Zukunftsfähige Zukünfte

„Jede künf­tige Ge­gen­wart wird ein Re­sul­tat von Evo­lu­tion sein; oder um es pa­ra­dox zu for­mu­lie­ren: Über die Zu­kunft ent­schei­det nicht die Ent­schei­dung, son­dern die Evo­lu­tion.“1
– Ni­klas Luhmann

Im An­schluss an vor­läu­fige Fa­zite und of­fene Fra­gen des Köl­ner „What’s next“-Sym­po­si­ums und an die Dis­kus­sion mei­ner Re­plik auf Mi­chael See­manns Telepolis-Artikel soll im Fol­gen­den die von Ni­klas Luh­mann2 ein­ge­führte Un­ter­schei­dung von ge­gen­wär­ti­ger Zu­kunft und zu­künf­ti­ger Ge­gen­wart auf­ge­grif­fen wer­den. Eine Un­ter­schei­dung, die für ad­äquate Ana­ly­sen von Kri­sen und Zu­künf­ten un­ver­zicht­bar ist und in mei­nem Köl­ner Vor­trag am Rande, im an­schlie­ßen­den Work­shop aber an zen­tra­ler Stelle auf­tauchte – aber lei­der nicht ver­tieft wer­den konnte. Kon­kre­ter An­lass, diese Spur hier noch ein­mal auf­zu­neh­men, ist die Lek­türe der so­eben er­schie­ne­nen neu(nt)en Aus­gabe der Re­vue für post­he­roi­sches Ma­nage­ment. Sie trägt pas­sen­der­weise den Ti­tel „Zu­kunfts­fä­hig­keit“. Ein Postscriptum.

Elena Es­po­sito ver­weist in ih­rem Revue-Artikel „Die Kon­struk­tion ei­ner of­fe­nen Zu­kunft“ auf eine fol­gen­schwere Un­ge­wiss­heit, ins­be­son­dere für Pla­ner und pro­fes­sio­na­li­sierte Ent­schei­der: Ent­schei­dun­gen, die heute ge­trof­fen wer­den müs­sen, kön­nen schon mor­gen fa­tale Kon­se­quen­zen nach sich zie­hen. Zu­kunft muss da­bei prin­zi­pi­ell als of­fen be­trach­tet wer­den, sie steht nicht fest3, gleich­zei­tig kön­nen aber ge­gen­wär­tige (Fehl-)Entscheidungen Zu­kunft ne­ga­tiv be­ein­flus­sen und gra­vie­rende Fol­gen nach sich zie­hen. Es­po­sito fasst das re­sul­tie­rende Di­lemma in ei­nem Satz: „Die of­fene Zu­kunft hat schon an­ge­fan­gen.“4 Die Er­kennt­nis klingt tri­vial, ihre Kon­se­quen­zen sind es in der Re­gel nicht. Für den Ent­schei­der be­deu­tet das, dass er sich mit ei­ner Zu­kunft aus­ein­an­der­set­zen muss, die er nicht ken­nen aber bein­flus­sen kann; die Ant­wort auf den Druck der Zu­kunft ist häu­fig ein Druck auf die Zu­kunft.
Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis der Si­tua­tion grei­fen wir auf die be­reits an­ge­deu­tete Un­ter­schei­dung Luh­manns von künf­ti­gen Ge­gen­war­ten (die prin­zi­pi­ell un­be­kannt blei­ben müs­sen) und ge­gen­wär­ti­gen Zu­künf­ten (den je­weils ak­tu­el­len und so­mit be­kann­ten Vor­stel­lun­gen po­ten­ti­el­ler künf­ti­ger Ge­gen­wart) zu­rück. Da­mit ließe sich eine Form im Sinne Ge­orge Spen­cer Browns re­kon­stru­ie­ren, die Ge­gen­wart im Kon­text von Zu­kunft si­tu­iert – und Zu­kunft­wer­den als Pro­zess lau­fen­der Wie­der­ein­tritte von Zu­kunft in Ge­gen­wart vorschlägt:

Mit Hilfe der Form se­hen wir: Pro­gno­sen, wie am­bi­tio­niert auch im­mer, ver­blei­ben not­wen­dig auf der mar­kier­ten Seite der Ge­gen­wart. Beim Kreu­zen der Un­ter­schei­dung ver­geht Zeit, so dass zu­künf­tige Ge­gen­war­ten im Laufe des Pro­zes­se­sie­rens erst Ge­gen­wart (und schließ­lich Ver­gan­gen­heit) wer­den kön­nen – dann al­ler­dings im­mer schon im Kon­text neuer und un­be­kann­ter zu­künf­ti­ger Gegenwarten.

de­fu­tu­ri­zing the future“

Der Wunsch, best­mög­lich auf eine prin­zi­pi­ell un­be­kannte Zu­kunft vor­be­rei­tet zu sein, ist nur verständlich. Insbesondere dort, wo es um ris­kante Ent­schei­dun­gen mit ho­her Reich­weite geht. Wo von Uto­pien ab­ge­se­hen wird, ten­diert man zu tech­ni­schen Lösungen: Resultate am­bi­tio­nier­ter Ver­su­che des Ri­si­ko­ma­nage­ments sind bei­spiels­weise Pro­gno­sen auf Ba­sis bis­he­ri­ger Sta­tis­ti­ken5 (zu­vor­derst: klas­si­sche Ver­si­che­run­gen) oder auch di­ver­si­fi­zierte Hedge­fonds6 – wo­bei die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen an den Fi­nanz­märk­ten in dra­ma­ti­scher Weise den Nach­weis lie­fer­ten, dass sol­che Stra­te­gien der Ri­si­ko­ver­mei­dung im Zwei­fels­fall we­nig Schutz bie­ten: Schä­den wer­den durch Ver­si­che­run­gen nicht sel­te­ner7 und die ver­meint­li­che Si­cher­heit durch Port­fo­lio­in­ves­ti­tio­nen, Ver­brie­fun­gen und Bond Credit Ra­tings be­wegte In­ves­to­ren oft­mals dazu, neue Ri­si­ken ein­zu­ge­hen – man könnte von Meta-Risiken spre­chen, weil sie aus den for­ma­li­sier­ten Tech­ni­ken des Ri­si­ko­ma­nage­ments selbst er­wach­sen.8
Eine Lehre aus der Krise am Fi­nanz­markt mag da­her lau­ten: Ver­su­che, Zu­kunft aus der Ge­gen­wart kon­trol­lie­ren zu wol­len, stei­gern lang­fris­tig und ent­ge­gen der Ansich­ten der Ak­teure das Ri­siko ih­rer Ent­schei­dun­gen: „Im Er­geb­nis hat man we­ni­ger Zu­kunft zur Ver­fü­gung.“9 Wie kann man die­ser künst­li­chen Ver­knap­pung von Zu­kunft ent­ge­hen? Grund­sätz­lich gilt: Je mehr zu­künf­tige Ge­gen­war­ten als Va­ria­blen be­rück­sich­tigt wer­den kön­nen, desto of­fe­ner bleibt die Zu­kunft. Und desto un­prä­zi­ser die Vor­her­sage. Und: So man­che Zu­kunft lässt sich am Ende gar nicht als Va­ria­ble fas­sen, im­mer dann näm­lich, wenn doch al­les wie­der ein­mal ganz an­ders kam als es sich ge­dacht hatte – und man ge­gen­wär­tige Zu­kunft mit zu­künf­ti­ger Ge­gen­wart ver­wech­selt hat. „Die Zu­kunft lässt sich […] nicht ent­fu­tu­ri­sie­ren.“10. Oder an­ders, mit Blick auf die so­eben vor­ge­schla­gene Form: Zu­kunft in Form künf­ti­ger Ge­gen­wart bleibt stets un­an­ge­zeigt; so­bald sie als ge­gen­wär­tige Zu­kunft auf die In­nen­seite der Un­ter­schei­dung wan­dert, bleibt die neue (wie­der un­be­kannte) Zu­kunft auf der Außenseite. Die Un­ter­schei­dung differiert.

