(Lern–)Räume der nächsten Gesellschaft.
Ein Rückblick auf das Bremer EduCamp


Am letz­ten Wo­chen­ende, am 18. und 19. März, fand in Bre­men das siebte Edu­Camp im deutsch­spra­chi­gen Raum statt. Es han­delte sich da­bei um eine kennt­nis­reich und pas­sio­niert or­ga­ni­sierte Un­kon­fe­renz, für de­ren Er­mög­li­chung dem Team um Tho­mas Bern­hardt Dank und Re­spekt ge­bührt. Nach und nach be­gin­nen die Do­ku­men­ta­tion und Auf­ar­bei­tung des Bar­camps.
Ich möchte im fol­gen­den Bei­trag kurz auf ei­nen As­pekt ein­ge­hen, der mei­nes Er­ach­tens ent­schei­dend zum Ge­lin­gen der Ver­an­stal­tung beige­tra­gen hat und an dem ex­em­pla­risch für die Zu­kunft – nicht nur der Edu­Camps! – ge­lernt wer­den kann: Raum. Ein Be­griff, der ge­gen­wär­tig und quer durch alle Dis­zi­pli­nen eine un­er­war­tete Re­nais­sance er­lebt und mit des­sen Ver­wen­dung man sich große Hy­po­the­ken ein­han­delt. Im Fol­gen­den sei da­her un­ter Be­zug auf „Raum“ nicht nur (aber auch) von arch­ti­tek­to­ni­scher Um­ge­bung die Rede, son­dern von Um­ge­bun­gen in ei­nem er­wei­ter­ten Sinne: Ich schlage vor, Raum als Me­dium zu be­grei­fen, dass Form–Bil­dun­gen ge­stat­tet – eine Les­art, die di­gi­tale Räume ex­pli­zit nicht aus­schließt und die Un­ter­schei­dung von Analog/Digital von vorn­her­ein zu un­ter­lau­fen versucht.

 

Der Raum. Eine Beschreibung

Abb. 1: Ausblick

Abb. 1: Ausblick

Der erste Ein­druck führt in die Irre. Wer in An­be­tracht des ar­chi­tek­to­ni­schen Struk­tu­ra­lis­mus des Bre­mer GW2-Gebäudes grauen Be­ton, wuch­tige Bal­ken und mas­sive Bal­lus­tra­den er­war­tete, wird ent­täuscht: Bei der Re­no­vie­rung (2006 bis 2008) der 1972 er­rich­te­ten Ca­fe­te­ria wurde auf Of­fen­heit und so­ge­nannte „Free Flow“-Bereiche ge­setzt. Der Raum, der das Edu­Camp mit­samt sei­nen Teil­neh­mern und Ses­si­ons be­her­ber­gen sollte, dient in der Re­gel als Mensa, Lounge und Café. Helle Bo­den­be­läge und De­cken­ver­klei­dun­gen re­flek­tie­ren das warme Licht, das durch die teils far­bige Glas­fas­sade in den gro­ßen Raum fällt. Der Ver­zicht auf ur­sprüng­lich mas­sive Trep­pen und Brüs­tun­gen aus Be­ton er­mög­licht eine wech­sel­sei­tige Ein­sicht un­ter den drei un­ter­schied­lich gro­ßen Ebe­nen. Das an­spre­chende und zeit­ge­mäße Mo­bi­lar (So­fas, runde Ti­sche, aber auch mas­sive Ei­chen­bänke und –ti­sche) stel­len ebenso ein­la­dende wie ver­schie­den­ar­tige Ar­beits­be­rei­che zur Ver­fü­gung. Spe­zi­elle Filz­un­ter­de­cken sor­gen für eine an­ge­nehme Akus­tik – trotz der Di­men­sio­nen der Ca­fe­te­ria (vgl. die Pro­jekt­be­schrei­bung).
Was das For­mat des Edu­Camps im All­ge­mei­nen aus­zeich­net, spie­gelt der Raum des Bre­mer Edu­Camps im Be­son­de­ren wi­der: Offenheit.

