Permalink

19

Person und Dokument

Personen sind in Niklas Luhmanns systemtheoretischer Diktion keine psychischen oder sozialen Systeme, können aber als Medium ihrer strukturellen Kopplung dienen. Als potentielle Adressen und Zurechnungsstellen von Kommunikationen strukturieren sie die Autopoiesis soziale Systeme. Unter Bedingungen funktionaler Differenzierung stehen Personen folglich dem Zugriff aller Teilsysteme der Gesellschaft zur Verfügung.

Wenn in diesem Artikel ein erster Vergleich von Klaus Kusanowskys Dokumentform mit der systemtheoretisch-traditionellen Form der Person umrissen wird, treten überraschende Parallelen zu Tage. Es kann im Folgenden nicht darum gehen, Kusanowskys Begriff des Dokuments zu explizieren1, sondern den funktionalen Vergleich zweier Formen anzuregen, um damit einer bisher nicht abgeschlossenen Suchbewegung nach der theoretisch anschlussfähigen Dokumentform weitere Spuren zu liefern. Die Dokumentform verspricht eine aussichtsreiche Grundlage zur Beobachtung empirischen Materials – und erzeugt die Form der Empirie zugleich: Empirie wird also nicht vorgefunden, sondern durch eine spezifische Form der Beobachtung hervorgebracht. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen muss diese Form folglich als Form im Sinne George Spencer Browns behandelt werden.

Das Dokumentschema formt Erleben in spezifischer Weise und ist zugleich Bedingung der Möglichkeit dieser spezifischen Weise der Formbildung. Dies geschieht durch die Strukturierung von Sinngehalten auf Basis von Empirie2, einzelne Dokumentationen stehen – analog zur Form der Person – allen Teilsystemen zur Verfügung3. Die spezifische Form des Dokuments etabliert sich durch ein Prozessieren der Differenz von Referenzierbarkeit und Arbitrarität: Die in Spencer Browns Kalkül eingeführten basalen Operationen des Wiederholens und Kreuzens der Grenze kondensieren Strukturen, die in zeitlicher Perspektive zunehmend potentielle Selektionsmöglichkeiten engführen. Es kommt zur Ausbildung und Konditionierung stabilisierter Erwartungen und damit zur Etablierung einer spezifischen Ordnung, die durch Einschränkung von Kommunikationsmöglichkeiten gekennzeichnet ist – Einschränkungen eben, die sich also auf die Verwendung des Dokumentschemas zurückführen lassen. Eindeutige Referenzierbarkeit wird präferiert und motiviert zu Anschlussoperationen (also: Wiederholung); Arbitrarität dagegen wird als unzulässig zurückgewiesen und führt folglich zu Nichtwiederbenutzung – und dem erneuten Kreuzen der Grenze in Richtung Referenzierbarkeit. Oder, und diese Alternative besteht immer, zum Abbruch der Kommunikation.

 Wir halten fest: Operieren im Dokumentschema ist nur auf der markierten Seite der Referenz möglich, auf der unmarkierten Seite wird Alles und Nichts Gegenstand von Kommunikation. Sobald man den Versuch unternimmt, die reine Kontingenz der unmarkierten Seite näher zu bestimmen, wird sie gleichsam „dokumentiert“. Wir haben es dann mit einem re-entry der Form in Form zu tun: Arbitrität wird durch Benennung referenzier- und neutralisierbar. Tautologien, Selbstreferenz, Unklarheiten, Fälschungen oder Manipulationen finden keinen Eingang in den Kanon etablierter Formen, sie werden stigmatisiert und sogar durch Verbote für weitere Kommunikation ausgeschlossen. Man kann sie nun (in ihrer entschärften Form) guten Gewissens ignorieren, böse Überraschungen werden auf ein Minimum reduziert.

Dokumentform

Die Dokumentform, die durch ihre Anwendung die Neutralisierung der basalen Paradoxie (als Einheit der Differenz von Referenzierbarkeit und Arbitrarität) ermöglicht, dient als Medium für konkrete Formen (beispielsweise also „Dokumente“ im Sinne der allgemeinsprachlichen Verwendung des Begriffs) – und bleibt für ihre eigene Beobachtung unsichtbar (bzw. benötigt dazu eine weitere, andere Beobachtung). Die Dokumentform koordiniert Beobachtung und immunisiert sie gegen die Willkürlichkeit jenseits eindeutiger Referenzierbarkeit. Der Auschluss reiner Kontingenz durch die Dokumentform ist funktional äquivalent zur Einschränkung des Möglichkeitsraum von Kommunikation (und damit: für die Autokatalyse sozialer Systeme) durch die Form der Person in Anbetracht der zirkulären Notlage doppelter Kontingenz.

