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Contre mspro

„[D]ie Katastrophen des einen sind nicht auch die Katastrophen aller anderen.“
– Niklas Luhmann, Beobachtungen der Moderne

An diesem Wochenende fand am Institut für Kunst und Kunsttheorie der Universität Köln ein sehr bemerkenswertes Symposium mit dem Titel „What’s next? Kunst nach der Krise“ statt. Bemerkenswert vor allem, weil die interdisziplinären Vorträge und Workshops der beitragenden Künstler, Designer, Archititekten, Stadtplaner und Wissenschaftler eine Vielzahl von Perspektiven auf rezente Krisenphänomene und ihre Implikationen für Kunst, Theorie oder Gesellschaft als solche versammelten, dabei auf Herausforderungen durch aktuelle Krisen stets mit Augenmaß reagierten und sich bei der Beantwortung der die Konferenz rahmenden Ausgangsfrage dankbarerweise vor allzu kruden Projektionen hüteten. Eine Dokumentation der Konferenz folgt. Heute, am Sonntag, veröffentlicht Telepolis einen Text von Michael Seemann/@mspro, der mit „Die gesellschaftliche Singularität ist nah. Thesen über die Anpassung der Gesellschaft an das Computerzeitalter“ überschrieben ist. Eine Replik.

Thematisch schließt Seemanns Ausgangsfrage direkt an die Diskussionen des Symposiums an. Online publizierte Thesen zur nächsten Gesellschaft haben Konjunktur und Seemann nutzt die Gelegenheit, seine prioritären Themen Kontrollverlust, „Queryology“ und Postprivacy mit ein paar privaten Anekdoten aus Hannover, latenter Anthropologie sowie losen Theoriespuren von Walter Benjamin, Dirk Baecker oder Benedict Anderson anzumischen und sich mit der einen oder anderen durch Netzkommunikation getriggerten Prostestbewegung zu solidarisieren. Am Ende steht ein (proto-)typisches Dokument der Krise: Eine schräge aber lesenswerte Bricolage, die so oder ähnlich sicherlich schon das eine oder andere Mal als Blog-Artikel aus der Feder Seemanns zu lesen war. Das alles wäre nicht weiter bemerkens- oder beklagenswert, würde der Autor in seinem Artikel nicht mit großer Geste elementare Erkenntnisse ambitionierterer Forschung zur Computergesellschaft (das gilt sowohl mit Blick auf ihre theoretische Fundierung als auch für die empirische Genauigkeit) beiseite wischen und durch eine Form von Text ersetzen, die zwischen Deskription und Normativität oszilliert, an entscheidenden Stellen kategorial fehlerhaft ist und – wenigstens mit Blick auf die zentral im Text plazierten und kritisierten Studien Baeckers zur nächsten Gesellschaft – übermäßige Textlektüre zweifelhaft erscheinen lässt. In dieser kurzen Antwort möchte ich den Artikel nicht en détail kritisieren, dafür ist er in weiten Teilen auch zu assoziativ. Es folgen einige (zugegebenermaßen willkürlich gewählte) Beispiele:

