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»They shall not pass…«
Closed Access, Elsevier und die Jagd nach Reputation.

»At the risk of sta­ting the ob­vious, we in the aca­de­mic com­mu­nity create the ideas in our pa­pers. We write the pa­pers. We ty­pe­set the pa­pers. We re­view the pa­pers. We proo­fread the pa­pers. We ac­cept or re­ject the pa­pers. We elec­tro­ni­cally ar­chive and dis­tri­bute the pa­pers. If com­mer­cial publis­hers once played an es­sen­tial role in this pro­cess, to­day their role is mostly to own the co­py­rights and to collect mo­ney from the uni­ver­si­ties.«
– Scott Aaronson

Der fol­gende Ar­ti­kel wird so oder ähn­lich im nächs­ten KVV »Me­dien & Bil­dung« er­schei­nen, das Ti­tel­thema heisst dies­mal »Zu­gänge«. Weil das Thema Open Ac­cess nun schon seit ei­ni­ger Zeit ve­he­ment dis­ku­tiert wird, möchte ich die Chance nut­zen und den Ar­ti­kel hier vor Druck zur Dis­kus­sion stel­len. Er geht von fol­gen­den Fra­gen ausWas be­wegt For­sche­rin­nen und For­scher dazu, die Do­ku­men­ta­tion ih­rer Ar­beits­er­geb­nisse in Form von Ar­ti­keln wis­sen­schaft­li­chen Ver­la­gen ent­gelt­frei zu über­las­sen und da­bei in der Re­gel jeg­li­che Ver­wer­tungs­rechte an ih­ren ei­ge­nen Tex­ten zu ver­lie­ren (sie also an­schlie­ßend nicht ein­mal auf ih­ren pri­va­ten Home­pages oder de­nen ih­rer In­sti­tute ver­öf­fent­li­chen dür­fen)? Zwei Fak­to­ren dürf­ten eine tra­gende Rolle spie­len: die un­hin­ter­fragte Pflege aka­de­mi­scher Pu­bli­ka­ti­ons­tra­di­tio­nen ei­ner­seits und an­de­rer­seits das Stre­ben nach in­di­vi­du­el­ler Re­pu­ta­tion durch Ver­öf­fent­li­chun­gen in be­son­ders re­nom­mier­ten Ma­ga­zi­nen. Was aber be­wegt For­scher, die­ses lange Zeit we­nig hin­ter­fragte Ver­fah­ren plötz­lich aus­zu­set­zen oder sich so­gar mit Hilfe ei­nes öffent­li­chen Boykott-Aufrufs da­ge­gen zur Wehr zu setzen?

 

