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Zukunftsfähige Zukünfte

„Jede künftige Gegenwart wird ein Resultat von Evolution sein; oder um es paradox zu formulieren: Über die Zukunft entscheidet nicht die Entscheidung, sondern die Evolution.“1
– Niklas Luhmann

Im Anschluss an vorläufige Fazite und offene Fragen des Kölner „What’s next“-Symposiums und an die Diskussion meiner Replik auf Michael Seemanns Telepolis-Artikel soll im Folgenden die von Niklas Luhmann2 eingeführte Unterscheidung von gegenwärtiger Zukunft und zukünftiger Gegenwart aufgegriffen werden. Eine Unterscheidung, die für adäquate Analysen von Krisen und Zukünften unverzichtbar ist und in meinem Kölner Vortrag am Rande, im anschließenden Workshop aber an zentraler Stelle auftauchte – aber leider nicht vertieft werden konnte. Konkreter Anlass, diese Spur hier noch einmal aufzunehmen, ist die Lektüre der soeben erschienenen neu(nt)en Ausgabe der Revue für postheroisches Management. Sie trägt passenderweise den Titel „Zukunftsfähigkeit“. Ein Postscriptum.

Elena Esposito verweist in ihrem Revue-Artikel „Die Konstruktion einer offenen Zukunft“ auf eine folgenschwere Ungewissheit, insbesondere für Planer und professionalisierte Entscheider: Entscheidungen, die heute getroffen werden müssen, können schon morgen fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Zukunft muss dabei prinzipiell als offen betrachtet werden, sie steht nicht fest3, gleichzeitig können aber gegenwärtige (Fehl-)Entscheidungen Zukunft negativ beeinflussen und gravierende Folgen nach sich ziehen. Esposito fasst das resultierende Dilemma in einem Satz: „Die offene Zukunft hat schon angefangen.“4 Die Erkenntnis klingt trivial, ihre Konsequenzen sind es in der Regel nicht. Für den Entscheider bedeutet das, dass er sich mit einer Zukunft auseinandersetzen muss, die er nicht kennen aber beinflussen kann; die Antwort auf den Druck der Zukunft ist häufig ein Druck auf die Zukunft.
Zum besseren Verständnis der Situation greifen wir auf die bereits angedeutete Unterscheidung Luhmanns von künftigen Gegenwarten (die prinzipiell unbekannt bleiben müssen) und gegenwärtigen Zukünften (den jeweils aktuellen und somit bekannten Vorstellungen potentieller künftiger Gegenwart) zurück. Damit ließe sich eine Form im Sinne George Spencer Browns rekonstruieren, die Gegenwart im Kontext von Zukunft situiert – und Zukunftwerden als Prozess laufender Wiedereintritte von Zukunft in Gegenwart vorschlägt:

Mit Hilfe der Form sehen wir: Prognosen, wie ambitioniert auch immer, verbleiben notwendig auf der markierten Seite der Gegenwart. Beim Kreuzen der Unterscheidung vergeht Zeit, so dass zukünftige Gegenwarten im Laufe des Prozessesierens erst Gegenwart (und schließlich Vergangenheit) werden können – dann allerdings immer schon im Kontext neuer und unbekannter zukünftiger Gegenwarten.

„defuturizing the future“

Der Wunsch, bestmöglich auf eine prinzipiell unbekannte Zukunft vorbereitet zu sein, ist nur verständlich. Insbesondere dort, wo es um riskante Entscheidungen mit hoher Reichweite geht. Wo von Utopien abgesehen wird, tendiert man zu technischen Lösungen: Resultate ambitionierter Versuche des Risikomanagements sind beispielsweise Prognosen auf Basis bisheriger Statistiken5 (zuvorderst: klassische Versicherungen) oder auch diversifizierte Hedgefonds6 – wobei die jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten in dramatischer Weise den Nachweis lieferten, dass solche Strategien der Risikovermeidung im Zweifelsfall wenig Schutz bieten: Schäden werden durch Versicherungen nicht seltener7 und die vermeintliche Sicherheit durch Portfolioinvestitionen, Verbriefungen und Bond Credit Ratings bewegte Investoren oftmals dazu, neue Risiken einzugehen – man könnte von Meta-Risiken sprechen, weil sie aus den formalisierten Techniken des Risikomanagements selbst erwachsen.8
Eine Lehre aus der Krise am Finanzmarkt mag daher lauten: Versuche, Zukunft aus der Gegenwart kontrollieren zu wollen, steigern langfristig und entgegen der Ansichten der Akteure das Risiko ihrer Entscheidungen: „Im Ergebnis hat man weniger Zukunft zur Verfügung.“9 Wie kann man dieser künstlichen Verknappung von Zukunft entgehen? Grundsätzlich gilt: Je mehr zukünftige Gegenwarten als Variablen berücksichtigt werden können, desto offener bleibt die Zukunft. Und desto unpräziser die Vorhersage. Und: So manche Zukunft lässt sich am Ende gar nicht als Variable fassen, immer dann nämlich, wenn doch alles wieder einmal ganz anders kam als es sich gedacht hatte – und man gegenwärtige Zukunft mit zukünftiger Gegenwart verwechselt hat. „Die Zukunft lässt sich […] nicht entfuturisieren.“10. Oder anders, mit Blick auf die soeben vorgeschlagene Form: Zukunft in Form künftiger Gegenwart bleibt stets unangezeigt; sobald sie als gegenwärtige Zukunft auf die Innenseite der Unterscheidung wandert, bleibt die neue (wieder unbekannte) Zukunft auf der Außenseite. Die Unterscheidung differiert.