Sur­fen

Wie kann in An­be­tracht die­ser Schwie­rig­keit Zu­kunft zu­kunfts­fä­hig ge­dacht und an­te­zi­piert wer­den? Wie ließe sich ein ad­äqua­ter Um­gang mit fol­gen­rei­chen Un­ge­wiss­hei­ten vor­stel­len, der mit der Er­war­tung des Un­er­wart­ba­ren rech­nen kann, ohne da­bei in in­dif­fe­rente Pas­si­vi­tät zu verfallen? Gleichzeitig aber auf eine he­roi­sche Ko­lo­nia­li­sie­rung der Zu­kunft durch un­an­ge­mes­sene Kon­troll– und Steue­rungs­phan­ta­sien ver­zich­tet wer­den?11 Die Form der Form (im Sinne Spencer-Browns) er­scheint dank der Ar­bei­ten Luh­manns und Dirk Ba­eckers in ho­hem Maße zu­kunfts­fä­hig, weil sie trotz und durch die Un­be­kannt­heit der Zu­kunft ihre Ope­ra­tio­na­li­tät auf­recht er­hält.
Die spe­zi­elle Kom­pe­tenz zur Ori­en­tie­rung im Kon­text von Nicht-Wissen wurde vor­ge­dacht in Ni­klas Luh­manns Fi­gur der la­by­rin­thi­schen Or­ga­ni­sa­tion.12 Al­ter­na­tive Be­schrei­bungs­ver­su­che fin­den sich un­ter so un­ter­schied­li­chen Be­grif­fen wie Im­mer­sion, Flow und nicht zu­letzt in der Me­ta­pher des Sur­fens (das nicht mit ei­nem pas­si­ven Trei­ben­las­sen ver­wech­selt wer­den sollte, son­dern mit Ba­ecker viel­mehr als ak­tive Be­ob­ach­tungs­leis­tung un­ter Be­din­gung sich stän­dig wech­seln­der Kon­texte ver­stan­den wer­den muss). Was sol­che Be­griff­lich­kei­ten eint, ist die si­tua­tive Re­ak­tion auf Mög­lich­kei­ten, die nicht im Vor­feld ein­ge­schränkt wor­den sind. Eher eine fall­weise und kon­ti­nu­ier­lich Such­be­we­gung, ite­rie­rend und dif­fe­rie­rend, die sich von Kon­text zu Kon­text rech­net und durch Re­kom­bi­na­tion aus ei­nem nicht-übersichtlichen Pool lo­ser Ele­mente je ak­tu­elle For­men bildet.

Wand­lung

Die Par­al­le­len zwi­schen der Fi­gur der un­be­kann­ten Zu­kunft und der Form im Sinne Spencer-Browns wer­den noch deut­li­cher, wenn man die eu­ro­päi­sche Tra­di­tion he­roi­scher Mo­dell­bil­dung mit ei­ner grund­sätz­lich dif­fe­ren­ten Tra­di­tion pro­zes­sua­ler Ent-Wicklung kon­tras­tiert, wie es François Jul­lien so un­er­müd­lich vor­schlägt und be­treibt. So bei­spiels­weise in sei­nem prä­gnan­ten „Vor­trag vor Ma­na­gern über Wirk­sam­keit und Ef­fi­zi­enz in China und im Wes­ten“13,  in wel­chem der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Si­no­loge der europäisch-metaphysischen Tra­di­tion ei­ner wirk­sa­men Fi­na­li­tät des te­los (ein­her­ge­hend mit der Idee des epi­schen Fort­schritts) die ef­fi­zi­ente Gang­bar­keit des dào (道un­ter Be­rück­sich­ti­gung si­tua­ti­ver Po­ten­tiale) ge­gen­über­stellt, – eine stra­te­gi­sche Denk­fi­gur also, die im­ma­nent und dis­kret auf große Ges­ten und das ih­nen in­hä­rente Ri­siko („Tri­umph oder Tra­gö­die“) ver­zich­tet und sich in Zu­rück­hal­tung übt. Eine Zu­rück­hal­tung, die mit Ver­weis auf das chi­ne­si­sche Nicht-Handeln (wu-wei, 無爲) oft als Gleich­mut, Pas­si­vi­tät oder eso­te­ri­sche Ent­sa­gung fehl­in­ter­pre­tiert wird.14
In An­leh­nung an das hier be­ob­ach­tete Pro­blem der Un­ter­schei­dung von ge­gen­wär­ti­gen Zu­künf­ten und prin­zi­pi­ell un­be­kann­ten zu­künf­ti­gen Ge­gen­war­ten hieße die Um­stel­lung von der Tra­gik des Er­eig­nis­ses auf die Ste­tig­keit der Wand­lung im Sinne Jul­li­ens wohl zu­al­ler­erst, ge­gen­wär­tige Er­eig­nisse als Epiphä­no­mene zu be­grei­fen, als ri­gide ge­kop­pelte For­men in ei­nem lo­ser ge­kop­pel­ten Me­dium; ei­nem Me­dium kon­ti­nu­ier­li­cher Po­ten­tiale, das da­bei (medium-typisch) selbst un­sicht­bar bleibt, aber zur Re­kom­bi­na­tion von For­men zur Ver­fü­gung steht. Die zu­kunfts­fä­hige Kom­pe­tenz be­stünde dann eher in ei­nem Ein­stel­len auf die Ent­fal­tung von Dauer als auf spek­ta­ku­läre Pla­nung oder Auf­se­hen er­re­gende Ret­tungs­ver­su­che (wenn eh al­les zu spät ist). Es ginge sehr kon­kret um die Mög­lich­keit, das si­tua­tive Po­ten­tial tem­po­rä­rer For­men auf­recht zu er­hal­ten und so zu be­wir­ken, „[…] dass das Po­ten­tial zu­rück­kommt.“15
Um­wand­lung wäre also im Kon­text von Fort­dauer zu ver­ste­hen, Kon­ti­nui­tät im Kon­text von Wan­del, Be­kann­tes im Kon­text von Unbekanntem,  und – nicht zu­letzt – Ge­gen­wart im Kon­text von Zu­kunft. Die oben vor­ge­schla­gene Form lässt Zu­kunft als un­be­stimmt An­de­res zu. Sie sieht vom Wunsch nach der Re­gie­rung von Zu­kunft ab und fragt statt­des­sen, wie mit dem ge­gen­wär­ti­gen Vor­rat an For­men wei­ter­zu­kom­men ist – und zwar un­ter Be­rück­sich­ti­gung von Über­ra­schun­gen, mit de­nen nicht ge­rech­net wer­den kann, aber ge­rech­net wer­den muss.

Zu­kunfts­fä­hig­keit

Was pa­ra­dox klingt, ist in vie­ler­lei Hin­sicht längst gän­gige Pra­xis und be­darf als sol­cher ge­nauer Un­ter­su­chung; die wis­sen­schaft­li­che Re­flek­tion von Ge­sell­schaft ist ge­sell­schaft­li­chem Ge­sche­hen be­kann­ter­ma­ßen im­mer eine er­kennt­nis­theo­re­ti­sche Runde hin­ter­her.16 Ein Rech­nen mit Wis­sen im Kon­text von Nicht-Wissen (be­zie­hungs­weise ei­ner un­be­kannt blei­ben­den Um­welt) fin­det täg­lich statt – und ist mit dem be­griff­li­chen In­stru­men­ta­rium der wohl am­bi­tio­nier­tes­ten Be­schrei­bung der mo­der­nen Ge­sell­schaft durch Ni­klas Luh­mann be­reits for­mu­lier­bar.
Wenn wir mit den Wor­ten Jul­li­ens fest­hal­ten, dass das Ver­hält­nis von Wis­sen und Nicht-Wissen glei­cher­ma­ßen kon­zes­siv wie kon­se­ku­tiv ist17, wird deut­lich, wa­rum die Form als ein so viel­ver­spre­chen­der Kan­di­dat für das um­sich­tige Rech­nen mit Nicht-Wissen ver­stan­den wer­den kann: „Der Form­be­griff von Spencer-Brown hat die Ei­gen­schaf­ten, die man jetzt braucht. Er for­mu­liert die An­schluss­be­din­gun­gen von Ope­ra­tio­nen im Zu­sam­men­hang ei­nes of­fen­ge­las­se­nen, un­mar­kier­ten Kon­texts der­art, dass eine fall­weise Aus­ar­bei­tung des Ver­ständ­nis­ses, der Mar­kie­rung, die­ses Kon­tex­tes zwar mög­lich, aber nicht zwin­gend ist.“18. Mit je­der zer­fal­len­den Form kann be­darfs­weise und si­tua­tiv wie­der ein Me­dium für neu­er­li­che Re-Formation und über­ra­schende Nach­bar­schaf­ten19 be­reit­ge­stellt wer­den. Wenn Um­wand­lung als Kon­text von Fort­dauer20 ver­stan­den wird, bie­tet die Form zu­gleich Ent­dra­ma­ti­sie­rung und Ent­fo­kus­sie­rung.
Die Form ist zu­kunfts­fä­hig.
„Sie er­laubt das per­fekte Sur­fen.“21


Ab­bil­dung: Aus­schnitt aus ei­nem Foto von John Bur­dumy.