 

Raum als Me­dium. Eine Skizze

Abb. 2: Raum

Abb. 2: Raum

Be­mer­kens­wert ist, dass am Bei­spiel der Bre­mer GW2-Cafeteria mög­li­cher­weise – und pas­send zum Motto „Neue Lern­räume ge­stal­ten“ – et­was über Lern­um­ge­bun­gen der „nächs­ten Ge­sell­schaft“ (im An­schluss an Pe­ter Drucker/Dirk Ba­ecker) ge­lernt wer­den kann. Da­für kann es hilf­reich sein, un­ter Raum zu­nächst ei­nen Mög­lich­keits­raum zu ver­ste­hen.
Für die Ord­nung ei­nes Lern­rau­mes ist, in ers­ter An­nä­he­rung, ihr Zer­fall ebenso be­deut­sam wie ihr Auf­bau: Lern­an­ge­bote ste­hen zur Dis­po­si­tion, und zwar wech­sel­sei­tig. Die not­wen­di­gen Be­din­gun­gen für ihr Zu­stan­de­kom­mens sind aber je­der­zeit ge­ge­ben: Kon­krete Aus­prä­gun­gen, bei­spiels­weise in Form von Ses­si­ons, sind im­mer tem­po­rär. Diese bie­ten Raum für Kon­tro­ver­sen, die sich je nach Zu­griff un­ter­schied­lich ent-falten (oder aus­ein­an­der­fal­len) kön­nen. So ist es dann auch nicht ver­wun­der­lich, dass die Pro­to­kol­lie­rung der kon­kre­ten Form an Be­deu­tung ge­winnt – um die ge­wähl­ten Zu­griffe zu do­ku­men­tie­ren und für wei­te­ren, an­de­ren Zu­griff ver­füg­bar zu hal­ten. An­ders geht es im­mer – die Gren­zen der spon­ta­nen Netz­werke be­fin­den sich im Fluß. Stö­run­gen sind will­kom­men, Ab­stim­mun­gen fin­den im Zwei­fels­fall mit den Fü­ßen oder dem „Follow/Unfollow“-Button statt.
In Bre­men ge­lang die Pro­to­kol­lie­rung ge­wis­ser­ma­ßen ne­ben­bei: im In­ter­net mit–ge­teilte Etherpad-Dokumente spros­sen aus dem Bo­den, Video-Streams er­mög­lich­ten Ab­we­sen­den An­we­sen­heit, Di­gi­tal­fo­tos wur­den ge­schos­sen und um­ge­hend ins Netz ge­la­den, die Zahl der Twitter-Nachrichten mit dem Hash­tag der Ver­an­stal­tung, #echb11, war be­reits nach kur­zer Zeit un­zähl­bar geworden.

 

Vir­tua­li­tä­ten und Ordnungen

Abb. 3: Arbeitsgruppe

Abb. 3: Arbeitsgruppe

Was Dirk Ba­ecker ex­em­pla­risch für die Stadt der Com­pu­ter­ge­sell­schaft durch­spielte, kann un­ter Ver­än­de­rung der Brenn­weite für eine An­wen­dung auf ihre Lern­räume nutz­bar ge­macht wer­den: Die Orte (und die Kul­tur!) des er­folg­rei­chen Leh­rens und Ler­nens wer­den künf­tig dem Um­stand Rech­nung tra­gen müs­sen, dass sich spon­tan, über­ra­schend und manch­mal ris­kant lo­ckere Ver­knüp­fun­gen zu stra­pa­zier­fä­hi­gen Netz­wer­ken aus­for­men. Netz­werke, in „[…] de­nen wirt­schaft­li­che, recht­li­che, po­li­ti­sche, wis­sen­schaft­li­che, künst­le­ri­sche und re­li­giöse Werte, In­ter­es­sen und Be­lange sich zu un­ter­schied­li­chen, grund­sätz­lich fra­gi­len, je­doch auch im­mer wie­der er­staun­lich ro­bus­ten Kon­stel­la­tio­nen zu­sam­men­fin­den.“ (Ba­ecker 2009/2010, S. 4). Die la­tente Un­ruhe des Ge­sche­hens steht in ei­nem Span­nungs­ver­hält­nis zur funktional-rationalen Ord­nung der Mo­derne. Ebenso zur monumental-repräsentativen Ord­nung der An­tike – ob­wohl beide Ord­nungs­prin­zi­pien auch heute noch Wir­kung ent­fal­ten: mit Blick auf die Ar­chi­tek­tur von Lern­or­ten denke man nur an die räum­li­che Tren­nung von all­ge­mei­nen Klas­sen­räu­men, Sprach­la­bors, Leh­rer­zim­mern und Com­pu­ter­räu­men oder an die ein­sei­tige Aus­rich­tung der Schü­ler hin zur mo­nu­men­ta­len Schul­ta­fel be­zie­hungs­weise dem re­prä­sen­ta­ti­ven Leh­rer­pult mit sei­ner pri­vi­le­gier­ten Sprech­po­si­tion.
Die ad­äquate, „hy­pers­phä­ri­sche“ Lern­um­ge­bung, um es mit Re­gis De­bray zu sa­gen, ist nicht mehr aus­schließ­lich mo­nu­men­tal und sie wird auch nicht mehr pri­mär funk­tio­nal sein. Sie ist ebenso wie die Stadt der nächs­ten Ge­sell­schaft „[…] vir­tu­ell, das heißt sie be­zieht ihre Rea­li­tät dar­aus, dass sie For­men al­ler Art me­dia­li­siert und so de­ren Ma­te­rial für an­dere For­men brauch­bar macht.“ Mit Vir­tua­li­tät sind also Re­la­tio­nen zwi­schen Ord­nun­gen von Rea­li­tä­ten ge­meint, oder wie­derum mit Ba­ecker: „Vir­tua­li­tät ist […] nicht etwa das Ge­gen­teil von Rea­li­tät, wie es ein weit ver­brei­te­ter Irr­tum ha­ben will, son­dern eine Form des Um­gangs mit Rea­li­tät.“ (ebd., S. 6).