Am 23. Ja­nuar 2012 pu­bli­ziert der Ma­the­ma­ti­ker Ty­ler Ney­lon auf der Seite thecostofknowledge.com sei­nen Boy­kott­auf­ruf ge­gen die wis­sen­schaft­li­che Ver­lags­ge­sell­schaft El­se­vier. Der ge­wählte Geg­ner ist ex­em­pla­risch, es hätte theo­re­tisch auch Sprin­ger, Wiley-Blackwell oder ei­nen an­de­ren der gro­ßen Ver­lage tref­fen kön­nen – El­se­vier wurde vom Ma­the­ma­ti­ker und vie­len sei­ner Kol­le­gen al­ler­dings als Spitze des Eis­bergs, als »worst of­fen­der« wahr­ge­nom­men: 12.627 For­scher (Stand: 25.08.2012) schlos­sen sich seit­dem sei­nem Ver­spre­chen an, künf­tig nicht mehr als Au­tor, Gut­ach­ter oder Her­aus­ge­ber für die Jour­nale der Ver­lags­ge­sell­schaft tä­tig zu wer­den. Auch die ame­ri­ka­ni­sche Harvard-Universität folgte dem Auf­ruf: ihre Bi­blio­the­ken könn­ten die jähr­li­chen Kos­ten in Höhe von 3,75 Mil­lio­nen Dol­lar für den Be­zug der Wis­sen­schafts­jour­nale nicht län­ger auf­brin­gen. Die Lage in Deutsch­land ist ähn­lich: nach Schät­zun­gen der Deut­schen Bi­blio­theks­sta­tis­tik flos­sen im letz­ten Jahr Steu­er­gel­der in ei­ner Grö­ßen­ord­nung von circa 200 Mil­lio­nen Euro an Ver­lage wie El­se­vier. Die Uni­ver­si­tä­ten zah­len also de facto dop­pelt und drei­fach für die Er­geb­nisse wis­sen­schaft­li­cher For­schung. Zu­nächst fi­nan­zie­ren sie die For­scher selbst, dann kau­fen sie über ihre Bi­blio­the­ken For­schungs­er­geb­nisse in Form wis­sen­schaft­li­cher Jour­nale zu­rück und – wenn sie Pech ha­ben – auch noch sol­che Er­geb­nisse, die sie ei­gent­lich gar nicht be­nö­ti­gen: Denn die Ver­lage bie­ten viele re­nom­mierte und da­her stark nach­ge­fragte Jour­nals mitt­ler­weile nur noch in so ge­nann­ten »Bund­les« an; in Abonnement-Paketen also, die das Be­stel­len nicht nach­ge­frag­ter und häu­fig nutz­lo­ser Ma­ga­zine not­wen­dig ma­chen.
All das mag irr­sin­nig klin­gen, aber der Irr­sinn hat Prin­zip. Der öko­no­mi­sche Kal­kül da­hin­ter ist schnell er­kannt: Im Prin­zip wird ein hin­rei­chend ver­füg­ba­res Gut wie Wis­sen künst­lich ver­knappt, in­dem Zu­gangs­be­din­gun­gen durch not­wen­dige Be­zah­lung re­gu­liert werden.

 

Erste Funk­tion: Ver­brei­tung von Forschungsergebnissen

Ma­ga­zine (stapelweise)

Worin heut­zu­tage ge­nau der Mehr­wert der Ver­lags­tä­tig­keit be­steht, ist un­klar. In his­to­ri­scher Per­spek­tive war das Ver­fah­ren der Wis­sen­schafts­ver­lage plau­si­bel und ge­recht­fer­tigt: Die zi­tier­fä­hige Pu­bli­ka­tion wis­sen­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­tion hat in er­heb­li­chem Maße zur Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Wis­sen­schafts­sys­tems als sol­chem beige­tra­gen. Die tra­di­tio­nelle Pro­duk­tion wis­sen­schaft­li­cher Pu­bli­ka­tio­nen war da­bei mit ho­hen öko­no­mi­schen Kos­ten ver­bun­den: für den Ma­schi­nen­satz, den Druck und nicht zu­letzt auch für den Ver­trieb der Dru­cker­zeug­nisse. Dass es sich bei wis­sen­schaft­li­chen Ar­ti­keln in der Re­gel nicht um stark nach­ge­fragte Best­sel­ler han­delt, tut sein übri­ges – hohe Preise wa­ren die fol­ge­rich­tige Kon­se­quenz sol­cher Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen.1
Diese ha­ben sich im Zuge der Ver­brei­tung di­gi­ta­ler Me­dien al­ler­dings ra­di­kal ge­än­dert: Au­to­ren set­zen ihre Ar­ti­kel mit Hilfe von Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gram­men und lie­fern nicht sel­ten auch die be­nö­tig­ten Ab­bil­dun­gen oder Dia­gramme; Druck– und Ver­triebs­kos­ten sind rück­läu­fig, weil mehr und mehr Jour­nale in elek­tro­ni­scher Form be­stellt wer­den. Kurz: Die aka­de­mi­sche Rou­ti­nen und Kon­ven­tio­nen er­hal­ten ein Preis­ni­veau der Print-Ära auf­recht, das un­ter Be­din­gun­gen fort­schrei­ten­der Di­gi­ta­li­sie­rung so nicht mehr zu recht­fer­ti­gen ist. Eine re­fe­ren­zier­bare Ver­brei­tung von For­schungs­er­geb­nis­sen kann heute ohne Nach­teile we­sent­lich kos­ten­güns­ti­ger ge­währ­leis­tet wer­den. Wa­rum ge­lingt es Ver­la­gen wie El­se­vier den­noch, die Nach­frage ih­rer Pro­dukte auf­recht zu erhalten?