Li­te­ra­tur

  • Ba­ecker, Dirk: Zu­kunft, in: ders.: Nie wie­der Ver­nunft, Klei­nere Bei­träge zur So­zi­al­kunde, Hei­del­berg 2008, S. 596 – 620.
  • Ba­ecker, Dirk: Was hält Ge­sell­schaf­ten zu­sam­men, in: ders.: Stu­dien zur nächs­ten Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 2007, S. 147 – 174.
  • Ba­ecker, Dirk: Die Be­ra­tung der Ge­sell­schaft, The­sen­pa­pier 2005.
  • Es­po­sito, Elena: Die Kon­struk­tion ei­ner of­fe­nen Zu­kunft. In: Re­vue für post­he­roi­sches Ma­nage­ment, Heft 9 (2011), Berlin/Heidelberg, S. 10 – 15.
  • Es­po­sito, Elena: Die Zu­kunft der Fu­tures. Die Zeit des Gel­des in Fi­nanz­welt und Ge­sell­schaft, Hei­del­berg 2010.
  • Es­po­sito, Elena: Die Fik­tion der wahr­schein­li­chen Rea­li­tät, Frankfurt/Main 2007.
  • Jul­lien, François: Die stil­len Wand­lun­gen, Ber­lin 2010.
  • Jul­lien, François: Vortrag vor Ma­na­gern über Wirk­sam­keit und Ef­fi­zi­enz in China und im Wes­ten, Ber­lin 2006.
  • Luh­mann, Ni­klas: Die Ge­sell­schaft der Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 1998.
  • Luh­mann, Ni­klas: The Fu­ture Can­not Be­gin: Tem­po­ral Struc­tures in Mo­dern So­ciety, in: So­cial Re­se­arch, Heft 43/1 (1976), S. 130 – 152.
  • Luh­mann, Ni­klas: Or­ga­ni­sa­tion und Ent­schei­dung, Op­la­den und Wies­ba­den 2000.
  • Prid­dat, Bir­ger P.: Zu­kunfts­fä­hig­keit, in: Re­vue für post­he­roi­sches Ma­nage­ment, Heft 9 (2011), Berlin/Heidelberg, S. 138 – 139.

Formen-Sammlung

(Krise₂ und Krise₃ nach Dirk Ba­ecker: The Cul­ture Form of the Cri­sis, Pa­per 2010.)

An­mer­kun­gen

  1. Luh­mann, Ni­klas: Die Ge­sell­schaft der Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 1998, S. 1093.
  2. Vgl. Luh­mann, Ni­klas: The Fu­ture Can­not Be­gin: Tem­po­ral Struc­tures in Mo­dern So­ciety, in: So­cial Re­se­arch, Heft 43/1 (1976), S. 130 – 152.
  3. Diese Auf­fas­sung kann mit Blick auf die Ge­schichte der Zu­kunft übri­gens kei­nes­falls als selbst­ver­ständ­lich auf­ge­fasst wer­den, son­dern ist tat­säch­lich ein re­la­tiv mo­der­nes Phä­no­men. Zeit und Zeit­kon­zepte blei­ben von so­zio­kul­tu­rel­ler Evo­lu­tion nicht un­be­ein­flusst, vgl. z..B. Luh­mann 1998, S. 997 ff. oder für eine noch nicht form­theo­re­tisch, noch stär­ker phä­no­me­no­lo­gisch in­spi­rierte Ana­lyse ders.: The Fu­ture can­not be­gin, S. 130ff.
  4. Es­po­sito, Elena: Die Kon­struk­tion ei­ner of­fe­nen Zu­kunft. In: Re­vue für post­he­roi­sches Ma­nage­ment, Heft 9 (2011), Berlin/Heidelberg, S. 10 – 15, hier: S. 12.
  5. Also auf Ba­sis ge­gen­wär­ti­ger Ver­gan­gen­heit. Zur Wahr­schein­lich­keits­rech­nung als Tech­nik der De­fu­tu­ri­sie­rung vgl. Luh­mann 1976, S. 141f. und Es­po­sito, Elena: Die Fik­tion der wahr­schein­li­chen Rea­li­tät, Frankfurt/Main 2007, S. 60f.
  6. Vgl. ebd., S. 13.
  7. Im Ge­gen­teil. Wer sich heute schon für mor­gen ge­schützt fühlt, ris­kiert mehr – man ist ja ver­si­chert. Bei Au­to­fah­rern ist bei­spiels­weise eine leicht­sin­ni­gere Fahr­weise zu be­ob­ach­ten, vgl. Wi­ki­pe­dia, Mo­ral Ha­zard und Es­po­sito 2011, S. 13.
  8. Vgl. auch de­tail­liert Es­po­sito: „Je mehr man sich auf Tech­ni­ken ver­lässt, desto stär­ker selbst­re­fe­ren­ti­ell ope­riert die Fi­nanz­welt, desto mehr Druck wird auf die Zu­kunft aus­ge­übt. Mit den Fi­nanz­prak­ti­ken wird ein ak­ku­mu­lier­tes en­do­ge­nes Ri­siko er­zeugt, das sich al­len Tech­ni­ken ent­zieht, weil es durch diese selbst pro­du­ziert wird.“ In: dies.: Die Zu­kunft der Fu­tures. Die Zeit des Gel­des in Fi­nanz­welt und Ge­sell­schaft, Hei­del­berg 2010, S. 239ff., hier: S. 241.
  9. Es­po­sito 2010, S. 255. Vor­ge­dacht auch für das Fol­gende bei Luh­mann 1976, S. 141: „We can think of de­grees of open­ness and call fu­tu­riza­tion in­cre­a­sing and de­fu­tu­riza­tion de­cre­a­sing the open­ness of a pre­sent fu­ture.“
  10. Ebd. Vgl. auch Luh­mann 1976, S. 140: „[W]e can de­fine an open fu­ture as pre­sent fu­ture which has room for se­ver­ally mu­tually ex­clu­sive fu­ture pres­ents.“
  11. Vgl. ex­em­pla­risch die viel­sa­gende Fünf­jah­res­stra­te­gie „Own the Fu­ture“ der Firma GfK bei Prid­dat, Bir­ger P.: Zu­kunfts­fä­hig­keit, in: Re­vue für post­he­roi­sches Ma­nage­ment, Heft 9 (2011), Berlin/Heidelberg, S. 138 – 139.
  12. Vgl. Luh­mann, Ni­klas: Or­ga­ni­sa­tion und Ent­schei­dung, Op­la­den und Wies­ba­den 2000, S. 420f.
  13. Jul­lien, François: Vortrag vor Ma­na­gern über Wirk­sam­keit und Ef­fi­zi­enz in China und im Wes­ten, Ber­lin 2006.
  14. Ebd., S. 60f.
  15. Jul­lien, François: Die stil­len Wand­lun­gen, Ber­lin 2010, S. 176. Vgl. auch in ei­nem ganz an­de­ren Kon­text, näm­lich dem der Kom­po­si­tion, die von John Cage in sei­nem „Au­to­bio­gra­phi­cal State­ment“ ge­schil­der­ten Tech­ni­ken: „Fle­xi­ble time-brackets. Va­ria­ble struc­ture. A mu­sic, so to speak, that’s earthquake-proof.“
  16. Vgl. Ba­ecker, Dirk: Zu­kunft, in: ders.: Nie wie­der Ver­nunft, Klei­nere Bei­träge zur So­zi­al­kunde, Hei­del­berg 2008, S. 596 – 620, hier S. 598f.: „Die so­zia­len Prak­ti­ken, die heute an den Tag ge­legt wer­den, sind zwar be­reits jene der Com­pu­ter­ge­sell­schaft, weil es gar nicht an­de­res geht, aber un­ser Wis­sen ist erst jetzt das der Buch­druck­ge­sell­schaft. […] Mit die­ser Un­gleich­zei­tig­keit von Pra­xis und Wis­sen ha­ben wir of­fen­sicht­lich ge­ne­rell zu rech­nen.“
  17. Jul­lien, Vor­trag vor Ma­na­gern, S. 61.
  18. Ba­ecker 2008, S. 618.
  19. Vgl. auch die An­kün­di­gung zu Ba­eckers Vor­trag „Zur un­be­kann­ten Zu­kunft als In­te­gra­ti­ons­form der Com­pu­ter­ge­sell­schaft“ im Rah­men der der „Kon­fe­renz 
zur [nächs­ten] Ge­sell­schaft“, xmess, vom 17. bis 19. No­vem­ber 2011 in Ber­lin.
  20. Vgl. dazu die Prozess-Form in der an­ge­häng­ten „Formen_Sammlung“.
  21. Ba­ecker, Dirk: Die Be­ra­tung der Ge­sell­schaft. The­sen­pa­pier 2005. Online-Fassung (Zu­griff: 1.11.2011). Ba­ecker konkretisiert: „Die dazu pas­sende Mo­ral ist die­je­nige, die W. Ross Ashby im Rah­men der Ky­ber­ne­tik auf den Be­griff des be­reits er­wähn­ten ‚ope­ra­tio­nal re­se­ach’ ge­bracht hat: 1) Schau dir an, was pas­siert, nicht, wa­rum es pas­siert; 2) sammle nur so viel In­for­ma­tion, wie du für den job brauchst, der je­weils an­steht; und 3) nimm nicht an, dass das Sys­tem sich nicht ändert, das heißt stelle in Rech­nung, dass du nur die Pro­bleme von heute lö­sen kannst.“