 

Schwär­men

Abb. 4: Sessionplan(-ungen)

Abb. 4: Sessionplan(-ungen)

Na­tür­lich war auch die Ca­fe­te­ria im Bre­mer GW2-Gebäude, bei al­ler ar­chi­tek­to­ni­schen und (selbst-)organisatorischen Of­fen­heit ein Raum vol­ler Gren­zen. Aber diese Gren­zen wa­ren, mehr als sonst in Lern­räu­men üblich, hoch­gra­dig vir­tu­ell und fluide. Sie wa­ren von Si­tua­tion zu Si­tua­tion neu aus­han­del­bar – ihre Eta­blie­rung engte nicht ein, son­dern er­mög­lichte im Ge­gen­teil hö­here Grade der Of­fen­heit.
In bei­spiel­haf­ter Form kann also nicht nur im, son­dern auch am Bil­dungs­raum des Edu­Camps et­was ge­lernt wer­den: Über die Be­deu­tung von Be­we­gungs­spiel­räu­men, Lehr– und Leer­stel­len und die Wich­tig­keit von Über­gän­gen. Das Me­dium des Rau­mes er­laubte ge­rade auf­grund sei­ner Un­be­stimmt­heit die kon­zen­trierte Form der ein­zel­nen Ses­si­ons – die dann ih­rer­seits als Me­dium fun­gie­ren konn­ten. Zum Bei­spiel als Me­dium des Er­kennt­nis­ge­winns, der Netz­werk­bil­dung, der Ent­fal­tung von Kon­tro­ver­sen. Oder ein­fach zum ge­mein­sa­men Kaf­fee­trin­ken. Das nächste Mal im Herbst – in Bie­le­feld.

Des­we­gen kann sich eine Raument­wick­lung keine in­halt­li­chen, son­dern muss sich pro­ze­du­rale Ziele set­zen; des­we­gen ist von kei­ner städ­ti­schen Ge­mein­schaft aus­zu­ge­hen, son­dern al­len­falls eine zu fin­den; und des­we­gen kann die Raument­wick­lung nicht li­near, son­dern muss nicht­li­near, das heißt in der Form der Aus­ein­an­der­set­zung mit will­kom­me­nen Stö­run­gen ver­lau­fen.“ (Ba­ecker, ebd., S. 11)

 

Li­te­ra­tur und Links

  • Ba­ecker, Dirk: Die nächste Stadt. Ein Pflich­ten­heft, Fried­richs­ha­fen 2009/2010. On­line: http://www.dirkbaecker.com/Pflichtenheft.pdf
  • Mei­sel, Timo: Eine Mus­ter­spra­che, die Me­di­en­bil­dungs­räume er­zeugt, in: Meyer, Tors­ten, Tan, Wey-Han, Schwalbe, Chris­tina, Ap­pelt, Ralf (Hrsg.): Me­dien & Bil­dung. In­sti­tu­tio­nelle Kon­texte und kul­tu­rel­ler Wan­del, Wies­ba­den 2011, S. 203 – 219.
  • Plön­ges, Se­bas­tian: Die Mar­kie­rung der Fa­kul­tät, in: Meyer, Tors­ten, Tan, Wey-Han, Schwalbe, Chris­tina, Ap­pelt, Ralf (Hrsg.): Me­dien & Bil­dung. In­sti­tu­tio­nelle Kon­texte und kul­tu­rel­ler Wan­del, Wies­ba­den 2011, S. 376 – 381. Ma­nu­skript on­line un­ter: http://sebastian-ploenges.com/texte/Ploenges_Markierung.pdf
  • Ca­fe­te­ria am Bou­le­vard GW2 Uni­ver­si­tät Bre­men. Pro­jekt­be­schrei­bung bei Architekten24.de
  • Edu­Camp: Nach­lese
  • Fo­tos mit dem Tag #echb11 bei flickr

(Gra­fik: Wi­ki­pe­dia. Fo­tos: KlausRu (Abb. 1, 2), Ralf Ap­pelt (Abb. 3, 4). Danke.)


