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Lovink/Riemens: »Zwölf Thesen zu Wikileaks«

Bei den »Zwölf The­sen zu Wi­ki­leaks« von Ge­ert Lo­vink und Pa­trice Rie­mens (so­eben er­schie­nen in: Hein­rich Gei­sen­ber­ger (Hrsg.): Wi­ki­leaks und die Fol­gen. Netz – Me­dien – Po­li­tik, Frank­furt am Main 2011) handelt es sich um ein le­sens­wer­tes und hin­rei­chend lose ge­kop­pel­tes Ide­en­mo­saik, das zum Wei­ter­den­ken ein­lädt. Diese als Blo­g­ar­ti­kel ge­tarnte Lek­tü­re­no­tiz ver­sam­melt mög­li­che Va­ri­an­ten – denn die von Lovink/Riemens auf­ge­stell­ten The­sen schei­nen auf den ers­ten (und auch zwei­ten) Blick für wei­tere Theo­rie­ar­beit an­schluss­fä­hig. Eine eng­li­sche Ur­fas­sung (Au­gust 2010) des kur­zen Es­says mit zehn The­sen fin­det sich hier.

Wi­ki­leaks als Pi­lot­pro­jekt für Kul­tur der nächs­ten Ge­sell­schaft – jen­seits ver­trau­ter po­li­ti­scher Kategorien?

Jen­seits theo­re­tisch nor­ma­ti­ver Zu­gänge oder be­trieb­s­ethi­scher Er­wä­gun­gen aus­dif­fe­ren­zier­ter und hoch­pro­fes­sio­nel­ler Sub­sys­teme könne die In­ter­net­platt­form ten­ta­tiv als Pi­lot­pro­jekt bzw. Phase »[…] in der Her­aus­bil­dung ei­ner sehr viel an­ar­chi­sche­ren Kul­tur jen­seits der uns ver­trau­ten po­li­ti­schen Ka­te­go­rien von Of­fen­heit und Trans­pa­renz« (S. 85) be­schrie­ben wer­den. Man kann wahl­weise auch von Kon­troll­ver­lust oder evo­lu­tio­nä­rer Drift spre­chen – oder mit Dirk Ba­ecker von der Über­for­de­rung der funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­ten, ra­tio­na­len Ord­nung der mo­der­nen Ge­sell­schaft: »If Ma­nuel Cas­tells, Har­ri­son C. White, Bruno La­tour, and others are right, the struc­ture of next so­ciety is a net­work struc­ture, mol­ding good old modernity’s fields of func­tio­nal en­dea­vor into new clus­ters and pro­files of ac­tivi­ties that defy ra­tio­nal or­de­ring.« (Dirk Ba­ecker: Lay­ers, Flows, and Swit­ches: In­di­vi­du­als in Next So­ciety, PDF 2011).

Wi­ki­leaks als selbst­be­wuss­ter Ak­teur – die »Talibanisierung« postmoderner Theo­rie in ei­ner zu­neh­mend gleich­zei­ti­gen, »fla­chen Welt«.

Die­ser Ge­danke schließt an den vor­aus­ge­gan­ge­nen di­rekt an, nutzt al­ler­dings eine an­dere Me­ta­pher: das Wikileaks-Projekt kün­digt ein­sei­tig die be­ste­hende funk­tio­nale Struk­tur auf – un­ter ris­kan­ten Be­din­gun­gen. Un­ter der Lan­cie­rung von Kon­tro­ver­sen und in­ten­tio­na­ler Pro­vo­ka­tion lo­tet Wi­ki­leaks die Gren­zen des Netz­wer­kes aus, das Ba­ecker als die Form der nächs­ten Ge­sell­schaft vor­schlägt. Maß­ein­hei­ten, Zeit und Ort ver­lie­ren – zu­min­dest re­la­tiv – an Be­deu­tung. Dass es da­bei nicht um die Lö­sung oder Klä­rung der Kon­tro­ver­sen ge­hen kann, son­dern viel­mehr um ihre Ent­fal­tung und das Zie­hen von Ver­bin­dun­gen, hat Bruno La­tour zu­letzt ein­drück­lich aus­ge­führt: »Wir wol­len nicht ver­su­chen, euch zu dis­zi­pli­nie­ren, euch in un­sere Ka­te­go­rien zu ste­cken; wir wer­den euch eure ei­ge­nen Wel­ten ent­fal­ten las­sen und euch erst spä­ter bit­ten zu er­klä­ren, wie ihr es an­ge­stellt habt.« (Bruno La­tour: Eine neue So­zio­lo­gie für eine neue Ge­sell­schaft, Frank­furt am Main 2007, S. 44f.).

Der Ak­teur sucht das Spek­ta­kel; jen­seits an­er­kann­ter Re­geln und Rou­ti­nen: »ek­sta­ti­sche Banalität“.

