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Versuch über Hacking als soziale Form


Die Rede vom „Hacking“ und ihrem Protagonisten, dem Hacker, feiert seit einiger Zeit ein bemerkenswertes Comeback. Das ist sicher kein Zufall, wenn man mit Dirk Baecker in Rechnung stellt, dass sich der Hacker anschickt, den Intellektuellen der modernen Buchdruckgesellschaft in einer Weise zu beerben, wie jener einst den Priester antiker Hochkulturen beerbte. Grund genug, genauer hinzuschauen. Weiterlesen

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#Buchkultur

buchdruck

#Einführung

In seiner Skizze der Buchkultur als Informationsgesellschaft entwirft Michael Giesecke eine kommunikationsgeschichtliche Analyse des Buchdrucks und seiner gesellschaftlichen Implikationen. Kommunikation beschreibt er dabei als „soziale Informationsverarbeitung“1, diese Kommunikationsterminologie rekurriert auf den Begriffsumfang eines Informationssystems, das über technische Aspekte weit hinausreicht und „Menschen, psychische Instanzen, soziale oder technische Systeme, Tiere usf.“2 einschließt. Von einem vergleichsweise umfassenden und abstrakten informations- und medientheoretischem Zugang zum Buchdruck verspricht sich Giesecke eine vollständigere Analyse als sie beispielsweise durch einen rein ökonomischen Erklärungsansatz gewährleistet werden kann. Er operiert mit einer systemtheoretischen System/Umwelt-Differenz, die ein informationsverarbeitendes System prinzipiell zur Selegierung von Informationen aus einer überkomplexen Umwelt bestimmt; „Informationsmedien können, kurz gesagt, als Umweltausschnitte aufgefasst werden.“ 3 Als Kommunikation beschreibt Giesecke „[…] einen Spezialfall der Informationsverarbeitung, nämlich jenen, bei dem zwei unabhängige Prozessoren die Information eines Mediums parallel verarbeiten.“ 4

 

#Anwendung

Auch Giesecke arbeitet für verschiedene Epochen unterschiedliche Hauptverbreitungsmedien (bzw. „das Zusammenwirken von Menschen und Schlüsseltechnologien“) heraus, die sich zwar nicht gegenseitig ausschließen, aber Prämierungen erfahren und somit zu einer „relativen Abwertung anderer Medien und Verständigungsformen“ 5 führen.  Aus dem Verständnis der letzten großen Medienrevolution, der Einführung des Buchdrucks vor 550 Jahren, verspricht sich der Medientheoretiker einen Erkenntnisgewinn für den rezenten Umbruch an der Schwelle zur Computergesellschaft. Neben der Druckmaschine Gutenbergs als technischem Instrument und der damit einhergehenden Beschleunigung des Informationsaustausches berücksichtigt Giesecke seiner Konzeption eines Informationssystems im weiten Sinne gemäß zusätzliche Aspekte in seiner Untersuchung; darunter fallen beispielsweise der freie Markt und damit einhergehende Distributionsformen, neue Wahrnehmungen und Verhaltensscripts bei Autoren und Adressaten, die sich dann in einer Standardisierung, Neuordnung und Verwissenschaftlichung von Sprache, Erkenntnis und Informationsverarbeitung niederschlagen.

 

#Hardware

Wurden Handschriften zuvorderst in lokal limitierten Interaktionssystemen oder Organisationen unter Rückgriff auf stratifizierte Kommunikationbahnen mit ihren hierarchisierten Instanzenwegen genutzt, bewirkt der freie Markt als Prozessor eine völlig neue Form der Vernetzung. Diese löst sich zunehmend von der traditionalen Hierarchie ab und stellt auf die Differenz Zahlen/Nicht-Zahlen ab: „Wer Geld besaß konnte drucken lassen und die Druckerzeugnisse kaufen.“ 6 im Zuge dessen gewinnt das neue Massenkommunikationsmedium ein zunehmend hohes Maß an Autonomie, das Giesecke als „Monomedialität“ beschreibt. Mit abnehmender Bedeutung von Interaktionssystemen geht eine gesteigerte Bedeutung des „neuen Mediums“ einher: Von der handschriftlichen Gedächtnisstütze entwickelt sich das Buch zum öffentlichen und autonomen Informationsmedium – mit weitreichenden Folgen.