 

Zweite Funk­tion: Ver­tei­lung von Pres­tige und Reputation

»Re­pu­ta­tion wird in ers­ter Li­nie an Au­to­ren ver­lie­hen, also an Per­so­nen. Aber auch […] Ver­lage […] kön­nen da­von pro­fi­tie­ren – pro­fi­tie­ren gleich­sam im Mond­licht der Re­pu­ta­tion, die zu­nächst ih­ren Au­to­ren, Teil­neh­mern usw. zu­kommt.«
– Ni­klas Luh­mann, Die Wis­sen­schaft der Ge­sell­schaft, Frankfurt/Main 1992, S. 250.

Die Lek­türe wis­sen­schaft­li­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen muss per se als un­wahr­schein­lich be­grif­fen wer­den, in An­be­tracht ste­tig stei­gen­der Pu­bli­ka­ti­ons­zah­len und schnelllle­bi­ger Dis­zi­pli­nen mehr denn je. Umso be­deu­ten­der ist die dop­pelte Funk­tion wis­sen­schaft­li­cher Ma­ga­zine als Fil­ter­in­stanz so­wie für den Re­pu­ta­ti­ons­er­werb in der Fach­öf­fent­lich­keit. Ers­tere trennt die wich­ti­gen von den un­wich­ti­gen Pu­bli­ka­tio­nen, letz­tere si­chert die Mög­lich­keit künf­ti­ger Pu­bli­ka­ti­ons­chan­cen, Zu­gang zu fi­nan­zi­el­len (Dritt-)Mitteln und da­mit am Ende auch die Mög­lich­keit er­folg­rei­cher aka­de­mi­scher Kar­rie­ren.
Die Nach­frage nach Re­pu­ta­tion ist hö­her denn je (es ist schon die Rede von Jung­wis­sen­schaft­lern als »publish-or-perish en­tre­pre­neurs«2) und sie muss als ent­schei­den­der An­triebs­mo­ment für den Wett­be­werb um Plat­zie­run­gen in den re­nom­mier­tes­ten Pu­bli­ka­tio­nen gel­ten: De­ren Pres­tige über­trägt sich auf ihre Au­to­ren und an­ders­herum – beide Par­teien si­chern sich wech­sel­sei­tig in ei­ner na­hezu sym­bio­ti­schen Be­zie­hung das Über­le­ben auf höchs­ten Re­pu­ta­ti­ons­ni­veau. Ihre Par­al­lel­wäh­run­gen heis­sen Im­pact Fac­tor und Ci­ta­tion Rank.
Durch diese Mess­grö­ßen wird wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät sug­ge­riert – und Qua­li­täts­si­che­rung ist das am häu­figs­ten an­ge­führte Ar­gu­ment für die Preis­po­li­tik der Wis­sen­schafts­ver­lage; es ist wohl auch das letzte und ge­wich­tigste. Dem tun übri­gens auch Be­richte über Zi­ta­ti­ons­zwänge zur Stei­ge­rung des Im­pact Fac­tors von Elsevier-Veröffentlichungen oder als Ar­ti­kel ge­tarnte Wer­be­texte für Phar­ma­kon­zerne (wie etwa Merck im Jahr 2002) kei­nen Ab­bruch. Im Ge­gen­teil: der Han­del mit dem be­schränk­ten Zu­gang boomt. Die Ge­winn­mar­gen sind be­mer­kens­wert, El­se­vier ver­mel­dete jüngst Um­satz­re­korde (vgl. etwa den jüngs­ten Ge­schäfts­be­richt vom 26.07.2012. Letz­ter Ab­ruf am 25.08.2012).