Damit schließt sich der Kreis dieser ersten Annäherung von Dokument und Person. Erst die Überforderung des Dokumentschemas durch Überproduktion von Verweisungsmöglichkeiten (Sinnüberschuss) verweist auf die Grenze dieser unwahrscheinlichen Erfolgsstory. Die Neutralisierungsfunktion des Dokuments verliert ihre Überzeugungskraft in dem Maße, indem auch auf Basis von Referenzierbarkeit zunehmend Arbitrarität ermöglicht wird. Derzeit können Suchbewegungen beobachtet werden. Die Strukturform der nächsten Gesellschaft wird die Strukturform eben jener Gesellschaft sein, die auf das Auftauchen von Internetkommunikation und den drohenden Zerfall der Dokumentform reagiert haben wird.


Literatur

Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1991, S. 33ff.
Luhmann, Niklas: Die Form „Person“, in: ders.: Soziologische Aufklärung 6, 3. Aufl., Wiesbaden 2008, S. 137 – 148.
Spencer Brown, George: Laws of Form, New York 1979.

Abbildung

Vignette von Philipp Jakon Loutherbourg (Ausschnitt), 1800 (Quelle: Wikimedia).

Anmerkungen

  1. Die umfangreiche Vorarbeit kann bei Interesse auf differentia nachgelesen werden. Zum Einstieg sei die Lektüre folgender Artikel (und ihrer Diskussion) angeraten: „Definition der Dokumentform“ (1. August 2011), „Notizen zur Evolution der Dokumentform“ (3. August 2011) und „Ontologische Theorien der Kunst“ (13. September 2011).
  2. Eine erste Sammlung: Längen, Höhen, Entfernungen, Gewichte… (Sachdimension), Zeitpunkte, Zeitabschnitte, Reaktionszeiten… (Zeitdimension), Kontrakte, Gesetze, Zeugnisse, Lebensläufe… (Sozoaldimension).
  3. Zum Beispiel der Wissenschaft (Tatsachen, Berichte, Publikationen, Texte…), dem Recht (Gesetzestexte, Paragraphen…), der Politik (Wahlprogramme, Regierungserklärungen, Beschlüsse, Abstimmungen…), der Wirtschaft (Eigentum, Zertifikate, Produkte…) oder der Kunst (Urheber, Original, Genie, Werk…).

19 Kommentare

  1. Pingback: Person und Dokument bei Autopoiet #systemtheorie « Differentia

  2. „Empi­rie wird also nicht vor­ge­fun­den, son­dern durch eine spe­zi­fi­sche Form der Beob­ach­tung hervorgebracht. “

    Aber wodurch wird die Form der Beobachtung hervorgebracht?

  3. Vielen Dank für diese Erläuterungen. So wie ich den Sachverhalt im Anschluss an unsere Diskussion bei Differentia nunmehr verstehe, liefert das Dokumentschema die Elemente eines Mediums, in das Personenprofilierungen durch ein Adressformular verifiziert und durch Verifikation zertifiziert, bzw. dokumentiert werden. Mit Personen sind nicht Menschen und nicht psychische Systeme gemeint. Eine Person wird vielmehr konstituiert, um Verhaltenserwartungen ordnen zu können, die durch sie und nur durch sie eingelöst werden können. Je mehr und je verschiedenartigere Erwartungen auf diese Weise individualisiert werden, um so komplexer ist die Person. So wie ich den Artikel verstehe dürfte das auch für die Dokumentform gelten?
    Zur sozialen Erwartungsstruktur „Person“ gibt es einen ganz interessanten Textausschnitt von Erving Goffman (aus: Ervin Goffman, Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt am Main.)
    Deshalb könnte man sagen, die Gesellschaft schafft die Mittel zur Kategorisierung von Personen und dem kompletten Satz von Attributen, die man für die Mitglieder jeder dieser Kategorien als gewöhnlich und natürlich empfindet. Die sozialen Einrichtungen etablieren die Personenkategorien als Adressenformulare, die man dort vermutlich antreffen wird. Die Routine des sozialen Verkehrs in bestehenden Einrichtungen erlaubt es uns, mit antizipierten Anderen ohne besondere Aufmerksamkeit oder Gedanken umzugehen. Wir stützen uns auf diese Antizipationen, die wir haben, indem wir sie in normative Erwartungen umwandeln, in regelmäßig gestellte Anforderungen.
    Es ist typisch, dass wir uns nicht bewusst werden, diese Forderungen gestellt zu haben, auch nicht bewusst werden, was sie sind, bis eine akute Frage auftaucht, ob sie erfüllt werden oder nicht. Zu diesem Zeitpunkt bemerken wir wahrscheinlich, dass wir immerzu bestimmte Annahmen darüber gemacht hatten, was unser Gegenüber sein sollte. So könnten die Forderungen, die wir stellen, besser „im Effekt“ gestellte Forderungen genannt werden, und der Charakter, den wir dem Individuum zuschreiben, sollte besser gesehen werden als Zuschreibung, die in latenter Rückschau gemacht ist, eine Charakterisierung, die sich im Effekt ergibt als eine virtuelle soziale Identität. Und ich nehme nun an, das ähnliches auch für die Unterscheidung von Dokumentschema und Dokumentform gelten könnte?

