Person und Dokument

Per­so­nen sind in Ni­klas Luh­manns sys­tem­theo­re­ti­scher Dik­tion keine psy­chi­schen oder so­zia­len Sys­teme, kön­nen aber als Me­dium ih­rer struk­tu­rel­len Kopp­lung die­nen. Als po­ten­ti­elle Adres­sen und Zu­rech­nungs­stel­len von Kom­mu­ni­ka­tio­nen struk­tu­rie­ren sie die Au­to­po­ie­sis so­ziale Sys­teme. Un­ter Be­din­gun­gen funk­tio­na­ler Dif­fe­ren­zie­rung ste­hen Per­so­nen folg­lich dem Zu­griff al­ler Teil­sys­teme der Ge­sell­schaft zur Verfügung.

Wenn in die­sem Ar­ti­kel ein ers­ter Ver­gleich von Klaus Ku­s­a­now­skys Do­ku­ment­form mit der systemtheoretisch-traditionellen Form der Per­son um­ris­sen wird, tre­ten über­ra­schende Par­al­le­len zu Tage. Es kann im Fol­gen­den nicht darum ge­hen, Ku­s­a­now­skys Be­griff des Do­ku­ments zu ex­pli­zie­ren1, son­dern den funk­tio­na­len Ver­gleich zweier For­men an­zu­re­gen, um da­mit ei­ner bis­her nicht ab­ge­schlos­se­nen Such­be­we­gung nach der theo­re­tisch an­schluss­fä­hi­gen Do­ku­ment­form wei­tere Spu­ren zu lie­fern. Die Do­ku­ment­form ver­spricht eine aus­sichts­rei­che Grund­lage zur Be­ob­ach­tung em­pi­ri­schen Ma­te­ri­als – und er­zeugt die Form der Em­pi­rie zu­gleich: Em­pi­rie wird also nicht vor­ge­fun­den, son­dern durch eine spe­zi­fi­sche Form der Be­ob­ach­tung hervorgebracht. Um die­sem Um­stand Rech­nung zu tra­gen muss diese Form folg­lich als Form im Sinne Ge­orge Spen­cer Browns be­han­delt werden.

Das Do­ku­mentschema formt Er­le­ben in spe­zi­fi­scher Weise und ist zu­gleich Be­din­gung der Mög­lich­keit die­ser spe­zi­fi­schen Weise der Form­bil­dung. Dies ge­schieht durch die Struk­tu­rie­rung von Sinn­ge­hal­ten auf Ba­sis von Em­pi­rie2, ein­zelne Do­ku­men­ta­tio­nen ste­hen – ana­log zur Form der Per­son – al­len Teil­sys­te­men zur Ver­fü­gung3. Die spe­zi­fi­sche Form des Do­ku­ments eta­bliert sich durch ein Pro­zes­sie­ren der Dif­fe­renz von Re­fe­ren­zier­bar­keit und Ar­bi­tra­ri­tät: Die in Spen­cer Browns Kal­kül ein­ge­führ­ten ba­sa­len Ope­ra­tio­nen des Wie­der­ho­lens und Kreu­zens der Grenze kon­den­sie­ren Struk­tu­ren, die in zeit­li­cher Per­spek­tive zu­neh­mend po­ten­ti­elle Se­lek­ti­ons­mög­lich­kei­ten eng­füh­ren. Es kommt zur Aus­bil­dung und Kon­di­tio­nie­rung sta­bi­li­sier­ter Er­war­tun­gen und da­mit zur Eta­blie­rung ei­ner spe­zi­fi­schen Ord­nung, die durch Ein­schrän­kung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten ge­kenn­zeich­net ist – Ein­schrän­kun­gen eben, die sich also auf die Ver­wen­dung des Do­ku­mentsche­mas zu­rück­füh­ren las­sen. Ein­deu­tige Re­fe­ren­zier­bar­keit wird prä­fe­riert und mo­ti­viert zu An­schluss­ope­ra­tio­nen (also: Wie­der­ho­lung); Ar­bi­tra­ri­tät da­ge­gen wird als un­zu­läs­sig zu­rück­ge­wie­sen und führt folg­lich zu Nicht­wie­der­be­nut­zung – und dem er­neu­ten Kreu­zen der Grenze in Rich­tung Re­fe­ren­zier­bar­keit. Oder, und diese Al­ter­na­tive be­steht im­mer, zum Ab­bruch der Kommunikation.