Kommentare

  1. Stephan sagt:

    Sehe das al­les aber als nur im Organisations-Kontext von Be­lang, denn an­sons­ten ist das Surfen/Geschehenlassen/wu-wei nicht neue Form, son­dern längst gän­gige Pra­xis, ja so­gar der Default-Zustand.

    So­mit wäre das „he­roi­sche“ Ent­schei­den ei­gent­lich nur ein Son­der­fall, bzw. eine (meist ex-post) Be­haup­tung ei­ner Hand­lung in der Ver­gan­gen­heit, die nur nö­tig wird, wenn Kon­trolle als Fä­hig­keit und Macht als Ei­gen­schaft er­war­tet wird. Höchs­tens wenn die­ser Son­der­fall zu­neh­mend an­dere Be­rei­che ko­lo­nia­li­siert und so­gar der Ein­druck ent­steht, dies sei eine Grund­hand­lungs­weise ei­ner be­stimm­ten Phase der ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung, kann das Vor­schla­gen ei­ner Form, die „vom Wunsch nach der Regie­rung von Zu­kunft ab[sieht]“ sinn­voll er­schei­nen.
    Den Ein­druck hab ich aber nicht.

  2. Sebastian sagt:

    Lie­ber Stephan,

    dass die Form-Figur in vie­ler­lei Hin­sicht prak­ti­sche An­wen­dung fin­det, soll auch gar nicht in Ab­rede ge­stellt wer­den (ver­glei­che Dei­nen Kom­men­tar ggf. noch ein­mal mit An­mer­kung 16 – ich denke, wir sind da recht nah bei­ein­an­der…). Es geht mir eher um ei­nen (sys­tem– oder form-)theoretischen An­schluss an Pra­xen, die wir selbst nicht ver­ste­hen.
    Mit Blick auf die Heroismus-Diagnose muss ich al­ler­dings doch wi­der­spre­chen, den würde ich (de­skrip­tiv) nicht so schnell ad acta le­gen wie Du. Im Ge­gen­teil: al­leine die Tat­sa­che, dass hier (und in zahl­lo­sen an­de­ren Kom­men­tar­th­re­ads die­ser Art) un­ter Adres­sie­rung von Per­so­nen im Me­dium der Kri­tik kom­mu­ni­ziert wird, halte ich für ein hand­fes­tes In­diz für eine fun­da­men­tale he­roi­sche For­ma­tie­rung der Ge­sell­schaft (wenn Du so willst). Der ganze Zank um das rich­tige oder fal­sche Ver­ste­hen von Text ist bei wis­sen­schaft­li­cher So­zia­li­sa­tion mit dem vir­tuo­sen Kri­ti­ker ih­rem He­ros so tief in Rou­ti­nen ein­ge­schrie­ben, dass ich bis­lang (we­nigs­tens in Selbst­be­ob­ach­tung) Post­he­ro­is­mus für den Aus­nah­me­fall halte. Von Phä­no­me­nen wie Troll­kom­mu­ni­ka­tion ganz zu schwei­gen. Aber das al­les ge­rade nur in Kürze.

  3. jan rieger sagt:

    heisst das dann, man kann nichts mehr von der zu­kunft er­war­ten?
    dass al­les be­lie­big wird?
    das ist we­der plau­si­blel noch deckt es sich mit mei­nen erfahrungen.

  4. Sebastian sagt:

    @Jan:

    heisst das dann, man kann nichts mehr von der zu­kunft erwarten?“

    Nein, man sollte sie nur nicht ih­rer ei­ge­nen Zu­kunft berauben.

    (Zum Bei­spiel in­dem man die Un­si­cher­heit der Zu­kunft tech­nisch so sehr mit Pro­gno­sen auf Ba­sis von Ver­gan­ge­nem über­brückt (Sta­tis­tik), dass man bei ih­rem je­wei­li­gen Ein­tre­ten keine an­de­ren Op­tio­nen mehr hat, als die durch die ei­ge­nen Er­war­tun­gen vor­ge­ge­be­nen; wer von der Zu­kunft Über­ra­schun­gen er­war­tet, schafft Lern­ge­le­gen­hei­ten – d.h. Mög­lich­kei­ten zum Um­bau von Er­war­tun­gen und zu­gleich die Be­stä­ti­gung der Er­war­tung von Über­ra­schun­gen. Hier ist übri­gens auch der An­knüp­fungs­punkt für ein funk­tio­na­les Ver­ständ­nis von Kri­sen zu fin­den – darum die Par­al­le­li­sie­rung der ent­spre­chen­den Formen.)

  5. Siggi sagt:

    Hm. „Wie ließe sich ein adäqua­ter Um­gang mit fol­gen­rei­chen Unge­wiss­hei­ten vor­stel­len, der mit der Erwar­tung des Uner­wart­ba­ren rech­nen kann, ohne da­bei in indif­fe­rente Pas­si­vi­tät zu verfallen?“

    Legt man nicht aus die­sen und an­de­ren Grün­den zB in der Sze­na­ri­en­tech­nik seit fast 30 Jah­ren wert auf min 4 Sze­na­rien? Trend­fort­schrei­bung in ein sin­gu­lä­res Sze­na­rio ma­chen doch nur noch Leute, für die selbst Jack Welch oder Pe­ter Schwartz Un­be­kannte sind. Mul­ti­ple Zu­künfte ist glaub ich so­gar bei T-Labs ein Begriff.

  6. Sebastian sagt:

    @Siggi:
    Ja, das ist rich­tig. Aber (und im Me­dium von Kri­tik gibt’s im­mer ein aber…) Zu­kunfts­for­scher die­ser Art würde ich in eine Reihe mit den oben er­wähn­ten Sta­tis­ti­kern und Spe­ku­lan­ten stel­len, weil sie als Spe­zia­lis­ten über am­bi­tio­nierte und hoch­ent­wi­ckelte Pra­xen der De­fu­tu­ri­sie­rung ver­fü­gen. Man kann von ih­nen viele Tech­ni­ken er­ler­nen, ge­rade weil sie Spe­zia­lis­ten sind. Aber man kann nicht auf Ba­sis der Dia­gnose pro­fes­sio­na­li­sier­ter Rou­ti­nen den Nut­zen (oder so­gar die Not­wen­dig­keit?) sol­cher Tech­ni­ken in an­de­ren Kon­tex­ten aus­blen­den: Wie sähe eine Schule, eine Uni­ver­si­tät oder ein Ge­richt aus, wenn man mit sol­chen For­men ernst­haft zu rech­nen begänne?