Surfen

Wie kann in Anbetracht dieser Schwierigkeit Zukunft zukunftsfähig gedacht und antezipiert werden? Wie ließe sich ein adäquater Umgang mit folgenreichen Ungewissheiten vorstellen, der mit der Erwartung des Unerwartbaren rechnen kann, ohne dabei in indifferente Passivität zu verfallen? Gleichzeitig aber auf eine heroische Kolonialisierung der Zukunft durch unangemessene Kontroll- und Steuerungsphantasien verzichtet werden?11 Die Form der Form (im Sinne Spencer-Browns) erscheint dank der Arbeiten Luhmanns und Dirk Baeckers in hohem Maße zukunftsfähig, weil sie trotz und durch die Unbekanntheit der Zukunft ihre Operationalität aufrecht erhält.
Die spezielle Kompetenz zur Orientierung im Kontext von Nicht-Wissen wurde vorgedacht in Niklas Luhmanns Figur der labyrinthischen Organisation.12 Alternative Beschreibungsversuche finden sich unter so unterschiedlichen Begriffen wie Immersion, Flow und nicht zuletzt in der Metapher des Surfens (das nicht mit einem passiven Treibenlassen verwechselt werden sollte, sondern mit Baecker vielmehr als aktive Beobachtungsleistung unter Bedingung sich ständig wechselnder Kontexte verstanden werden muss). Was solche Begrifflichkeiten eint, ist die situative Reaktion auf Möglichkeiten, die nicht im Vorfeld eingeschränkt worden sind. Eher eine fallweise und kontinuierlich Suchbewegung, iterierend und differierend, die sich von Kontext zu Kontext rechnet und durch Rekombination aus einem nicht-übersichtlichen Pool loser Elemente je aktuelle Formen bildet.

Wandlung

Die Parallelen zwischen der Figur der unbekannten Zukunft und der Form im Sinne Spencer-Browns werden noch deutlicher, wenn man die europäische Tradition heroischer Modellbildung mit einer grundsätzlich differenten Tradition prozessualer Ent-Wicklung kontrastiert, wie es François Jullien so unermüdlich vorschlägt und betreibt. So beispielsweise in seinem prägnanten „Vortrag vor Managern über Wirksamkeit und Effizienz in China und im Westen“13,  in welchem der französische Philosoph und Sinologe der europäisch-metaphysischen Tradition einer wirksamen Finalität des telos (einhergehend mit der Idee des epischen Fortschritts) die effiziente Gangbarkeit des dào (道unter Berücksichtigung situativer Potentiale) gegenüberstellt, – eine strategische Denkfigur also, die immanent und diskret auf große Gesten und das ihnen inhärente Risiko („Triumph oder Tragödie“) verzichtet und sich in Zurückhaltung übt. Eine Zurückhaltung, die mit Verweis auf das chinesische Nicht-Handeln (wu-wei, 無爲) oft als Gleichmut, Passivität oder esoterische Entsagung fehlinterpretiert wird.14
In Anlehnung an das hier beobachtete Problem der Unterscheidung von gegenwärtigen Zukünften und prinzipiell unbekannten zukünftigen Gegenwarten hieße die Umstellung von der Tragik des Ereignisses auf die Stetigkeit der Wandlung im Sinne Julliens wohl zuallererst, gegenwärtige Ereignisse als Epiphänomene zu begreifen, als rigide gekoppelte Formen in einem loser gekoppelten Medium; einem Medium kontinuierlicher Potentiale, das dabei (medium-typisch) selbst unsichtbar bleibt, aber zur Rekombination von Formen zur Verfügung steht. Die zukunftsfähige Kompetenz bestünde dann eher in einem Einstellen auf die Entfaltung von Dauer als auf spektakuläre Planung oder Aufsehen erregende Rettungsversuche (wenn eh alles zu spät ist). Es ginge sehr konkret um die Möglichkeit, das situative Potential temporärer Formen aufrecht zu erhalten und so zu bewirken, „[…] dass das Potential zurückkommt.“15
Umwandlung wäre also im Kontext von Fortdauer zu verstehen, Kontinuität im Kontext von Wandel, Bekanntes im Kontext von Unbekanntem,  und – nicht zuletzt – Gegenwart im Kontext von Zukunft. Die oben vorgeschlagene Form lässt Zukunft als unbestimmt Anderes zu. Sie sieht vom Wunsch nach der Regierung von Zukunft ab und fragt stattdessen, wie mit dem gegenwärtigen Vorrat an Formen weiterzukommen ist – und zwar unter Berücksichtigung von Überraschungen, mit denen nicht gerechnet werden kann, aber gerechnet werden muss.

Zukunftsfähigkeit

Was paradox klingt, ist in vielerlei Hinsicht längst gängige Praxis und bedarf als solcher genauer Untersuchung; die wissenschaftliche Reflektion von Gesellschaft ist gesellschaftlichem Geschehen bekanntermaßen immer eine erkenntnistheoretische Runde hinterher.16 Ein Rechnen mit Wissen im Kontext von Nicht-Wissen (beziehungsweise einer unbekannt bleibenden Umwelt) findet täglich statt – und ist mit dem begrifflichen Instrumentarium der wohl ambitioniertesten Beschreibung der modernen Gesellschaft durch Niklas Luhmann bereits formulierbar.
Wenn wir mit den Worten Julliens festhalten, dass das Verhältnis von Wissen und Nicht-Wissen gleichermaßen konzessiv wie konsekutiv ist17, wird deutlich, warum die Form als ein so vielversprechender Kandidat für das umsichtige Rechnen mit Nicht-Wissen verstanden werden kann: „Der Formbegriff von Spencer-Brown hat die Eigenschaften, die man jetzt braucht. Er formuliert die Anschlussbedingungen von Operationen im Zusammenhang eines offengelassenen, unmarkierten Kontexts derart, dass eine fallweise Ausarbeitung des Verständnisses, der Markierung, dieses Kontextes zwar möglich, aber nicht zwingend ist.“18. Mit jeder zerfallenden Form kann bedarfsweise und situativ wieder ein Medium für neuerliche Re-Formation und überraschende Nachbarschaften19 bereitgestellt werden. Wenn Umwandlung als Kontext von Fortdauer20 verstanden wird, bietet die Form zugleich Entdramatisierung und Entfokussierung.
Die Form ist zukunftsfähig.
„Sie erlaubt das perfekte Surfen.“21


Abbildung: Ausschnitt aus einem Foto von John Burdumy.

