Humor als elaborierte Form


Ei­gent­lich hätte hier schon lange ein Ar­ti­kel zum Ver­hält­nis von Hu­mor und (Post-) Iro­nie ei­ner­seits so­wie aus­dif­fe­ren­zier­ter Dys­funk­tio­na­li­tät an­de­rer­seits er­schei­nen sol­len. Ers­tere könn­ten näm­lich, we­nigs­tens nä­he­rungs­weise, als eine spie­le­ri­sche Art des Um­gangs mit letz­te­rer be­grif­fen werden.

Nun hat Ste­fan Schulz von den Bie­le­fel­der So­zi­al­theo­ris­ten mir diese Auf­gabe glück­li­cher­weise ab­ge­nom­men – und eine äußerst le­sens­werte Ana­lyse zur sub­ver­si­ven An­eig­nung meh­re­rer So­li­da­ri­täts­de­mons­tra­tio­nen und –kund­ge­bun­gen für den zu­rück­ge­tre­te­nen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und fri­schen Nicht-Doktor Karl-Theodor zu Gut­ten­berg ge­lie­fert. Ste­fans Ar­ti­kel heisst „Hu­mor als letz­ter Ver­such erns­ter po­li­ti­scher Dis­kus­sion“. Ein Be­richt zu den ge­hack­ten De­mons­tra­tio­nen fin­det sich bei Spie­gel On­line („Guttenberg-Gegner ver­höh­nen Guttenberg-Fans“), ei­nige Fo­tos aus Ham­burg bei Tho­mas Strobl („Pro-Guttenberg-Demo Ham­burg, 05. 03. 2011“) oder bei Flickr.

Zur ers­ten Nä­he­rung ver­weise ich an die­ser Stelle ein­fach auf ei­nen kur­zen Ar­ti­kel, der in Kürze im von Tors­ten Meyer et al. her­aus­ge­ge­be­nen Band „Me­dien und Bil­dung. In­sti­tu­tio­nelle Kon­texte und kul­tu­rel­ler Wan­del“ er­schei­nen wird. Darin ist grund­le­gend ein Übergang ge­schil­dert, den man als „post­iro­nisch“ kenn­zeich­nen kann – auch wenn das nur eine un­ter vie­len Mög­lich­kei­ten ist. Die­ser Übergang setzt das Auf­ge­ben ei­ner lieb­ge­won­ne­nen Po­si­tion vor­aus: Die distanziert-ironische Stel­lung am Spiel­feld­rand, weit­ver­brei­tet un­ter selbst­er­nann­ten „Kri­ti­kern“ je­der coleur („kri­ti­sche“ So­zio­lo­gen, Möchtegern-Fußballtrainer, „scharf­zün­gige“ Kom­men­ta­to­ren). Er­reicht wer­den kann eine im­ma­nente, Un­ter­schei­dun­gen und Be­ob­ach­ter be­nen­nende Hal­tung, die die Er­run­gen­schaf­ten iro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­tion kei­nes­wegs auf­ge­ben muss – im Ge­gen­teil näm­lich so­gar vor re­la­ti­vis­ti­schen „Iro­ni­kern“ und re­ak­tio­nä­ren Fun­da­men­ta­lis­men (als fal­sche Ant­wort auf diese ätzende Form der Iro­nie) schüt­zen kann. Und statt­des­sen Hu­mor beweist.

Zum Ar­ti­kel: „Post­iro­nie als Ent­fal­tung“.


Wei­tere Literaturtipps:

  • Sönke Ah­rens: Ex­pe­ri­ment und Ex­plo­ra­tion. Bil­dung als ex­pe­ri­men­telle Form der Welt­er­schlie­ßung, Bie­le­feld 2011 (Link).
  • Ro­land Barthes: Sade. Fou­rier. Lo­yola. Frankfurt/Main 1986 (Link).
  • Um­berto Eco: Für eine se­mio­lo­gi­sche Gue­rilla, in: ders.: Über Gott und die Welt, 4. Auflage, München 1986 (Link).
  • Tors­ten Meyer: Postironischer Rea­lis­mus. Zum Bil­dungs­po­ten­tial von Cul­tu­ral Hacking. In: Jo­han­nes M. Hedinger/Marcus Gossolt/CentrePasquArt Biel/Bienne (Hrsg.): Le­xi­kon zur zeit­ge­nös­si­schen Kunst von Com&Com. La réa­lité dé­passe la fic­tion. Sul­gen, S. 432–437 (Link).
  • Au­to­nome a.f.r.i.k.a. Gruppe, Lu­ther Blis­set (Hg.): Hand­buch der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­rilla – wie helfe ich mir selbst, 4. Auf­lage, Ham­burg und Ber­lin 2001 (Link).