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Selbstreferenz, Fremdreferenz und kauzige Irre

Gestern Abend hörte ich den Vortrag einen Mitschnitt des Vortrags »”Alteuropa” und “Der Soziologe” – Wie verhält sich Niklas Luhmanns Theorie zur philosophischen Tradition?« von Hans Ulrich Gumbrecht.¹

Gumbrecht entwickelt auf kurzweilige Art und Weise eine Skizze der Luhmann’schen Selbst- und Fremdreferenzen, die (wie sollte es anders sein?) in hohem Maße von der Beobachterposition des Vortragenden und seinen eigenen Unterscheidungen geprägt ist; diese Überlegungen ergeben dabei aber eine interessante Konstruktion: Gumbrechts Fremdreferenz auf Luhmanns Fremdreferenz, die nach Gumbrecht insgeheim eine (“schräge”) Selbstreferenz Luhmanns ist. Eine kurze Passage, in der Verweise auf andere Theoretiker in Luhmanns Werk thematisiert werden:

Etwas ähnliches geschieht drittens, wenn Luhmann andere Theorieautoren zitiert. Er zitiert ja andere Theorieautoren immer ohne weitere Einführung, so dass man als Leser permanent ein schlechtes Gewissen hat, weil man normalerweise diese Theorieautoren nicht kennt. Also er fängt dann an, sagt: “Spencer Brown sagt…” – Spencer Brown? Keine Ahnung. Aber der Fall ist eigentlich, dass Gotthard Günther, auf den Luhmann immer wieder kanonisch verweist als den Erfinder der dreiwertigen Logik, also auf Nachfrage bei meinen philosophischen Kollegen keinerlei Rolle in der Geschichte der Logik des 20. Jahrhunderts spielt. Dass Humberto Maturana, “der große Biologe der Vision” in Luhmanns Büchern, also ganz bestimmt kein Kandidat für einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis je war, nicht einmal für einen chilenischen Nationalpreis. Dass Fritz Heider, auf den Luhmann immer wieder verweist, einzig und allein der Autor eines einzigen Aufsatzes zum Begriff der Form, übrigens aus dem Jahr 1926, ist. Dass Heinz von Foerster ein sympathischer, kauziger, emeritierter Ingenieurswissenschaftler ist. Und ich möchte auch noch darauf hinweisen, dass meine Kollegen im Department of Mathematics in Stanford George Spencer Brown, und ich übertreibe nicht, mit Verlaub für einen armen Irren halten. Für einen armen Irren der Mathematik. Obwohl ich gehört habe, dass alle Soziologieinstitute in Deutschland, die auf sich halten, mindestens einen Spencer Brown-Spezialisten bezahlen.

So fragt man sich also am Ende, ob nicht all diese Fremdreferenzen auf vermeintliche Theorieautoritäten Permutationen des Namens Niklas Luhmann sind.

Der Vortrag ist ebenso unterhaltsam wie empfehlenswert (allein unter humoristischen Gesichtspunkten). Ansonsten gilt: Alles nicht zu ernst nehmen.


¹ In: Stephan Krass (Hg.): Niklas Luhmann — Beobachtungen der Moderne. CD in der Reihe “Freiburger Reden—Denker auf der Bühne.” Edition SWR2. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag) 2000.