Literatur

  • Baecker, Dirk: Zukunft, in: ders.: Nie wieder Vernunft, Kleinere Beiträge zur Sozialkunde, Heidelberg 2008, S. 596 – 620.
  • Baecker, Dirk: Was hält Gesellschaften zusammen, in: ders.: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt/Main 2007, S. 147 – 174.
  • Baecker, Dirk: Die Beratung der Gesellschaft, Thesenpapier 2005.
  • Esposito, Elena: Die Konstruktion einer offenen Zukunft. In: Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), Berlin/Heidelberg, S. 10 – 15.
  • Esposito, Elena: Die Zukunft der Futures. Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft, Heidelberg 2010.
  • Esposito, Elena: Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität, Frankfurt/Main 2007.
  • Jullien, François: Die stillen Wandlungen, Berlin 2010.
  • Jullien, François: Vortrag vor Managern über Wirksamkeit und Effizienz in China und im Westen, Berlin 2006.
  • Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1998.
  • Luhmann, Niklas: The Future Cannot Begin: Temporal Structures in Modern Society, in: Social Research, Heft 43/1 (1976), S. 130 – 152.
  • Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, Opladen und Wiesbaden 2000.
  • Priddat, Birger P.: Zukunftsfähigkeit, in: Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), Berlin/Heidelberg, S. 138 – 139.

Formen-Sammlung

(Krise₂ und Krise₃ nach Dirk Baecker: The Culture Form of the Crisis, Paper 2010.)

Anmerkungen

  1. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1998, S. 1093.
  2. Vgl. Luhmann, Niklas: The Future Cannot Begin: Temporal Structures in Modern Society, in: Social Research, Heft 43/1 (1976), S. 130 – 152.
  3. Diese Auffassung kann mit Blick auf die Geschichte der Zukunft übrigens keinesfalls als selbstverständlich aufgefasst werden, sondern ist tatsächlich ein relativ modernes Phänomen. Zeit und Zeitkonzepte bleiben von soziokultureller Evolution nicht unbeeinflusst, vgl. z..B. Luhmann 1998, S. 997 ff. oder für eine noch nicht formtheoretisch, noch stärker phänomenologisch inspirierte Analyse ders.: The Future cannot begin, S. 130ff.
  4. Esposito, Elena: Die Konstruktion einer offenen Zukunft. In: Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), Berlin/Heidelberg, S. 10 – 15, hier: S. 12.
  5. Also auf Basis gegenwärtiger Vergangenheit. Zur Wahrscheinlichkeitsrechnung als Technik der Defuturisierung vgl. Luhmann 1976, S. 141f. und Esposito, Elena: Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität, Frankfurt/Main 2007, S. 60f.
  6. Vgl. ebd., S. 13.
  7. Im Gegenteil. Wer sich heute schon für morgen geschützt fühlt, riskiert mehr – man ist ja versichert. Bei Autofahrern ist beispielsweise eine leichtsinnigere Fahrweise zu beobachten, vgl. Wikipedia, Moral Hazard und Esposito 2011, S. 13.
  8. Vgl. auch detailliert Esposito: „Je mehr man sich auf Techniken verlässt, desto stärker selbstreferentiell operiert die Finanzwelt, desto mehr Druck wird auf die Zukunft ausgeübt. Mit den Finanzpraktiken wird ein akkumuliertes endogenes Risiko erzeugt, das sich allen Techniken entzieht, weil es durch diese selbst produziert wird.“ In: dies.: Die Zukunft der Futures. Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft, Heidelberg 2010, S. 239ff., hier: S. 241.
  9. Esposito 2010, S. 255. Vorgedacht auch für das Folgende bei Luhmann 1976, S. 141: „We can think of degrees of openness and call futurization increasing and defuturization decreasing the openness of a present future.“
  10. Ebd. Vgl. auch Luhmann 1976, S. 140: „[W]e can define an open future as present future which has room for severally mutually exclusive future presents.“
  11. Vgl. exemplarisch die vielsagende Fünfjahresstrategie „Own the Future“ der Firma GfK bei Priddat, Birger P.: Zukunftsfähigkeit, in: Revue für postheroisches Management, Heft 9 (2011), Berlin/Heidelberg, S. 138 – 139.
  12. Vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, Opladen und Wiesbaden 2000, S. 420f.
  13. Jullien, François: Vortrag vor Managern über Wirksamkeit und Effizienz in China und im Westen, Berlin 2006.
  14. Ebd., S. 60f.
  15. Jullien, François: Die stillen Wandlungen, Berlin 2010, S. 176. Vgl. auch in einem ganz anderen Kontext, nämlich dem der Komposition, die von John Cage in seinem „Autobiographical Statement“ geschilderten Techniken: „Flexible time-brackets. Variable structure. A music, so to speak, that’s earthquake-proof.“
  16. Vgl. Baecker, Dirk: Zukunft, in: ders.: Nie wieder Vernunft, Kleinere Beiträge zur Sozialkunde, Heidelberg 2008, S. 596 – 620, hier S. 598f.: „Die sozialen Praktiken, die heute an den Tag gelegt werden, sind zwar bereits jene der Computergesellschaft, weil es gar nicht anderes geht, aber unser Wissen ist erst jetzt das der Buchdruckgesellschaft. […] Mit dieser Ungleichzeitigkeit von Praxis und Wissen haben wir offensichtlich generell zu rechnen.“
  17. Jullien, Vortrag vor Managern, S. 61.
  18. Baecker 2008, S. 618.
  19. Vgl. auch die Ankündigung zu Baeckers Vortrag „Zur unbekannten Zukunft als Integrationsform der Computergesellschaft“ im Rahmen der der „Konferenz 
zur [nächsten] Gesellschaft“, xmess, vom 17. bis 19. November 2011 in Berlin.
  20. Vgl. dazu die Prozess-Form in der angehängten „Formen_Sammlung“.
  21. Baecker, Dirk: Die Beratung der Gesellschaft. Thesenpapier 2005. Online-Fassung (Zugriff: 1.11.2011). Baecker konkretisiert: „Die dazu passende Moral ist diejenige, die W. Ross Ashby im Rahmen der Kybernetik auf den Begriff des bereits erwähnten ‚operational reseach’ gebracht hat: 1) Schau dir an, was passiert, nicht, warum es passiert; 2) sammle nur so viel Information, wie du für den job brauchst, der jeweils ansteht; und 3) nimm nicht an, dass das System sich nicht ändert, das heißt stelle in Rechnung, dass du nur die Probleme von heute lösen kannst.“