  4. Mein Kommentar war durchaus ernst gemeint:

    „Empi­rie wird also nicht vor­ge­fun­den, son­dern durch eine spe­zi­fi­sche Form der Beob­ach­tung hervorgebracht“

    ist die Kantsche (kritisch idealistische) Ausgangsstellung seit 200 Jahren. Die von mir gestellte Frage:

    „Aber wodurch wird die Form der Beob­ach­tung hervorgebracht?“

    trieb den gesamten deutschen Idealismus (Hegel, Fichte, Schelling) um. Wollen wir sie einfach unbeantwortet lassen?

  5. Pingback: systemtheorie (@systemtheorie)

  6. @Blindenhund

    »Und ich nehme nun an, das ähnli­ches auch für die Unter­schei­dung von Doku­mentschema und Doku­ment­form gel­ten könnte?«

    Ja, so kann man das wohl sagen. Die Form „Person“ dient als eingeschränktes Verhaltensrepertoire zur besseren Erwartbarmachung von Handlungen; sie ist dabei aber stets, und das ist Luhmanns entscheidender Punkt, selbstorganisierte Systemleistung. Mit steigender Komplexität der Gesellschaft steigt dann auch die Variantionsbreite etablierter personaler Schemata (und damit die Auswahl verfügbarer „latenter Rückschauen“ – die man übrigens nicht als notwendig individuelle engführen sollte). Die allermeisten Anwendungen dieser schematisierten Formen geschehen latent bzw. standardisiert: Rollenerwartungen sind dafür kein unpassendes Beispiel. Normative Sätze („Thou shall not use tautologies!“) wären ein naheliegendes anderes.
    Schemata sind nicht bindend oder rigide determinierend, sie können zurückgewiesen oder unterlaufen werden. Das gestaltet sich aber für Schemata etablierende Formen (z.B. Norm/Abweichung oder eben Referenz/Arbitrarität) in der Regel schwieriger.

    @Blindschleiche

    Das Problem stellt sich (in dieser Form) heute glücklicherweise nicht mehr.

  7. @ Sebastian
    „Erst die Überforderung des Dokumentschemas durch Überproduktion von Verweisungsmöglichkeiten verweist auf die Grenze dieser unwahrscheinlichen Erfolgsstory.“