 Wir hal­ten fest: Ope­rie­ren im Do­ku­mentschema ist nur auf der mar­kier­ten Seite der Re­fe­renz mög­lich, auf der un­mar­kier­ten Seite wird Al­les und Nichts Ge­gen­stand von Kom­mu­ni­ka­tion. So­bald man den Ver­such un­ter­nimmt, die reine Kon­tin­genz der un­mar­kier­ten Seite nä­her zu be­stim­men, wird sie gleich­sam „do­ku­men­tiert“. Wir ha­ben es dann mit ei­nem re-entry der Form in Form zu tun: Ar­bi­tri­tät wird durch Be­nen­nung re­fe­ren­zier– und neu­tra­li­sier­bar. Tau­to­lo­gien, Selbst­re­fe­renz, Un­klar­hei­ten, Fäl­schun­gen oder Ma­ni­pu­la­tio­nen fin­den kei­nen Ein­gang in den Ka­non eta­blier­ter For­men, sie wer­den stig­ma­ti­siert und so­gar durch Ver­bote für wei­tere Kom­mu­ni­ka­tion aus­ge­schlos­sen. Man kann sie nun (in ih­rer ent­schärf­ten Form) gu­ten Ge­wis­sens igno­rie­ren, böse Über­ra­schun­gen wer­den auf ein Mi­ni­mum reduziert.

Dokumentform

Die Do­ku­ment­form, die durch ihre An­wen­dung die Neu­tra­li­sie­rung der ba­sa­len Pa­ra­do­xie (als Ein­heit der Dif­fe­renz von Re­fe­ren­zier­bar­keit und Ar­bi­tra­ri­tät) er­mög­licht, dient als Me­dium für kon­krete For­men (bei­spiels­weise also „Do­ku­mente“ im Sinne der all­ge­mein­sprach­li­chen Ver­wen­dung des Be­griffs) – und bleibt für ihre ei­gene Be­ob­ach­tung un­sicht­bar (bzw. be­nö­tigt dazu eine wei­tere, an­dere Be­ob­ach­tung). Die Do­ku­ment­form ko­or­di­niert Be­ob­ach­tung und im­mu­ni­siert sie ge­gen die Will­kür­lich­keit jen­seits ein­deu­ti­ger Re­fe­ren­zier­bar­keit. Der Ausch­luss rei­ner Kon­tin­genz durch die Do­ku­ment­form ist funk­tio­nal äqui­va­lent zur Ein­schrän­kung des Mög­lich­keits­raum von Kom­mu­ni­ka­tion (und da­mit: für die Au­to­ka­ta­lyse so­zia­ler Systeme) durch die Form der Per­son in An­be­tracht der zir­ku­lä­ren Not­lage dop­pel­ter Kontingenz.

Da­mit schließt sich der Kreis die­ser ers­ten An­nä­he­rung von Do­ku­ment und Person. Erst die Über­for­de­rung des Do­ku­mentsche­mas durch Über­pro­duk­tion von Ver­wei­sungs­mög­lich­kei­ten (Sinn­über­schuss) ver­weist auf die Grenze die­ser un­wahr­schein­li­chen Er­folgs­story. Die Neu­tra­li­sie­rungs­funk­tion des Do­ku­ments ver­liert ihre Über­zeu­gungs­kraft in dem Maße, in­dem auch auf Ba­sis von Re­fe­ren­zier­bar­keit zu­neh­mend Ar­bi­tra­ri­tät er­mög­licht wird. Der­zeit kön­nen Such­be­we­gun­gen be­ob­ach­tet wer­den. Die Struk­tur­form der nächs­ten Ge­sell­schaft wird die Struk­tur­form eben je­ner Ge­sell­schaft sein, die auf das Auf­tau­chen von In­ter­net­kom­mu­ni­ka­tion und den dro­hen­den Zer­fall der Do­ku­ment­form rea­giert ha­ben wird.