28 Kommentare

  1. Pingback: @ReichUndRanicki

  2. Sehe das alles aber als nur im Organisations-Kontext von Belang, denn ansonsten ist das Surfen/Geschehenlassen/wu-wei nicht neue Form, sondern längst gängige Praxis, ja sogar der Default-Zustand.

    Somit wäre das „heroische“ Entscheiden eigentlich nur ein Sonderfall, bzw. eine (meist ex-post) Behauptung einer Handlung in der Vergangenheit, die nur nötig wird, wenn Kontrolle als Fähigkeit und Macht als Eigenschaft erwartet wird. Höchstens wenn dieser Sonderfall zunehmend andere Bereiche kolonialisiert und sogar der Eindruck entsteht, dies sei eine Grundhandlungsweise einer bestimmten Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, kann das Vorschlagen einer Form, die „vom Wunsch nach der Regie­rung von Zukunft ab[sieht]“ sinnvoll erscheinen.
    Den Eindruck hab ich aber nicht.

  3. Lieber Stephan,

    dass die Form-Figur in vielerlei Hinsicht praktische Anwendung findet, soll auch gar nicht in Abrede gestellt werden (vergleiche Deinen Kommentar ggf. noch einmal mit Anmerkung 16 – ich denke, wir sind da recht nah beieinander…). Es geht mir eher um einen (system- oder form-)theoretischen Anschluss an Praxen, die wir selbst nicht verstehen.
    Mit Blick auf die Heroismus-Diagnose muss ich allerdings doch widersprechen, den würde ich (deskriptiv) nicht so schnell ad acta legen wie Du. Im Gegenteil: alleine die Tatsache, dass hier (und in zahllosen anderen Kommentarthreads dieser Art) unter Adressierung von Personen im Medium der Kritik kommuniziert wird, halte ich für ein handfestes Indiz für eine fundamentale heroische Formatierung der Gesellschaft (wenn Du so willst). Der ganze Zank um das richtige oder falsche Verstehen von Text ist bei wissenschaftlicher Sozialisation mit dem virtuosen Kritiker ihrem Heros so tief in Routinen eingeschrieben, dass ich bislang (wenigstens in Selbstbeobachtung) Postheroismus für den Ausnahmefall halte. Von Phänomenen wie Trollkommunikation ganz zu schweigen. Aber das alles gerade nur in Kürze.

  4. heisst das dann, man kann nichts mehr von der zukunft erwarten?
    dass alles beliebig wird?
    das ist weder plausiblel noch deckt es sich mit meinen erfahrungen.

  5. @Jan:

    „heisst das dann, man kann nichts mehr von der zukunft erwar­ten?“

    Nein, man sollte sie nur nicht ihrer eigenen Zukunft berauben.

    (Zum Beispiel indem man die Unsicherheit der Zukunft technisch so sehr mit Prognosen auf Basis von Vergangenem überbrückt (Statistik), dass man bei ihrem jeweiligen Eintreten keine anderen Optionen mehr hat, als die durch die eigenen Erwartungen vorgegebenen; wer von der Zukunft Überraschungen erwartet, schafft Lerngelegenheiten – d.h. Möglichkeiten zum Umbau von Erwartungen und zugleich die Bestätigung der Erwartung von Überraschungen. Hier ist übrigens auch der Anknüpfungspunkt für ein funktionales Verständnis von Krisen zu finden – darum die Parallelisierung der entsprechenden Formen.)

  6. Hm. „Wie ließe sich ein adäqua­ter Umgang mit fol­gen­rei­chen Unge­wiss­hei­ten vor­stel­len, der mit der Erwar­tung des Uner­wart­ba­ren rech­nen kann, ohne dabei in indif­fe­rente Pas­si­vi­tät zu verfallen?“

    Legt man nicht aus diesen und anderen Gründen zB in der Szenarientechnik seit fast 30 Jahren wert auf min 4 Szenarien? Trendfortschreibung in ein singuläres Szenario machen doch nur noch Leute, für die selbst Jack Welch oder Peter Schwartz Unbekannte sind. Multiple Zukünfte ist glaub ich sogar bei T-Labs ein Begriff.

  7. @Siggi:
    Ja, das ist richtig. Aber (und im Medium von Kritik gibt’s immer ein aber…) Zukunftsforscher dieser Art würde ich in eine Reihe mit den oben erwähnten Statistikern und Spekulanten stellen, weil sie als Spezialisten über ambitionierte und hochentwickelte Praxen der Defuturisierung verfügen. Man kann von ihnen viele Techniken erlernen, gerade weil sie Spezialisten sind. Aber man kann nicht auf Basis der Diagnose professionalisierter Routinen den Nutzen (oder sogar die Notwendigkeit?) solcher Techniken in anderen Kontexten ausblenden: Wie sähe eine Schule, eine Universität oder ein Gericht aus, wenn man mit solchen Formen ernsthaft zu rechnen begänne?

