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(Lern–)Räume der nächsten Gesellschaft.
Ein Rückblick auf das Bremer EduCamp


Am letzten Wochenende, am 18. und 19. März, fand in Bremen das siebte EduCamp im deutschsprachigen Raum statt. Es handelte sich dabei um eine kenntnisreich und passioniert organisierte Unkonferenz, für deren Ermöglichung dem Team um Thomas Bernhardt Dank und Respekt gebührt. Nach und nach beginnen die Dokumentation und Aufarbeitung des Barcamps.
Ich möchte im folgenden Beitrag kurz auf einen Aspekt eingehen, der meines Erachtens entscheidend zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hat und an dem exemplarisch für die Zukunft – nicht nur der EduCamps! – gelernt werden kann: Raum. Ein Begriff, der gegenwärtig und quer durch alle Disziplinen eine unerwartete Renaissance erlebt und mit dessen Verwendung man sich große Hypotheken einhandelt. Im Folgenden sei daher unter Bezug auf „Raum“ nicht nur (aber auch) von archtitektonischer Umgebung die Rede, sondern von Umgebungen in einem erweiterten Sinne: Ich schlage vor, Raum als Medium zu begreifen, dass Form-Bildungen gestattet – eine Lesart, die digitale Räume explizit nicht ausschließt und die Unterscheidung von Analog/Digital von vornherein zu unterlaufen versucht. Weiterlesen

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Lovink/Riemens: »Zwölf Thesen zu Wikileaks«

Bei den »Zwölf Thesen zu Wikileaks« von Geert Lovink und Patrice Riemens (soeben erschienen in: Heinrich Geisenberger (Hrsg.): Wikileaks und die Folgen. Netz – Medien – Politik, Frankfurt am Main 2011) handelt es sich um ein lesenswertes und hinreichend lose gekoppeltes Ideenmosaik, das zum Weiterdenken einlädt. Diese als Blogartikel getarnte Lektürenotiz versammelt mögliche Varianten – denn die von Lovink/Riemens aufgestellten Thesen scheinen auf den ersten (und auch zweiten) Blick für weitere Theoriearbeit anschlussfähig. Eine englische Urfassung (August 2010) des kurzen Essays mit zehn Thesen findet sich hier. Weiterlesen →

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Ordnungen

»Während wir kommunikativ ohne größere Mühen im Internet unterwegs sind, stecken wir intellektuell häufig noch in der Moderne und emotional in der Antike. Wir wünschen uns das Buch, das uns erklärt, woran wir sind; und wir sehnen uns zurück in aristotelische Zeiten, in denen der Mensch noch das Maß aller Dinge schien und alles im Kosmos seinen eigenen und wohl verdienten Platz hatte.«

Dirk Baecker – Wie in einer Krise die Gesellschaft funktioniert, SWR2 Essay, 13.09. 2010. Link. Manuskript (pdf).

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Die Ordnung der … Bücher.

“… denn wenn ich eine besondere Bedeutung für »ordentlich« habe, dann werden mir einige »Ordnungen« anderer Leute als Durcheinander vorkommen – selbst wenn wir uns über das meiste einig sind, was wir als Durcheinander bezeichnen -” Gregory Bateson¹

Bücher

Gestern spielte ich kurzfristig mit dem Gedanken, für (neue) Ordnung in meiner (zugegebenermaßen recht bescheidenen) Büchersammlung zu sorgen. Enthusiastisch begab ich mich zum Regal; dort fand der Enthusiasmus aber alsbald ein jähes Ende: Wenn schon ordnen, dann richtig. Aber welche Ordnung ist die richtige? Mir schwante, dass diese Frage zu groß für ein kurzes Ordnungsprojekt am frühen Sonntagabend sein könnte. Ich beschloss, einen Hilferuf über Twitter zu senden (ärgerlich: Der Rechtschreibfehler. Eigentlich kann ich “Bücherregal” schreiben).