Li­te­ra­tur

Luh­mann, Ni­klas: Die Wis­sen­schaft der Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 1991, S. 33ff.
Luh­mann, Ni­klas: Die Form „Per­son“, in: ders.: So­zio­lo­gi­sche Auf­klä­rung 6, 3. Aufl., Wies­ba­den 2008, S. 137 – 148.
Spen­cer Brown, Ge­orge: Laws of Form, New York 1979.

Ab­bil­dung

Vi­gnette von Phil­ipp Ja­kon Lou­ther­bourg (Aus­schnitt), 1800 (Quelle: Wi­ki­me­dia).

An­mer­kun­gen

  1. Die um­fang­rei­che Vor­ar­beit kann bei In­ter­esse auf dif­fe­ren­tia nach­ge­le­sen wer­den. Zum Ein­stieg sei die Lek­türe fol­gen­der Ar­ti­kel (und ih­rer Dis­kus­sion) an­ge­ra­ten: „De­fi­ni­tion der Do­ku­ment­form“ (1. Au­gust 2011), „No­ti­zen zur Evo­lu­tion der Do­ku­ment­form“ (3. Au­gust 2011) und „On­to­lo­gi­sche Theo­rien der Kunst“ (13. Sep­tem­ber 2011).
  2. Eine erste Samm­lung: Län­gen, Hö­hen, Ent­fer­nun­gen, Ge­wichte… (Sach­di­men­sion), Zeit­punkte, Zeit­ab­schnitte, Re­ak­ti­ons­zei­ten… (Zeit­di­men­sion), Kon­trakte, Ge­setze, Zeug­nisse, Le­bens­läufe… (So­zo­ald­i­men­sion).
  3. Zum Bei­spiel der Wis­sen­schaft (Tat­sa­chen, Be­richte, Pu­bli­ka­tio­nen, Texte…), dem Recht (Ge­set­zes­texte, Pa­ra­gra­phen…), der Po­li­tik (Wahl­pro­gramme, Re­gie­rungs­er­klä­run­gen, Be­schlüsse, Ab­stim­mun­gen…), der Wirt­schaft (Ei­gen­tum, Zer­ti­fi­kate, Pro­dukte…) oder der Kunst (Ur­he­ber, Ori­gi­nal, Ge­nie, Werk…).

Kommentare

  1. Blindschleiche sagt:

    Empi­rie wird also nicht vor­ge­fun­den, son­dern durch eine spe­zi­fi­sche Form der Beob­ach­tung hervorgebracht. “

    Aber wo­durch wird die Form der Be­ob­ach­tung hervorgebracht?