Demonstrierende gegen das Verkehrs- und Städetebauprojekt „Stuttgart 21“, amerikanische „Tea Party Protesters“, Plünderungsmobs in den Straßen britischer Metropolen, Mietspiegel-Proteste in Israel, die diffuse „Occupy Wall Street“-Bewegung und die jüngsten Revolutionen in Nordafrika. Wenn so grundverschiedene Formen gesellschaftlicher Devianz miteinander verschränkt werden um (unter stillschweigender Aufrechterhaltung einer im Kontext von soviel extensiver Progressivität seltsam anmutenden Unterscheidung von Realität und Virtualität) das Übergreifen der Meme in die „reale Welt“ zu postulieren, bleibt der Eindruck, dass hier versucht worden ist, gewünschte Schlussfolgerungen des eigenen Theoretisierens gegen jeden empirischen Widerstand durch gesellschaftliche Realität niederzuschreiben. Wichtiger als das genaue Prüfen der voraussetzungsvollen Rede ist die vermeintliche Konklusion. Das kann man so machen – man muss nur wissen, was man dann tut: man schreibt Fiktion, in diesem Fall science fiction. Generell ein Medium, in dem es nicht weiter beklagenswert ist, wenn entschieden kreativ wie kurzschlüssig mit wissenschaftlichen Fragmenten gebastelt wird (auch wenn es sich dabei in der Regel um Naturwissenschaft handelt). Man kann dann auch Niklas Luhmanns Terminologie in den eigenen Wunsch davon übersetzen, indem man etwa aus dem Verweisungsüberschuss von Sinn ein „euphemistisch[es] Mehr an Anschlussmöglichkeiten“ macht. Aber man sollte nicht jegliche Achtsamkeit aufgeben, denn es gibt neben wenig guter eine vermutlich unüberschaubare Menge schlechter science fiction. Die Form im Sinne George Spencer Browns, die mit Dirk Baecker als heisser Kandidat für die paradoxale Herausforderung des Rechnens mit Etwas, mit dem noch nicht gerechnet werden kann, gelten muss, hält Seemann in seinem Artikel schlicht für „unbefriedigend“. Nicht ohne jedoch etliche Zeilen später der Form der Query funktional und in einem stillschweigenden Re-Entry die Qualitäten der Einheit von Unterscheidung und Bezeichnung anzudichten: nämlich „[d]as Grenzenziehen in vorhandenen Kommunikationen“ – und so die konkrete Form der Suchanfrage mit der allgemeinen Operation der Unterscheidung nach Spencer Brown verwechseln. Dank der Query werde Sinnüberschuss „ab nun nicht mehr reduziert, sondern gefiltert“, sie wird flugs zur „Emanzipation aller von allen“ deklariert und im Folgenden in eine Zukunftsvision eingearbeitet, die an dieser nicht weiter von Interesse ist.

Ein Fazit drängt sich auf: Bei Seemanns Text handelt es sich selbst um ein Krisenphänomen der Buchdruckkultur – bei allen Repliken darauf übrigens auch. Möglicherweise erhebt Seemann auf Nachfrage und mit ironischer Volte gar nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und kann damit jedwede Kritik; vielleicht läuft die Bewältigungsstrategie für Überschusssinn der Buchdruckgesellschaft hier ins Leere. Zweierlei erscheint mir nach der Lektüre trotzdem erwähnenswert:

  1. Eine Spurensuche, die ihre Mission und ihren Gegenstand ernst nimmt, kann es sich nicht leisten, kontroverse Daten allzu schnell durch allzu gewisse Erklärungen zu ersetzen. Weil dabei die strittigen Daten verloren gehen können, die es eigentlich noch zu entfalten gilt. „Aufschreiben, beschreiben, nicht disziplinieren“, mahnt Bruno Latour. Wer Spuren verwischt, setzt ihre Orientierungsleistung aufs Spiel. Und man muss nicht wissenschaftlich arbeiten, um dichte Beschreibungen der Gesellschaft zu verfassen: der Autor und TV-Produzent David Simon ist ein besonders gutes Beispiel für einen bemerkenswerten Beobachter von Gesellschaft.
  2. Die von Luhmann und Baecker beschriebenen gesellschaftlichen Routinen und Strukturen der unterschiedlichen Medienepochen sind nicht in einem strengen Sinne exklusiv, sondern überlagern sich im Laufe gesellschaftlicher Evolutionsprozesse. Beide Autoren wurden nicht müde, diesen Umstand zu unterstreichen. Gerade im Zuge von Ereignissen, die als Krisen wahrgenommen werden, steigt im Modus latenter Orientierungslosigkeit die Wahrscheinlichkeit des Rückgriffs auf bewährte Strukturen und Routinen zur Verarbeitung der überschüssigen Sinnverweisungen  – hier konkret: zur Steigerung der Ablehnungswahrscheinlichkeit von Meinungen.

Vielleicht klingt das alles drastischer, als es gemeint ist (und im Großen und Ganzen teilen Michael Seemann und ich vermutlich mehr Überzeugungen als uns trennen) – aber die konkrete Form seines Artikels dokumentiert auf eine sehr explizite Art den Zerfallsprozess wissenschaftlicher Beobachtung unter den Bedingungen internetbasierter Kommunikation. Und ist damit wertvoller empirischer Beitrag für eine Dokumentation dieser „Achsenzeit“. Für Seemanns impliziten Vorschlag („Queryologie“ als Zukunftswissenschaft zu begreifen) gilt wohl, dass die entscheidende Differenz von Refrenzierbarkeit und Arbitrarität seiner Suchanfragen der Form nach Form sein werden: Person und Dokument.