Regaltweet

Mittlerweile zweifelte ich an der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Aber Menschen mit einer Passion für Bücher (oder wahlweise: Schallplatten, CDs etc.) werden das Problem kennen: Eine Sortierung nach Verlagen korrumpiert jede thematische Ordnung, thematische Ordnungen sind mit Blick auf einzelne Bücher kontingent (Spencer Brown: “Philosophische Logik” oder “Systemtheorie/Konstruktivismus”?) – und überhaupt: wieso dann bei groben Vereinfachungen wie wissenschaftlichen Disziplinen stehenbleiben? Warum nicht einfach nach ästhetischen Prämissen vorgehen und die elegante “schwarze Reihe” von Suhrkamp als Basis nehmen und dann weiter nach Farbe (oder Format) sortieren? Nein – das würde die geliebte Luhmann-Abteilung zerfleddern. Gleiches gilt übrigens für die Verlags-Sortierung (Suhrkamp, Carl Auer, Merve, VS und einige mehr). Macht es heute (nach Chaostheorie, Theorien selbstorganisierender Systeme und Kommunikationen mit Zettelkästen) überhaupt noch Sinn, nach einer Ordnung des Ganzen, dem kata logos, zu suchen? “Triff eine Unterscheidung und du erschaffst ein Universum”, fasst Felix Lau die “Laws of Form” von Spencer Brown zusammen.² – Mir würde zunächst ein ordentliches Regal reichen.

Inzwischen gibt es Resonanzen auf den Hilferuf: Ich erhalte Antworten von ↳@FriederK, ↳@euboii, ↳@wruge und ↳@xenzen, die im Laufe des Abends die Frage sogar – und das beeindruckt mich wirklich – als Anlass für einen Artikel im ↳Stabi-Blog nimmt. Dort wird auf den indischen Bibliothekswissenschaftler ↳Ranganathan verwiesen, dessen fünftes Gesetz der Bibliothekswissenschaft eine Bibliothek als einen wachsenden Organismus bezeichnet („A library is a growing organism“). Also doch Selbstorganisation?

xenzen

Das Fazit: Das “Projekt: Neuordnung” liegt auf Eis. Nicht zuletzt auch, weil Anne mich in einem ↳letzten Tweet auf ein Buch hinwies, das vor einiger Zeit ganz oben auf meiner Leseliste stand (ich dann aber wie so oft aus den Augen verlor und das nun glücklicherweise wieder präsent ist): ↳”Zettelwirtschaft : die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek” von Markus Krajewski. Bis dahin: Mut zu losen Kopplungen: “Will man einen Kommunikationspartner aufziehen, ist es gut, ihn von vornherein mit Selbstständigkeit auszustatten”, schreibt Luhmann.³

Vielen Dank an all jene, die mir mit Ratschlägen zur Seite standen. Vielleicht reihen sich hier ja auch noch Interessierte ein?


¹ Gregory Bateson: Ökologie des Geistes, Frankfurt/Main 1985, S. 33.

² Felix Lau: Die Form der Paradoxie, Heidelberg ³2008, S. 195.

³ Niklas Luhmann: Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht, in: ders.: Universität als Milieu, Bielefeld 1992, S. 58.

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study.log

studylog

Leider mangelt es mir gerade an Zeit, seltsame-schleifen.com in der gewohnten Regelmäßigkeit zu aktualisieren. Das traditionell arbeitsreiche Semesterende fordert seinen Tribut; und weil der nächste thematisch anschließende Beitrag der Beobachtungen von zentraler Bedeutung ist, soll er auch nicht übereilt veröffentlicht werden. Ich bitte meine Leser/innen um etwas Geduld, ab Februar wird der Veröffentlichungsmodus hier hoffentlich zum gewohnten Rhythmus zurück finden.

Nebenbei: Ein ganz praktischer Grund für die ungewohnt geringe Veröffentlichungsdichte hängt übrigens thematisch und praktisch ganz eng mit den Ideen dieses Blogs zusammen: Ich betreue nun und blogge über die nächste Entwicklungsphase einer Software namens „study.log“, einem kumultativen Knowledge Construction Tool, das am Arbeitsbereich Medien & Bildung/MultiMedia-Studio des Fachbereiches Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg von Prof. Dr. Torsten Meyer und seinen Mitarbeitern konzipiert und entwickelt wurde.