  2. Der Blindenhund sagt:

    Vie­len Dank für diese Er­läu­te­run­gen. So wie ich den Sach­ver­halt im An­schluss an un­sere Dis­kus­sion bei Dif­fe­ren­tia nun­mehr ver­stehe, lie­fert das Do­ku­mentschema die Ele­mente ei­nes Me­di­ums, in das Per­so­nen­pro­fi­lie­run­gen durch ein Adress­for­mu­lar ve­ri­fi­ziert und durch Ve­ri­fi­ka­tion zer­ti­fi­ziert, bzw. do­ku­men­tiert wer­den. Mit Per­so­nen sind nicht Men­schen und nicht psy­chi­sche Sys­teme ge­meint. Eine Per­son wird viel­mehr kon­sti­tu­iert, um Ver­hal­tens­er­war­tun­gen ord­nen zu kön­nen, die durch sie und nur durch sie ein­ge­löst wer­den kön­nen. Je mehr und je ver­schie­den­ar­ti­gere Er­war­tun­gen auf diese Weise in­di­vi­dua­li­siert wer­den, um so kom­ple­xer ist die Per­son. So wie ich den Ar­ti­kel ver­stehe dürfte das auch für die Do­ku­ment­form gel­ten?
    Zur so­zia­len Er­war­tungs­struk­tur „Per­son“ gibt es ei­nen ganz in­ter­es­san­ten Text­aus­schnitt von Er­ving Goff­man (aus: Er­vin Goff­man, Stigma. Über Tech­ni­ken der Be­wäl­ti­gung be­schä­dig­ter Iden­ti­tät, Frank­furt am Main.)
    Des­halb könnte man sa­gen, die Ge­sell­schaft schafft die Mit­tel zur Ka­te­go­ri­sie­rung von Per­so­nen und dem kom­plet­ten Satz von At­tri­bu­ten, die man für die Mit­glie­der je­der die­ser Ka­te­go­rien als ge­wöhn­lich und na­tür­lich emp­fin­det. Die so­zia­len Ein­rich­tun­gen eta­blie­ren die Per­so­nen­ka­te­go­rien als Adres­sen­for­mu­lare, die man dort ver­mut­lich an­tref­fen wird. Die Rou­tine des so­zia­len Ver­kehrs in be­ste­hen­den Ein­rich­tun­gen er­laubt es uns, mit an­ti­zi­pier­ten An­de­ren ohne be­son­dere Auf­merk­sam­keit oder Ge­dan­ken um­zu­ge­hen. Wir stüt­zen uns auf diese An­ti­zi­pa­tio­nen, die wir ha­ben, in­dem wir sie in nor­ma­tive Er­war­tun­gen um­wan­deln, in re­gel­mä­ßig ge­stellte An­for­de­run­gen.
    Es ist ty­pisch, dass wir uns nicht be­wusst wer­den, diese For­de­run­gen ge­stellt zu ha­ben, auch nicht be­wusst wer­den, was sie sind, bis eine akute Frage auf­taucht, ob sie er­füllt wer­den oder nicht. Zu die­sem Zeit­punkt be­mer­ken wir wahr­schein­lich, dass wir im­merzu be­stimmte An­nah­men dar­über ge­macht hat­ten, was un­ser Ge­gen­über sein sollte. So könn­ten die For­de­run­gen, die wir stel­len, bes­ser „im Ef­fekt“ ge­stellte For­de­run­gen ge­nannt wer­den, und der Cha­rak­ter, den wir dem In­di­vi­duum zu­schrei­ben, sollte bes­ser ge­se­hen wer­den als Zu­schrei­bung, die in la­ten­ter Rück­schau ge­macht ist, eine Cha­rak­te­ri­sie­rung, die sich im Ef­fekt er­gibt als eine vir­tu­elle so­ziale Iden­ti­tät. Und ich nehme nun an, das ähn­li­ches auch für die Un­ter­schei­dung von Do­ku­mentschema und Do­ku­ment­form gel­ten könnte?

  3. kusanowsky sagt:

    Gut ge­lun­ger Ar­ti­kel, über den ich noch et­was nach­den­ken werde. Ich schreib spä­ter noch et­was dazu.

  4. Blindschleiche sagt:

    Mein Kom­men­tar war durch­aus ernst gemeint:

    Empi­rie wird also nicht vor­ge­fun­den, son­dern durch eine spe­zi­fi­sche Form der Beob­ach­tung hervorgebracht“

    ist die Kant­sche (kri­tisch idea­lis­ti­sche) Aus­gangs­stel­lung seit 200 Jah­ren. Die von mir ge­stellte Frage:

    Aber wo­durch wird die Form der Beob­ach­tung hervorgebracht?“

    trieb den ge­sam­ten deut­schen Idea­lis­mus (He­gel, Fichte, Schel­ling) um. Wol­len wir sie ein­fach un­be­ant­wor­tet lassen?

  5. Sebastian sagt:

    @Blindenhund

    »Und ich nehme nun an, das ähnli­ches auch für die Unter­schei­dung von Doku­mentschema und Doku­ment­form gel­ten könnte?«

