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(Lern–)Räume der nächsten Gesellschaft.
Ein Rückblick auf das Bremer EduCamp


Am letzten Wochenende, am 18. und 19. März, fand in Bremen das siebte EduCamp im deutschsprachigen Raum statt. Es handelte sich dabei um eine kenntnisreich und passioniert organisierte Unkonferenz, für deren Ermöglichung dem Team um Thomas Bernhardt Dank und Respekt gebührt. Nach und nach beginnen die Dokumentation und Aufarbeitung des Barcamps.
Ich möchte im folgenden Beitrag kurz auf einen Aspekt eingehen, der meines Erachtens entscheidend zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hat und an dem exemplarisch für die Zukunft – nicht nur der EduCamps! – gelernt werden kann: Raum. Ein Begriff, der gegenwärtig und quer durch alle Disziplinen eine unerwartete Renaissance erlebt und mit dessen Verwendung man sich große Hypotheken einhandelt. Im Folgenden sei daher unter Bezug auf „Raum“ nicht nur (aber auch) von archtitektonischer Umgebung die Rede, sondern von Umgebungen in einem erweiterten Sinne: Ich schlage vor, Raum als Medium zu begreifen, dass Form-Bildungen gestattet – eine Lesart, die digitale Räume explizit nicht ausschließt und die Unterscheidung von Analog/Digital von vornherein zu unterlaufen versucht. Weiterlesen

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#Debray

debray

#McLuhan und Debray

„Clearly, my classification resembles his in so far as each historical period is governed by major shifts in the technologies of transmission“, antwortet Régis Debray im Interview mit Andrew Joscelyne auf die Frage, wie er sich zur Theorie Marshall McLuhans verorte.[1. „Revolution in the Revolution“, Interview in Wired Digital. Aufruf am 03.05. 2009.] Debrays Konzept der „Mediosphären“ schließt konzeptuell an McLuhans Epochenabgrenzungen durch unterschiedliche Leitmedien an. Mit Blick auf den Begriff des Mediums selbst aber distanziert sich Debray von der „verschwommenen“[2. „I also feel that McLuhan blurred over some fairly complex issues in his famous „the medium is the message“ sound bite.“, vgl. ebenda.] und „verwirrlichen“[7. DEBRAY, Régis: Einführung in die Mediologie, Bern u.a. 2003, S. 45.] Konzeption McLuhans („the medium ist he message“), die seiner komplexeren Definition nicht gerecht wird und gleichsam nur das Erdgeschoß[7. DEBRAY, Régis: Für eine Mediologie, in: VOGL, Jospeh, PIAS, Claus (Hg.): Kursbuch Medienkultur, Stuttgart, 1999, S. 67.] beim Errichten des mediologischen Gedankengebäudes bilden dürfe. Die Tatsache, dass es ohne Medium keine Botschaft gebe, bezeichnet er als trivial; ein Sophismus sei es jedoch, aus diesem Umstand zu schließen, beides sei dasselbe.[4. Ebenda, S. 46. Dennoch, und das gesteht DEBRAY ein, verifiziere gerade die Sloganhaftigkeit des McLUHAN’schen Diktums und seine allgegenwärtige Verbreitung die Bedeutung des Mediums – eine self-fulfilling prophecy!] Das Verständnis des Mediums als Mittler für Botschaften sei zwar notwendig für eine vollständige Analyse, alleine jedoch nicht hinreichend; verbliebe man auf diese Weise im Erdgeschoß, gerate man förmlich in eine „substanzialistische Falle“: „Die Objekte und Werke zählen nämlich weniger als die Operationen. Hüten wir uns vor der substanzialistischen Falle, indem wir das Medium als Dispositiv in die Mediation als Disposition integrieren.“[9. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 67.]