  7. C sagt:

    Gu­ter Text! Auf­fäl­lig bei den sy­tem– und form­theo­re­ti­schen Be­schäf­ti­gun­gen mit Un­wis­sen und Ri­siko ist al­ler­dings die Se­lek­ti­vi­tät der Re­fe­ren­zen. Au­to­po­iet schreibt: „Was sol­che Be­griff­lich­kei­ten eint, ist die situa­tive Re­ak­tion auf Mög­lich­kei­ten, die nicht im Vor­feld einge schränkt wor­den sind. Eher eine fall­weise und kon­tinu ier­lich Such­be­we­gung, ite­rie­rend und dif­fe­rie­rend, die sich von Kon­text zu Kon­text rech­net und durch Re­kom­bi­na­tion aus ei­nem nicht-übersichtlichen Pool lo­ser Ele­mente je ak­tu­elle For­men bil­det.„
    Ist das nicht ex­akt die Hay­ek­sche (ka­pi­ta­lis­ti­sche) Such­be­we­gung un­ter Be­din­gun­gen ver­teil­ten (Nicht-)Wissens? Wäre Ba­eckers Form­theo­rie dem­nach in Tei­len eine Re­for­mu­lie­rung des Li­be­ra­lis­mus — al­ler­dings ohne Be­rück­sich­ti­gung der in­sti­tu­tio­nel­len Be­din­gun­gen der Er­hal­tung je­ner Unsicherheit/jenes Un­wis­sen, die als Vor­aus­set­zung so­wohl der Form­bil­dung wie der Form­lö­sung ge­wahrt wer­den müss­ten. Oder an­ders: Steckt in den Über­le­gun­gen nicht der im­pli­zite Ap­pell auf Un­si­cher­heit mit er­höh­ter Un­si­cher­heit zu rea­gie­ren — und diese pa­ra­do­xer­weise in­sti­tu­tio­nell ab­zu­si­chern? Just asking.

  8. Sebastian sagt:

    @ „C“:

    Ich bin zwar kein aus­ge­wie­se­ner Hayek-Kenner, habe aber ge­rade seine Ver­fas­sung der Frei­heit aus dem Re­gal ge­holt.
    Wenn Du Dich auf Sätze wie „Man könnte sa­gen, daß die Zi­vi­li­sa­tion be­ginnt, wenn der Ein­zelne in der Ver­fol­gung sei­ner Zeile mehr Wis­sen ver­wer­ten kann, als er selbst er­wor­ben hat, und wenn er die Gren­zen sei­nes Wis­sens über­schrei­ten kann, in­dem er aus Wis­sen Nut­zen zieht, das er nicht selbst be­sitzt“ (Kap. 2., „Die schöp­fe­ri­schen Kräfte ei­ner frei­nen Zi­vi­li­sa­tion“, insb. die ers­ten drei Ab­schnitte) be­ziehst, würde ich das mit ei­nem Fra­ge­zei­chen ver­se­hen – weil sich die Re­fe­renz dann tat­säch­lich un­ter­schei­det, hier: durch Zu­rech­nung auf in­di­vi­du­el­les (Nicht-)Wissen so­gar ex­trem li­mi­tiert wird. Der Ab­stand wächst noch, wenn aus der Er­kennt­nis des Nicht-Wissens ein nor­ma­ti­ver Ap­pell wird (wie bei­spiels­weise in Kap. 10, Ab­schnitt 6, „Die Tei­lung des Wis­sens bei Han­deln und Re­geln“).
    Wenn Du aber eher Stel­len wie „Wenn wir fort­schrei­ten sol­len, müs­sen wir Raum las­sen für eine fort­wäh­rende Re­vi­sion un­se­rer ge­gen­wär­ti­gen Vor­stel­lun­gen und Ideale, die durch wei­tere Er­fah­rung not­wen­dig ge­macht wird“, dann viel­leicht schon eher (falls man das Zi­tat nicht so­fort auf ein Fal­si­fi­ka­ti­ons­un­ter­neh­men à la Pop­per her­un­ter­bricht). Wenn man sol­che Äuße­run­gen Hay­eks auf die ba­sale Form, mit Hilfe de­rer eine Ge­sell­schaft auf Über­ra­schun­gen in An­be­tracht nicht-passender Er­war­tun­gen rea­giert, wenn man also Kul­tur­for­men in den Blick nimmt und be­rück­sich­tigt, dass ge­sell­schaft­li­che Re­ak­tio­nen sich wie­der in In­sti­tu­tio­nen, Rou­ti­nen und Sche­mata nie­der­schla­gen… dann würde ich Dir zu­stim­men. Die­sen evo­lu­tio­nä­ren Me­cha­nis­mus ge­sell­schaft­li­cher An­pas­sung hat Hayek sei­ner­zeit klar erkannt.

    P.S. Apro­pos Un­si­cher­heit als Re­ak­tion auf Un­si­cher­heit. Nicht von un­ge­fähr zi­tiert Hayek a.a.O. War­ren Wea­ver: „As sci­ence learns one an­s­wer, it is cha­rac­te­risti­cally true that it also learns se­veral new ques­ti­ons.“
    P.P.S. Eine Re­for­mu­lie­rung des Li­be­ra­lis­mus ist Ba­eckers Form­theo­rie imho nicht; Al­ler­dings läßt sich Li­be­ra­lis­mus form­theo­re­tisch beschreiben.

  9. jan rieger sagt:

    okay. wenn du schreibst „Nein, man sollte sie nur nicht ih­rer eige­nen Zu­kunft be­rau­ben“, was heisst das kon­kret? es ist doch nicht wirk­lich ra­tio­nal, ziel­los of­fe­nen zu­künf­ten ent­ge­gen zu drif­ten! ich will nicht kon­ser­va­ti­ver klin­gen als ich bin, frage aber trotz­dem. ris­kiert die ge­sell­schaft beim dem über­neh­men von nicht al­les be­währte? wä­ren schu­len, unis und ge­richte nicht nur noch chaos?

  10. Sebastian sagt:

    @jan rie­ger:

    Mir scheint ja eher man­gelnde Ziel­lo­sig­keit das Pro­blem zu sein. Mit ei­ner Um­stel­lung von Pla­nungs­wille auf Lern­be­reit­schaft wäre schon ei­ni­ges ge­won­nen… (was den Nut­zen von Pro­gno­sen für Rou­ti­nen wie Zah­lun­gen, Ver­träge etc. gar nicht ab­strei­ten soll).

    @Stephan, Siggi und auch „C“:

    Elena Es­po­sito (2010) ver­weist übri­gens ex­pli­zit dar­auf, dass an­ge­mes­sene Tech­ni­ken be­reits mit den er­wei­ter­ten Kon­troll­be­grif­fen von Nor­bert Wie­ner (1948, ky­ber­ne­ti­sche Steue­rung nicht­li­nea­rer Sys­teme) und Ni­klas Luh­mann (2000, Kon­trolle als Hand­ha­bung von Un­ter­schei­dun­gen an Stelle te­leo­lo­gi­scher Ursache/Wirkungs-Korrelationen) for­mu­liert wor­den sind. Öko­no­men und Zu­kunfts­for­scher sind dann in ge­wis­ser Weise sog. „early ad­op­ters“ sol­cher Technik.

  11. C sagt:

    @Sebastian
    Völ­lig rich­tig, eine Re­for­mu­lie­rung ist Ba­eckers An­satz na­tür­lich nicht, dazu fehlt na­tür­lich u.a die nor­ma­tive Em­phase. Auch hat Hayek na­tür­lich teil­weise noch im Rah­men ei­nes öko­no­mi­schen me­tho­di­schen In­di­vi­dua­lis­mus ge­ar­bei­tet. Wor­auf ich ver­mut­lich hin­aus­wollte ist das, wor­auf du bei jan rie­ger hin­weist: Vor­läu­fer, Vor­den­ker — die den Zwei­fel auf­wer­fen, ob die Form­theo­rie mehr ist als bloß eine neue — und raf­fi­nierte — No­ta­tion? Ist sie mehr als eine op­ti­sche Stei­ge­rung des Differenz-Managements, fügt sie et­was zu den be­reits ver­füg­ba­ren Ein­sich­ten hinzu, dass die Dif­fe­ren­zen den Kon­text ih­rer selbst erst schaf­fen — ohne Ga­ran­tie, dass ge­nau diese Dif­fe­renz auch beim nächs­ten Mal trägt. Ach, wahr­schein­lich will ich nur und nach drei­er­lei Wei­nen un­ver­ständ­lich sa­gen: diese For­men­lehre, sie mu­tet so un­ter­wäl­ti­gend an!