  8. Pingback: mspro

  9. Guter Text! Auffällig bei den sytem- und formtheoretischen Beschäftigungen mit Unwissen und Risiko ist allerdings die Selektivität der Referenzen. Autopoiet schreibt: „Was solche Begrifflichkeiten eint, ist die situa­tive Reaktion auf Möglichkeiten, die nicht im Vorfeld einge schränkt worden sind. Eher eine fall­weise und kontinu ierlich Suchbewegung, iterierend und differierend, die sich von Kontext zu Kontext rechnet und durch Rekombination aus einem nicht-übersichtlichen Pool loser Elemente je aktuelle Formen bildet.“
    Ist das nicht exakt die Hayeksche (kapitalistische) Suchbewegung unter Bedingungen verteilten (Nicht-)Wissens? Wäre Baeckers Formtheorie demnach in Teilen eine Reformulierung des Liberalismus – allerdings ohne Berücksichtigung der institutionellen Bedingungen der Erhaltung jener Unsicherheit/jenes Unwissen, die als Voraussetzung sowohl der Formbildung wie der Formlösung gewahrt werden müssten. Oder anders: Steckt in den Überlegungen nicht der implizite Appell auf Unsicherheit mit erhöhter Unsicherheit zu reagieren – und diese paradoxerweise institutionell abzusichern? Just asking.

  10. @ „C“:

    Ich bin zwar kein ausgewiesener Hayek-Kenner, habe aber gerade seine Verfassung der Freiheit aus dem Regal geholt.
    Wenn Du Dich auf Sätze wie „Man könnte sagen, daß die Zivilisation beginnt, wenn der Einzelne in der Verfolgung seiner Zeile mehr Wissen verwerten kann, als er selbst erworben hat, und wenn er die Grenzen seines Wissens überschreiten kann, indem er aus Wissen Nutzen zieht, das er nicht selbst besitzt“ (Kap. 2., „Die schöpferischen Kräfte einer freinen Zivilisation“, insb. die ersten drei Abschnitte) beziehst, würde ich das mit einem Fragezeichen versehen – weil sich die Referenz dann tatsächlich unterscheidet, hier: durch Zurechnung auf individuelles (Nicht-)Wissen sogar extrem limitiert wird. Der Abstand wächst noch, wenn aus der Erkenntnis des Nicht-Wissens ein normativer Appell wird (wie beispielsweise in Kap. 10, Abschnitt 6, „Die Teilung des Wissens bei Handeln und Regeln“).
    Wenn Du aber eher Stellen wie „Wenn wir fortschreiten sollen, müssen wir Raum lassen für eine fortwährende Revision unserer gegenwärtigen Vorstellungen und Ideale, die durch weitere Erfahrung notwendig gemacht wird“, dann vielleicht schon eher (falls man das Zitat nicht sofort auf ein Falsifikationsunternehmen à la Popper herunterbricht). Wenn man solche Äußerungen Hayeks auf die basale Form, mit Hilfe derer eine Gesellschaft auf Überraschungen in Anbetracht nicht-passender Erwartungen reagiert, wenn man also Kulturformen in den Blick nimmt und berücksichtigt, dass gesellschaftliche Reaktionen sich wieder in Institutionen, Routinen und Schemata niederschlagen… dann würde ich Dir zustimmen. Diesen evolutionären Mechanismus gesellschaftlicher Anpassung hat Hayek seinerzeit klar erkannt.

    P.S. Apropos Unsicherheit als Reaktion auf Unsicherheit. Nicht von ungefähr zitiert Hayek a.a.O. Warren Weaver: „As science learns one answer, it is characteristically true that it also learns several new questions.“
    P.P.S. Eine Reformulierung des Liberalismus ist Baeckers Formtheorie imho nicht; Allerdings läßt sich Liberalismus formtheoretisch beschreiben.

  11. okay. wenn du schreibst „Nein, man sollte sie nur nicht ihrer eige­nen Zukunft berauben“, was heisst das konkret? es ist doch nicht wirklich rational, ziellos offenen zukünften entgegen zu driften! ich will nicht konservativer klingen als ich bin, frage aber trotzdem. riskiert die gesellschaft beim dem übernehmen von nicht alles bewährte? wären schulen, unis und gerichte nicht nur noch chaos?

  12. @jan rieger:

    Mir scheint ja eher mangelnde Ziellosigkeit das Problem zu sein. Mit einer Umstellung von Planungswille auf Lernbereitschaft wäre schon einiges gewonnen… (was den Nutzen von Prognosen für Routinen wie Zahlungen, Verträge etc. gar nicht abstreiten soll).

    @Stephan, Siggi und auch „C“:

    Elena Esposito (2010) verweist übrigens explizit darauf, dass angemessene Techniken bereits mit den erweiterten Kontrollbegriffen von Norbert Wiener (1948, kybernetische Steuerung nichtlinearer Systeme) und Niklas Luhmann (2000, Kontrolle als Handhabung von Unterscheidungen an Stelle teleologischer Ursache/Wirkungs-Korrelationen) formuliert worden sind. Ökonomen und Zukunftsforscher sind dann in gewisser Weise sog. „early adopters“ solcher Technik.

  13. @Sebastian
    Völlig richtig, eine Reformulierung ist Baeckers Ansatz natürlich nicht, dazu fehlt natürlich u.a die normative Emphase. Auch hat Hayek natürlich teilweise noch im Rahmen eines ökonomischen methodischen Individualismus gearbeitet. Worauf ich vermutlich hinauswollte ist das, worauf du bei jan rieger hinweist: Vorläufer, Vordenker – die den Zweifel aufwerfen, ob die Formtheorie mehr ist als bloß eine neue – und raffinierte – Notation? Ist sie mehr als eine optische Steigerung des Differenz-Managements, fügt sie etwas zu den bereits verfügbaren Einsichten hinzu, dass die Differenzen den Kontext ihrer selbst erst schaffen – ohne Garantie, dass genau diese Differenz auch beim nächsten Mal trägt. Ach, wahrscheinlich will ich nur und nach dreierlei Weinen unverständlich sagen: diese Formenlehre, sie mutet so unterwältigend an!