Hier geht Régis Debray über das an McLuhan anschließende Konzept vom Medium als technischem Mittel zur Beförderung einer Botschaft hinaus; seine Dekomposition des Begriffs unterscheidet verschiedene Ebenen des Mediums, die sich ebenso wenig widersprechen wie sie deckungsgleich sind. Es sind vielmehr Überschneidungen möglich, Dazwischen-Räume . Debray unterscheidet

  • allgemeine Symbolisierungsverfahren: (gesprochene) Worte, Schrift, analoge Bilder, digitales Rechnen)
  • soziale Kommunikationscodes (natürliche Sprache)
  • materieller Einschreibe- und Speicherträger (Ton, Papyrus, Papier, Festplatte)
  • Aufzeichnungsdispositiv (Buchdruck, Foto, Fernsehen, Informatik, Digitalisierung).

Wir haben es aus mediologischer Perspektive also mit einem hochkomplexen Zusammenspiel von Mittlern (im Sinne Bruno Latours) zu tun, denen es von Fall zu Fall auf die Spur zu kommen gilt. Dass diese Entfaltung der Beziehungen zwischen Technik und Kultur nicht mit einem substanziellen Medium vereinbar ist, dürfte einleuchten: „Das Medium an sich existiert ebenso wenig wie das Zeichen an sich“ resümiert Frank Hartmann.[6. HARTMANN, Frank: Medien und Kommunikation, Wien 2008, S. 96.] Mit Debrays Beschreibung von Medien als einem System von „Dispositiv – Träger – Prozeß“ [7. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 69.] geht dieser über den Begriff des Mediums als Träger von Information hinaus: So wie die alleinige Fixierung auf den technologischen Träger auf Kosten der Symbolisierungsverfahren und Codes zu kurz greife, wie Debray wiederum mit Blick auf McLuhan festhält, sei der entgegengesetzte Fall für die Analyse konsequenterweise auch nicht hinreichend: „Semitiocans do the opposite – they glorify the code at the expense of what it is really used for in a specific milieu.“[6. Wired Digital.] Das Milieu ist folglich für die mediologische Analyse eine ebenso notwendige Bedingung wie das technische Einschreibemedium, der Mittler für Botschaften oder die performative und codierte Anwendung.

„Der gleiche Mechanismus kann sich in einem Fall als epidemisch, in einem anderen Fall als völlig wirkungslos erweisen. Im China des 11. Jahrhunderts vermochte man nicht, die beweglichen Lettern fruchtbar zu machen und sich anzueignen, die dann im 15. Jahrhundert am anderen Ende der Welt wieder aufgetaucht sind und sich weiterentwickelt haben und dabei vom Holz zum Blei übergegangen sind. Der chinesische Holzdruck hat ausgereicht, um der begrenzten Nachfrage nach Gedrucktem nachzukommen, er benötigte keine großen Investitionen und war vielmehr dazu geeignet, die kalligraphischen Eigenheiten wiederzugeben.“[8. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 70.]

Dieselbe Technologie kann sehr unterschiedliche Effekte in unterschiedlichen Milieus (beziehungsweise historischen  Mediasphären) haben. Hinreichende Bedingung für eine mediologische Analyse ist die Berücksichttigung von Trägern, Netzen und Prozessen gleichermaßen. Wir haben es also nicht mehr mit linearen Kausalitäten zu tun, sondern vielmehr mit verzweigten Netzwerken von Mittlern, Spuren, Milieus und Prozessen – mit Systemen, die durch Kommunikationen konstituiert und aufrechterhalten oder verändert werden. Diese Entitäten beeinflussen sich wechselseitig: „if a book like Das Kapital had an influence, then it was because the technologies of print, the networks of distribution, and libraries worked together to create a fertile milieu – what I call a „mediosphere‘ – for its operation.“[8. Wired Digital.] In diesem Zusammenhang macht m.E. die Erinnerung an Heinz von Foersters Unterscheidung zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen Sinn: Die Vorgänge bei der Transmission sind nicht kausal determiniert und vorhersagbar; bemerkenswert, dass Debray seine Analyse als „Black Box-Problem“ beschreibt: „If the input is sounds, words, letters, even photons, and the output is leislation, institutions, police forces, and so on, then inside the black box must be what I call „the act of transmission“, the whole set of technologies and environments that translate the input into the output.“[12. Ebenda.]


