.

  11. Man muss nicht im­mer gleich Kul­tur­kri­sen be­schwö­ren und glau­ben, dass ge­rade wir hier und jetzt was völ­lig Neues ma­chen. z.B. hier:
    „Gedan­ken roh und unfer­tig raus­hauen, The­sen aus­tes­ten, Feed­back ein­ho­len, wei­ter­ver­ar­bei­ten und eine er­neute, ver­bes­serte Ver­sion nach­lie­fern. “ (Mi­chael See­mann in sei­nem Kom­men­tar) — das mach­ten die Frü­he­ren auch schon, das hieß frü­her Briefe schrei­ben. Klar dau­erte es mit dem Feed­back et­was län­ger, was der Qua­li­tät der Dis­kus­sion nicht ge­scha­det hat. Und was wa­ren Pas­cals und Niet­sches Apho­ris­men an­de­res als ein Google+ Stream? Luh­manns Zettel-Kasten? Und die gan­zen „Werke“ des spä­ten Witt­gen­stein — ein ein­zi­ges end­lo­ses Blog.

  12. Sebastian sagt:

    @Sascha Stol­te­now
    „wie man Krise im Form­kal­kül dar­stel­len würde. Was ist ihre Innen­seite | Außen­seite, wel­chen Re-Entry macht sie möglich“

    Das kommt ganz dar­auf an, wer Krise wie be­ob­ach­tet.
    Ich habe Dir mal drei Bei­spiele vor­be­rei­tet – ei­ner von mir, die an­de­ren bei­den (ein­mal in Re­fe­renz auf Ge­sell­schaft, ein­mal als Er­eig­nis des Im­mun­sys­tems) fin­dest Du bei Ba­ecker selbst (The Cul­ture Form of Cri­sis, 2010):

    Formen der Krise
    (http://flic.kr/p/ayFh93)

  13. Sascha Stoltenow sagt:

    @Sebastian: Danke. Sen­sa­tio­nell. Eine Tafel!

  14. Susi Augenzu sagt:

    wel­come to the Kin­der­tel­ler
    hello to the horse

    wa­rum soll­ten wir noch Worte ver­lie­ren
    über den Aus­gang ei­ner Schlacht,
    die sel­ber längst ver­lo­ren ist?

    daß eine Rose eine Rose sei,
    ist ja be­reits Ver­zweif­lung.
    auch kann es vorkommen,

    daß wir die Glut ei­ner Zi­ga­rette
    mit dem Son­nen­un­ter­gang
    im Auge ei­ner Frau verwechseln.

    Exis­tenz ist se­lek­tive Blind­heit“,
    und was uns hält im Maß­lo­sen,
    ist im­mer nur der Alltag.

    daß wir also ein­mal mehr das Uni­ver­sum
    vom schmut­zi­gen Kin­der­tel­ler krat­zen,
    um ihm eine sau­bere Grenze zu ziehen.

    was mir aber den­noch Hoff­nung macht,
    ist dies: daß es auf ei­nem Mö­bi­us­band
    kein In­nen und kein Au­ßen gibt.

    mein Kleid brennt
    Susi Augenzu

    (lese gerne wei­ter mit)

  15. jan rieger sagt:

    @jörg fried­rich: ja, her­me­neu­tik ist doch auch so´n fall. nur halt mit blick auf den leser!

  16. Stephan sagt:

    @Susi: Per­fekt. An­ders kann nichts mehr sinn­voll ge­sagt werden.

  17. Sebastian sagt:

    Ser­vice­teil:

    Eine Dis­kus­sion über diese Dis­kus­sion fin­det sich bei Klaus Ku­s­a­now­sky („In­ter­es­sant ist hier, wie sich eine Re­gel ein­zu­spie­len be­ginnt, die es zu­läs­sig macht, dass trotz al­ler De­fi­zite, die so­wohl da als auch dort ein­ge­stan­den wer­den, die kri­ti­sche Dis­kus­sion fort­ge­setzt wird. Für den „ge­nia­len Ur­he­ber“ des 19. Jah­rund­erts, was ge­wiss auch noch für man­ches trivial-faustische Ge­nie die­ser Tage gel­ten dürfte, wä­ren sol­che Ar­gu­mente höchst un­er­träg­lich: sie fan­gen an, sich ge­gen­sei­tig auf Spin­ne­rei zu ei­ni­gen.“) und bei mspr0 („Ich denke, es ist ein zwei­schnei­di­ger Pro­zess: ei­ner­seits müs­sen wir alle mit die­sem “more pu­blic” um­ge­hen ler­nen, also auch mit den Re­ak­tio­nen der Jour­na­lis­ten und an­de­ren Trolls. Kon­troll­ver­lust ak­zep­tie­ren, auch wenn es weh tut. Fil­ter­sou­ve­rä­ni­tät […] und ge­tes­te­tes Selbst­be­wusst­sein – auch ent­stan­den durch das Über­le­ben di­ver­ser Shits­torms – hel­fen dabei.“).