  14. @ „C“:

    Hm. Daran ließe sich nun mit einer ganzen Reihe von Gegenfragen antworten (z.B. Was ist neu? Insbesondere mit Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse? Inwieweit würdest Du auch Sprache für unterwältigend halten? Geht der zugrundeliegende Formgedanke über Luhmanns Spencer Brown-Interpretation hinaus? Geht Spencer Brown eigentlich über Peirce hinaus? Welches Konzept kauft man sich mit Neuheit unter der Hand ein? usw. usf.). Alles gleichermaßen spannende wie komplizierte Fragen.
    Ich würde in erster Näherung vorschlagen, formtheoretische Überlegungen dieser Art a) funktional und b) in bester Tradition der Luhmann’schen Theoriekontingenz zu lesen. Nicht als Lösung, sondern als Laborwerkzeug. Als raffiniertes Werkzeug, meinetwegen.

  15. Landen wir aber nicht dann dort wieder wo wir schon mal waren?
    Nicht handelnd sondern intuitiv unseren Instinkten folgend, wie früher in der Wildniss, nur das die Wildniss heute Netzwerk heißt.

  16. @ „Matsche“: 

    Nein. Zurück ist keine ernsthafte Option.
    Oder Du erklärst noch einmal, was Du genau meinst.

  17. Ich interpretiere es so, dass unsere Welt immer komplexer wird, Entscheidungen wegen der Masse der Informationen immer schwieriger für die Entscheider und das dann die Entscheidungen im Wissen des Nichtwissens wieder intuitiv getroffen werden müssen, im Grunde auf der Basis von Gefühlen. Intuition ist jedoch das letzte und primitivste Mittel der Komplexitäsreduzierung

    Dann sind wir aber wieder dort, wo wir schon mal waren. Intuition ist sprachloses Gefühl. Die Kommunikation verkehrt sich für mich an diesem Punkt ins Gegenteil, erreicht eine Grenze in der sie wieder zur Einheit wird.

    Ich kann es nicht besser erklären. Für mich kommt jedes System irgendwann an eine Grenze, an der es wieder auf sich selbst zurückfällt, zwar auf einer weiterentwickelten Ebene, aber doch dem gleichen Muster folgend. Der Anfang der Kommunikation ist für mich ein Gefühl (Intuition) das in Worte gefasst wurde und nun zwingt uns das System wieder zurück zur Intuition. .

    Es ist das, was ich denke und falls ich alles falsch gedeutet habe, dann sage ich vorsichtshalber schon mal „Sorry“-

  18. @ Matsche:

    Die Herausforderung besteht derzeit womöglich am ehesten darin, solche Reaktionen als verständlich aber wenig hilfreich zu identifizieren. Sicher: die Undurchschaubarkeit der Zukunft erhöht traditionell den Wunsch nach Durchschaubarkeit, die Wahrnehmung gestiegener Komplexität den Wunsch nach Reduktion. Dass dabei auf bekannte Beobachtungsschemata rekurriert wird, ist nicht weiter ungewöhnlich und die Geschichte zeigt, dass solche Reaktionen gerade in Krisen ungeheure Konjunktur erfahren (Wunsch nach Einfachheit, Ordnung etc.). Wir sind aber nicht dort, wo wir schon einmal waren – es gibt kein zurück in die Höhle. Die Alternative zu Defuturisierung heisst nicht notwendig Intuition. Sie kann eine Rolle spielen, aber in einem neuen Kontext.

  19. Spannender Text! Mir ist klar, was hinsichtlich der Zukunftsverknappung gesagt werden soll, allerdings ergeben sich methodische Schwierigkeiten (für mich). Dazu eine Reihe von Fragen zur formensprachlichen Analyse von Zukunft und Gegenwart:

    1. Legt man die Formdefinition von Spencer-Brown zu Grunde, dann ist die Form für Zukunft eine Abkürzung für „Zukunft = Zukunft Gegenwart | Zukunft“. Dies führt zu der Interpretation, dass Zukunft zweifach rekursiv wiedereingeführt wird. Gibt es also unterschiedliche Bezeichnungen „Zukunft“? Worin liegt dann die Unterscheidung? – Oder gibt es nur eine Bezeichnung? Wozu dann die Doppelung?

    2. Wenn ich es richtig sehe, dann ist die Form der Zukunft eine rekursive Beschreibung der „gegenwärtigen Zukunft“. Wie würde eine Form der Gegenwart für die (rekursive) Beschreibung „künftiger Gegenwarten“ aussehen? – Ist weder in Luhmanns „Vertrauen“ noch aus der angegebenen Zukunftsform klar. Oder ist die Formsprache am Ende nur metaphorisch?

  20. @ Sven:

    Spannender Kommentar!

    1. Ja, so lautet zumindest der Vorschlag. Der geht ja zurück auf die von Luhmann eingeführte und für den obigen Artikel bedeutende Unterscheidung von gegenwärtiger Zukunft und zukünftiger Gegenwart. Meine Spencer-Brown-Notation soll diese Differenzierung zunächst einmal illustrieren; die Doppelung ergibt sich aus dem Umstand, dass in alltagssprachlicher Verwendung beide Formen von Zukunft undifferenziert als Zukunft bezeichnet werden.
    Die Form ermöglicht das Herausstellen dieser Unterscheidung und deutet die Temporalität des Prozessierens an, mit der aus künftigen Gegenwarten je operativ aktuelle Gegenwart werden kann. Und wie diese immer neue, unbekannte Zukunft bildet.

    2. Vielleicht nicht genau „metaphorisch“, sondern eher eine Art Angebot? Mit eigenen blinden Flecken, die aber zur Illustrationszwecken in Kauf genommen worden sind. Von daher trifft es sich gut, dass Du nachhakst: Luhmann bezeichnet (z.B. in GdG) Gegenwart als Differenz von Vergangenheit und Zukunft, als Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Alle Vergangenheit ist die Vergangenheit eines Beobachters (also systemrelativ, vgl. „Kultur“), alle Zukunft ist unbekannt und neu (oder es handelt sich um gegenwärtige Zukunft). Entscheidend für die Reproduktion eines Systems sind aber die gegenwärtigen, selbstvalidierten Eigenwerte. Noch einmal anders gewendet: Gegenwart ist der blinde Fleck der Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft und damit zugleich Voraussetzung der Beobachtung. Das macht die Gegenwart zu einem paradoxen Geschehen: weil sie ständig vergeht und gerade durch dieses Vergehen andauert (eine solche Konzeption unterläuft offensichtlich Vorstellugen kausaler Determination mit den erwähnten Folgen für Statistik, Stochastik und Zukunft). Wie würdest Du unter diesen Bedingungen formalisieren?