Kommentare

  1. RT @autopoiet: End­lich im Blog: „(Lern–)Räume der nächs­ten Ge­sell­schaft. Ein Rück­blick auf das Bre­mer Edu­Camp“ http://t.co/w1TcfR9 #echb11

  2. luhmannius sagt:

    Raum als Me­dium: das ist für mich ein­leuch­tend; Beispiele:

    Sprach­raum, Mög­lich­keits­raum, Vor­stel­lungs­raum, Geschichtsraum …

    a) im Sprach­raum nimmt die Se­man­tik ihre For­men an als „ge­pflegte Semantik“;

    b) im Mög­lich­keits­raum ge­schieht, was ge­schieht, WENN es ge­schieht, als eine FORM, die ging und mach­bar war;

    c) im Vor­stel­lungs­raum ent­wi­ckeln sich Ge­dan­ken­FOR­MEN als in­nere SELBST-Wahrnehmungen;

    d) im Ge­schichts­raum er­schei­nen alle Er­eig­nisse als FORMEN des politisch-historisch-zeitgeistig Möglichen;

    und so wei­ter in al­len ähn­li­chen vir­tu­el­len (nicht-ontologischen) Räumen.

  3. Lisa Rosa sagt:

    mit dei­nem post habe ich eine schöne lek­türe ge­habt, vie­len dank!
    den be­griff raum als „mög­lich­keits­raum“ ni­cke ich dir gerne ab. ich ni­cke auch ab, wenn du dies MEDIUM nennst. Du meinst ein SINNMEDIUM, nicht? Viel­leicht wäre es für die vie­len päd­ago­gen und me­di­en­päd­ago­gen, die die­ses post le­sen, aber gut, die­sen sys­tem­theo­re­ti­schen Me­di­en­be­griff noch mal zu klä­ren, denn meist wird der be­griff Me­dium als ver­kür­zung für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dium be­nutzt, und dann geht’s wie­der in die hose bzw. in die verwirrung :-)

  4. RT @autopoiet: End­lich im Blog: „(Lern–)Räume der nächs­ten Ge­sell­schaft. Ein Rück­blick auf das Bre­mer Edu­Camp“ http://t.co/w1TcfR9 #echb11

  5. Sebastian sagt:

    Danke für Eure Kom­men­tare, Lisa und Rudi.

    @Rudi: Ja, das Prozessural-Situative ist ent­schei­dend. Das ist wohl auch der Punkt, auf den Ba­ecker im oben re­fe­ren­zier­ten „Pflich­ten­heft“ hin­aus will. Dass man das Me­dium an­schlie­ßend un­ter Be­rück­sich­ti­gung der ver­schie­de­nen Sinn­di­men­sio­nen hin be­ob­ach­ten kann, er­scheint mir nur logisch.

    @Lisa: Danke für die Blu­men. Bin der­zeit lei­der nur via Te­le­fon im Netz, und da ist die Kom­men­tie­re­rei im­mer noch et­was un­ge­lenk. Da­her ma­che ich’s kurz: Ich bin ja auch Freund des pro­duk­ti­ven Miss­ver­ste­hens und würde es ge­ne­rell auch im­mer auf an­de­res Ver­ste­hen an­kom­men las­sen – aber an­de­rer­seits stimme ich Dir zu. Als Kom­pro­miss quasi habe ich eben mal die blog-interne Such­funk­tion be­fragt. Der erste in die­ser Frage ver­mut­lich hilf­rei­che Ar­ti­kel, der mir un­ter die Au­gen ge­kom­men ist, wäre die­ser hier:
    http://sebastian-ploenges.com/blog/2009/medium/

  6. RT @autopoiet: End­lich im Blog: „(Lern–)Räume der nächs­ten Ge­sell­schaft. Ein Rück­blick auf das Bre­mer Edu­Camp“ http://t.co/w1TcfR9 #echb11

  1. […] Bre­men ha­ben wir auf alle Fälle die Räume ge­öff­net (dazu ein sehr le­sens­wer­ter Blog­bei­trag von Se­bas­tian Plön­ges) und wei­tere Schritte hin zur For­ma­tin­no­va­tion be­trie­ben. So wurde z.B. am […]

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