    Ein Aus­schnitt aus mei­ner Ant­wort (der zur bes­se­ren Ein­sor­tie­rung mei­nes Ar­ti­kels auch hier hilf­reich sein könnte) drü­ben bei mspr0:

    […]
    Et­was schräg würde ich das Schrei­ben über diese „next so­ciety“ selbst als ein Me­dium an­se­hen, dass tem­po­räre For­men bil­det (seien es Blog-Artikel, The­sen, Vor­träge, Shits­torms…). Und all diese For­men ste­hen auf­grund ih­rer Auf­find­bar­keit im Netz stets und un­mit­tel­bar für Be­ob­ach­tung (von mir aus auch: für Such­an­fra­gen) zur Ver­fü­gung. Das hat dann für mich zwei Kon­se­quen­zen, die für die vor­lie­gende Frage als re­le­vant erachte:

    a) Das Rech­nen mit den (hoch se­lek­ti­ven) Kon­troll­zu­grif­fen an­de­rer #Pro­jekte – aus wel­chem Kon­text auch im­mer.
    Rechts­an­wälte schi­cken Ab­mah­nun­gen we­gen Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen, Wis­sen­schaft­ler und Nicht-Wissenschaftler kri­ti­sie­ren und kom­men­tie­ren Texte, Künst­ler re­kom­bi­nie­ren die da­bei zu­han­de­nen For­men zu an­de­ren For­men, Kat­zen­con­tent­blogs be­schwe­ren sich über zu we­nig Kat­zen­con­tent, Au­to­ver­mie­tun­gen bie­ten güns­ti­gere Kon­di­tio­nen für ihre Miet­wa­gen… wha­te­ver. Du kennst das. Man hat (und hatte) eine wie auch im­mer ge­ar­tete „an­dere Re­zep­ti­ons­hal­tung“ nie un­ter Kon­trolle – und hat sie sich stets ge­wünscht. Ver­schie­dene Be­ob­ach­ter un­ter­schei­den ver­schie­den, das klingt tri­vial. Un­ter Be­din­gun­gen des Netz­werks er­fährt die­ser Um­stand aber be­son­dere Be­deu­tung, weil si­tua­tiv (d.h. am #Er­eig­nis, nicht an­hand ei­ner #Ord­nung, die sich selbst un­ter­lau­fen hat) ent­schie­den wer­den muss, ob zu­ge­mu­tete Kon­troll­zu­griffe re­le­vant sind oder nicht – der Ver­weis, man sei da­für nicht zu­stän­dig (z.B. weil Wis­sen­schaft­ler), wird mehr und mehr ver­däch­tig werden.

    b) Die Vor­stel­lung, es gebe ei­nen Punkt, an dem ein Ge­danke „reif“ wäre (z.B. weil rich­tig) war schon im­mer ein My­thos.
    Auch das wird mit Blick auf wis­sen­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­tion be­son­ders deut­lich: Pa­per mit These, zwei Jahre spä­ter ein an­de­res Pa­per mit An­ti­these, dann An­ti­an­ti­these und so fort. Daran ändert sich viel­leicht nicht grund­sätz­lich et­was. Und auch bloße Be­schleu­ni­gung ist si­cher nicht die ganze Ant­wort, eher viel­leicht Be­gleit­er­schei­nung. Aber mit tech­ni­schen An­ge­bo­ten wie Blogs, Wi­kis und Co. fin­det sich erst­mals ein Me­dium, das den An­for­de­run­gen an ei­nen sol­chen Pro­zess sehr weit ent­ge­gen kommt und ihn gleich­zei­tig wei­ter in­du­ziert (Kau­sa­li­tät ist auch ver­däch­tig) – bis an die Grenze der Leis­tungs­fä­hig­keit der in­vol­vier­ten Be­wusst­seine.
    Das ist das Ri­siko, dass wir mit un­se­ren halb­fer­ti­gen Ge­dan­ken und pro­vi­so­ri­schen Tex­ten und ih­rer Pu­bli­ka­tion im Netz Tag für Tag ein­ge­hen. Und das ist gut so.
    […]