Die Not­wen­dig­keit des Agie­rens au­ßer­halb eta­blier­ter Re­gel­sys­teme er­gibt sich zwangs­läu­fig aus der bis­he­ri­gen Dia­gnose. Die Form des Spek­ta­kels oder der Kon­tro­verse ist da­bei in­dif­fe­rent – sie kann dröh­nend im Me­dium des Po­pu­lis­mus rea­li­siert wer­den wie leise als mime­ti­sches Ein­schrei­ben in die Kul­tur des Netz­werks. Im letz­te­ren Fall ist von cul­tu­ral hacking die Rede: »Cul­tu­ral Hacking kann in die­sem Sinne als eine zwar be­son­dere, viel­leicht ra­di­kale, viel­leicht aber ein­fach nur in­ter­ak­tive An­glei­chung an und An­eig­nung von Kul­tur ver­stan­den werden.« (Torsten Meyer: Stealth-Technologien und cul­tu­ral hacking für die nächste Uni­ver­si­tät, 2010).

Tat­sa­chen er­mit­teln (1), Tat­sa­chen prü­fen (2) und Tat­sa­chen kon­text­ua­li­sie­ren (3).

Eine sol­che Mi­me­sis wird er­leich­tert durch Kri­sen eta­blier­ter Rou­ti­nen. Der Nie­der­gang des tra­di­tio­nel­len In­ves­ti­ga­ti­vjour­na­lis­mus durch ma­gelnde Nach­frage und re­sul­tie­ren­der Un­ren­ta­bi­li­tät be­güns­tigt pa­ri­si­täre Ak­teure (Mi­chel Ser­res: Der Pa­ra­sit, Frank­furt am Main 1987). Leis­tete der Jour­na­list der funk­tio­nal aus­dif­fe­ren­zier­ten Ge­sell­schaft bis­her recht zu­ver­läs­sig und un­ter Re­kurs auf sei­nen Be­rufs­ethos die Er­mitt­lung, Prü­fung und Kon­text­ua­li­sie­rung von Tat­sa­chen, leis­tet Wi­ki­leaks nur noch ers­te­res – und be­haup­tet auch eine Prü­fung zu leis­ten. Aber: Die »neue Ge­stalt« (Lo­vink, S. 88) lässt sich nicht ver­lust­frei als Jour­na­list, Po­li­ti­ker oder Ha­cker be­schrei­ben. Die zu be­ob­ach­tende Pu­bli­ka­ti­on­pra­xis ist hy­brid – die Dia­gnose nicht neu: Hy­bride und Netz­werke brei­ten sich aus (Bruno La­tour: Wir sind nie mo­dern ge­we­sen. Ver­such ei­ner sym­me­tri­schen An­thro­po­lo­gie, Frank­furt am Main, 2008).

Wi­ki­leaks ist nicht in der Lage, mit sei­nem Ma­te­rial an­ge­mes­sen umzugehen.

Die Internet-Plattform und ihre Lo­gik ver­hält sich er­kennt­nis­theo­re­tisch naiv ge­gen­über dem Pro­du­zie­ren von In­for­ma­tion. Sie kommt aus der Au­ßen­welt – und wird ver­meint­lich de­kon­text­ua­li­siert wei­ter­ver­teilt. Da­bei ist Wi­ki­leaks al­ler­dings auf Re­pu­ta­tion und Re­nom­mee eta­blier­ter Mas­sen­me­dien drin­gend an­ge­wie­sen, wie die Kol­la­bo­ra­tion mit  aus­ge­wähl­ten Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten zeigt.
Die Recht­fer­ti­gung des ei­ge­nen Ope­rie­rens soll ein selt­sa­mes Patch­work aus Ha­cke­re­thik, Tech­no­li­be­ra­lis­mus und Welt­ver­bes­se­rungs­idea­lis­mus lie­fern. Ins­be­son­dere die­ser letzte As­pekt muss Skep­sis ge­ne­rie­ren: Die Recht­fer­ti­gung von In­trans­pa­renz zur Schaf­fung von Trans­pa­renz er­in­nert Lovink/Riemens an die »Spy vs. Spy«-Cartoons des Mad–Ma­ga­zins: »Du be­zwingst zwar den Geg­ner, hebst dich aber am Ende kaum noch von ihm ab« (Lovink, S. 92). Ne­ben ope­ra­ti­ver Si­cher­heit für Whist­leb­lo­wer (#OPSEC) sei auch eine Be­trieb­s­ethik (#OPETHICS) für die Zu­kunfts­fä­hig­keit von Wi­ki­leaks und ähn­li­cher Pro­jekte ent­schei­dend. Dass Trans­pa­renz nicht ge­schaf­fen wer­den kann, son­dern im Ge­gen­teil mehr In­trans­pa­renz ent­steht, ist Wi­ki­leaks‘ iro­ni­sches Schick­sal (Spy vs. Spy: Ka­rate School, Vi­deo).

Wi­ki­leaks – eine Or­ga­ni­sa­tion? Ein Kon­zept? Ein Mem?