  21. Ganz generell empfinde ich häufig ein großes Unbehagen angesichts der allzu umtriebigen und überambitionierten Versuche, sich dem, was da kommt (Derrida: l´avenir) gewachsen zu zeigen, dafür präpariert und wohlausgestattet zu sein. Gerade wenn es darum geht, mit Überraschungsfähigkeit und Unvorbereitetheit aufwarten zu können.

    „denn ihr selbst wisset gewiß, daß der Tag des HERRN wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.“ (1. Thessalonicher, 5.2)

    Mehr noch als die aufgebotene allenthalben zu beobachtende theoretische Mobilmachung und Alertheit, in der sich die proliferierenden zukunftsliebenden Kampfschriften überbieten, wäre doch angebracht, die taktil-sensorischen Fähigkeiten des Zauderns und Zögerns (vgl. Joseph Vogl: Über das Zaudern), der Verhaltenheit und der reserviertenm abwartenden Skrupel zu re-kultivieren? Seid leise und wachsam und verjagt Fortuna-Futura nicht durch euer lautes, vorwegnehmendes Johlen.
    Aber ich hab gut reden…

  22. @ Wigbert Traxler:

    Ich stimme zu. Gerade das Vogl’sche Zaudern ist eine sehr konkrete Form der Relativierung finaler Kontroll- und Steuerungsphantasien, ein Bruch mit der planerisch-defuturisierenden Linearität von Ursache und Wirkung (Vogl verweist explizit auf die Unterscheidung von telos und skopos). Die Funktion des Zauderns kommt der oben umrissenen sehr nahe; vgl. dazu beispielsweise den Abschnitt bei Ahrens (2011):

    »Das Zaudern, so Vogl, unterbreche die gefugte Zeit ›der Begebenheiten und Handlungsketten‹ (Vogl 2007, S. 48), der verstreichenden, chronologischen Zeit. Man könnte es einfacher und genauer so ausdrücken: Was das Zaudern im Gegensatz zum ›Pausieren‹ usw. auszeichnet, ist sein paradoxes Verhältnis zur Zeit (ebd., S. 49). Es hat seinen strategischen Platz zwischen gegenwärtiger Zukunft und zukünftiger Gegenwart. Es ist eine aktive Passivität mit dem Ziel, sich in einem Überangebot von Möglichkeiten ein Möglichkeitsdenken zu bewahren.« (Sönke Ahrens: Experiment und Exploration, Bielefeld 2011, S. 32ff, hier: S. 38.)

    Der Ausbruch aus (selbst-)beschränkender Ziel-Führung zugunsten der Vermehrung (oder wenigstens: Aufrechterhaltung) von Möglichkeiten ist wohl ein entscheidender Aspekt funktionalen Zauderns…

  23. „Der Aus­bruch aus (selbst-)beschränkender Ziel-Führung zuguns­ten der Ver­meh­rung (oder wenigs­tens: Auf­recht­er­hal­tung) von Mög­lich­kei­ten ist wohl ein ent­schei­den­der Aspekt funk­tio­na­len Zauderns…“

    Ja, als Bruch, interruptio und ruptur. Deswegen, -in Abweichung von Vogl- gar nicht unähnlich der pausierenden Pose (vgl. die Analyse des ´aussetzenden´ Tanzschrittes der „posa“ bei Agamben, Brandstetter und Rudolf zur Lippe)- brächte die aktive Responsivität mit ihrem zögernden Innehalten („I would prefer not to“) ein brauchbares Gegenrezept zum täglichen volkssportmässigen Sich-Überbieten in Übungen darin, der Welt auf den Kopf zu zu sagen, wie sie ist und demnächst sein werde. Darin besteht nun aber leider das Hauptgeschäft des abendländischen Blogos…
    Anwesende ausgenommen.

  24. @ Wigbert Traxler,

    danke für die Ausführung. Ich hadere ein wenig mit dem Begriff des Bruches. Zumindest wenn man „posa“ als Bruch von Kontinuität einführt, als „Pause“ zwischen ansonsten stabilen Ereignissen. Der ursprüngliche, griechische Begriff (pausis, παῦσις) scheint nämlich in gewisser Weise selbst schon von metaphysischem und latent finalistischem Denken kontaminiert zu sein und damit den Blick auf die (hier) entscheidende Herausforderung zu verschleiern: Das Denken des Übergangs, jenseits des metaphysischen „Supplements“ des Ereignisses (F. Jullien). Man müsste Umwandlung im Kontext von Fortdauer denken lernen (re-entrant), ohne Zelebrierung des Ereignishaften, des Events (was in vielerlei Hinsicht der Haltung der Repräsentanten des von Dir so bezeichneten abendländischen „Blogos“ entgegen zu laufen scheint, die letztlich kultürlich an episch-dramatische Konzepte anschließt). Vielleicht muss man nicht so weit wie Jullien gehen und die europäische Kultur als solche der „Ideologie des Bruches“ bezichtigen; aber man sollte seine Analyse doch ernst nehmen und berücksichtigen, dass sich das Ereignis, der Bruch, die interruptio, die Definition tief in unsere Beobachtungsschemata eingeschrieben hat. Und in die Form unserer Sprache etc. – deswegen findet man nur so schwer brauchbare Alternativen.