    Ja, so kann man das wohl sa­gen. Die Form „Per­son“ dient als ein­ge­schränk­tes Ver­hal­tens­re­per­toire zur bes­se­ren Er­wart­bar­ma­chung von Hand­lun­gen; sie ist da­bei aber stets, und das ist Luh­manns ent­schei­den­der Punkt, selbst­or­ga­ni­sierte Sys­tem­leis­tung. Mit stei­gen­der Kom­ple­xi­tät der Ge­sell­schaft steigt dann auch die Va­ri­an­ti­ons­breite eta­blier­ter per­so­na­ler Sche­mata (und da­mit die Aus­wahl ver­füg­ba­rer „la­ten­ter Rück­schauen“ – die man übri­gens nicht als not­wen­dig in­di­vi­du­elle eng­füh­ren sollte). Die al­ler­meis­ten An­wen­dun­gen die­ser sche­ma­ti­sier­ten For­men ge­sche­hen la­tent bzw. stan­dar­di­siert: Rol­len­er­war­tun­gen sind da­für kein un­pas­sen­des Bei­spiel. Nor­ma­tive Sätze („Thou shall not use tau­to­lo­gies!“) wä­ren ein na­he­lie­gen­des an­de­res.
    Sche­mata sind nicht bin­dend oder ri­gide de­ter­mi­nie­rend, sie kön­nen zu­rück­ge­wie­sen oder un­ter­lau­fen wer­den. Das ge­stal­tet sich aber für Sche­mata eta­blie­rende For­men (z.B. Norm/Abweichung oder eben Referenz/Arbitrarität) in der Re­gel schwieriger.

    @Blindschleiche

    Das Pro­blem stellt sich (in die­ser Form) heute glück­li­cher­weise nicht mehr.

  6. Der Blindenhund sagt:

    @ Se­bas­tian
    „Erst die Über­for­de­rung des Do­ku­mentsche­mas durch Über­pro­duk­tion von Ver­wei­sungs­mög­lich­kei­ten ver­weist auf die Grenze die­ser un­wahr­schein­li­chen Erfolgsstory.“

    Daran könnte man die Über­le­gung an­schlie­ßen, daß die sozio-kulturelle Evo­lu­tion nur des­halb so er­folg– und fol­gen­reich sein konnte, weil sie his­to­risch zu­fäl­lig so­wohl die Po­ly­kon­tex­t­u­ra­li­tät der Funk­ti­ons­sys­teme und Mo­no­kon­tex­t­u­ra­li­tät von Or­ga­ni­sa­ti­ons­sys­te­men durch die Do­ku­ment­form zu­gleich zu kom­bi­nie­ren und zu kon­fu­sio­nie­ren ver­mochte. Für die Pro­blem­form des Adress­for­mu­lars ließe sich da­mit zu­nächst abs­trak­ter nach der an­de­ren Seite der funk­tio­nal evo­lu­ier­ten Po­ly­kon­tex­t­u­ra­li­tät fra­gen. Und die könnte sich in der en­do­gen struk­tu­rel­len Un­ent­schie­den­heit, jus­tiert durch die Form von ge­schlos­se­nen Or­ga­ni­sa­ti­ons­sys­te­men fin­den. In der Form von Or­ga­ni­sa­tion hät­ten wir es dann zu tun mit der me­dia­len Öff­nung zur „Per­son“ als Re-Codierung der „Un-Person“. Die or­ga­ni­sa­tio­nale Asym­me­trie von z.B. Client/Berater, Patient/Arzt, Mitarbeiter/Management, Schüler/Lehrer müsste da­mit dann im For­mu­la­ris­mus der Adres­s­ein­heit ei­gen­tüm­lich sym­me­trisch re­kom­bi­niert wer­den. Ok. ein in­ter­es­san­ter Ge­danke.
    An­ders ge­wen­det: Wie ließe sich die Ver­un­wahr­schein­li­chung des Adress­for­mu­lars für Er­zie­hung, Krank­heit, Glaube, Knapp­heit etc. ohne die Form der Schule, An­stalt, Kir­che, Firma etc. – den­ken? Und zu­ge­spitz­ter: Die Poly-Konditionalität des „People-Processing“ er­fin­det sich funk­tio­nal syn­chron in der Mo­no­kon­tex­t­u­ra­li­tät ei­nes ex­klu­siv in­klu­die­ren­den Leute-in-Organisation-Formulars: In­dem Mit­glie­der se­lek­tiert wer­den, ko-codiert sich die Se­lek­ti­ons­mög­lich­keit der in­tern wie ex­tern pro­zes­sier­bar ima­gi­nier­ten „Un-Person“, — als die po­ten­ti­ell or­ga­ni­sier­ba­ren „Noch-Nicht-Leute“, als Über­schuß? Und all das wird frag­lich, min­des­tens nicht mehr ope­ra­tio­na­li­sier­bar, wenn die funk­tio­nale Ge­sell­schaft die Do­ku­ment­form ver­liert? Aber ver­liert sie dann nicht auch die Form der Per­son? Und all die un­ge­lös­ten Pro­bleme der funktional-diffferenzierten Ge­sell­schaft su­chen sich durch den Überg­angs­pro­zess zu ei­ner nächs­ten Ge­sell­schaft eine neue Verstehensgrundlage.