#Materie und Organisation

Debray differenziert also zwischen den technischen Aspekten der Übermittlung und ihrer soziopolitischen Dimension; erstere bezeichnet er als organisierte Materie, letztere als materialisierte Organisation.[5. Vgl. DEBRAY, Einführung, S. 60.] Die Unterscheidung von Trägern der Überlieferung und den Milieus, Sphären, Institutionen trennt einen materiellen von einem sozialen Pol.[6. Vgl. ebd., S. 52.] Hierbei wird erneut deutlich, wie die mediologische Konzeption sich vom Fokus auf das bloße substanzielle Trägermedium emanzipiert hat: Das Zusammenspiel unterschiedlichster Sinnträger (und damit von Medien, wie ich sie unter Zuhilfenahme systemtheoretischen Vokabulars in Artikel #Medium skizziert habe) bei den Übertragungs- und Überlieferungsprozessen ist sowohl technischer als auch sozialer und kultureller Art. „Der Ansatz des mediologischen Geistes besteht nun darin, den Finger auf die Überschneidungen zwischen intellektuellem, materiellem und sozialen Leben zu legen und diese allzu gut geschmierten Scharniere zum Quietschen zu bringen.“[9. DEBRAY. Für eine Mediologie, S. 73.] Ebenso wie Bruno Latour mit seiner Akteur-Netzwerk-Theorie votiert Debray im Rahmen der Mediologie für einen Panoramablick, der disziplinäre Scheuklappen ablegt und beobachtet, statt schon im Vorfeld Grenzen aufzuzeigen.

Ein möglicher Gegenstand für eine exemplarische mediologische Analyse wäre demnach eine konventionelle Seminararbeit. Diese bedient sich aller medialer Ebenen (zumeist der Schrift als allgemeines Symbolisierungsverfahren, in den häufigsten Fällen der Muttersprache in einer wissenschaftlichen Sonderform als Kommunikationscode, des bedruckten Papiers als finales Einschreibemedium über den Umweg des Textverarbeitungsprogramms eines Computers) und hat damit gleichsam einen materiell-technischen Pol (kann also mit Debray als organisierte Materialität beschrieben werden), ist aber ebenso in das sozio-politische Netzwerk der Universität als Institution mit ihren Leistungsscheinen oder Creditpoints eingeflochten und den Dozenten, die Seminararbeiten häufig auch lesen. Dieses System muß wiederum als historisches Produkt sozialer Kommunikationen erachtet werden – ebenso das in einer Seminararbeit transportierte „Wissen“: „Es wäre nicht ganz abwegig, [das Buch selbst wie einen Autor sprechen zu lassen], denn schließlich stammt, jedenfalls wo es „wissenschaftlich“ zugeht, nur sehr weniges, was in einem Buch zu lesen ist, von dem Autor selbst“, schreibt Niklas Luhmann.[10. LUHMANN, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1992, S. 11, Fußnote 1.]

Das Beispiel ließe sich wesentlich detaillierter aufschlüsseln, wäre dann aber einen eigenen Beitrag wert. Aber bereits durch die Andeutungen dürfte der etwas nebulöse Zusammenhang zwischen Symbolischen, Sozialem und Technischem sichtbar geworden sein, deren Schnittstellen zu untersuchen die Aufgabe der Mediologie eines Régis Debray ist.


#Bonustrack. Das philosophische Mau Mau

Das folgende Netzfundstück zeigt eine fiktive Debatte über den Medienbegriff, Debray diskutiert mit Theodor W. Adorno, Erving Goffman und dem Literaturwissenschaftler Joseph Vogl. Das Video scheint als „Kreativaufgabe“ aus einem Einführungskurs in die Medienkultur hervorgegangen zu sein und könnte unter diesem Gesichtspunkt für Seminarteilnehmer von Interesse sein, die mit der Konzeption eines Multimedia-Snippets liebäugeln.


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