Wir sind mit ei­ner be­denk­li­chen Si­tua­tion kon­fron­tiert: Die öffent­li­che Zu­gäng­lich­keit, die für die Ent­ste­hung und das Flo­rie­ren mo­der­ner Wis­sen­schaft so be­deu­tend war, wird der­zeit sys­te­ma­tisch ver­hin­dert. Die Fol­gen sol­cher Dys­funk­tio­na­li­tä­ten wur­den am schöns­ten viel­leicht von Da­vid Si­mon auf den Punkt ge­bracht, in sei­ner von 2002 bis 2008 in den USA aus­ge­strahl­ten TV-Serie »The Wire«.3
Der Dreh­buch­au­tor be­schreibt am Bei­spiel der Stadt Bal­ti­more mit na­hezu so­zio­lo­gi­scher Prä­zi­sion den Auf­bau und die Auf­recht­er­hal­tung sys­te­mi­scher Struk­tu­ren und Rou­ti­nen, die ge­mes­sen an den of­fi­zi­el­len Selbst­be­schrei­bun­gen des je­wei­li­gen Sys­tems (Si­mon de­kli­niert die Pro­ble­ma­tik für Po­li­zei, Ge­werk­schaf­ten, Po­li­tik, Er­zie­hung und Jour­na­lis­mus durch) nicht nur kurz­schlüs­sig, son­dern lang­fris­tig so­gar schäd­lich sind. Weil sie sich auf­grund von Wie­der­ho­lung und ope­ra­ti­ver Blind­heit (ge­wis­ser­ma­ßen als „ge­heime Lehr­pläne“) in­sti­tu­tio­nell fest­schrei­ben und in Folge des­sen etwa für or­ga­ni­sa­ti­ons­in­terne Kar­rie­re­chan­cen re­le­vant wer­den. Ein Bei­spiel: Je we­ni­ger Morde das Bal­ti­more Po­lice De­part­ment ent­deckt, desto ge­rin­ger ist das Ri­siko, dass un­ge­klärte Fälle die wö­chent­lich eva­lu­ier­ten »ComStat«-Aufklärungsrankings ver­un­zie­ren – und letz­tere sind maß­geb­lich für Be­för­de­run­gen in­ner­halb der Organisationshierarchie.

The Wire (Se­a­son 1)

Si­mon zeigt auch, dass es sich lohnt, sich ge­gen sol­che »Me­cha­nis­men der Ver­dum­mung«4 zur Wehr zu set­zen – in­dem nach of­fi­zi­el­ler Maß­gabe schäd­li­che Stra­te­gien ver­folgt wer­den, die sich de facto und ein­ge­denk der la­ten­ten Dys­funk­tio­na­li­tät der Sys­teme am Ende für die Auf­recht­er­hal­tung ih­rer Funk­tio­na­li­tät ein­set­zen (etwa durch die Schaf­fung von Frei­räu­men für „real po­li­ce­work“) und so se­riö­ses Ar­bei­ten jen­seits des ner­vö­sen Schie­lens auf die be­nö­tig­ten Auf­klä­rungs­zah­len, Test­punkte, Um­fra­ge­werte oder eben auch Re­pu­ta­ti­ons­ge­winne über­haupt erst wie­der mög­lich machen.

Was be­deu­tet dies für die Frage nach dem öffent­li­chen Zu­gang zu For­schungs­er­geb­nis­sen? Ohne Ge­ring­schät­zung der his­to­ri­schen Leis­tun­gen wis­sen­schaft­li­cher Ver­lage er­tei­len die Elsevier-Boykotteure dem Ge­schäfts­mo­dell des Ver­lags eine ein­heit­li­che Ab­sage. In Hin­blick auf denk­bare Al­ter­na­ti­ven herrscht we­ni­ger Einigkeit:

»Some people would like to see the jour­nal sys­tem eli­mi­na­ted com­ple­tely and re­pla­ced by so­me­thing else more ad­ap­ted to the in­ter­net and the pos­si­bi­li­ties of elec­tro­nic dis­tri­bu­tion. Others see jour­nals as con­ti­nuing to play a role, but with com­mer­cial publis­hing being re­pla­ced by open ac­cess mo­dels. Still others ima­gine a more mo­dest change, in which com­mer­cial publis­hers are re­pla­ced by non-profit en­ti­ties such as pro­fes­sio­nal so­cie­ties […] or uni­ver­sity pres­ses; in this way the va­lue ge­ne­ra­ted by the work of aut­hors, re­fe­rees, and edi­tors would be re­tur­ned to the aca­de­mic and sci­en­ti­fic com­mu­nity.« (The Cost of Know­ledge, S. 4)

