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Dysfunktionalität als Funktion

labor, teuffel
Kann ein gemäß eigener Reflexionssemantik und Selbstbeschreibung nicht länger funktional operierendes (Sub-) System eben dieses latente Nichtfunktionieren zum Anlass eigenen Operierens machen? Ohne Zweifel. Aber was bedeutet das für die Reflexionssemantik? Und für die Theorieform funktionaler DIfferenzierung, die sich ihrer implizit bedient? Ein archivierter Kommentar zu Enno Aljets’ Artikel „Wissenschaft 2.0“ bei den Sozialtheoristen.

„[…] Gerade gestern Abend unterhielten wir uns in kleiner Runde über die Frage, ob es in Anbetracht von Internet und Überschusssinn zur weiteren Ausdifferenzierung der Wissenschaft kommen wird (mit Hilfe neuer Programmtypen o.ä.) oder ob in Anbetracht von Beschleunigung und zunehmender Dysfunktionalität wissenschaftlicher Kommunikation (Orientierung an Zitationsrankings, Aussicht auf Drittmitteleinwerbung etc.) ein eigenständiges Subsystem entstehen könnte (das damit auf mangelnde Interdependenzunterbrechungen, beispielsweise zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, reagiert. Wo der Ort einer solchen Wissenschaft wäre, sei einmal dahingestellt – Universitäten werden es vermutlich nicht sein). Oder drittens, ob gerade die mehr oder weniger latente Dysfunktionalität die eigentliche Funktion sein könnte… aber die letzte Option kommt dann doch ein wenig lax und als postmoderner Schlendrian daher. Die Frage bleibt (und sie drängt, zumindest mich): wie kann der »inhaltlichen Diskussion über Wahrheit« (Enno) zu ihrem Recht verholfen werden? Ohne den professionell deformierten Semantiken der jeweils betroffenen Profession (denn es ist ja nicht nur die Wissenschaft, die mit diesem Problem konfrontiert ist) oder bloß moralisierenden Appellen anheim zu fallen? […]“

… mehr in die Jahre gekommene science fiction?

… welche Probleme löst eine derart skizzierte Wissenschaft eigentlich?

… und was war da heute mit Guttenbergs Dissertation (↳ZEIT/↳SPON/↳SZ)?

6 Kommentare

  1. Es könnte helfen, die lächerliche Fixierung auf eine zweiwertige Logik (wahr/falsch) zu einem zwang- und wahnhaften Modell der Wirklichkeit ausbauen zu wollen. Die 0 und 1 der Bitwelt hilft dabei….ähm….kaum.

  2. @Wittkewitz:
    Ja, sicher. Aber so ein quasi-technisierter Code von 0 /1 bzw. wahr/unwahr hat natürlich schon seine Vorteile. Beispielsweise, dass sich die Frage des Vanillegeschmacks dieser These so erstmal nicht stellt und dass man sich nicht weiter mit der Sammlung empirischer Belege für die Scheibenhaftigkeit der Erde beschäftigen muss… Man sollte m.E. die Beobachterrelativität, die systemrelative Selektion von wahrem Wissen und die Unzulänglichkeit zweiwertiger Logik nicht gegen den Code der Wissenschaft aufrechnen. Der ist nämlich nicht notwendig und wohl auch nicht das Problem: Die Wahrheit der Feststellung der Nicht-Feststellbarkeit von Wahrheit kann ja kaum bezweifelt werden – oder?

  3. Nein. Der Code 0 und 1 kommt ja zunächst aus der Welt der Zustände. Dass es in der elektrischen Welt auf Makroebene zwei Zustände gibt macht das Ganze kontrollierbar, sodass man Repräsentanzen von Bedeutung darstellen kann. Das Problem an den Zustände ist aber zunächst der Beobachter. Allein er generiert ja die Zustände durch sein Wahrnehmung. Diese jedoch filtert bereits viel Informationen aus. Eigentlich alle, die nicht dem Hintergrund der Wahrnehmung, also dem Vorwissen zugängig sind. Insofern verlängert der Wissenschaftler dieses Erfüllen von Erwartungen nur durch seine Messgeräte. Aus Quantenmechanischer Sicht ist all das Gefasel dann obsolet. Und die Metaperspektive der Systemtheorie verliert ihr fundamentum inconcossum, da es mitnichten eine klare Unterscheidung zwischen einem Innen und eine Außen gibt. Wer also die Zweitwertigkeit ohne weitere Diskussion zu seinem Urgrund stempelt zwängt sich in ein Korsett, dass durch Anmalen (Fachbereiche), neue Schnitte (neue Modelle und Thesen) wenig ausrichten kann beim Erweitern der Erkenntnis der Welt.

  4. @Wittkewitz:
    Ja, das bezweifelt ja niemand. Also den ersten Teil…

    Dass es das System ist, dass selbstreferenziell zwischen Innen und Außen unterscheidet, ist doch der relevante Trick. Und das macht das System nach eigenen Maßgaben. Ich bin kein Quantenmechaniker, wenn du aber den Übergang von der Frage „was ist?“ (Einstein) zur Frage „was kann gesagt werden?“ (Bohr) meinst – dann scheint mir das perfekt vereinbar mit Luhmanns Theoriedesign zu sein, insbesondere der Beobachterabhängigkeit des Unterscheidens: „The act of recording, on the other hand, which leads to the reduction of the state, is not a physical, but rather, so to say, a mathematical process. With the sudden change of our knowledge also the mathematical presentation of our knowledge undergoes of course a sudden change.“ (Heisenberg)

  5. Sagen wir es so: Erkenntnis und damit auch Wissenschaft ist Teil des Selbstmodells, das sich u.a. durch Urteile versucht mit der Welt zu verankern. Diese Modell ist aber v.a. deswegen sinnvoll, weil es mit Tieren und Menschen einen Kontakt eingehen kann, der so nicht mir Meßgeräten oder Steinen funktioniert. Vor allem deshalb, weil sie nicht dieses Selbstmodell ständig beinflußen und es so einem statue nascendi treiben. Wenn aber der Kern der Weltorientierung und der Urteilsfindung ständig einem Wandel unterliegt, dann ist das Beharren auf festen Regeln, sagen wir mal, ein untaugliches Mittel. Insofern ist Theoriebildung nichts Anderes als der Versuch etwas zu kristallisieren, was noch nicht fertig entstanden ist. Dadurch zwingen die Wissenschaften den besten Teil der Realität in ein Profil, das seine eigen Absicht selbst verhindert: vollständige Einsichtnahme.

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