live/nicht-live?“

codex manesse, live

Eine No­tiz zu Ar­nes sehr le­sens­wer­ten (und im bes­ten Sinne des Wor­tes) ir­ri­tie­ren­den ↳Be­richt zur Trans­me­diale. Dort kom­men­tiert, hier archiviert:

Wa­rum die Un­ter­schei­dung »live/nicht-live« keine an­ge­mes­sene ist.

Oder an­ders ge­sagt: wa­rum es nicht ver­wun­der­lich ist, dass durch ihre An­wen­dung Un­sinn ge­ne­riert wird (und das scheint mir die tie­fere Lehre der am­bi­tio­nier­te­ren Vor­träge im Rah­men des Transmediale-Programms ge­we­sen zu sein). Man kann »live« näm­lich von »Stuhl«, »Zen« oder »grün« un­ter­schei­den, denn die sind al­le­samt »nicht-live« (und so­mit nicht »live«). Man kann so na­tür­lich ver­fah­ren und da­mit die zu­grun­de­lie­gende Pa­ra­do­xie ver­schlei­ern. Das ist all­täg­li­che Pra­xis und als sol­che be­nennt Arne sie ex­pli­zit (»Und zwar wird da­bei eine ganze Menge mehr nicht be­ob­ach­tet, als be­ob­ach­tet wird«). Was re­sul­tiert, wenn man also »nicht-live« in die­sem Sinne als Ne­ga­tion be­nutzt? Ist es ver­wun­der­lich, wenn in Folge des Un­ter­schei­dungs­ge­brauchs Si­tua­tio­nen ge­ne­riert (!) wer­den, die halt be­son­ders »live« sind (egal ob im Flur­ge­spräch, Fuß­ball­sta­dion, Opern­haus oder Jazz­club) – und bei den übri­gen Si­tua­tio­nen Un­klar­heit und Rat­lo­sig­keit herrscht? Das Tref­fen der Un­ter­schei­dung er­zeugt die Form, das Be­ob­ach­tete ist Re­sul­tat des Be­ob­ach­ters (der hier mit dem Tref­fen der Un­ter­schei­dung iden­ti­fi­ziert, d.h. »ver­wech­selt« wird). Und dann drängt sich die Frage auf, ob das al­les so neu ist; ob das nicht so oder ähn­lich auch im­mer schon pro­ble­ma­ti­siert wor­den ist (man denke an den we­gen der Ein­füh­rung der Schrift be­sorg­ten So­kra­tes aus Pla­tons Phaid­ros). Noch­mal an­ders: Ist die Un­ter­schei­dung von »live/nicht-live« bzw. »live/pre-recorded« nicht mög­li­cher­weise ein An­wen­dungs­fall ei­ner all­ge­mei­ne­ren Un­ter­schei­dung? Wie könnte diese aussehen?

Tja – da bin ich mit mei­nem La­tein am Ende. Zu­erst dachte ich an »Instantan/Sequenziell« (ist aber na­tür­lich ir­re­füh­rend, weil auch In­ter­ak­tion Se­quen­zia­li­tät er­for­dert), eben an »Anwesend/Abwesend« (wenn ich dich nach­her an­rufe – ist das nicht »live«? Oder bist du dann etwa »an­we­send«?) oder »Zeitgleich/Unzeitgleich« (aber das mit Mu­si­kern zu dis­ku­tie­ren wäre si­cher­lich ge­fähr­lich) – kreist das Pro­blem am Ende um die Dif­fe­renz von »Interaktion/Dokument«? Das kann aber nur em­pi­risch, das heisst un­ter Be­ob­ach­tung von Be­ob­ach­tun­gen und ih­rer On­to­ge­nese ge­klärt wer­den… oder?


Edit (11.02. 2011): An­schlüsse bei den ↳Netz­pi­lo­ten und bei ↳Klaus Ku­s­a­now­sky.

 


Kommentare

  1. Wey-Han Tan sagt:

    Eine Un­ter­schei­dung durch eine an­dere Un­ter­schei­dung zu er­set­zen be­hebt, so denke ich, lei­der nicht das grund­sätz­li­che Pro­blem der Un­ter­schei­dungs­not­wen­dig­keit. Span­nend und bild­ne­risch sinn­voll ist so eine Dis­kus­sion aber al­le­mal, die Un­ter­schei­dung der Un­ter­schei­dun­gen ins Blick­feld zu rü­cken ge­hört zu Ton und Tonus auch mei­nes Selbstverständnisses.