 


Abbildung: „Historical archaeology at Champoeg State Park, Oregon (USA) 1975“ von John Atherton, (CC-Lizenz).

31 Kommentare

  1. Naja, was mir viel mehr Stirnrunzeln bereitet hat, ist sowas wie: „Die Query ist es, die die Institutionen ersetzen kann.“ Das ist doch etwas zu hoch gegriffen, und außerdem lehrt die Geschichte, daß selten etwas ersetzt wird, sondern eher etwas Neues dazukommt (und höchstens einen Teil des vom Alten besetzten Platz einnimmt).

    Und meinst Du mit dem „Zer­falls­pro­zess wis­sen­schaft­li­cher Beob­ach­tung unter den Bedin­gun­gen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­tion“ etwa, daß sein Artikel wissenschaftliche Kommunikation wäre oder nur die Beobachtung dieser? Wie auch immer, ich sehe nur Feuilleton – mich eingeschlossen.

  2. Danke für die ausführliche Replik.

    Zunächst: der Text – das ist richtig – war nicht als wissenschaftlicher Text, vielleicht sogar als betont unwissenschaftlicher, zumindest als kühner, utopischer Spinnertext gedacht. Es war schließlich ein Vortrag auf der Openmind, wo es – nach meiner Interpretation – um das möglichst frei Herumspinnen geht.

    Aus der wissenschaftlichen Warte ist es also völlig nachvollziehbar, dass man sich ab meiner Holterdipolter-Baecker-Exegese stoßen kann.

    Es kann übrigens auch gut sein, dass ich Baecker da in den falschen Hals bekommen habe. Leider hilft mir deine Replik aber auch nicht wirklich verständnismäßig weiter. Ich erklär mal, was ich nicht verstehe:

    Das abstrakte Prinzip der Form ist für mich nicht wirklich in eine kulturelle Praxis für das Computerzeitalter übersetzbar. Wobei: auf der anderen Seite wieder doch: Wenn Baecker von der Einführung der „Grenzziehung“ bei der Entstehung der Stammesgesellschaft durch die Sprache spricht, dann beschreibt er doch die Form schon. Das Ziehen von kategorialen Grenzen zwischen den Dingen ist doch genau das, was die Form tut, oder nicht?

    Und mit dem Computer wird sie erneut eingeführt? Wie das? Auf welcher Ebene, in welcher Implementierung? Das wird mit bei Baeckers Studien überhaupt nicht klar. Und das nenne ich dann eben „unbefriediegend“. Aber vielleicht kannst du mir das ja erklären.

    Dass mein Text ein Symptom der Krise der Buchkultur sein könnte, finde ich eine charmante These. In der Tat merke selber ich an meinen Denkprozessen, dass sie – allein weil sie sich im Medium des Blogs entfalten – sich ganz anders entwickeln, als würde ich von vornherein einen Aufsatz, eine wissenschaftliche Arbeit oder ein Buch projektieren.

    Ich kann viel experimenteller arbeiten, Gedanken roh und unfertig raushauen, Thesen austesten, Feedback einholen, weiterverarbeiten und eine erneute, verbesserte Version nachliefern. Das ergibt natürlich hin und wieder das Mißverständnis, dass man meine Texte im Blog an den Kriterien wissenschaftlicher Aufsätze messen sollte.

  3. Pingback: Klaus Kusanowsky

  4. @ Stephan:

    a) „Die Query ist es, die die Insti­tu­tio­nen erset­zen kann.“ Ja, das ist ein weiteres gutes Beispiel für mein Problem mit dem Text. Ich wäre jedenfalls sehr überrascht, wenn die Computergesellschaft auf Institutiuonen (oder allgemeiner noch: auf die Form der Organisation) verzichten könnte. Zur Tatsache, dass Routinen sich nicht ablösen (sondern überlagern) hatte ich oben schon etwas geschrieben.

    b) „ich sehe nur Feuille­ton“ Feuilleton sehe ich nicht, aber ich denke ich weiss, was Du meinst. Seit Deinem Kommentar ist ja Zeit vergangen und mittlerweile hat @mspro diese Lesart ja selbst bestätigt.