    Möglicherweise verstehe ich das aber gerade auch anders als Du es meintest. Was daran liegen mag, dass ich weder die von Dir referenzierte Literatur noch ein etymologisches Wörtbuch zur hand habe. Könntest Du mir vielleicht verraten, wo man bei Agamben und Brandstetter Entsprechendes finden kann? Außerdem müsste man vermutlich der Frage nachgehen, ob posa, Pause, Pose und nicht zuletzt auch Posse einen gemeinsamen sprachlichen Ursprung teilen. Und die Spuren lesen.

  25. „Könn­test Du mir viel­leicht ver­ra­ten, wo man bei Agam­ben und Brand­stet­ter Ent­spre­chen­des fin­den kann? “
    Zunächst dies (den Agamben liefere ich nach):

    „Das Einhalten wurde… zu einem Wesentlichen der Bewegung, zu einem Moment des Tanzes. Posata oder posa heißt Ruhe und Haltung, Pose und Pause. . . In dem Innehalten des Tanzenden als posa wird Tanz“ (Rudolf zur Lippe: Naturbeherrschung am Menschen I. Körpererfahrung als Entfaltung von Sinnen und Beziehungen in
    der Ära des italienischen Kaufmannskapitals, Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1974, S.163ff)
    Und:

    Gabriele Brandstetter: »Pose – Posa – Posing. Zwischen Bild und Bewegung«. In: Elke Bippus/Dorothea Mink (Hg.): Fashion Body Cult – Mode Körper Kult, Stuttgart 2007, S. 249-266

  26. „Außer­dem müsste man ver­mut­lich der Frage nach­ge­hen, ob posa, Pause, Pose und nicht zuletzt auch Posse einen gemein­sa­men sprach­li­chen Ursprung tei­len.“

    Zumindest posa und pausa sind als lat. ponere (setzen, stellen, legen) Derivate in ihrer Veschiedenheit das Selbe. Und auch das pro-positionale Urteil (thesis) läßt sich – wenn auch nicht ungebrochen -als verzögernde, verharrende, arretierende Unterbrechung beobachten, als die klaffende Dehiszenz-Pose des Spencer Bronschen distinction Graphen.

    Ob man es mit Jullien (dessen Bücher ich trotzdem mit großem Interesse gelesen habe) vermag, mit dem Paradigma des Bruch zu brechen bliebe zu bezweifeln. Das Andere des Abendländischen Paradigmas ist doch eher in ihm selbst zu suchen als in reiner Exteriorität. Kann man anhand des Aufweises von funktionalen Äquivalenzen bereits mit Leichtigkeit Vergleiche anstellen, ist die Andersheit zwar nicht nichtig, aber doch relativ. Die Unterschiede zwischen Westen und Osten sind ein Unterschied im Selben.

    Diesem Befund entspricht, dass von Seiten namhafter chinesischer Gelehrter den Analysen des Franzosen Jullien gerade in entscheidenden Punkten widersprochen worden ist. Hingewiesen wird darauf, dass die von Jullien für China bestrittenen und nur für den Okzident reklamierten Dichotomien sehr wohl auch im Land der aufgehenden Sonne von Beginn an eine dominante Rolle spielten.
    Vgl etwa:
    http://books.google.de/books?id=DWbFajDicgYC&pg=PA160&dq=han+Insights+and+Oversights:+An+Epistemological+Critique+of+the+Chan+Tradition&hl=de&ei=iqfCTsbnA-ik4ASm252yDQ&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CDEQ6AEwAA#v=onepage&q=jullien&f=false

  27. @ Wigbert Traxler:

    Super, neue Titel auf der Leseliste… ;-) (Agamben im Hinterkopf)
    Ich bin mir auch nicht sicher, ob mit dem Paradigma des Bruches zu brechen ist. Die Passagen jenseits der informierenden Kontrastfolie, die Syntheseversuche der von Jullien getrennten Denkweisen fallen – soweit ich das überblicken kann – immer relativ kurz aus. Aber vielleicht geht es ihm darum auch gar nicht primär, die Stärken seiner Arbeiten liegen sicher an anderer Stelle. Dass seine Thesen jedenfalls auch unter französischen Sinologen nicht umumstritten sind, beweist zum Beispiel der markige Titel Billeters (leider bin ich des Französischen nicht mächtig).

    Weil ja generell nicht nicht-unterschieden werden kann (oder nur unter sehr speziellen Bedingungen, die hier vermutlich vernachlässigt werden können), bleiben Unterschiede zwischen Westen und Osten auch im Unterschied selbig, der Form nach schon. Ich denke aber (nicht zuletzt mit Blick auf meinen ursprünglichen Schreibanlass hier), dass ausgehend von Julliens China-Beobachtung der Unterschied von Handlung im Kontext von Situationspotentialen und Zielen deutlich wird. In beiden Fällen wird Handlung markiert und die Unterscheidung in sich selbst wiedereingeführt (und damit auch die klaffende Desiszenz gleichsam „überbrückt“) – Handlung aber unterschiedlich in-formiert. Was aber, wenn man weder Ziele noch Sitationspotentiale kennt?

  28. Julliens Beobachtungen unterliegen vermutlich dem selben verklärenden Rousseauanismus, dem ganz ähnlich Levi-Strauss´ Mythos vom Wilden Denken aufgesessen war. Sein Chinakonstrukt läßt sich daher wohl mit gutem Recht als Kulmination der gewaltsamen Anexions- und Kolonialisationswut westlichen Imperialismus deuten.
    (Wie häufig auch von chinesischer Seite her geschehen, die sich in seiner Projektion nicht wiedererkennen.) Wie auch immer…

    „Was aber, wenn man weder Ziele noch Sita­ti­ons­po­ten­tiale kennt?“
    Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, was hier ganz konkret bedeuten würde, dass dem Motor praktischen Handelns – bei Aristoteles orexis (lat. appetits=das Streben, das verfolgende Nachgehen, das Aussein auf Etwas), bei Kant Begehrungsvermögen, bei Heidegger Sorge und das Besorgen, bei Schopenhauser Wille, bei Freud Trieb – der Sprit ausgeht? :-)

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