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Einheit einer Differenz 1

Es ließe sich wesentlich mehr zu symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien sagen. ((Luhmanns Theoriewerk läd dazu ein, sich zu verlieren.)) Zunächst soll es ausreichen, folgende Punkte festzuhalten:

  • Am Beispiel des Codes wird Luhmanns Faszination für die Mathematik George Spencer-Browns besonders deutlich: Die Einheit eines Codes wird durch seine Form gebildet, also Differenz.
  • Soziale Systeme sind Kommunikationssysteme. Sie reproduzieren sich und ihren Sinn durch Kommunikationen.
  • Medium und Form sind lose gekoppelt, wir betrachteten das Beispiel des Schachspiels oder das Zusammenspiel von Buchstaben, Worten, Sprachen (wobei das jeweils vorangegangene Medium wieder die basale Ebene der Formen für das folgende bietet).
  • Das Prozessieren, das Geschehen von Kommunikation ist von elementarer Bedeutung. „Die Sprache selbst ist Sprechen, Schreiben, Lesen; sie reproduziert die Möglichkeit der Formbildung und ist als Möglichkeit daran gebunden, dass sie benutzt wird.“ ((LUHMANN, Niklas: Einführung in die Systemtheorie, Heidelberg ²2004, S. 228.)) Der Duden ist nicht die deutsche Sprache.
  • Dem vorangegangenen Punkt ist der folgende ganz ähnlich:  Das (allgemeine) Medium ist stabiler als die (spezifische) Formbildung. ((Vgl. ebd.)) Gerade die lose Kopplung sorgt für Stabilität: Die Möglichkeiten eines Mediums spiegeln sich nie in einer Form wider und gerade diese Flexibilität sorgt für Stabilität. Formen können also rasch wechseln.
  • Sobald es zur Technisierung eines Codes kommt, sichert ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium die Autopoiesis eines Funktionssystems. ((Vgl. BARALDI, Claudio: Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, in: BARALDI, Claudio, CORSI, Giancarlo, ESPOSITO, Elena: GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt/Main 1997, S. 34.))

Grafik  | flickr-Userin Becky E | cc-Lizenz | Danke!

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Codierung

Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind binär codiert; der Code bestimmt die Form des Mediums. Zahlen/Nichtzahlen ist der Code des Geldes, wahr/nicht-wahr der Code der Wahrheit. Der jeweils zentrale Code gilt für den gesamten Medienbereich. 1

Die Binarität lässt einen dritten Wert nicht zu, (ein Brötchen kann im Rahmen wirtschaftlicher Kommunikation nur gekauft oder nicht-gekauft werden, es gilt das „tertium non datur„-Prinzip), unabhängig von den Optionen „im Leben“. 2 Es wird also drastisch Komplexität reduziert, denn alle weiteren Sinnverweisungen bleiben unberücksichtigt: Eine potentiell unendliche Zahl von Möglichkeiten wird auf zwei verringert, oder: eine analoge in eine digitale Situation gewandelt. 3 Die Reduktion der Kommunikation auf die Form der Unterscheidung zwischen positivem und negativen Wert durch Codierung ermöglicht dem System Informationsverarbeitung.

Diese Erleichterung der Informationsverarbeitungsprozesse wird auch als „Technisierung“ bezeichnet 4. Zwischen den beiden Codewerten liegt nur noch eine Grenze  die qua Negation gekreuzt werden kann; das Kreuzen wird somit besonders erleichtert: „Wenn ein Positivwert, zum Beispiel wahr, angenommen wird, bereitet es keine Schwierigkeiten, mit einer weiteren Operation zu bestimmen, was folglich unwahr wäre, nämlich die gegenteilige Aussage.“ 5 Hier liegt die entscheidende Bedeutung der Semantik: Je leichter das Kreuzen, desto mehr verfestigt sich der Code selbst zu einer invarianten Struktur. 6

An diesem Punkt eröffnen sich uns mehrere Anschlüsse, die (wenn auch nur kurz) vor der Rückbindung der Beobachtung an das Erziehungssystem aufgenommen werden müssen:

[Die Logik George Spencer-Browns.] [Paradoxien der Selbstplacierung.] [Programme.] und schließlich [Folgen für die Pädagogik.]

Ein post scriptum: Der Binärcode der Artikel-Grafik kann übrigens mit diesem kleinen Tool decodiert werden.


Anmerkungen

  1. Vgl. LUHMANN, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1998, S. 359f.
  2. Vgl. ebd., S. 360.
  3. Vgl. Ebd., S. 360.
  4. Vgl. ESPOSITO, Elena: Code, in: BARALDI, Claudio, CORSI, Giancarlo, ESPOSITO, Elena: GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt/Main 1997, S. 34.
  5. LUHMANN 1998, S. 361.
  6. Vgl. ebd. Der Positivwert („Wahrheit“, „Zahlung“…) funktioniert dabei in zweierlei Hinsicht: Als Präferenzcode für die Anschlußsicherheit und zur Legitimation der Codierung selbst.
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Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

Warum befolgen wir Aufforderungen von Autoritäten? Warum erhalten wildfremde Menschen im Kaufhaus wertvolle Produkte? Was bringt Menschen dazu, ein ganzes Leben gemeinsam zu verbringen? Was macht all diese zunächst unwahrscheinlichen Ereignisse wahrscheinlich?