    @mspro:

    a) „Danke für die aus­führ­li­che Replik. […] Das wird mit bei Baeckers Stu­dien über­haupt nicht klar. Und das nenne ich dann eben „unbe­frie­die­gend“. Aber viel­leicht kannst du mir das ja erklären“

    Keine Ursache. Ich versuche mal, so prägnant wie möglich auf Deine Frage zu antworten.
    Als Unterscheiden im Sinne Spencer Browns (oder als Beobachten mit dem späteren Luhmann) bezeichnen wir die basale Operationsweise von Sinnsystemen – das gilt natürlich und notwendig auch für alle Systeme tribaler Gesellschaften (Familien, Clans, Bewusstseine etc.). Wie Baecker in seinen Studien schildert, stellt ihre Abgrenzung als „ethnische“ Lösung eine kulturelle Antwort auf das neue Sprachproblem dar (die Einheit der Unterscheidung kann in ihrer Antwort aber nicht beobachtet werden). Dass diese Kulturtechnik mit Hilfe einer Form beschrieben werden kann (wie übrigens auch die Teleologie der Griechen oder die Equilibriumsvorstellungen moderner Ökonomen) bedeutet aber nicht, dass dabei Form schon Kulturtechnik wäre.

    Für die tribalen, stratifizierten und funktional differenzierten Gesellschaften sind Strukturen bekannt (eigener/fremder Stamm oder Clan via Grenzziehung, natürliche/göttliche Ordnung bzw. Schichtung via Teleologie/Zweck, sachliche Ordnung via selbstreferentieller Ausdifferenzierung spezialisierter Funktionssysteme). Was Form für die Struktur der Gesellschaft genau bedeutet, ist (noch) nicht klar. Baecker schlägt die Form selbst vor – weil sie es ermöglicht, mit Unbestimmten zu rechnen. Und zwar im Kontext einer Unterscheidung, die auf ihrer Innenseite zwar etwas bezeichnet/anzeigt (und so Anschlussfähigkeit für weiteres Operieren ermöglicht), gleichzeitig die Außenseite unbestimmt lassen kann, als Möglichkeitsraum oder Kontext. Aber situativ reagieren kann. Leider finde ich den Vortrag nicht wieder, in dem er sagt, dass es sich hierbei am Ende um eine Variation von Luhmanns Medium/Form-Differenz handelt. Das fand ich damals sehr aufschlussreich. Sie erlaubt (mit François Jullien gesprochen) das laufende „Surfen“, mit Derrida das aktive Differieren der différance. Falls Dir solche Übersetzungsversuche eher hilfreich sind.

    b) „Dass mein Text ein Sym­ptom der Krise der Buch­kul­tur sein könnte, finde ich eine char­mante These“

    Das geht auf die Auseindersetzung mit Klaus Kusanowskys Blogartikeln zurück. Letzter Stand der Diskussion stellt (für mich) der oben referenzierte Artikel „Person und Dokument“ dar. Da finden sich auch weitere Links, falls Du die Spur aufnehmen willst…

  5. Pingback: Torsten Meyer

  6. Pingback: Felix Schaumburg

  7. P.S. @ mspro:

    „Das ergibt natür­lich hin und wie­der das Miß­ver­ständ­nis, dass man meine Texte im Blog an den Kri­te­rien wis­sen­schaft­li­cher Auf­sätze mes­sen sollte.“

    Eine der zentralen Erkenntnisse aus Baeckers Buch war für mich übrigens die simple Tatsache, dass mit Beobachtung, Kritik, Entfremdung und (Re-)Kombination von Dokumenten, Unterscheidungen, Performationen etc. immer gerechnet werden muss. Mit Blick auf alle Sinndimensionen (sozial, zeitlich, sachlich), was gewissermaßen als ein Potential zum Unterlaufen unserer liebgewonnenen funktionalen Ordnung gedeutet werden kann: Wie können wir dann noch einigermaßen konsistent von „Mißverständnissen“ sprechen?

  8. Sebastian – oh, danke, das hilft mir weiter. Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Mal in meinen Worten:

    Die Form als Kulturform (oder vielleicht auch Rezeptionshaltung?) wäre dann ein Bewusstsein über die Unmöglichkeit der Beobachtbarkeit der Einheit der Unterscheidung? Quasi ein Bewusstsein über das nicht Wissbare, die Undefiniertheit der undefinierten Seite der Unterscheidung? Quasi der mitgedachte schwarze Schwan? Hab ich das so einigermaßen richtig verstanden?