Die un­ter­schied­li­chen Sze­na­rios schlie­ßen sich nicht not­wen­dig aus. Der technisch-distributive As­pekt ist al­ler­dings nicht das schwer­wie­gendste Pro­blem; ge­eig­nete tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten ste­hen be­reits zur Ver­fü­gung. Die Pro­ble­ma­tik ist ba­sa­ler: Das In­ter­net ist we­sent­lich mehr als ein neuer Dis­tri­bu­ti­ons­ap­pa­rat.5

Es ist, streng ge­nom­men, auch nicht die Pro­fit­ori­en­tie­rung von Ver­la­gen wie El­se­vier, die die Wis­sen­schaft be­droht – an was soll­ten sich markt­wirt­schaft­li­che Ak­teure ori­en­tie­ren, wenn nicht an Pro­fi­ten? Es ist die kurz­schlüs­sige Prä­fe­renz für quan­ti­fi­zier­bare Re­pu­ta­tion, die das quasi-oligarchische Ge­bah­ren der gro­ßen Ver­lage über­haupt erst mög­lich macht. Die ent­schei­dende Frage, die über den künf­ti­gen Er­folg oder das Schei­tern bei der Eta­blie­rung al­ter­na­ti­ver Pu­bli­ka­ti­ons­for­men ent­schei­det, dürfte lau­ten: Ge­lingt es im di­gi­ta­len Me­dium, die Ori­en­tie­rungs– und Le­gi­ti­ma­ti­ons­funk­tion durch Re­pu­ta­ti­ons­ge­winne auf­recht zu er­hal­ten? Oder ein funk­tio­na­les Äqui­va­lent dazu zu eta­blie­ren?
Es braucht also ein neues Ver­fah­ren, das über die Qua­li­tät von For­schung Aus­kunft gibt, ohne da­bei auf Kurz­schlüsse zu­rück­zu­fal­len. Wis­sen­schaft­ler ha­ben seit ei­ni­ger Zeit be­gon­nen, mit den Mög­lich­kei­ten des di­gi­ta­len Me­di­ums zu ex­pe­ri­men­tie­ren. Po­ten­ti­ell neue For­men wis­sen­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­tion in Web­logs, Wi­kis etc. wer­den als Span­nun­gen er­zeu­gende Test­son­den be­grif­fen – un­ter Re­pu­ta­ti­ons­ge­sichts­punk­ten zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen mit bis­lang bes­ten­falls be­schei­de­nen Er­fol­gen.
Das kann nicht ver­wun­dern. Es stel­len sich weit­rei­chende Fra­gen: Ist der viel­fach für tot er­klärte Au­tor (hier als Agent der Kopp­lung zwi­schen wis­sen­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Ak­teu­ren durch die Print­jour­nale und Bü­cher6 der Wis­sen­schafts­ver­lage) eine zu­kunfts­fä­hige Zu­rech­nungs­größe? Mög­li­che Fol­gen für das his­to­risch kon­tin­gente Kon­zept von Au­tor­schaft sind un­ab­seh­bar – und mög­li­cher­weise sind die zu­künf­ti­gen Um­wäl­zun­gen ka­ta­stro­pha­ler, als der­zeit ab­zu­se­hen ist. All das spricht nicht da­ge­gen, sich für die Frei­räume ein­zu­set­zen, die ein Aus­pro­bie­ren neuer For­men mög­lich ma­chen. Dazu ist der Pro­test ge­gen die Ver­dum­mungs­me­cha­nis­men und die Un­be­dingt­heit ernst­haf­ter Wis­sen­schaft un­ver­zicht­bar. Die Ent­fer­nung künst­li­cher Zu­gangs­be­schrän­kun­gen ist ein wich­ti­ger Schritt in diese Richtung.

Die bri­ti­sche Re­gie­rung er­klärte übri­gens im Juli 2012 dass alle Re­sul­tate ei­ner aus öffent­li­cher Hand fi­nan­zier­ten For­schung bis 2014 per Open Ac­cess zu­gäng­lich sein sollen.