Kommunikation ist das Prozessieren der Differenz von Medium und Form. Das Medium stellt dabei den Hintergrund: Buchstaben können als Medium für die Form der Worte begriffen werden, die Worte wiederum können Medium für die Form der Sätze sein und so fort; das basale Kommunikationsmedium ist folglich Sprache.

Nicht alle durch Sprache codierten Kommunikationen erfordern ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, aber jedes setzt die Ja/Nein-Codierung der Sprache voraus. 1 Ein Bedarf entsteht erst im Zuge der gesellschaftlichen Evolution qua Ausdifferenzierung und Komplexitätszuwachs. Ein Beispiel: Die Tatsache, dass mir ein Verkäufer aus heiterem Himmel seine Ware überlässt, ist unwahrscheinlich. Warum sollte er auch? Den Bäcker interessiert insgeheim herzlich wenig, ob ich hungrig bin. Aber ich kann ihm mit Hilfe von Geld zur Transaktion bewegen (und erst jetzt wird er streng genommen zum Verkäufer). Was genau hat das Geld nun bewirkt?

Wir haben es hier mit einer wirtschaftlichen Kommunikation zu tun. Der Erfolg war anfänglich unwahrscheinlich, denn der Verkäufer empfindet die Idee, mir ohne eine Gegenleistung seine Ware auszuhändigen oder diese mit mir zu teilen, als eine Zumutung und lehnt sie folglich ab. Hier springen die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien ein, deren Leistung es ist, Unwahrscheinlichkeit in Wahrscheinlichkeit zu transformieren. Beispiele für symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind Macht, (wissenschaftliche) Wahrheit, Liebe, Kunst oder Geld:

Ich akzeptiere die Zumutung Strafe zu zahlen oder auf Befehle zu hören (Macht). Ich verbringe viele Tage mit einem Menschen, auch nach Streitigkeiten (Liebe) oder ich übergebe mit Hilfe der Post und durch die Vermittlung einer Auktionsplattform im Internet einem wildfremden Menschen meinen funktionstüchtigen Computer (Geld).

Die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien bewegen den Adressaten der Kommunikation folglich zur Annahme der vorgeschlagenen Selektion, sie sind ein Motivationsmittel. 2 Und dies nicht nur im spezifischen Einzelfall, sondern im auf breiter Basis („Generalisierung“).


(Grafik  | flickr-User Joshua Davis | cc-Lizenz | Danke!)

Anmerkungen

  1. LUHMANN, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1998, S. 316.
  2. Vgl. LUHMANN, Niklas: Soziale Systeme.Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/Main 1984, S. 222.
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Medium/Form


Medien und Formen werden immer gleichzeitig reproduziert. Das Schema Medium/Form externalisiert die hochkomplexen internen Zustände der konditionierten Konditionierungen. „Es ‚objektiviert’ gewissermaßen die intern erbrachten Leistungen, indem es sich vorstellt, unter gegebenen Möglichkeiten die eine oder die andere zu wählen.“ ((Vgl. LUHMANN, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt/Main 2002, S. 89.))

Luhmann zieht einen Vergleich mit dem Schachspiel: Angesichts einer spezifischen, selbsterzeugten Stellung betrachtet man das Spiel (als Möglichkeitsraum, der im Laufe des bisherigen Spiels eingeschränkt wurde) und entscheidet den nächsten Zug. Im Medium des Spiels wird die eine oder die andere Form realisiert. ((Vgl.  ebd.)) Das Medium muss aus aktuellen Gegebenheiten laufend neu konstruiert werden. Es ist auch augenscheinlich, dass Medium und Form keine Gegenbegriffe im strengen Sinne sind: Das Medium begrenzt vielmehr die Menge der möglichen Formen.

Wir können die Analyse nun schärfer fassen: Wie an anderer Stelle schon angedeutet worden ist, fehlt dem Erziehungssystem ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Die Folgen dieses Defizits treten nun klarer zu Tage: Wenn die bisherige Form der Lehre paradox konstituiert ist und immer wieder Doublebinds drohen, dann lässt sich dieses Dilemma nicht ohne Berücksichtigung eines (Kommunikations-) Mediums bearbeiten. Wenn von Misstrauen und Simulationsverdacht die Rede war, dann lassen sich diese Probleme als eine mangelnde Objektivierung der Lehr- und Lernprozesse beschreiben.

Der Blick muss sich nun also auf das fehlende symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium richten.

[Edit: Daher zunächst eine Begriffsklärung.]


Grafik  | flickr-User Csaba Bajkó | cc-Lizenz | Danke!

