„… eventually, someone is going to pick up a brick.“
Am 26. September 2011 sprach der Autor und TV-Produzent David Simon im Rahmen der Frank Porter Graham Lectures vor Studierenden der University of North Carolina. Simon skizziert in seinem Vortrag „The End of the American Empire and What’s in It For You“1 Zusammenhänge, die maßgeblich zu einem als Krisenphänomen beobachteten Ordnungsverlust in den USA beigetragen haben und bis heute tun.
In der 60-minütigen Vorlesung betont David Simon insbesondere den für das Verständnis der gegenwärtigen Situation entscheidenden reduzierten Bedarf an menschlicher Arbeitskraft. Dieser gehe ökonomisch mit der De-Industrialisierung Nordamerikas einher, sei aber ab circa 1981 unter der Ägide Ronald Reagans auch politisch forciert worden. Ein entscheidendes Resultat sei die Erosion der amerikanischen Mittelklasse und ihrer Kaufkraft. Simon verweist im Folgenden auf eine tiefe Spaltung innerhalb seines Landes, de facto müsse man mittlerweile von zwei unterschiedlichen Nationen sprechen: „There are two Americas – separate, unequal, and no longer even acknowledging each other except on the barest cultural terms. In the one nation, new millionaires are minted every day. In the other, human beings no longer necessary to our economy, to our society, are being devalued and destroyed.“2
Dabei bestreitet Simon nicht die Bedeutung kapitalistischer Marktwirtschaft als einzig effektives Werkzeug zur Erlangung von mass wealth – kritisiert aber ein mangelndes Solidaritätsbewusstsein in der Bevölkerung.
„Nobody makes it on their own in America. That’s the biggest bullshit lie ever.“
Während er zu wenig Steuern zahle und Forderungen nach höheren Spitzensteuersätzen ideologisch als „class warfare“ denunziert würden (so Simon in Reminiszenz an Warren Buffetts Aufruf in der New York Times vom 14. August), finde in den Straßen der USA tatsächlich ein als war on drugs deklarierter Krieg gegen die Armen des Landes statt: Das stillschweigende Akzeptieren des Drogenhandels als einzigem Arbeitgeber in West Baltimore und die anschließende Kriminalisierung ganzer Bevölkerungsschichten beweise „a totalitarian contempt for the poor.“ In perfider Weise folge die Logik des war on drugs sogar dem vorherrschenden Profitstreben: „When we hunt them, we at least provide jobs.“
„Every time I try to reach a level of cynicism that goes too far, I find out I’ve been outmaneuvered by reality.“
Am spannendsten sind David Simons Ausführungen aber jenseits dieser recht holzschnittartigen Politskizze. In den aufschlussreichsten Teilen seines Vortrags schildert der Autor das den Zuschauern von „The Wire“ hinreichend bekannte Prinzip des juking of stats als Teil eines umgreifenderen Prozesses, den man zynisch als „dysfunktionale Differenzierung“ bezeichnen muss: hierbei handelt es sich um den Aufbau und die Aufrechterhaltung von Strukturen und Routinen, die gemessen an den offiziellen Selbstbeschreibungen eines Systems nicht nur kurzschlüssig sondern sogar schädlich sind, die sich aufgrund der alltäglichen institutionellen Praxen aber verfestigen: „We juke the stats. […] We don’t educate kids, but we change the test scores. We teach to the test. […] We don’t make our cities safer, but we cheat the crime-stats.“
Generell ermöglicht dieses Verfahren seinen Beteiligten Stagnation als Fortschritt zu deklarieren – und zwar dort, wo Fortschritt gefordert, aber aufgrund kurzschlüssiger Präferenzen zugleich verhindert wird. Bedeutsamer Nebeneffekt dieser Praxis ist, dass dabei zugleich die „geheimen Lehrpläne“ der beteiligten Institutionen3 festgeschrieben werden: Je weniger Morde die Polizei in Baltimore entdeckt, desto weniger ungeklärte Mordfälle verunzieren die wöchentlich evaluierten Aufklärungsraten. Und letztere sind entscheidend für die Karrierechancen innerhalb der Organisation. Das folgenreiche Ergebnis ist eine institutionelle Logik, die, solange Ermittler an „real policework“ interessiert ist, konsequente Ablehnung bzw. ihr geschicktes Unterlaufen erfordert. Nur so ist es beispielsweise den Polizisten der TV-Serie möglich, echte Polizeiarbeit zu leisten: kleinschrittige Recherche, wiretaps, Beschattungen – alles jenseits dessen, was in den beschönigten Statistiken zu leisten behauptet wird.4