»The open ac­cess mo­ve­ment: Put­ting peer-reviewed sci­en­ti­fic and scho­larly li­te­ra­ture on the in­ter­net. Ma­king it avail­able free of charge and free of most co­py­right and li­cen­sing re­stric­tions. Re­mo­ving the bar­ri­ers to se­rious re­se­arch.«
– Pe­ter Su­ber, Open Ac­cess News

Wei­ter­le­sen:

  • Aa­ron­son, Scott: Re­view of »The Ac­cess Prin­ciple« by John Wil­linsky, on­line ver­füg­bar un­ter: http://www.scottaaronson.com/writings/journal.pdf (letz­ter Ab­ruf: 25.08. 2012).
  • Ah­rens, Sönke: Blick­dehn­übun­gen für eman­zi­pierte Zu­schauer. Die Leh­ren von »The Wire«, in: Zahn, Ma­nuel; Paz­zini, Karl-Josef (Hg.): Lehr-Performances. Fil­mi­sche In­sze­nie­run­gen des Leh­rens, Wies­ba­den 2011, S. 163 – 173.
  • Bau­er­lein, Mark; Gad-el-Hak, Mo­ha­med; Grody, Wayne; McKel­vey, Bill; Trim­ble, Stan­ley W.:
    We Must Stop the Avalan­che of Low-Quality Re­se­arch, in: The Chro­ni­cle (13.06. 2010), on­line ver­füg­bar un­ter: http://chronicle.com/article/We-Must-Stop-the-Avalanche-of/65890/ (letz­ter Ab­ruf 25.08. 2012).
  • Go­wers, Ti­mo­thy W.: El­se­vier – my part in its down­fall, http://gowers.wordpress.com/2012/01/21/elsevier-my-part-in-its-downfall/ (letz­ter Ab­ruf: 25.08. 2012).
  • Kaube, Jür­gen: Den­ken zwi­schen Müll­tren­nung und Not­auf­nahme, in: Frank­fur­ter All­ge­meine Zei­tung vom 16.03. 2012, on­line ver­füg­bar un­ter: http://www.faz.net/-gr0-6y94x  (letz­ter Ab­ruf 25.08. 2012).
  • N.N.: http://thecostofknowledge.com/ und das als PDF-Datei her­un­ter­lad­bare State­ment http://gowers.files.wordpress.com/2012/02/elsevierstatementfinal.pdf (letz­ter Ab­ruf: 25.08. 2012).
  • Ross­bauer, Ma­ria: Der Auf­stand der For­scher, in: Die Ta­ges­zei­tung. On­line ver­füg­bar un­ter http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=/2012/08/18/a0015 (letz­ter Ab­ruf: 25.08. 2012).
  • Sample, Ian: Free ac­cess to Bri­tish sci­en­ti­fic re­se­arch wi­t­hin two years, in: guardian.co.uk (15.07. 2012), on­line ver­füg­bar un­ter http://www.guardian.co.uk/science/2012/jul/15/free-access-british-scientific-research (letz­ter Ab­ruf: 25.08. 2012).
  • Schiltz, Mi­chael; Ver­schrae­gen, Gert; Ma­gnolo, Ste­fano: Open Ac­cess to Know­ledge in World So­ciety?, in: So­ziale Sys­teme 11 (2005), Heft 2, S. 346 – 369.

Ab­bil­dun­gen:

Von Mi­chael Ei­sen, Fy­brid Pho­tos (cc-Lizenz) und Paul Kelly (cc-Lizenz). Danke!