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Wirt-schaft, Plural: Wirt-schaf-ten.

Im Gegensatz zum Wirtschaftssystem leistet sich das Erziehungssystem kaum Entropie.  Dies kann anhand der top down/bottom up-Unterscheidung symbolisiert werden.

Im Wirtschaftssystem garantieren basale Ereignisse eine hinreichende Instabilität zur Reproduktion: Geld, als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, ermöglicht diese Zahlungsereignisse; sie bilden den Code des Wirtschaftssystems entlang der Differenz von Zahlung und Nichtzahlung.  Somit reproduziert sich das System quasi „von unten“ und ist in hohem Maße dynamisch: „Märkte erlauben eine soziale Ordnungsbildung ohne Interaktion und mit hohem Reaktionstempo. Das System reagiert nicht auf Strukturvorgaben, sondern auf Ereignisse und deren Antizipation.“ ((BRÜSEMEISTER, Thomas: Das Erziehungssystem zwischen Code und regionaler Differenzierung. Vergleiche mit dem Wirtschaftssystem, in: EHRENSPECK, Yvonne, LENZEN, Dieter (Hg.): Beobachtungen des Erziehungssystems. Systemtheoretische Perspektiven, 2006, S. 198.))

Das Erziehungssystem, insbesondere das Subsystem Schule, traut diesem entropischen bottom up-Verfahren nicht. Es richtet sich nach der „Governanceform“ Hierachie ((Ebd.)), einer top down-Regulierung von Seite des Staates. Nicht der Schüler bestimmt, was er lernen will; nicht einmal der Lehrer, sondern Kultusministerkonferenzen. Man muss nicht neoliberaler Marktfundamentalist sein, um sowas bedenkenswert zu finden.


Grafik  | flickr-User travel aficionado | cc-Lizenz | Danke!

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Ausblick

Mit dem Zwischenfazit ist nach einem Monat die Ouvertüre zu diesem Blog beendet. Der Problemkreis um Selbstreferenz, Paradoxien und strukturelle Defizite Ist (mit Blick auf das Erziehungssystem) angedeutet. In naher Zukunft werden die Beiträge in eine andere Richtung gehen; natürlich ohne das bisher Gesagte außer Acht zu lassen, im Gegenteil: Paradoxien und seltsame Schleifen werden uns als Grundlage immer begleiten. Nur wird der Blick sich in der nächsten Zeit auf eher praktische Fragen zur Verflüssigung der Paradoxien richten, die zahlreichen Anschluss-möglichkeiten im Résumé lassen erahnen, worüber zu sprechen sein wird.

Als Basis für den weiteren Weg soll eine Gegenüberstellung von Wirtschafts- und Schulsystem dienen, die ich ähnlich bei Thomas Brüsemeister fand. ((BRÜSEMEISTER, Thomas: Das Erziehungssystem zwischen Code und regionaler Differenzierung. Vergleiche mit dem Wirtschaftssystem, in: EHRENSPECK, Yvonne, LENZEN, Dieter (Hg.): Beobachtungen des Erziehungssystems. Systemtheoretische Perspektiven, 2006, S. 206.)) Ausgehend von der Unterscheidung zwischen bottom up und top down nähern wir uns der grassroots-Bewegung an, um im Anschluss Fragen nach dem generalisierten Kommunikationsmedium zu fokussieren.

Wirtschaftssystem Schulsystem
1. Das System reproduziert sich über… Ereignisse (bottom up) Governance (top down)
1.1. Basale Elemente Zahlungen/Nichtzahlungen „organisierte Interaktion“
1.2.  Bezugsproblem „Erzeugung und Regulierung von Knappheiten zur Entproblematisierung künftiger Bedürfnisbefriedigung.“ Selektion von Lebenschancen von Schülern für die Teilhabe an gesellschaftlicher Kommunikation (selektiver Umgang mit Personen/Karrieren)
2. Sekundärordnung nachgeordnet (z.B. Banken), stattdessen: Markt, der Ungleichheiten bei Bedürfnissen und Knappheiten voraussetzt und diese reproduziert (hohe Entropie) an erster Stelle Hierarchie, Steuerung im Sinne einer Inklusion aller (hohes Steuerungsbedürfnis)
3. Symbolisch generalisiertes Kommunikations-medium Geld bislang keines
4. Regionale Differenzierungen kommen vor (spielen jedoch in Luhmanns Beobachtungen kaum eine Rolle) sind störend für das Gleichgewichtspostulat einer Inklusion aller
5. Neuere Entwicklung (hier ausgeblendet) formative Leistungsbeurteilungen als neues Medium?

Eine letzte verfahrenstechnische Anmerkung: Da ich in den nächsten Wochen viel zu tun haben werde, kann der (fast) tägliche Erscheinungstakt vorerst nicht beibehalten werden. Statt dessen werden regelmäßig alle zwei bis drei Tage neue Beiträge auf seltsame-schleifen.com veröffentlicht.


Grafik | flickr-User Evan Lane | cc-Lizenz | Danke!