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Strategie

„Was die Alten einen klugen Kämpfer nannten, ist jemand, der nicht nur gewinnt, sondern sich dadurch auszeichnet, mühelos zu gewinnen. Seine Siege bringen ihm folglich weder Ansehen noch Ehrung für Mut. Er gewinnt den Kampf dadurch, dass er keine Fehler macht. […] So ist es denn, dass der siegreiche Stratege den Kampf erst dann sucht, wenn der Sieg bereits errungen ist.“
(Sun-Tzu: Über die Kunst des Krieges. Die älteste militärische Abhandlung der Welt, übersetzt von Gitta Peyn, Lüchow 2001, S. 36f.)

Der britische Militärhistoriker John Keegan beschreibt in seinem Standardwerk „Die Kultur des Krieges“ von 1993 die wechselseitige Inkompatibilität von preußischer Militärkultur (Exerzieren, Schlachtreihen, Clausewitz, Taktik) und dem situativen Agieren der griechischen Klephten im Kampf gegen die osmanische Herrschaft:

„Auch die Klephten, die räuberischen und kriegerischen Bergbewohner Griechenlands, die sich der türkischen Fremdherrschaft nie wirklich unterworfen hatten und denen wohlwollende deutsche, französische und britische Philhellenen, großenteils Offiziere der Napoleonischen Kriege, bei Ausbruch des griechischen Unabhängigkeitskrieges 1821 geschlossenes Exerzieren beizubringen versuchten, reagierten mit Spott, allerdings eher ungläubig als verächtlich. Ihre weit in die Vergangenheit reichende Kampfesweise, auf die schon Alexander der Große bei seinem Einfall nach Kleinasien gestoßen war, bestand darin, dort, wo man ein Zusammentreffen mit dem Feind für wahrscheinlich hielt, Mäuerchen zu errichten und ihn durch Verhöhnungen und Beleidigungen zum Angriff zu reizen. Sobald er näher kam, lief man davon. Diesen Männern war es darum zu tun, daß sie weiterkämpfen konnten, nicht darum, den Krieg zu gewinnen – eine Vorstellung, die sie einfach nicht begriffen. Die Türken kämpften auf ihre eigene Weise: sie stürmten ohne Rücksicht auf Verluste in breitgefächerter Linie voran. Als die Philhellenen den Griechen darlegten, sie würden nie ein Gefecht gewinnen, wenn sie sich nicht zum Kampf stellten, hielten diese dagegen, sofern sie den türkischen Musketen in der Art der Westeuropäer die Brust böten, würden sie alle umkommen und damit den Kampf ohnehin verlieren.“
(John Keegan: Die Kultur des Krieges, 4. Auflage, Hamburg 2007, S. 32.)

Diese Passage ist insofern bemerkenswert, als dass sie zwei völlig unterschiedliche Konzepte der Konfliktkultur isoliert: Einerseits der vom Phantasieren über antike Hoplitenreihen gespeiste Wunsch humanistischer Philhellenen nach einer militärischen Heldenkultur. Diese ist grundsätzlich teleologisch konzipiert: Das Ziel ist die Vernichtung des Gegners („Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“ – Clausewitz, Vom Kriege, 1. Buch.) –  die Möglichkeit der eigenen Vernichtung wird dabei billigend in Kauf genommen. Man kämpft, so oder so, bis zum Äußersten. Der Krieg besitzt einen identifizierbaren Anfang, ein Ziel und ein Ende.
Dieses Verständnis der Kriegsführung liegt, ironischwerweise, wesentlich näher bei dem der „in breitgefächerter Linie“ voranstürmenden Türken – gegen die man den Klephten ja beistehen wollte – als bei dem der Klephten selbst:

„Wie [die Philhellenen] bald sahen, beschränkten sich die ‚Kriegsziele‘ der Klephten auf die Freiheit, in ihren gebirgigen Grenzzonen auf die Staatsgewalt zu pfeifen, sich von Raub zu ernähren, auf die andere Seite zu wechseln, falls das Vorteile versprach, Andersgläubige zu ermorden, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot, bunt herausgeputzt herumzustolzieren, sich den Geldbeutel mit Bestechungsgeldern vollzustopfen und auf keinen Fall bis zum letzten Mann zu kämpfen, nicht einmal bis zum ersten, wenn es sich einrichten ließ.“
(Keegan, ebd., S. 33.)

Der Philosoph und Sinologe François Jullien kontrastiert in seinem bemerkenswerten Buch „Die stillen Wandlungen“ die Traditionen griechisch-ontologischen und chinesisch-prozeßhaften Denkens. Bezeichnend ist, dass die eben skizzierte Strategie der Klephten wesentlich näher bei einem chinesisch-operativen Verständnis zu liegen scheint, als bei dem heroisch-finalistischen ihrer klassisch-hellenischen Vorfahren, – zum ausgesprochenen Leidwesen der philhellenischen Humanisten. Jullien beschreibt den Unterschied mit Blick auf China wie folgt:

„Auf der anderen Seite zeigt der chinesische Weise oder Stratege keine andere Ambition als zu ‚verwandeln‘ wie die Natur (hua ist ihr Leitwort). Der Stratege wandelt das Kräfteverhältnis so um, dass es still und dauerhaft zu seinen Gunsten umschlägt: Kaum hat er den Kampf begonnen, wird der Gegner von selbst fallen, da er keinen Widerstand mehr leisten kann, da er bereits besiegt ist. Was den Weisen (den Fürsten) betrifft, so ist er weit davon entfernt, Lehren erteilen zu wollen oder deutlich sichtbar seine Befehle durchzusetzen, weit davon entfernt, die Aufmerksamkeit der anderen durch Wunder oder Großtaten zu erwecken; er beschränkt sich darauf, um ihn herum, nach und nach und stillschweigend die Sitten zu ‚verwandeln‘: Allein das Beispiel seines Verhaltens breitet sich nämlich um ihn herum aus und übt im Laufe der Tage allein aufgrund seiner Vorhandenheit einen Einfluss aus, indem es unmerklich die Verhaltensweisen prägt und verändert – und das genügt, um zu erziehen.“
(François Jullien: Die stillen Wandlungen. Baustellen I, Berlin 2010, S. 15f.)

Man kann anhand dieser Beispiele wenigstens zweierlei lernen: Es sind nie die „Sieger“, die bestimmen, wann ein Krieg beendet ist. Und: Die entscheidenden Wandlungen setzen sich kampflos durch.
Zwei höchst bedenkenswerte Überlegungen – nicht nur für Pädagogen.

(Grafik: Wikipedia.)

5 Kommentare

  1. „Whoa, take it easy there fella, c’mon, put down the sword before somebody gets hurt… They got the captured Tibetan soldiers together and lectured them on socialism—they were big believers in motivational seminars, those Maoists, talk your ear off—then gave the Tibetans money and noodles and a pat on the back and told them to go home and not play with swords any more.“

    Exzellent! Vielen Dank Wey für den fabelhaften Link…

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