  7. Blindschleiche sagt:

    Das Pro­blem stellt sich (in die­ser Form) heute glück­li­cher­weise nicht mehr.“

    In wel­cher dann?

  8. kusanowsky sagt:

    @sebastian — In­ter­es­sant, dass du auf Ar­bi­tra­ri­tät kommst. Der Ge­danke hat mich über­rascht und ich über­lege noch, wo­hin der füh­ren könnte. Bis­lang hatte ich es im­mer so for­mu­liert, dass das Do­ku­mentschema alle Sinn­för­mig­keit frem­d­re­fere­ziert und da­mit alle Selbst­re­fe­renz, wenn nicht un­ter Ver­bot, so doch we­nigs­tens un­ter Vor­be­halt stellt. Des­halb hatte ich im­mer Ma­ni­pla­tion als das Pro­blem ge­se­hen, durch das sich die Do­ku­men­form er­här­ten kann, in­dem sie Ma­ni­pu­la­tion aus­sschließt und durch Re­fe­ren­zier­bar­keit wie­der ein­schließt, was im Laufe der Evo­lu­tion des Be­wei­sens und Ma­ni­pu­lie­rens bei­des ei­nem Prä­zi­sie­rungs­pro­zess un­ter­liegt. Wenn Ma­ni­pu­la­tio­nen im­mer bes­ser be­wie­sen wer­den kön­nen, dann kön­nen auch Be­weise im­mer bes­ser ma­ni­pu­liert wer­den. Und die dar­aus re­sul­tie­ren­den kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­bleme wer­den des­halb im­mer ir­ri­ta­ti­ver, so­lange Selbst­re­fe­renz un­ter Vor­be­halt ge­stellt bleibt, und da­mit ja auch Re­geln des lo­gi­schen Schlie­ßens wie etwa die Tau­to­lo­gie. Das Do­ku­mentschema ver­suchte da­ge­gen, den Zir­kel zu ver­mei­den und die Aus­gangs­po­si­tion in eine be­ob­ach­tungs­un­ab­hän­gige Be­ob­ach­tungs­po­si­ton zu brin­gen, die als Ob­jek­ti­vi­täts­ideal ver­steh­bar wurde. Man könnte das auch das Pro­blem der An­fangs­fin­dung nen­nen, die al­len Vor­aus­set­zungs­reich­tum ne­giert und sagt: Am An­fang steht das Wort, die Welt, die Wahr­heit, die Ver­nunft, der Mensch, was im­mer. Ein be­kann­tes Spiel un­ter Ge­lehr­ten sind diese sog. Ge­dank­ex­pe­ri­mente, wel­che von der An­nahme ei­ner vor­aus­set­zung­lo­sen Be­ob­acht­bar­keit der Phä­no­mene aus­ge­hen.
    Im Grunde fin­det das Do­ku­mentschema in der gan­zen wis­sen­schaft­li­chen Mo­dell­bil­dung ih­ren Nie­der­schlag. Und so­bald diese Mo­delle kom­plex wer­den, wird es wahr­schein­lich, sie mit dem zu ver­wech­seln, was im Mo­dell ver­stan­den wurde, näm­lich die durch das Mo­del er­zeugte Rea­li­tät. Das geht, wenn die Dif­fe­ren­zen des Mo­dells in die Um­welt dif­fun­die­ren, dort selbst Mo­dellbi­dun­gen her­vor­brin­gen und wel­che rückk­kop­pelnd wie­der­auf­ge­grif­fen wer­den. Am deut­lichs­ten kann man dies an der Wirt­schafts­lehre be­ob­ach­ten. Das Mo­dell be­ginnt mit der Un­ter­schei­dung von An­ge­bot und Nach­frage. Diese Un­ter­schei­dung wird in Schu­len ver­wen­det und in Un­ter­neh­men. Bald rich­ten sich die Un­ter­neh­mens­be­zie­hun­gen auf ein ge­gen­sei­ti­ges In­for­miert­sein über diese Un­ter­schei­dung ein und er­zeu­gen Dif­fe­ren­zie­rungs­be­darf, der dann von der Wirt­schafts­lehre be­frie­digt wird. Und im­mer kann be­haup­tet wer­den: Am An­fang steht die Un­ter­schei­dung von An­ge­bot und Nach­frage, weil al­les öko­no­mi­sche Ope­rie­ren diese Un­ter­schei­dung als Re­fe­renz wei­ter­trägt. Da­her das Ver­bot der Ma­ni­pu­la­tion, wel­ches ab ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt un­halt­bar wird, wenn auch die Ma­ni­pu­la­ti­ons­ver­fah­ren im­mer kom­ple­xer wer­den. Aber so­lange die Do­ku­ment­form die Ope­ra­ti­vi­tät de­ter­mi­niert muss al­les so wei­ter ge­hen, auch dann, wenn es aus­sichts­los wird, aus den Be­wei­sen klug zu wer­den. Man kann das sehr gut in Talk­shows be­ob­ach­ten, wenn je­der mit gro­ßer Ge­wiss­heit ein­deu­tige Sta­tis­ti­ken mitteilt.