  9. Sascha Stoltenow 23. Oktober 2011 um 22:32

    @Sebastian: Vielleicht mit der Posse, die womöglich auch gar nicht so neu ist. Ich habe im Urlaub die Besprechung des Buches „Wintzenried“ in der FAZ gelesen (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/karl-heinz-ott-wintzenried-der-duemmste-und-also-folgenreichste-aller-aufklaerer-11483783.html). „Der dümmste und also folgenreichste aller Aufklärer“ ist sie überschrieben und gemeint ist Rousseau. Nun ist mspro nicht Rousseau, aber die Kategorie der Posse, könnte helfen, beider (und vieler anderer) Publikationen treffend zu fassen.

    Darüber hinaus wäre zu fragen, wie sich mit Hilfe der Laws of Form eine Krise feststellen ließe. Ich habe da einen deutlichen Lektürerückstand, weil ich nach Luhmann und Baecker in Richtung Harrison White „abgebogen“ bin, sehe aber in der Tat eine Gemeinsamkeit der o.g. Krisen, die ich theoretisch als „Handlungswendungen in strategischen Narrativen“ beschreiben möchte. Die Krise ist also das anders Reden über einen Gegenstand.

    Wenn ich das Konzept der Form ansatzweise richtig verstanden habe, müsste eine echte Krise das Konzept sprengen. Die Krisen aber, über die wir reden, entstehen dadurch, dass weder klar ist, was Außen- noch Innenseite ist und schon gar nicht, wer das definiert. Aber: das ist mehr ein half-educated guess.

    In jedem Fall aber sehe ich darin keinen Kontrollverlust, sondern eher eine Desillusionierung derer, die Kontrollansprüche hatten, nun aber gewahr werden, dass sie, obwohl sie absolut mehr denn je „kontrollieren“ können, angesichts der Vielzahl der Systemzustände, relativ immer weniger überhaupt nur erfassen können. Insofern ist die „gesellschaftliche Singularität“ eher weit als nah.

  10. @ mspro:

    Rezeptionshaltung ist eine angemessene Übersetzung, wenn man sie nicht als eine bewusste oder gar intentionale (miss)versteht. Es geht eher um etablierte Routinen, die aufgrund von Gewöhnung vorbewusst ablaufen. Nochmal zurückgespult zum Buchdruck (weil wir alle noch primär buchdruckformatiert laufen): Meine Reaktionen beim Lesen Deines Artikels waren „Das kann man so nicht schreiben“, „Das ist eine falsche Lesart von XYZ“, „Quatsch“ usf. – Kritik als Handhabung von zugemutenen Meinungen (auch den eigenen, übrigens). Wenn man nun noch vom Individuum abstrahiert und an etablierte Schemata denkt – dann würde ich Dir zustimmen. Das gilt dann neben dem Buchdruck-Beispiel auch für jede Kulturform.

    Die Form als Kulturform trägt dem Denken von Prozess Rechnung, dem je situativen Herstellen (oder Löschen) von Zusammenhängen im Bewusstsein der Tatsache, dass die ungeahnte und unsichtbare Menge an Daten und Beobachtern schon gleich wieder alles ändern kann. Dass dabei jede In-Form-ation (und Nicht-Information) dokumentiert wird und uns damit wiederum als Medium zur Ver-Fügung steht, wenn entsprechende Bezüge realisiert werden wollen. Kombination und Rekombination, festere und losere Kopplungen.

    @ Sascha Stoltenow:

    „Die Negationsform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr der Rausch, die Korruption oder die Kritik, sondern die Posse, die Transformation einer Unmöglichkeit in eine Möglich- keit. Sie ist so unberechenbar produktiv wie jede Negationsform; und dies nicht etwa, weil sie nicht wüsste, was sie tut, sondern weil niemand weiß, welche Reaktionen sie heraufbeschwört.“ (#16)