„Wissen ist ein prozessgebundener Systemzustand. Eine direkte Übertragung von Wissen aus dem einen Kopf in den anderen ist völlig unmöglich.“ (Torsten Meyer für das study.log-Team)

Das Programm bewegt sich irgendwo zwischen digitalem Zettelkasten, interaktivem (Lern-)Logbuch und ästhetisch visualisiertem Mind-Map-Tool und ist auf der Seite studylog.de kostenlos downloadbar. Die Nutzer können im Rahmen der kollaborativ konzipierten „nächsten Phase“ an der Weiterentwicklung des Tools partizipieren und studylog.de bildet in diesem Rahmen eine erste Kommunikationsofferte. Jeder (und insbesondere natürlich die Leser meines Blogs) sind herzlich dazu eingeladen, das Programm ausgiebig zu testen und an der Entwicklung von study.log Teil zu haben!

„Es sich um die einzigartige Möglichkeit, die zukünftige Entwicklung eines Wissenorganisationstools maßgeblich und ganz im Sinne eines „grassroots“-Konzepts mit zu beeinflussen: Das Programm ist „under construction – always beta“; alles andere wäre Zeugnis einer falschen Auffassung der Dynamik neuer Kommunikationstechnologien.“ (aus dem Initialbeitrag)


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„Ohne zu schreiben, kann man nicht denken…“

„… jedenfalls nicht in anspruchsvoller, anschlussfähiger Weise“, schreibt Luhmann. ((LUHMANN, Niklas: Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht, in:
 ders.:
 Universität 
als 
Milieu.
 Kleine
 Schriften, 
Bielefeld 1992, 
S.
53.
))

Ein etwas anderer Zwischenstand: Die vorliegende Grafik visualisiert die Korrelationen der Schlagworte, welche den Beiträgen dieses Blogs bisher zugeordnet worden sind. ((Auf einige weniger zentrale und einmalig genutzte Schlagworte wurde bei der Darstellung verzichtet.)) Das Zusammenfallen zweier Tags in einem Artikel wird durch wechselseitige Verbindungen repräsentiert; das Resultat ist eine erste Landkarte der bisherigen Beobachtungen.

Die Visualisierung basiert übrigens auf einem kleinen Open Source-Programm der Tufts-University mit dem Namen „Visual Understanding Environment„, kurz: VUE.


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Wirt-schaft, Plural: Wirt-schaf-ten.

Im Gegensatz zum Wirtschaftssystem leistet sich das Erziehungssystem kaum Entropie.  Dies kann anhand der top down/bottom up-Unterscheidung symbolisiert werden.

Im Wirtschaftssystem garantieren basale Ereignisse eine hinreichende Instabilität zur Reproduktion: Geld, als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, ermöglicht diese Zahlungsereignisse; sie bilden den Code des Wirtschaftssystems entlang der Differenz von Zahlung und Nichtzahlung.  Somit reproduziert sich das System quasi „von unten“ und ist in hohem Maße dynamisch: „Märkte erlauben eine soziale Ordnungsbildung ohne Interaktion und mit hohem Reaktionstempo. Das System reagiert nicht auf Strukturvorgaben, sondern auf Ereignisse und deren Antizipation.“ ((BRÜSEMEISTER, Thomas: Das Erziehungssystem zwischen Code und regionaler Differenzierung. Vergleiche mit dem Wirtschaftssystem, in: EHRENSPECK, Yvonne, LENZEN, Dieter (Hg.): Beobachtungen des Erziehungssystems. Systemtheoretische Perspektiven, 2006, S. 198.))

Das Erziehungssystem, insbesondere das Subsystem Schule, traut diesem entropischen bottom up-Verfahren nicht. Es richtet sich nach der „Governanceform“ Hierachie ((Ebd.)), einer top down-Regulierung von Seite des Staates. Nicht der Schüler bestimmt, was er lernen will; nicht einmal der Lehrer, sondern Kultusministerkonferenzen. Man muss nicht neoliberaler Marktfundamentalist sein, um sowas bedenkenswert zu finden.


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