  12. Sebastian sagt:

    @ „C“:

    Hm. Daran ließe sich nun mit ei­ner gan­zen Reihe von Ge­gen­fra­gen ant­wor­ten (z.B. Was ist neu? Ins­be­son­dere mit Blick auf wis­sen­schaft­li­che Er­kennt­nisse? In­wie­weit wür­dest Du auch Spra­che für un­ter­wäl­ti­gend hal­ten? Geht der zu­grun­de­lie­gende Form­ge­danke über Luh­manns Spen­cer Brown-Interpretation hin­aus? Geht Spen­cer Brown ei­gent­lich über Peirce hin­aus? Wel­ches Kon­zept kauft man sich mit Neu­heit un­ter der Hand ein? usw. usf.). Al­les glei­cher­ma­ßen span­nende wie kom­pli­zierte Fra­gen.
    Ich würde in ers­ter Nä­he­rung vor­schla­gen, form­theo­re­ti­sche Über­le­gun­gen die­ser Art a) funk­tio­nal und b) in bes­ter Tra­di­tion der Luhmann’schen Theo­rie­kon­tin­genz zu le­sen. Nicht als Lö­sung, son­dern als La­bor­werk­zeug. Als raf­fi­nier­tes Werk­zeug, meinetwegen.

  13. Matsche sagt:

    Lan­den wir aber nicht dann dort wie­der wo wir schon mal wa­ren?
    Nicht han­delnd son­dern in­tui­tiv un­se­ren In­stink­ten fol­gend, wie frü­her in der Wild­niss, nur das die Wild­niss heute Netz­werk heißt.

  14. Sebastian sagt:

    @ „Mat­sche“: 

    Nein. Zu­rück ist keine ernst­hafte Op­tion.
    Oder Du er­klärst noch ein­mal, was Du ge­nau meinst.

  15. Matsche sagt:

    Ich in­ter­pre­tiere es so, dass un­sere Welt im­mer kom­ple­xer wird, Ent­schei­dun­gen we­gen der Masse der In­for­ma­tio­nen im­mer schwie­ri­ger für die Ent­schei­der und das dann die Ent­schei­dun­gen im Wis­sen des Nicht­wis­sens wie­der in­tui­tiv ge­trof­fen wer­den müs­sen, im Grunde auf der Ba­sis von Ge­füh­len. In­tui­tion ist je­doch das letzte und pri­mi­tivste Mit­tel der Komplexitäsreduzierung

    Dann sind wir aber wie­der dort, wo wir schon mal wa­ren. In­tui­tion ist sprach­lo­ses Ge­fühl. Die Kom­mu­ni­ka­tion ver­kehrt sich für mich an die­sem Punkt ins Ge­gen­teil, er­reicht eine Grenze in der sie wie­der zur Ein­heit wird.

    Ich kann es nicht bes­ser er­klä­ren. Für mich kommt je­des Sys­tem ir­gend­wann an eine Grenze, an der es wie­der auf sich selbst zu­rück­fällt, zwar auf ei­ner wei­ter­ent­wi­ckel­ten Ebene, aber doch dem glei­chen Mus­ter fol­gend. Der An­fang der Kom­mu­ni­ka­tion ist für mich ein Ge­fühl (In­tui­tion) das in Worte ge­fasst wurde und nun zwingt uns das Sys­tem wie­der zu­rück zur Intuition. .

    Es ist das, was ich denke und falls ich al­les falsch ge­deu­tet habe, dann sage ich vor­sichts­hal­ber schon mal „Sorry“-

  16. Sebastian sagt:

    @ Mat­sche:

    Die Her­aus­for­de­rung be­steht der­zeit wo­mög­lich am ehes­ten darin, sol­che Re­ak­tio­nen als ver­ständ­lich aber we­nig hilf­reich zu iden­ti­fi­zie­ren. Si­cher: die Un­durch­schau­bar­keit der Zu­kunft er­höht tra­di­tio­nell den Wunsch nach Durch­schau­bar­keit, die Wahr­neh­mung ge­stie­ge­ner Kom­ple­xi­tät den Wunsch nach Re­duk­tion. Dass da­bei auf be­kannte Be­ob­ach­tungs­sche­mata re­kur­riert wird, ist nicht wei­ter un­ge­wöhn­lich und die Ge­schichte zeigt, dass sol­che Re­ak­tio­nen ge­rade in Kri­sen un­ge­heure Kon­junk­tur er­fah­ren (Wunsch nach Ein­fach­heit, Ord­nung etc.). Wir sind aber nicht dort, wo wir schon ein­mal wa­ren – es gibt kein zu­rück in die Höhle. Die Al­ter­na­tive zu De­fu­tu­ri­sie­rung heisst nicht not­wen­dig In­tui­tion. Sie kann eine Rolle spie­len, aber in ei­nem neuen Kontext.

  17. Sven sagt:

    Span­nen­der Text! Mir ist klar, was hin­sicht­lich der Zu­kunfts­ver­knap­pung ge­sagt wer­den soll, al­ler­dings er­ge­ben sich me­tho­di­sche Schwie­rig­kei­ten (für mich). Dazu eine Reihe von Fra­gen zur for­men­sprach­li­chen Ana­lyse von Zu­kunft und Gegenwart:

    1. Legt man die Form­de­fi­ni­tion von Spencer-Brown zu Grunde, dann ist die Form für Zu­kunft eine Ab­kür­zung für „Zu­kunft = Zu­kunft Ge­gen­wart | Zu­kunft“. Dies führt zu der In­ter­pre­ta­tion, dass Zu­kunft zwei­fach re­kur­siv wie­der­ein­ge­führt wird. Gibt es also un­ter­schied­li­che Be­zeich­nun­gen „Zu­kunft“? Worin liegt dann die Un­ter­schei­dung? — Oder gibt es nur eine Be­zeich­nung? Wozu dann die Doppelung?

    2. Wenn ich es rich­tig sehe, dann ist die Form der Zu­kunft eine re­kur­sive Be­schrei­bung der „ge­gen­wär­ti­gen Zu­kunft“. Wie würde eine Form der Ge­gen­wart für die (re­kur­sive) Be­schrei­bung „künf­ti­ger Ge­gen­war­ten“ aus­se­hen? — Ist we­der in Luh­manns „Ver­trauen“ noch aus der an­ge­ge­be­nen Zu­kunfts­form klar. Oder ist die Form­spra­che am Ende nur metaphorisch?

  18. Sebastian sagt:

    @ Sven:

    Span­nen­der Kommentar!

    1. Ja, so lau­tet zu­min­dest der Vor­schlag. Der geht ja zu­rück auf die von Luh­mann ein­ge­führte und für den obi­gen Ar­ti­kel be­deu­tende Un­ter­schei­dung von ge­gen­wär­ti­ger Zu­kunft und zu­künf­ti­ger Ge­gen­wart. Meine Spencer-Brown-Notation soll diese Dif­fe­ren­zie­rung zu­nächst ein­mal il­lus­trie­ren; die Dop­pe­lung er­gibt sich aus dem Um­stand, dass in all­tags­sprach­li­cher Ver­wen­dung beide For­men von Zu­kunft un­dif­fe­ren­ziert als Zu­kunft be­zeich­net wer­den.
    Die Form er­mög­licht das Her­aus­stel­len die­ser Un­ter­schei­dung und deu­tet die Tem­po­ra­li­tät des Pro­zes­sie­rens an, mit der aus künf­ti­gen Ge­gen­war­ten je ope­ra­tiv ak­tu­elle Ge­gen­wart wer­den kann. Und wie diese im­mer neue, un­be­kannte Zu­kunft bildet.