    Was hat man sich denn unter einer „echten Krise“ vorzustellen? Luhmann bezeichnet Krisen metaphorisch als alarmierende Ereignisse im Immunsystem der Gesellschaft. Ein gewisses Maß an Unruhe läuft dabei kontinuierlich unterhalb der Wahrnehmungsgrenze des Systems – erst das gehäufte Auftreten von Irritation und Erwartungsenttäuschungen macht dann die Krise. Die Krise ist das Nicht-Passen der Struktur, der Stresstest der etablierten Verarbeitungsroutinen am Widerstand der Realität. Im Falle der Nichtanpassung an die Umweltbedingungen bedeutet das für das System: keine weiteren Operationen durch Verlust von Anschlussfähigkeit. Dann sieht man auch, dass Krisen durchaus funktional sind: sie erregen das System, sorgen für die Bereitstellung zusätzlicher Aufmerksamkeit, Selbstirritierung und sichern so sehr grundlegend die Autopoiesis. Das System hat nur Fieber…

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  15. Sascha Stoltenow 24. Oktober 2011 um 15:20

    @ Sebastian: Ja, genau deshalb habe ich ja mspro versucht, als Possenmacher zu verstehen. Das gibt das klarere Bild, denn das des Wissenschaftlers, wobei Rollen und Performanzen verschwimmen.

    Die Antwort, die ich mir erhofft habe war, wie man Krise im Formkalkül darstellen würde. Was ist ihre Innenseite | Außenseite, welchen Re-Entry macht sie möglich?

    Die Basiskrise, nach Luhman, die wir dieser Tage erleben, habe ich in der Diskussion auf google.plus als narzistische Kränkung all derer zu beschreiben versucht, die dachten, Perfektion sei möglich, nun aber erkennen müssen, dass sie genau das nicht ist.

  16. Man muss nicht immer gleich Kulturkrisen beschwören und glauben, dass gerade wir hier und jetzt was völlig Neues machen. z.B. hier:
    „Gedan­ken roh und unfer­tig raus­hauen, The­sen aus­tes­ten, Feed­back ein­ho­len, wei­ter­ver­ar­bei­ten und eine erneute, ver­bes­serte Ver­sion nach­lie­fern. “ (Michael Seemann in seinem Kommentar) – das machten die Früheren auch schon, das hieß früher Briefe schreiben. Klar dauerte es mit dem Feedback etwas länger, was der Qualität der Diskussion nicht geschadet hat. Und was waren Pascals und Nietsches Aphorismen anderes als ein Google+ Stream? Luhmanns Zettel-Kasten? Und die ganzen „Werke“ des späten Wittgenstein – ein einziges endloses Blog.

  17. @Sascha Stoltenow
    „wie man Krise im Form­kal­kül dar­stel­len würde. Was ist ihre Innen­seite | Außen­seite, wel­chen Re-Entry macht sie möglich“

    Das kommt ganz darauf an, wer Krise wie beobachtet.
    Ich habe Dir mal drei Beispiele vorbereitet – einer von mir, die anderen beiden (einmal in Referenz auf Gesellschaft, einmal als Ereignis des Immunsystems) findest Du bei Baecker selbst (The Culture Form of Crisis, 2010):

    Formen der Krise
    (http://flic.kr/p/ayFh93)

  18. welcome to the Kinderteller
    hello to the horse

    warum sollten wir noch Worte verlieren
    über den Ausgang einer Schlacht,
    die selber längst verloren ist?

    daß eine Rose eine Rose sei,
    ist ja bereits Verzweiflung.
    auch kann es vorkommen,

    daß wir die Glut einer Zigarette
    mit dem Sonnenuntergang
    im Auge einer Frau verwechseln.

    „Existenz ist selektive Blindheit“,
    und was uns hält im Maßlosen,
    ist immer nur der Alltag.

    daß wir also einmal mehr das Universum
    vom schmutzigen Kinderteller kratzen,
    um ihm eine saubere Grenze zu ziehen.

    was mir aber dennoch Hoffnung macht,
    ist dies: daß es auf einem Möbiusband
    kein Innen und kein Außen gibt.

    mein Kleid brennt
    Susi Augenzu

    (lese gerne weiter mit)

  19. @jörg friedrich: ja, hermeneutik ist doch auch so´n fall. nur halt mit blick auf den leser!