  18. jan rieger sagt:

    das ri­siko des halb­fer­ti­gen ist halb­wahr­heit. in rich­tung die­ser pro­blmea­tik ent­wi­ckelt sich die dis­kus­sion bei dif­fe­ren­tia. dass man mit dem ver­fes­ti­gen des un­aus­ge­reif­ten die wahr­schein­lich­keit für zu­rück­wei­sung er­höht weiss je­des kind. wir soll­ten uns alle bes­ser be­neh­men, in rich­tung ei­ner er­mah­nen­den dis­zil­pi­nie­rung der netz­com­mu­nity ent­wi­ckelt sich der bei­trag bei mspr0. wie man in peru zu sa­gen pflegt: wer öffent­li­che briefe schreibt, braucht ein di­ckes fell.

  19. Lisa Rosa sagt:

    Naja, was heißt denn wis­sen­schaft­lich? Ist wis­sen­schaft­lich, was die Wis­sen­schafts­ge­sell­schaft / das Wis­sen­schafts­sys­tem (im­mer noch der Buch­ge­sell­schaft und ih­ren Re­geln ver­pflich­tet) so de­fi­niert? — In ei­nem neuen Wis­sen­schafts­be­griff wird der alte auf­ge­ho­ben sein müs­sen, re­kon­stru­iert als „Große Me­thode“ Mar­xens, aber eben in ein Neues.
    Und dann: wer sagt, dass nur „wis­sen­schaft­li­che“ Texte be­nö­tigt wer­den? Da­bei ist ms­pros Text gar nicht un­wis­sen­schaft­lich. Wie­viele „armchair“-Beiträge von „Geis­tes­wis­sen­schaft­lern“, ab­ge­druckt in wiss. Fach­zeit­schrif­ten, sind zwar äußer­lich vllt ein biss­chen mit mehr Zi­ta­ten, Na­me­drop­ping und 3 FN pro Seite an­ge­rei­chert, aber in der Plau­si­bi­li­tät der ana­ly­ti­schen Ar­gu­men­ta­tion weit un­ter­halb, da­für nor­ma­tiv ohne Ende?.
    Und für mich zählt: ms­pros Text ist, was ich selbst zum gro­ßen Teil denke. Das ist maß­geb­lich für mich, na­tür­lich nicht maß­geb­lich für an­dere. Viel wich­ti­ger für an­dere: er passt wun­der­bar zu den — nun wirk­lich wis­sen­schaft­li­chen — Tex­ten der Me­di­en­phi­lo­so­phen, Me­di­en­theo­re­ti­ker und Me­di­en­his­to­ri­ker, die mein Den­ken rah­men.
    Wo steht, dass alle brauch­bare Aus­sage über die jet­zige und die mög­li­che zu­künf­tige Welt aus­schließ­lich sys­tem­theo­re­tisch kom­pa­ti­bel sein muss? Und: auch sys­tem­theo­re­tisch kann man sich sehr gut strei­ten. Ba­ecker oder Erdmann?

  20. Wigbert Traxler sagt:

    aber die kon­krete Form sei­nes Arti­kels doku­men­tiert auf eine sehr expli­zite Art den Zer­falls­pro­zess wis­sen­schaft­li­cher Beob­ach­tung un­ter den Bedin­gun­gen inter­net­ba­sier­ter Kommunikation.“

    Aber die Em­pi­rie (und das schließt die Em­pi­rie kon­tin­gen­ter Un­ter­schei­dun­gen ein) zeigt, dass die­ser Aus­schluss von Kon­tin­genz mehr und mehr ver­lo­ren geht“ (Se­bas­tian bei differentia)