  9. Sebastian sagt:

    @kusanowsky
    »Das Do­ku­mentschema ver­suchte da­ge­gen, den Zir­kel zu ver­mei­den und die Aus­gangs­po­si­tion in eine be­ob­ach­tungs­un­ab­hän­gige Be­ob­ach­tungs­po­si­tion zu brin­gen, die als Ob­jek­ti­vi­täts­ideal ver­steh­bar wurde. Man könnte das auch das Pro­blem der An­fangs­fin­dung nennen […]«

    In der Tat. Oder das Tref­fen der ers­ten Un­ter­schei­dung, d.i. die Ver­let­zung des un­mar­ked state. Im­mer un­ter Aus­blen­dung der ebenso grund­le­gen­den wie un­ver­meid­li­chen Selbstre­fren­zia­li­tät die­ser Ope­ra­tion (der Form nach ist die Form be­reits Form bzw. „form ta­ken out of the form“) – das ist im An­schluss an Spen­cer Brown eine der zen­tra­len Ideen Luh­manns.
    Ich habe mich für Ar­bi­tra­ri­tät als die nicht-markierte Seite der Do­ku­ment­form ent­schie­den, weil sie As­so­zia­tio­nen zur mo­tiv­lo­sen Un­un­ter­schie­den­heit vor der ers­ten Un­ter­schei­dung weckt, also der to­ta­len Sym­me­trie der Leere zu Be­ginn der Laws of Form. Anything goes. Hier­mit ist dann na­tür­lich im­pli­zit die Idee der Asym­me­trie re­fe­ren­ziert – die in Folge der Evo­lu­tion und An­wen­dung der Do­ku­ment­form (und all ih­rer De-Finitionen, Mo­dell­bil­dun­gen und Sche­mata) so fol­gen­reich wer­den sollte.

  10. kusanowsky sagt:

    Da­mit würde für das Pro­blem der An­fangs­fin­dung auch er­kenn­bar, wa­rum die Do­ku­ment­form bald nach ih­rer Ein­übung für die Er­stel­lung von Er­klä­rungs­theo­rien als Auf­klä­rung über die aris­to­te­li­sche Tra­di­tion zur Lie­fe­rung von Recht­fer­ti­gungs­theo­rien um­ge­nutzt wurde. Ist durch die in­vi­si­bi­li­sie­rung der Will­kür ein An­fang ge­fun­den, mit dem er­folg­reich der Bal­last der Tra­di­tion ab­ge­wor­fen wurde, dann ver­här­ten sich die dar­aus ent­ste­hen­den Rou­ti­nen zur Recht­fer­ti­gung für ihre ei­gene Tra­die­rung. Auch hier wie­der als Bei­spiel die Wirt­schafts­lehre, die, da­nach ge­fragt wie denn An­ge­bot und Nach­frage zu­stan­de­kom­men, rou­ti­niert ant­wor­tet: durch den freien Wil­len der Wirt­schafts­sub­jekte auf dem Markt, wor­aus sich wei­ter­füh­rend die Ver­tei­lung und Zu­rech­nung von Ri­si­ken und Chan­cen recht­fer­ti­gungs­theo­re­tisch ab­lei­ten lassen.