  20. Pingback: #om11 Nachtrag: Utopie und Schutzraum « H I E R

  21. Serviceteil:

    Eine Diskussion über diese Diskussion findet sich bei Klaus Kusanowsky („Interessant ist hier, wie sich eine Regel einzuspielen beginnt, die es zulässig macht, dass trotz aller Defizite, die sowohl da als auch dort eingestanden werden, die kritische Diskussion fortgesetzt wird. Für den „genialen Urheber“ des 19. Jahrunderts, was gewiss auch noch für manches trivial-faustische Genie dieser Tage gelten dürfte, wären solche Argumente höchst unerträglich: sie fangen an, sich gegenseitig auf Spinnerei zu einigen.“) und bei mspr0 („Ich denke, es ist ein zweischneidiger Prozess: einerseits müssen wir alle mit diesem “more public” umgehen lernen, also auch mit den Reaktionen der Journalisten und anderen Trolls. Kontrollverlust akzeptieren, auch wenn es weh tut. Filtersouveränität […] und getestetes Selbstbewusstsein – auch entstanden durch das Überleben diverser Shitstorms – helfen dabei.“).

    Ein Ausschnitt aus meiner Antwort (der zur besseren Einsortierung meines Artikels auch hier hilfreich sein könnte) drüben bei mspr0:

    […]
    Etwas schräg würde ich das Schreiben über diese „next society“ selbst als ein Medium ansehen, dass temporäre Formen bildet (seien es Blog-Artikel, Thesen, Vorträge, Shitstorms…). Und all diese Formen stehen aufgrund ihrer Auffindbarkeit im Netz stets und unmittelbar für Beobachtung (von mir aus auch: für Suchanfragen) zur Verfügung. Das hat dann für mich zwei Konsequenzen, die für die vorliegende Frage als relevant erachte:

    a) Das Rechnen mit den (hoch selektiven) Kontrollzugriffen anderer #Projekte – aus welchem Kontext auch immer.
    Rechtsanwälte schicken Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen, Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler kritisieren und kommentieren Texte, Künstler rekombinieren die dabei zuhandenen Formen zu anderen Formen, Katzencontentblogs beschweren sich über zu wenig Katzencontent, Autovermietungen bieten günstigere Konditionen für ihre Mietwagen… whatever. Du kennst das. Man hat (und hatte) eine wie auch immer geartete „andere Rezeptionshaltung“ nie unter Kontrolle – und hat sie sich stets gewünscht. Verschiedene Beobachter unterscheiden verschieden, das klingt trivial. Unter Bedingungen des Netzwerks erfährt dieser Umstand aber besondere Bedeutung, weil situativ (d.h. am #Ereignis, nicht anhand einer #Ordnung, die sich selbst unterlaufen hat) entschieden werden muss, ob zugemutete Kontrollzugriffe relevant sind oder nicht – der Verweis, man sei dafür nicht zuständig (z.B. weil Wissenschaftler), wird mehr und mehr verdächtig werden.

    b) Die Vorstellung, es gebe einen Punkt, an dem ein Gedanke „reif“ wäre (z.B. weil richtig) war schon immer ein Mythos.
    Auch das wird mit Blick auf wissenschaftliche Kommunikation besonders deutlich: Paper mit These, zwei Jahre später ein anderes Paper mit Antithese, dann Antiantithese und so fort. Daran ändert sich vielleicht nicht grundsätzlich etwas. Und auch bloße Beschleunigung ist sicher nicht die ganze Antwort, eher vielleicht Begleiterscheinung. Aber mit technischen Angeboten wie Blogs, Wikis und Co. findet sich erstmals ein Medium, das den Anforderungen an einen solchen Prozess sehr weit entgegen kommt und ihn gleichzeitig weiter induziert (Kausalität ist auch verdächtig) – bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit der involvierten Bewusstseine.
    Das ist das Risiko, dass wir mit unseren halbfertigen Gedanken und provisorischen Texten und ihrer Publikation im Netz Tag für Tag eingehen. Und das ist gut so.
    […]

  22. das risiko des halbfertigen ist halbwahrheit. in richtung dieser problmeatik entwickelt sich die diskussion bei differentia. dass man mit dem verfestigen des unausgereiften die wahrscheinlichkeit für zurückweisung erhöht weiss jedes kind. wir sollten uns alle besser benehmen, in richtung einer ermahnenden diszilpinierung der netzcommunity entwickelt sich der beitrag bei mspr0. wie man in peru zu sagen pflegt: wer öffentliche briefe schreibt, braucht ein dickes fell.