    2. Viel­leicht nicht ge­nau „me­ta­pho­risch“, son­dern eher eine Art An­ge­bot? Mit ei­ge­nen blin­den Fle­cken, die aber zur Il­lus­tra­ti­ons­zwe­cken in Kauf ge­nom­men wor­den sind. Von da­her trifft es sich gut, dass Du nach­hakst: Luh­mann be­zeich­net (z.B. in GdG) Ge­gen­wart als Dif­fe­renz von Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft, als Grenze zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft. Alle Ver­gan­gen­heit ist die Ver­gan­gen­heit ei­nes Be­ob­ach­ters (also sys­tem­re­la­tiv, vgl. „Kul­tur“), alle Zu­kunft ist un­be­kannt und neu (oder es han­delt sich um ge­gen­wär­tige Zu­kunft). Ent­schei­dend für die Re­pro­duk­tion ei­nes Sys­tems sind aber die ge­gen­wär­ti­gen, selbst­va­li­dier­ten Ei­gen­werte. Noch ein­mal an­ders ge­wen­det: Ge­gen­wart ist der blinde Fleck der Un­ter­schei­dung von Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft und da­mit zu­gleich Vor­aus­set­zung der Be­ob­ach­tung. Das macht die Ge­gen­wart zu ei­nem pa­ra­do­xen Ge­sche­hen: weil sie stän­dig ver­geht und ge­rade durch die­ses Ver­ge­hen an­dau­ert (eine sol­che Kon­zep­tion un­ter­läuft of­fen­sicht­lich Vor­stel­lu­gen kau­sa­ler De­ter­mi­na­tion mit den er­wähn­ten Fol­gen für Sta­tis­tik, Sto­chas­tik und Zu­kunft). Wie wür­dest Du un­ter die­sen Be­din­gun­gen formalisieren?

  19. Wigbert Traxler sagt:

    Ganz ge­ne­rell emp­finde ich häu­fig ein gro­ßes Un­be­ha­gen an­ge­sichts der allzu um­trie­bi­gen und übe­r­am­bi­tio­nier­ten Ver­su­che, sich dem, was da kommt (Der­rida: l´avenir) ge­wach­sen zu zei­gen, da­für prä­pa­riert und wohl­aus­ge­stat­tet zu sein. Ge­rade wenn es darum geht, mit Über­ra­schungs­fä­hig­keit und Un­vor­be­reitet­heit auf­war­ten zu können.

    denn ihr selbst wis­set ge­wiß, daß der Tag des HERRN wird kom­men wie ein Dieb in der Nacht.“ (1. Thes­sa­lo­ni­cher, 5.2)

    Mehr noch als die auf­ge­bo­tene al­lent­hal­ben zu be­ob­ach­tende theo­re­ti­sche Mo­bil­ma­chung und Alert­heit, in der sich die pro­li­fe­rie­ren­den zu­kunfts­lie­ben­den Kampf­schrif­ten über­bie­ten, wäre doch an­ge­bracht, die taktil-sensorischen Fä­hig­kei­ten des Zau­derns und Zö­gerns (vgl. Jo­seph Vogl: Über das Zau­dern), der Ver­hal­ten­heit und der re­ser­vier­tenm ab­war­ten­den Skru­pel zu re-kultivieren? Seid leise und wach­sam und ver­jagt Fortuna-Futura nicht durch euer lau­tes, vor­weg­neh­men­des Joh­len.
    Aber ich hab gut reden…

  20. Sebastian sagt:

    @ Wig­bert Traxler:

    Ich stimme zu. Ge­rade das Vogl’sche Zau­dern ist eine sehr kon­krete Form der Re­la­ti­vie­rung fi­na­ler Kon­troll– und Steue­rungs­phan­ta­sien, ein Bruch mit der planerisch-defuturisierenden Li­nea­ri­tät von Ur­sa­che und Wir­kung (Vogl ver­weist ex­pli­zit auf die Un­ter­schei­dung von te­los und sko­pos). Die Funk­tion des Zau­derns kommt der oben um­ris­se­nen sehr nahe; vgl. dazu bei­spiels­weise den Ab­schnitt bei Ah­rens (2011):

    »Das Zau­dern, so Vogl, un­ter­bre­che die ge­fugte Zeit ›der Be­ge­ben­hei­ten und Hand­lungs­ket­ten‹ (Vogl 2007, S. 48), der ver­strei­chen­den, chro­no­lo­gi­schen Zeit. Man könnte es ein­fa­cher und ge­nauer so aus­drü­cken: Was das Zau­dern im Ge­gen­satz zum ›Pau­sie­ren‹ usw. aus­zeich­net, ist sein pa­ra­do­xes Ver­hält­nis zur Zeit (ebd., S. 49). Es hat sei­nen stra­te­gi­schen Platz zwi­schen ge­gen­wär­ti­ger Zu­kunft und zu­künf­ti­ger Ge­gen­wart. Es ist eine ak­tive Pas­si­vi­tät mit dem Ziel, sich in ei­nem Übe­r­an­ge­bot von Mög­lich­kei­ten ein Mög­lich­keits­den­ken zu be­wah­ren.« (Sönke Ah­rens: Ex­pe­ri­ment und Ex­plo­ra­tion, Bie­le­feld 2011, S. 32ff, hier: S. 38.)

    Der Aus­bruch aus (selbst-)beschränkender Ziel-Führung zu­guns­ten der Ver­meh­rung (oder we­nigs­tens: Auf­recht­er­hal­tung) von Mög­lich­kei­ten ist wohl ein ent­schei­den­der As­pekt funk­tio­na­len Zauderns…

  21. Wigbert Traxler sagt:

    Der Aus­bruch aus (selbst-)beschränkender Ziel-Führung zuguns­ten der Ver­meh­rung (oder wenigs­tens: Auf­recht­er­hal­tung) von Mög­lich­kei­ten ist wohl ein ent­schei­den­der As­pekt funk­tio­na­len Zauderns…“

    Ja, als Bruch, in­ter­rup­tio und rup­tur. Des­we­gen, –in Ab­wei­chung von Vogl– gar nicht un­ähn­lich der pau­sie­ren­den Pose (vgl. die Ana­lyse des ´aus­set­zen­den´ Tanz­schrit­tes der „posa“ bei Agam­ben, Brand­stet­ter und Ru­dolf zur Lippe)- brächte die ak­tive Re­sponsivi­tät mit ih­rem zö­gern­den In­ne­hal­ten („I would pre­fer not to“) ein brauch­ba­res Ge­gen­re­zept zum täg­li­chen volks­sport­mäs­si­gen Sich-Überbieten in Übun­gen darin, der Welt auf den Kopf zu zu sa­gen, wie sie ist und dem­nächst sein werde. Darin be­steht nun aber lei­der das Haupt­ge­schäft des abend­län­di­schen Blo­gos…
    An­we­sende ausgenommen.

  22. Sebastian sagt:

    @ Wig­bert Traxler,

    danke für die Aus­füh­rung. Ich ha­dere ein we­nig mit dem Be­griff des Bru­ches. Zu­min­dest wenn man „posa“ als Bruch von Kon­ti­nui­tät ein­führt, als „Pause“ zwi­schen an­sons­ten sta­bi­len Er­eig­nis­sen. Der ur­sprüng­li­che, grie­chi­sche Be­griff (pau­sis, παῦσις) scheint näm­lich in ge­wis­ser Weise selbst schon von me­ta­phy­si­schem und la­tent fi­na­lis­ti­schem Den­ken kon­ta­mi­niert zu sein und da­mit den Blick auf die (hier) ent­schei­dende Her­aus­for­de­rung zu ver­schlei­ern: Das Den­ken des Übergangs, jen­seits des me­ta­phy­si­schen „Supp­le­ments“ des Er­eig­nis­ses (F. Jul­lien). Man müsste Um­wand­lung im Kon­text von Fort­dauer den­ken ler­nen (re-entrant), ohne Ze­le­brie­rung des Er­eig­nis­haf­ten, des Events (was in vie­ler­lei Hin­sicht der Hal­tung der Re­prä­sen­tan­ten des von Dir so be­zeich­ne­ten abend­län­di­schen „Blo­gos“ ent­ge­gen zu lau­fen scheint, die letzt­lich kul­tür­lich an episch-dramatische Kon­zepte an­schließt). Viel­leicht muss man nicht so weit wie Jul­lien ge­hen und die eu­ro­päi­sche Kul­tur als sol­che der „Ideo­lo­gie des Bru­ches“ be­zich­ti­gen; aber man sollte seine Ana­lyse doch ernst neh­men und be­rück­sich­ti­gen, dass sich das Er­eig­nis, der Bruch, die in­ter­rup­tio, die De­fi­ni­tion tief in un­sere Be­ob­ach­tungs­sche­mata ein­ge­schrie­ben hat. Und in die Form un­se­rer Spra­che etc. – des­we­gen fin­det man nur so schwer brauch­bare Alternativen.