    Daran könnte man die Überlegung anschließen, daß die sozio-kulturelle Evolution nur deshalb so erfolg- und folgenreich sein konnte, weil sie historisch zufällig sowohl die Polykontexturalität der Funktionssysteme und Monokontexturalität von Organisationssystemen durch die Dokumentform zugleich zu kombinieren und zu konfusionieren vermochte. Für die Problemform des Adressformulars ließe sich damit zunächst abstrakter nach der anderen Seite der funktional evoluierten Polykontexturalität fragen. Und die könnte sich in der endogen strukturellen Unentschiedenheit, justiert durch die Form von geschlossenen Organisationssystemen finden. In der Form von Organisation hätten wir es dann zu tun mit der medialen Öffnung zur „Person“ als Re-Codierung der „Un-Person“. Die organisationale Asymmetrie von z.B. Client/Berater, Patient/Arzt, Mitarbeiter/Management, Schüler/Lehrer müsste damit dann im Formularismus der Adresseinheit eigentümlich symmetrisch rekombiniert werden. Ok. ein interessanter Gedanke.
    Anders gewendet: Wie ließe sich die Verunwahrscheinlichung des Adressformulars für Erziehung, Krankheit, Glaube, Knappheit etc. ohne die Form der Schule, Anstalt, Kirche, Firma etc. – denken? Und zugespitzter: Die Poly-Konditionalität des „People-Processing“ erfindet sich funktional synchron in der Monokontexturalität eines exklusiv inkludierenden Leute-in-Organisation-Formulars: Indem Mitglieder selektiert werden, ko-codiert sich die Selektionsmöglichkeit der intern wie extern prozessierbar imaginierten „Un-Person“, – als die potentiell organisierbaren „Noch-Nicht-Leute“, als Überschuß? Und all das wird fraglich, mindestens nicht mehr operationalisierbar, wenn die funktionale Gesellschaft die Dokumentform verliert? Aber verliert sie dann nicht auch die Form der Person? Und all die ungelösten Probleme der funktional-diffferenzierten Gesellschaft suchen sich durch den Übergangsprozess zu einer nächsten Gesellschaft eine neue Verstehensgrundlage.

  8. „Das Pro­blem stellt sich (in die­ser Form) heute glück­li­cher­weise nicht mehr.“

    In welcher dann?

  9. Pingback: DrNooo (@DrNooo)

  10. @sebastian – Interessant, dass du auf Arbitrarität kommst. Der Gedanke hat mich überrascht und ich überlege noch, wohin der führen könnte. Bislang hatte ich es immer so formuliert, dass das Dokumentschema alle Sinnförmigkeit fremdrefereziert und damit alle Selbstreferenz, wenn nicht unter Verbot, so doch wenigstens unter Vorbehalt stellt. Deshalb hatte ich immer Maniplation als das Problem gesehen, durch das sich die Dokumenform erhärten kann, indem sie Manipulation aussschließt und durch Referenzierbarkeit wieder einschließt, was im Laufe der Evolution des Beweisens und Manipulierens beides einem Präzisierungsprozess unterliegt. Wenn Manipulationen immer besser bewiesen werden können, dann können auch Beweise immer besser manipuliert werden. Und die daraus resultierenden kommunikativen Probleme werden deshalb immer irritativer, solange Selbstreferenz unter Vorbehalt gestellt bleibt, und damit ja auch Regeln des logischen Schließens wie etwa die Tautologie. Das Dokumentschema versuchte dagegen, den Zirkel zu vermeiden und die Ausgangsposition in eine beobachtungsunabhängige Beobachtungspositon zu bringen, die als Objektivitätsideal verstehbar wurde. Man könnte das auch das Problem der Anfangsfindung nennen, die allen Voraussetzungsreichtum negiert und sagt: Am Anfang steht das Wort, die Welt, die Wahrheit, die Vernunft, der Mensch, was immer. Ein bekanntes Spiel unter Gelehrten sind diese sog. Gedankexperimente, welche von der Annahme einer voraussetzunglosen Beobachtbarkeit der Phänomene ausgehen.
    Im Grunde findet das Dokumentschema in der ganzen wissenschaftlichen Modellbildung ihren Niederschlag. Und sobald diese Modelle komplex werden, wird es wahrscheinlich, sie mit dem zu verwechseln, was im Modell verstanden wurde, nämlich die durch das Model erzeugte Realität. Das geht, wenn die Differenzen des Modells in die Umwelt diffundieren, dort selbst Modellbidungen hervorbringen und welche rückkkoppelnd wiederaufgegriffen werden. Am deutlichsten kann man dies an der Wirtschaftslehre beobachten. Das Modell beginnt mit der Unterscheidung von Angebot und Nachfrage. Diese Unterscheidung wird in Schulen verwendet und in Unternehmen. Bald richten sich die Unternehmensbeziehungen auf ein gegenseitiges Informiertsein über diese Unterscheidung ein und erzeugen Differenzierungsbedarf, der dann von der Wirtschaftslehre befriedigt wird. Und immer kann behauptet werden: Am Anfang steht die Unterscheidung von Angebot und Nachfrage, weil alles ökonomische Operieren diese Unterscheidung als Referenz weiterträgt. Daher das Verbot der Manipulation, welches ab einem bestimmten Zeitpunkt unhaltbar wird, wenn auch die Manipulationsverfahren immer komplexer werden. Aber solange die Dokumentform die Operativität determiniert muss alles so weiter gehen, auch dann, wenn es aussichtslos wird, aus den Beweisen klug zu werden. Man kann das sehr gut in Talkshows beobachten, wenn jeder mit großer Gewissheit eindeutige Statistiken mitteilt.