Mit Sönke Ahrens‘ präziser Lektüre der TV-Serie ist die besorgniserregende Entwicklung festzuhalten, dass den Institutionen mehr und mehr das Wissen über ihre eigentlichen Arbeitsweisen verloren geht – sei es Polizei, Wissenschaft, Presse, Erziehung oder Politik: Eine ebenso subversive wie aufklärerische Botschaft ist dann, dass sich bei allen zu erwartenden Widrigkeiten das Erwehren gegen diese „Mechanismen der Verdummung“ lohnt – und in gewisser Weise ist „The Wire“ selbst Form eines solchen Widerstands.5
„Think about what you’re doing…“
Dieses anarchische Moment ist es, dass Simon am Ende seines Vortrags konkret aufgreift. Er schildert dazu die Umstände der Verhaftung der „Wire“-Schauspielerin Felicia „Snoop“ Pearson wegen mutmaßlichen Drogenhandels. An ihrem Beispiel ermutigt er seine Zuhörer zu „civil dissidence“ im Geiste des Verlegers und Publizisten John Peter Zenger: Sollten sie jemals als Geschworene in eine Jury berufen werden, die in einem Drogendelikt („… and there is no attended act of violence alleged by the government“, betont Simon) zu entscheiden habe, bestehe stets die Möglichkeit für die sog. jury nullification zu stimmen (das Recht der US-Geschworenen im Zuge eines Freispruchs ein bestehendes Strafgesetz zu ignorieren, weil seine Anwendung im konkreten Fall als unmoralisch oder unangebracht aufgefasst wird). David Simon lässt keinen Zweifel an der eigenen Wahl in einem solchen Fall: „I will not longer tinker with the machinery of the drug war. I will not be party in this.“
Die Vorlesungreihe wird in Gedenken an den ehemaligen Präsident der University of North Carolina, Frank Porter Graham, veranstaltet.
Videotipp
- The Wire. Fünf Staffeln, HBO 2002 – 2008.
Lesetipps
- Ahrens, Sönke: Blickdehnübungen für emanzipierte Zuschauer. Die Lehren von »The Wire«, in: Zahn, Manuel; Pazzini, Karl-Josef (Hg.): Lehr-Performances. Filmische Inszenierungen des Lehrens, Wiesbaden 2011, S. 163 – 173.
- Penfold-Mounce, Ruth; Beer, David; Burrows, Roger: The Wire as Social Science Fiction?, in: Sociology 45, 2011, S. 152 – 167.
- Simon, David: Introduction, in: Alvarez, Rafael (Hg.): The Wire. Truth to be told, New York 2009, S. 1 – 31.
- Simon, David: The escalating breakdown of urban society across the US, in: The Guardian, 6. September 2008. Online-Version (Zugriff 15.10. 2011).
Anmerkungen
- Während des Sprechens änderte Simon den Titel seiner Rede. Der ursprünglich angekündigte Titel lautete „The American Century and the Decline of Labor“. ↩
- Simon, David: The escalating breakdown of urban society across the US, in: The Guardian, 6. September 2008. Online-Version (Zugriff 15.10. 2011). ↩
- Die Serie dekliniert die Fälle Polizei, Schule, Presse, Gewerkschaften, Wissenschaft, Politik etc. ↩
- Und wer geneigt ist, das Beispiel als realitätsferne Fiktion abzutun: Einerseits ist Simons Fiktion in vielerlei Hinsicht „realer“ als die Realität, andererseits mangelt es auch hierzulande nicht an passenden Beispielen (über den Drittmittelantragswahnsinn an deutschen Universitäten ließe sich vermutlich eine ganze Staffel drehen). ↩
- Ahrens, Sönke: Blickdehnübungen für emanzipierte Zuschauer. Die Lehren von »The Wire«, in: Zahn, Manuel; Pazzini, Karl-Josef (Hg.): Lehr-Performances. Filmische Inszenierungen des Lehrens, Wiesbaden 2011, S. 169. ↩