  23. Naja, was heißt denn wissenschaftlich? Ist wissenschaftlich, was die Wissenschaftsgesellschaft / das Wissenschaftssystem (immer noch der Buchgesellschaft und ihren Regeln verpflichtet) so definiert? – In einem neuen Wissenschaftsbegriff wird der alte aufgehoben sein müssen, rekonstruiert als „Große Methode“ Marxens, aber eben in ein Neues.
    Und dann: wer sagt, dass nur „wissenschaftliche“ Texte benötigt werden? Dabei ist mspros Text gar nicht unwissenschaftlich. Wieviele „armchair“-Beiträge von „Geisteswissenschaftlern“, abgedruckt in wiss. Fachzeitschriften, sind zwar äußerlich vllt ein bisschen mit mehr Zitaten, Namedropping und 3 FN pro Seite angereichert, aber in der Plausibilität der analytischen Argumentation weit unterhalb, dafür normativ ohne Ende?.
    Und für mich zählt: mspros Text ist, was ich selbst zum großen Teil denke. Das ist maßgeblich für mich, natürlich nicht maßgeblich für andere. Viel wichtiger für andere: er passt wunderbar zu den – nun wirklich wissenschaftlichen – Texten der Medienphilosophen, Medientheoretiker und Medienhistoriker, die mein Denken rahmen.
    Wo steht, dass alle brauchbare Aussage über die jetzige und die mögliche zukünftige Welt ausschließlich systemtheoretisch kompatibel sein muss? Und: auch systemtheoretisch kann man sich sehr gut streiten. Baecker oder Erdmann?

  24. Pingback: Sebastian Plönges (@autopoiet) (@autopoiet)

  25. „aber die kon­krete Form sei­nes Arti­kels doku­men­tiert auf eine sehr expli­zite Art den Zer­falls­pro­zess wis­sen­schaft­li­cher Beob­ach­tung unter den Bedin­gun­gen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­tion.“

    „Aber die Empirie (und das schließt die Empirie kontingenter Unterscheidungen ein) zeigt, dass dieser Ausschluss von Kontingenz mehr und mehr verloren geht“ (Sebastian bei differentia)

    Eine Proliferation von Gedankenfiguren jener Bauart scheint Dein Denken auszumachen und zu organisieren. Immer geht es um die Behauptung, ein spezifischer Zerfall, ein Niedergang, ein Verlorengehen zeige sich, dokumentiere sich –
    empirisch beobachtbar. Möglicherweise verschweißt mit der kryptodidaktischen Kautele, dies müsse man sich nun doch endlich einmal eingestehen.
    Zur Verfertigung einer solche Diagnose bedarf es zu allererst der Konstruktion eines Popanz von Maßstab (etwa „wissenschaftliche Beobachtung“ wie sie einmal war), demgegenüber die Sachverhalte sich dann als rückläufig oder defizitär ausweisen können (zerfallend, verlorengehend).
    Daraus würde sich nun allerdings für mich die Möglichkeit einer Gegenbeobachtung eröffnen, die schlussfolgert, dass jener Popanz, der unentwegt ins Feld geführ wird, um sein Verlorengehen und Zerfallen zu konstatieren, stärker denn je im Rennen ist.

    Kann es sein, dass kein anderes Verfahren Konzepten zu solcher Prominenz und Relevanz verhilft, wie das insistente Bestreiten ihrer Gültigkeit?

  26. @Wigbert Traxler

    „die Mög­lich­keit einer Gegen­be­ob­ach­tung eröff­nen, die schluss­fol­gert, dass jener Popanz, der unent­wegt ins Feld geführ wird, um sein Ver­lo­ren­ge­hen und Zer­fal­len zu kon­sta­tie­ren, stär­ker denn je im Ren­nen ist“

    Danke für die Anmerkung! Es scheint sich für mich bei dieser Feststellung um die sehr genaue Beobachtung eines Krisenphänomens zu handeln, genauer: um die Beschreibung von Ereignissen, deren gehäuftes Auftreten als Krise wahrgenommen wird. Und gerade in Krisen liegt der Rückgriff auf etablierte Routinen nahe… von einer generellen „Rückläufigkeit“ oder einem (wie auch immer gearteten) Defizit würde ich absehen, weil so eine Diagnose immer so latent teleologisch daherkommt.

  27. Pingback: Zukunftsfähige Zukünfte — autopoiet/blog

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