    Eine Pro­li­fe­ra­tion von Ge­dan­ken­fi­gu­ren je­ner Bau­art scheint Dein Den­ken aus­zu­ma­chen und zu or­ga­ni­sie­ren. Im­mer geht es um die Be­haup­tung, ein spe­zi­fi­scher Zer­fall, ein Nie­der­gang, ein Ver­lo­ren­ge­hen zeige sich, do­ku­men­tiere sich -
    em­pi­risch be­ob­acht­bar. Mög­li­cher­weise ver­schweißt mit der kryp­to­di­dak­ti­schen Kau­tele, dies müsse man sich nun doch end­lich ein­mal ein­ge­ste­hen.
    Zur Ver­fer­ti­gung ei­ner sol­che Dia­gnose be­darf es zu al­ler­erst der Kon­struk­tion ei­nes Po­panz von Maß­stab (etwa „wis­sen­schaft­li­che Be­ob­ach­tung“ wie sie ein­mal war), dem­ge­gen­über die Sach­ver­halte sich dann als rück­läu­fig oder de­fi­zi­tär aus­wei­sen kön­nen (zer­fal­lend, ver­lo­ren­ge­hend).
    Dar­aus würde sich nun al­ler­dings für mich die Mög­lich­keit ei­ner Ge­gen­be­ob­ach­tung er­öff­nen, die schluss­fol­gert, dass je­ner Po­panz, der un­ent­wegt ins Feld ge­führ wird, um sein Ver­lo­ren­ge­hen und Zer­fal­len zu kon­sta­tie­ren, stär­ker denn je im Ren­nen ist.

    Kann es sein, dass kein an­de­res Ver­fah­ren Kon­zep­ten zu sol­cher Pro­mi­nenz und Re­le­vanz ver­hilft, wie das in­sis­tente Be­strei­ten ih­rer Gültigkeit?

  21. Sebastian sagt:

    @Wigbert Trax­ler

    die Mög­lich­keit ei­ner Gegen­be­ob­ach­tung eröff­nen, die schluss­fol­gert, dass je­ner Po­panz, der unent­wegt ins Feld ge­führ wird, um sein Ver­lo­ren­ge­hen und Zer­fal­len zu kon­sta­tie­ren, stär­ker denn je im Ren­nen ist“

    Danke für die An­mer­kung! Es scheint sich für mich bei die­ser Fest­stel­lung um die sehr ge­naue Be­ob­ach­tung ei­nes Kri­sen­phä­no­mens zu han­deln, ge­nauer: um die Be­schrei­bung von Er­eig­nis­sen, de­ren ge­häuf­tes Auf­tre­ten als Krise wahr­ge­nom­men wird. Und ge­rade in Kri­sen liegt der Rück­griff auf eta­blierte Rou­ti­nen nahe… von ei­ner ge­ne­rel­len „Rück­läu­fig­keit“ oder ei­nem (wie auch im­mer ge­ar­te­ten) De­fi­zit würde ich ab­se­hen, weil so eine Dia­gnose im­mer so la­tent te­leo­lo­gisch daherkommt.

  1. In­ter­es­sant: @autopoiet hängt #whats­next & @mspro zu­sam­men. Den hatte ich als Mit­wir­ker im Sinn. Vllt nun für Do­ku­publ? http://t.co/6wFjDtbO

  2. Le­sens­wert und Stoff zum Nach­den­ken: „Contre ms­pro“ — autopoiet/blog http://t.co/IjaW4OSo (via Instapaper)

  3. @mspro Der G+ Link funk­tio­niert nicht und der Plönges-Link ist falsch. Ge­meint hast du wohl: http://t.co/02egoI5M

  4. kor­rek­tur. hier wird na­tür­lich mein text di­ku­tiert: http://t.co/eQGfbJ6D

  5. […] An­schluss an die Dis­kus­sion bei au­to­po­iet zum Ar­ti­kel „contre ms­pro“ möchte ich ein­mal ver­su­chen, ein in der Dis­kus­sion zu­tage ge­tre­te­nes Pro­blem, näm­lich die […]

  6. Anregend-wirr-trendy-Mix: „Die Kul­tur­form der nächs­ten Ge­sell­schaft ist die #Query“, http://t.co/oXiygfMB, Dis­kus­sion: http://t.co/hn4oYFwY

  7. […] zir­ku­liert – auch viel här­ter an­ge­gan­gen wird und gar als Be­leg für den Un­ter­gang der Buch­kul­tur herhalten […]

  8. Neue Kom­men­tare zu „Contre ms­pro“ u.a. von @lisarosa, @susi_augenzu, @latent_de, Jan Rie­ger: http://t.co/s9U4QZx8 #whats­next #nextsociety

  9. […] Fa­zite und of­fene Fra­gen des Köl­ner „What’s next“-Sym­po­si­ums und an die Dis­kus­sion mei­ner Re­plik auf Mi­chael See­manns Telepolis-Artikel soll im Fol­gen­den die von Niklas […]

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>