An­mer­kun­gen

  1. Hier ist der his­to­ri­sche Ur­sprung der fol­gen­rei­chen Ver­wechs­lung ma­te­ri­el­ler Knapp­heit mit Wis­sens­knapp­heit zu ver­mu­ten. Vgl. dazu Schiltz, Mi­chael; Ver­schrae­gen, Gert; Ma­gnolo, Ste­fano: Open Ac­cess to Know­ledge in World So­ciety?, in: So­ziale Sys­teme 11 (2005), Heft 2, S. 346 – 369, hier: S. 354.
  2. Bau­er­lein, Mark; Gad-el-Hak, Mo­ha­med; Grody, Wayne; McKel­vey, Bill; Trim­ble, Stan­ley W.: We Must Stop the Avalan­che of Low-Quality Re­se­arch, in: The Chro­ni­cle (13.06. 2010), on­line ver­füg­bar un­ter: http://chronicle.com/article/We-Must-Stop-the-Avalanche-of/65890/ (letz­ter Ab­ruf 25.08. 2012).
  3. Für eine prä­zise Lek­türe des ebenso wi­der­stän­di­gen wie auf­klä­re­ri­schen Po­ten­ti­als emp­fehle ich die Lek­türe von Ah­rens, Sönke: Blick­dehn­übun­gen für eman­zi­pierte Zu­schauer. Die Leh­ren von »The Wire«, in: Zahn, Ma­nuel; Paz­zini, Karl-Josef (Hg.): Lehr-Performances. Fil­mi­sche In­sze­nie­run­gen des Leh­rens, Wies­ba­den 2011, S. 163 – 173.
  4. Vgl. ebd., S. 169.
  5. Als aus­sichts­rei­cher Kan­di­dat für das künf­tige Leit­me­dium kön­nen die Fol­gen sei­ner Eta­blie­rung sind für Struk­tur und Kul­tur der Ge­sell­schaft nicht über­schätzt wer­den: Sämt­li­che Funk­ti­ons­sys­teme, nicht nur die Wis­sen­schaft, sind durch den Com­pu­ter und seine Re­chen­netz­werke mit ei­nem evo­lu­tio­nä­ren Druck kon­fron­tiert, der die Ge­sell­schaft in die­ser Ve­he­menz zu­letzt mit der Er­fin­dung des Buch­drucks mit be­weg­li­chen Let­tern durch Jo­han­nes Gu­ten­berg aus­ge­setzt war.
  6. Das gilt im Übri­gen nicht nur für Jour­nale. Jür­gen Kaube gei­ßelte An­fang des Jah­res in der F.A.Z. die »sub­ven­tio­nierte Harm­lo­sig­keit im Den­ken«, die so viele un­ge­le­sene und un­les­bare wis­sen­schaft­li­che Sach­bü­cher her­vor­bringt als »ver­tane Zeit, In­vo­lu­tion, dritt­mit­tel­fi­nan­zier­ter Ma­nie­ris­mus«: Kaube, Jür­gen: Den­ken zwi­schen Müll­tren­nung und Not­auf­nahme (letz­ter Ab­ruf 25.08. 2012).

2 Kommentare

  1. Das Fol­gende ist teil­weise ei­nem Text ent­nom­men, der dem­nächst in der Zeit­schrift „GfWM-Themen“ er­schei­nen wird (GfWM= Ge­sell­schaft für Wis­sens­ma­nage­ment, http://gfwm.de/)

    Die har­sche Kri­tik aus der Wis­sen­schafts­ge­meinde und in den Me­dien ver­kennt ein paar wich­tige Punkte. Wenn z.B. ar­gu­men­tiert wird, es fie­len ja keine Druck­kos­ten mehr an, wird voll­kom­men über­se­hen, was in di­gi­tale In­fra­struk­tu­ren in­ves­tiert wer­den muss. Das ist der alte Irr­glaube vom kos­ten­lo­sen In­ter­net, wie er in sei­ner Früh­zeit ent­stan­den ist – da war das In­ter­net in der Tat eine öffent­li­che Ein­rich­tung, die aus ame­ri­ka­ni­schen Staats­mit­teln, und zwar aus dem Ver­tei­di­gungs­haus­halt, am Lau­fen ge­hal­ten wurde. Und heute ha­ben wir (Va­ter? Mut­ter? Big Bro­ther?) Google, des­sen Ge­schäfts­mo­dell dar­auf be­ruht, 95% sei­ner Leis­tung zu ver­schen­ken, um mit den rest­li­chen 5% Mil­li­ar­den zu schef­feln.
    Die Por­tale der gro­ßen Ver­lage bie­ten mäch­tige Such­funk­tio­nen an und be­rück­sich­ti­gen auch sol­che Li­te­ra­tur, die nicht im ei­ge­nen Haus er­schie­nen ist (zB Sco­pus (el­se­vier) und Web of Sci­ence (thomsonreuters).

  2. Pingback: Technologietag 2012: epOs Verlag und #openaccess | the restless machine

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