  11. @kusanowsky
    »Das Dokumentschema versuchte dagegen, den Zirkel zu vermeiden und die Ausgangsposition in eine beobachtungsunabhängige Beobachtungsposition zu bringen, die als Objektivitätsideal verstehbar wurde. Man könnte das auch das Problem der Anfangsfindung nennen […]«

    In der Tat. Oder das Treffen der ersten Unterscheidung, d.i. die Verletzung des unmarked state. Immer unter Ausblendung der ebenso grundlegenden wie unvermeidlichen Selbstrefrenzialität dieser Operation (der Form nach ist die Form bereits Form bzw. „form taken out of the form“) – das ist im Anschluss an Spencer Brown eine der zentralen Ideen Luhmanns.
    Ich habe mich für Arbitrarität als die nicht-markierte Seite der Dokumentform entschieden, weil sie Assoziationen zur motivlosen Ununterschiedenheit vor der ersten Unterscheidung weckt, also der totalen Symmetrie der Leere zu Beginn der Laws of Form. Anything goes. Hiermit ist dann natürlich implizit die Idee der Asymmetrie referenziert – die in Folge der Evolution und Anwendung der Dokumentform (und all ihrer De-Finitionen, Modellbildungen und Schemata) so folgenreich werden sollte.

  12. Damit würde für das Problem der Anfangsfindung auch erkennbar, warum die Dokumentform bald nach ihrer Einübung für die Erstellung von Erklärungstheorien als Aufklärung über die aristotelische Tradition zur Lieferung von Rechtfertigungstheorien umgenutzt wurde. Ist durch die invisibilisierung der Willkür ein Anfang gefunden, mit dem erfolgreich der Ballast der Tradition abgeworfen wurde, dann verhärten sich die daraus entstehenden Routinen zur Rechtfertigung für ihre eigene Tradierung. Auch hier wieder als Beispiel die Wirtschaftslehre, die, danach gefragt wie denn Angebot und Nachfrage zustandekommen, routiniert antwortet: durch den freien Willen der Wirtschaftssubjekte auf dem Markt, woraus sich weiterführend die Verteilung und Zurechnung von Risiken und Chancen rechtfertigungstheoretisch ableiten lassen.

  13. Als Nachtrag zum Artikel und zu meinem Kommentar, in dem ich bezugnahm auf sog. „Gedankenexperimente“:

    „Meine beiden Brüder und ich hatten einen Unfall. Mein Körper ist schwer verletzt, meine beiden Brüder haben irreversible Hirnschäden. Die Ärzte operieren: trennen meine beiden Gehirnhälften und setzen je eine einem Bruderkörper ein. Beide haben nun meine Erinnerungen und Charakterzüge und verhalten sich so, sind in jeder Hinsicht psychologisch kontinuierlich zu mir. Wer bin dann ich?“
    Quelle: Derek Parfit: Reasons and persons. – Oxford : Oxford UP, 1984, 254-255.
    Parfit reagiert hier auf David Wiggins‘ Variation von Shoemakers Brownson. Er meint, dass dieses Gedankenexperiment den Begriff von Identität aushebelt und dass man darum die Rede von Identität in Bezug auf Personen aufgeben sollte. Identität ist entweder gegeben oder nicht, aber das, was bei der Person eine Rolle spielt, die Kontinuität, sei eh eine graduelle Angelegenheit.
    http://www.jg-eberhardt.de/philo_exp/ex_gehirnspaltung.html

  14. Pingback: Contre mspro — autopoiet/blog

  15. Pingback: „Ein Ausblick auf die [nächste] Gesellschaft“ — autopoiet/blog

  16. Pingback: Versuch über Hacking als soziale Form — autopoiet/blog

  17. Pingback: Klaus Kusanowsky (@kusanowsky)

  18. Pingback: systemtheorie (@systemtheorie) (@systemtheorie)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.