    Pro­fi­tie­ren kann durch (d)eine neue Dif­fe­ren­zie­rung si­cher der (Medien)Theoretiker und — durch die Plas­ti­zi­tät der neuen Me­dien mög­lich — der Me­di­en­de­si­gner (d.h. der De­si­gner neuer tech­ni­scher Me­dien, nicht ih­rer Inhalte).

    Im Prin­zip ist nichts ‚live‘, was sich nicht im In­ne­ren un­se­res Schä­dels ab­spielt. Und Soft­ware ist be­reits heute do­ku­men­tierte la­tente In­ter­ak­tion. Be­komme ich z.B. von ei­nem Hilfs­bot ‚live‘ hel­fende Un­ter­stüt­zung? Sein Ver­hal­ten als Kon­kre­tion wurde ja nicht aufgezeichnet.

    Wie wäre es mit „La­tenz“ (ca. live, ge­rade pas­sie­rend, un­auf­ge­löst) und „Kon­kre­tion“ (ca. do­ku­men­tier­bar, fest­ste­hend)? Wo­mit wir wie­der bei Me­dium und Form an­ge­kom­men wären…

  2. Sebastian sagt:

    „die Un­ter­schei­dung der Un­ter­schei­dun­gen ins Blick­feld zu rü­cken ge­hört zu Ton und Tonus auch mei­nes Selbstverständnisses“

    Ja, das glaube ich gern! Das spie­le­ri­sche Rech­nen mit Un­ter­schei­dun­gen kann das Un­ter­schei­den na­tür­lich nicht er­set­zen – wird doch da­bei auch fort­lau­fend un­ter­schie­den: nur halt eine Ord­nung „hö­her“, wie es sich zur Be­zeich­nung von Be­ob­ach­tungs­be­ob­ach­tun­gen eta­bliert hat (man neigt auf­grund des deut­schen Sprach­ge­brauchs dazu, die­ses „hö­her“ qua­li­ta­tiv zu in­ter­pre­tie­ren; darum geht es selbst­re­dend nicht).

    Dann be­merkt man, dass und wie Un­ter­schei­dun­gen pro­ble­ma­tisch wer­den. Ein em­pi­ri­scher Be­leg? Ge­rade letz­tens wie­der be­ob­ach­tet im Kon­zert: Techno-DJ mit Rech­ner, Pia­nist mit Flü­gel und Ef­fekt­ge­rä­ten, Elektronik-Legende mit selt­sa­mer Ap­pa­ra­tur, Sym­pho­ni­ker mit ih­rem klas­si­schen In­stru­men­ta­rium. Live und er­eig­nis­haft – al­les, ohne Frage! Die Pro­ble­ma­tik scheint eher auf eine an­dere Frage hin­aus­zu­lau­fen: Sind die „live“ er­leb­ten Töne und Me­lo­dien vor­her do­ku­men­tiert ge­we­sen? Und wur­den nur noch in Form der Liv­en­ess als Auf­füh­rung si­mu­liert? Wir lan­den hier mehr oder we­ni­ger di­rekt bei der von Klaus Ku­s­a­now­sky vor­ge­schla­ge­nen Dif­fe­renz von Do­ku­men­ta­tion und Per­form­anz… wie der la­tente Si­mu­la­ti­ons­ver­dacht auf­ge­löst wer­den kann (und ob das wün­schens­wert und mög­lich ist), ist wohl eine der zen­tra­len Her­aus­for­de­run­gen un­se­rer Zeit/unseres Be­ob­ach­tungs­sche­mas. Man könnte ja mal ver­su­chen, den Schwie­rig­kei­ten der Ko­pro­duk­tion nicht auf den Leim zu gehen.

    P.S. Ob es mit dem Ver­weis auf das Schä­de­lin­nere über­haupt sinn­voll ist, von „liv­en­ess“ zu re­den, ist noch eine ganz an­dere Frage. Ist die La­tenz zwi­schen Hirn­zu­stand und Be­wußt­s­eins­zu­stand nicht Ge­gen­stand der berühmt-berüchtigten Libet-Experimente gewesen?

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