Nicht zu­letzt stellt sich da­bei das Pro­blem der Adres­sier­bar­keit – die Zu­rech­nung auf die selbst­er­nannte Ga­li­ons­fi­gur Ju­lian Ass­ange scheint da­für we­der theo­re­tisch noch prak­tisch zu­frie­den­stel­lend. Es blei­ben Her­aus­for­de­run­gen: Wie las­sen sich in die­ser Grö­ßen­ord­nung bis­her nicht vor­stell­bare, we­nigs­tens je­doch nicht auf­ge­tre­tene, Da­ten sys­te­ma­ti­sie­ren? Folgt der Wunsch nach Sys­te­ma­ti­sie­rung nicht der Ant­wort auf ein Pro­blem, das sich mitt­ler­weile ganz an­ders stellt? Ist die Un­ter­schei­dung von Quan­ti­tät und Qua­li­tät noch an­ge­bracht?
Und: ist das al­les neu? Ba­ecker kühlt im sel­ben Band die Auf­re­gung un­ter Be­rück­sich­ti­gung ei­nes ex­pli­zit po­li­ti­schen Zu­gangs zur Wukileaks-Problematik ab: »Po­li­tik ist in die­sem Sinne seit je­her eine Form der An­dro­hung von Ge­walt, an der sich nichts ändert, wenn neue Ak­teure und neue Ty­pen der Auf­be­rei­tung von In­for­ma­tio­nen auf­tre­ten. Mit den ei­nen wird man sich ar­ran­gie­ren, die an­de­ren wer­den ver­bo­ten, bis man eine Ge­setz­ge­bung auf den Weg ge­bracht hat, die sie ein­zu­bauen er­laubt in eine un­über­sicht­li­che Welt.« (Dirk Ba­ecker: Fal­scher Alarm, in: Hein­rich Gei­sen­ber­ger (Hrsg.): Wi­ki­leaks und die Fol­gen. Netz – Me­dien – Po­li­tik, Frank­furt am Main 2011.)

3 Kommentare

  1. Pingback: Tweets that mention Lovink/Riemens: »Zwölf Thesen zu Wikileaks« | strange loops -- Topsy.com

  2. Manch­mal frage ich mich, ob man nicht schon vor­zei­tig ab­se­hen könnte, wie Sys­teme sich ein­pen­deln, wenn sie ih­ren Pa­ra­do­xien nicht mehr aus dem Wege ge­hen kön­nen. Ein schö­nes Bei­spiel da­für habe ich vor kur­zem hier ge­fun­den:
    http://fieldnotes.floriantress.de/?p=587
    In die­sem Ar­ti­kel geht es darum, wie Kor­rup­tion Recht ga­ran­tie­ren kann, was in die­sem Fall funk­tio­niert, so­lang alle Be­tei­lig­ten voll­stän­dig über Recht und Un­recht in­for­miert sind. Ob et­was ähn­li­ches auch für whist­leb­lo­wer gilt? Denn auch whist­leb­lo­wer ha­ben — wie oben in dem Ar­ti­kel an­ge­führt — et­was zu ver­heim­li­chen. In­so­fern kann ich mir vor­stel­len, dass das Ver­hält­nis von Ge­heim­hal­tung und Ver­öf­fent­li­chung durch ein gleich­sam „grau­sa­mes“ Ver­hält­nis von Ver­trauen und De­nun­zia­tion er­setzt wird. Grau­sam des­halb, da die Be­tei­lig­ten ler­nen müs­sen, dass Ver­trauen nicht ein­fach ge­wählt oder ab­ge­wählt, ge­schenkt oder igno­riert wer­den kann, son­dern schein­ba­ren Sach­zwan­ger­wä­gun­gen un­ter­wor­fen wird, die durch Er­press­bar­keit ent­ste­hen.
    In bei­nahe je­dem ame­ri­ka­ni­schen Spiel­film gibt es die­sen Dia­log:
    „Wa­rum sollte ich dir Ver­trauen?“ — „Du hast keine Wahl, Jack.“ Oder, al­ter­na­tiv: „Du musst mir nicht ver­trauen…“ wo­mit per­for­ma­tiv ver­steh­bar wird, er muß es doch.
    Bei In­ter­esse dazu:
    http://differentia.wordpress.com/2011/02/02/vertrauen-als-transparenz-zweiter-ordnung/

  3. »Manch­mal frage ich mich, ob man nicht schon vor­zei­tig ab­se­hen könnte, wie Sys­teme sich ein­pen­deln, wenn sie ih­ren Pa­ra­do­xien nicht mehr aus dem Wege ge­hen können.«

    Ich be­fürchte: ge­nau das ist die kom­mende Her­aus­for­de­rung. Theo­re­tisch und prak­tisch. Wie geht man um mit ei­ner Theo­rie so­zia­ler Sys­teme, die theo­re­ti­sche Glaub­wür­dig­keit aus der Idee funk­tio­na­ler Dif­fe­ren­zie­rung zieht, de­ren Sys­teme aber längst Dys­funk­tio­na­li­tät zu ih­rem sta­tus quo ge­macht ha­ben; vgl. dazu bei Be­darf mei­nen kur­zen Kom­men­tar bei den So­zi­al­theo­ris­ten: http://sozialtheoristen.de/2011/01/25/wissenschaft-2–0/#comment-1189.

    Und wo du ge­rade Film­dia­loge er­wähnst: Die US-Serie »The Wire« zeigt ge­nau das.

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