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„Der Weise hängt an keiner Idee“

Ein Video-Fundstück. Gleichermaßen passend als Aperitif oder Anschluss zum vorangegangenen Artikel, der unter Inkaufnahme eines Umwegs über China die siebte der fünfzehn Thesen Dirk Baeckers zur Computergesellschaft näher beleuchtet. Im vorliegenden Interview mit Alexander Kluge referiert Baecker im Rahmen der dctp.tv-Themenschleife „Nachrichten vom Riesen China“ zentrale Begriffe der Arbeit des französischen Sinologen und Philosophen François Jullien.

Julliens „Ortswechsel des Denkens“ eröffnet Möglichkeiten zur Beobachtung des Ungedachten des europäischen Denkens. Ähnlich der bekannten Metapher, der folgend Fische die wohl einzigen Tiere ohne Wissen vom Wasser sind (und dass obwohl und weil sie stets von ihm umgeben sind), ist es die verborgene Verwurzelung in der europäischen Denktradition, die europäischen Philosophen so häufig nicht bewusst ist – gerade weil sie ständig Wirkung zeitigt. Julliens „Dekonstruktion von außen“ weist auf blinde Flecke nicht-expliziter Voreingenommenheit hin: Das chinesische „Anderswo“ (Jullien und Baecker sprechen im Anschluss an Michel Foucault auch von „Heterotopien“) erlaubt die Reflexion des unsichtbaren Rahmens, eine Beobachtung der durch Gewöhnung invisibilisierten Unterscheidungsroutinen. Kann dem Fisch Wasser begreiflich gemacht werden?

Zu den von Baecker referierten zentralen Begriffen aus Julliens Schriften gehören Wirksamkeit und Wandlung, das Zögern und das Fade, Sitationspotentiale und Strategie (vgl. zu lezterer auch den gleichnamigen Artikel vom 11.03. 2011). Im Rahmen der Diskussion politischer Kalküle, die wahlweise Wirksamkeit induzieren oder bloß hilflose Reaktionen darstellen können, rekonstruieren Kluge und Baecker in nunmehr loser Anlehnung an Julliens Philosophie das Situationspotential neokonservativer Politik nach dem 11. September 2001 („Deflationierung als Gewaltmaßnahme“). Oder unter Rekurs auf Niklas Luhmanns Interpretation des Teufels als Letztbeobachter-Beobachter die Übernahme der diabolischen Beobachtungsroutine durch Theologen (vgl. dazu: „Luzifers Doublebind. Ein epic fail?“). Alles in allem ein unterhaltsames Gespräch, das Appetit auf die Jullien-Lektüre macht.

Apropos! Gerade ist ein lesenwertes neues Buch François Julliens beim Wiener Passagen-Verlag erschienen: „Die Affenbrücke. Über künftige Diversität – kulturelle Fruchtbarkeit statt nationaler Identität“. Der kurze Band ist insofern von besonderem Interesse, als es sich dabei um die Verschriftlichung eines Jullien-Vortrags vor Vertretern des vietnamesischen Kulturministeriums handelt und politischen Rat mit aufmerksamer Reisebeobachtung verknüpft.
Dabei ist Jullien dann in der Tat sehr nah am interpretierenden Imperativ Dirk Baeckers aus dem obigen Interview: „Fangt wieder an, Gegenwart zu beobachten!“

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