  11. kusanowsky sagt:

    Als Nach­trag zum Ar­ti­kel und zu mei­nem Kom­men­tar, in dem ich be­zug­nahm auf sog. „Gedankenexperimente“:

    Meine bei­den Brü­der und ich hat­ten ei­nen Un­fall. Mein Kör­per ist schwer ver­letzt, meine bei­den Brü­der ha­ben ir­re­ver­si­ble Hirn­schä­den. Die Ärzte ope­rie­ren: tren­nen meine bei­den Ge­hirn­hälf­ten und set­zen je eine ei­nem Bru­der­kör­per ein. Beide ha­ben nun meine Er­in­ne­run­gen und Cha­rak­ter­züge und ver­hal­ten sich so, sind in je­der Hin­sicht psy­cho­lo­gisch kon­ti­nu­ier­lich zu mir. Wer bin dann ich?„
    Quelle: De­rek Par­fit: Re­a­sons and per­sons. — Ox­ford : Ox­ford UP, 1984, 254–255.
    Par­fit rea­giert hier auf Da­vid Wiggins‘ Va­ria­tion von Shoemakers Brown­son. Er meint, dass die­ses Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment den Be­griff von Iden­ti­tät aus­he­belt und dass man darum die Rede von Iden­ti­tät in Be­zug auf Per­so­nen auf­ge­ben sollte. Iden­ti­tät ist ent­we­der ge­ge­ben oder nicht, aber das, was bei der Per­son eine Rolle spielt, die Kon­ti­nui­tät, sei eh eine gra­du­elle An­ge­le­gen­heit.
    http://www.jg-eberhardt.de/philo_exp/ex_gehirnspaltung.html

  1. (RT @autopoiet) „Per­son und Do­ku­ment“ http://t.co/0KWs9Io7 #Sys­tem­theo­rie #next­so­ciety #Dokumentform

  2. Per­son und Do­ku­ment — autopoiet/blog http://j.mp/piCEHU

  3. […] Viel­leicht klingt das al­les dras­ti­scher, als es ge­meint ist (und im Gro­ßen und Gan­zen tei­len Mi­chael See­mann und ich ver­mut­lich mehr Über­zeu­gun­gen als uns tren­nen) – aber die kon­krete Form sei­nes Arti­kels doku­men­tiert auf eine sehr dras­ti­sche Art den Zer­falls­pro­zess wis­sen­schaft­li­cher Beob­ach­tung un­ter den Bedin­gun­gen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­tion. Und ist da­mit wert­vol­ler empi­ri­scher Bei­trag für eine Doku­men­ta­tion die­ser „Ach­sen­zeit“. Für See­manns impli­zi­ten Vor­schlag („Que­ryo­lo­gie“ als Zukunfts­wis­sen­schaft zu begrei­fen) gilt wohl, dass die ent­schei­dende Dif­fe­renz von Refren­zier­bar­keit und Arbi­tra­ri­tät sei­ner Such­an­fra­gen der Form nach Form sein wer­den: Per­son und Dokument. […]

  4. […] über die Welt zu in-formieren. Spen­cer Browns Theo­rie der Schal­tun­gen er­laubt es, die Empi­rie der Form als Form der Empi­rie zu den­ken: „Et­was, das man nur […]

  5. […] wer­den. Vgl. bei­spiels­weise die Dis­kus­sion um For­men des Do­ku­ments oder der Per­son. Vgl. hierzu im Übri­gen auch die Hacks durch ak­zep­tierte Konferenz-Papers, die von […]

  6. Un­kla­rer Be­griff der Form bei Luh­mann? http://t.co/iKPO1qp4 @autopoiet: http://t.co/QuV0UDym

  7. (RT @kusanowsky) Un­kla­rer Be­griff der Form bei Luh­mann? http://t.co/vChtmn02 @autopoiet: http://t.co/ROHPIUzI

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