    Mög­li­cher­weise ver­stehe ich das aber ge­rade auch an­ders als Du es mein­test. Was daran lie­gen mag, dass ich we­der die von Dir re­fe­ren­zierte Li­te­ra­tur noch ein ety­mo­lo­gi­sches Wört­buch zur hand habe. Könn­test Du mir viel­leicht ver­ra­ten, wo man bei Agam­ben und Brand­stet­ter Ent­spre­chen­des fin­den kann? Au­ßer­dem müsste man ver­mut­lich der Frage nach­ge­hen, ob posa, Pause, Pose und nicht zu­letzt auch Posse ei­nen ge­mein­sa­men sprach­li­chen Ur­sprung tei­len. Und die Spu­ren lesen.

  23. Wigbert Traxler sagt:

    Könn­test Du mir viel­leicht ver­ra­ten, wo man bei Agam­ben und Brand­stet­ter Ent­spre­chen­des fin­den kann? „
    Zu­nächst dies (den Agam­ben lie­fere ich nach):

    Das Ein­hal­ten wurde… zu ei­nem We­sent­li­chen der Be­we­gung, zu ei­nem Mo­ment des Tan­zes. Po­sata oder posa heißt Ruhe und Hal­tung, Pose und Pause… In dem In­ne­hal­ten des Tan­zen­den als posa wird Tanz“ (Ru­dolf zur Lippe: Na­tur­be­herr­schung am Men­schen I. Kör­per­er­fah­rung als Ent­fal­tung von Sin­nen und Be­zie­hun­gen in
    der Ära des ita­lie­ni­schen Kauf­manns­ka­pi­tals, Suhr­kamp: Frank­furt a.M. 1974, S.163ff)
    Und:

    Ga­briele Brand­stet­ter: »Pose — Posa — Po­sing. Zwi­schen Bild und Be­we­gung«. In: Elke Bippus/Dorothea Mink (Hg.): Fa­shion Body Cult — Mode Kör­per Kult, Stutt­gart 2007, S. 249–266

  24. Wigbert Traxler sagt:

    Außer­dem müsste man ver­mut­lich der Frage nach­ge­hen, ob posa, Pause, Pose und nicht zu­letzt auch Posse ei­nen gemein­sa­men sprach­li­chen Ur­sprung teilen.“

    Zu­min­dest posa und pausa sind als lat. po­nere (set­zen, stel­len, le­gen) De­ri­vate in ih­rer Ve­schie­den­heit das Selbe. Und auch das pro-positionale Ur­teil (the­sis) läßt sich — wenn auch nicht un­ge­bro­chen –als ver­zö­gernde, ver­har­rende, ar­re­tie­rende Un­ter­bre­chung be­ob­ach­ten, als die klaf­fende Dehiszenz-Pose des Spen­cer Bron­schen dis­tinc­tion Graphen.

    Ob man es mit Jul­lien (des­sen Bü­cher ich trotz­dem mit gro­ßem In­ter­esse ge­le­sen habe) ver­mag, mit dem Pa­ra­digma des Bruch zu bre­chen bliebe zu be­zwei­feln. Das An­dere des Abend­län­di­schen Pa­ra­dig­mas ist doch eher in ihm selbst zu su­chen als in rei­ner Ex­te­rio­ri­tät. Kann man an­hand des Auf­wei­ses von funk­tio­na­len Äqui­va­len­zen be­reits mit Leich­tig­keit Ver­glei­che an­stel­len, ist die An­ders­heit zwar nicht nich­tig, aber doch re­la­tiv. Die Un­ter­schiede zwi­schen Wes­ten und Os­ten sind ein Un­ter­schied im Selben.

    Die­sem Be­fund ent­spricht, dass von Sei­ten nam­haf­ter chi­ne­si­scher Ge­lehr­ter den Ana­ly­sen des Fran­zo­sen Jul­lien ge­rade in ent­schei­den­den Punk­ten wi­der­spro­chen wor­den ist. Hin­ge­wie­sen wird dar­auf, dass die von Jul­lien für China be­strit­te­nen und nur für den Ok­zi­dent re­kla­mier­ten Di­cho­to­mien sehr wohl auch im Land der auf­ge­hen­den Sonne von Be­ginn an eine do­mi­nante Rolle spiel­ten.
    Vgl etwa:
    http://books.google.de/books?id=DWbFajDicgYC&pg=PA160&dq=han+Insights+and+Oversights:+An+Epistemological+Critique+of+the+Chan+Tradition&hl=de&ei=iqfCTsbnA-ik4ASm252yDQ&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CDEQ6AEwAA#v=onepage&q=jullien&f=false

  25. Sebastian sagt:

    @ Wig­bert Traxler:

    Su­per, neue Ti­tel auf der Le­se­liste… ;-) (Agam­ben im Hin­ter­kopf)
    Ich bin mir auch nicht si­cher, ob mit dem Pa­ra­digma des Bru­ches zu bre­chen ist. Die Pas­sa­gen jen­seits der in­for­mie­ren­den Kon­trast­fo­lie, die Syn­the­se­ver­su­che der von Jul­lien ge­trenn­ten Denk­wei­sen fal­len – so­weit ich das über­bli­cken kann – im­mer re­la­tiv kurz aus. Aber viel­leicht geht es ihm darum auch gar nicht pri­mär, die Stär­ken sei­ner Ar­bei­ten lie­gen si­cher an an­de­rer Stelle. Dass seine The­sen je­den­falls auch un­ter fran­zö­si­schen Si­no­lo­gen nicht um­um­strit­ten sind, be­weist zum Bei­spiel der mar­kige Ti­tel Bil­le­ters (lei­der bin ich des Fran­zö­si­schen nicht mächtig).

    Weil ja ge­ne­rell nicht nicht-unterschieden wer­den kann (oder nur un­ter sehr spe­zi­el­len Be­din­gun­gen, die hier ver­mut­lich ver­nach­läs­sigt wer­den kön­nen), blei­ben Un­ter­schiede zwi­schen Wes­ten und Os­ten auch im Un­ter­schied sel­big, der Form nach schon. Ich denke aber (nicht zu­letzt mit Blick auf mei­nen ur­sprüng­li­chen Schreib­an­lass hier), dass aus­ge­hend von Jul­li­ens China-Beobachtung der Un­ter­schied von Hand­lung im Kon­text von Si­tua­ti­ons­po­ten­tia­len und Zie­len deut­lich wird. In bei­den Fäl­len wird Hand­lung mar­kiert und die Un­ter­schei­dung in sich selbst wie­der­ein­ge­führt (und da­mit auch die klaf­fende De­sis­zenz gleich­sam „über­brückt“) – Hand­lung aber un­ter­schied­lich in-formiert. Was aber, wenn man we­der Ziele noch Si­ta­ti­ons­po­ten­tiale kennt?

  26. Wigbert Traxler sagt:

    Jul­li­ens Be­ob­ach­tun­gen un­ter­lie­gen ver­mut­lich dem sel­ben ver­klä­ren­den Rous­se­aua­nis­mus, dem ganz ähn­lich Levi-Strauss´ My­thos vom Wil­den Den­ken auf­ge­ses­sen war. Sein Chi­na­kon­strukt läßt sich da­her wohl mit gu­tem Recht als Kul­mi­na­tion der ge­walt­sa­men An­e­xi­ons– und Ko­lo­nia­li­sa­ti­ons­wut west­li­chen Im­pe­ria­lis­mus deu­ten.
    (Wie häu­fig auch von chi­ne­si­scher Seite her ge­sche­hen, die sich in sei­ner Pro­jek­tion nicht wie­der­er­ken­nen.) Wie auch immer…

    Was aber, wenn man we­der Ziele noch Sita­ti­ons­po­ten­tiale kennt?„
    Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, was hier ganz kon­kret be­deu­ten würde, dass dem Mo­tor prak­ti­schen Han­delns — bei Aris­to­te­les or­exis (lat. appetits=das Stre­ben, das ver­fol­gende Nach­ge­hen, das Aus­sein auf Et­was), bei Kant Be­geh­rungs­ver­mö­gen, bei Hei­deg­ger Sorge und das Be­sor­gen, bei Scho­pen­hau­ser Wille, bei Freud Trieb — der Sprit ausgeht? :-)

  1. #gsb #luh­mann #tao #wu­wei #flow RT @autopoiet: autopoiet/blog: »Zu­kunfts­fä­hige Zu­künfte« http://t.co/8ckvMnQf #whats­next #next­so­ciety #xmess

  2. mspro sagt:

    zu­kunfts­fä­hige zu­künfte: http://t.co/9QLLZSQu von @autopiet

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