 

#Software

Die nunmehr interaktionsfrei mögliche Weitergabe von Wissen wirkt unmittelbar auf Autoren und Adressaten ein: Eine Standardisierung der Informationsverarbeitung (die Giesecke als den „eigentliche[n] Grund für die Ausbreitung der neuzeitlichen Wissenschaften“ 7 ausmacht) führt zu einer Fixierung neuer Spielregeln (beispielsweise der standardisierten Bedeutung einzelner Worte im Rahmen der Kodifizierung von Wörterbüchern oder der Umstellung des stratifizierten Informationsmodells der Logosphäre auf ein (natur-)wissenschaftlich-empirisch fundiertes für die Graphosphäre, um den gleichen Gedanken mit Debray zu reformulieren) und somit „[…] zu einer hochgradigen Normierung der sozialen Informationsverarbeitung“ 8 – einen Sachverhalt, den ich einleitend als „Scripts“ bezeichnet hatte. Im Rahmen dieser Neuprogrammierung spricht Giesecke dann analog von „Software“ und meint damit allgemeine Dispositionen, die mit den notwendig gewordenen Neuerungen der Erkenntnistheorie und ihrer Legitimationsstrategien einher geht. Die informationsverarbeitenden Systeme, die nicht allzu alteuropäisch mit „dem Leser“ gleichgesetzt werden sollten (wie es Giesecke das eine oder andere Mal unterläuft und er damit aus meiner Perspektive nicht hinreichend trennscharf zwischen Kommunikationssystemen und lebenden Systemen differenziert) tasten ihre Umwelt nun mit neuen Unterscheidungen nach Maßgabe des neuen Mediums ab.

 

#Fragen, Anschlüsse

  • „Das Web 2.0 als partizipatives Mitmachnetz ist eben nicht nur die Umstellung von Objektivität auf Authentizität, sondern auch von Expertokratie auf die Mediokratie des Wissens, auf Mittelmäßigkeit“, schreibt Stephan A. Jansen 9 – ähnelt diese Skepsis vor Vergesellschaftung von Information und „Arkana“ nicht auf bezeichnende Weise dem Passus des Tübinger Schreibmeisters Valentin Boltz (* vor 1515, ✝ 1560), den Giesecke anführt? „Sie vermeinen man solt die dinge nicht gemein machen/ zu verkleinerung der kunst.“ 10 Was kann aus der historischen Parallelität der (vermeintlichen) Bedrohung des Expertenwissens durch eine Mediokratie für unsere Situation gewonnen werden? Lohnt sich ein struktureller Vergleich des „Kontrollverlusts“ 11 bei der Umstellung des gesellschaftlichen Hauptverbreitungsmediums? Sind ähnliche Ressentiments für nichteuropäische Kulturen überliefert?
  • Kausalität als Medium. Wenn mit Giesecke eine „Kultur in einem Akt der Selbstimplikation ein bestimmtes Medium prämiert und zur Identifikationsstiftung [heranzieht]“ 12 – wird dann nicht Ursache und Wirkung verkannt? Wie kann Kausalität überhaupt medial fassbar gemacht werden? Die Beantwortung dieser Frage scheint einen eigenständigen Artikel wert zu sein.

 

#Bonustrack

„Helpdesk im Mittelalter“ – dieses Video kann mittlerweile als ein Klassiker der Blogosphäre bezeichnet werden; sollten es potentielle Leser nicht kennen, lohnt es sich, den Film im Kontext des Giesecke-Textes zu beobachten: „Natürlich muss der Computerbenutzer die Buchstaben auf den Tasten lesen können, darüber hinaus ist ein Mindestmaß von an Kenntnissen über die Programme erforderlich. Und genauso muss auch der Leser die Programme kennen, nach denen der Autor seine Informationen gewonnen und dargestellt hat.“ 13

(Grafik: „Gutenberg Bible Page“ von flickr-Userin Jessamyn West. CC-Lizenz. Danke!)

Anmerkungen

  1. GIESECKE, Michael: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie, Frankfurt/Main 2002, S. 45.
  2. Ebd., S. 46.
  3. Ebd., S. 53.
  4. Ebd., S. 53. Vgl. auch GIESECKE, Michael: Einführung in die allgemeine Kommunikations- und Medienlehre. Skript Sommersemester 2000, S.7 (online im Internet): „Das informationstheoretische Kommunikationskonzept – Kommunikation als Parallelverarbeitung  von  Informationen  durch  mindestens  zwei  unabhängige  aber vernetzte Informationssysteme – ist ein abstraktes Modell, das wir erst seit kurzem zur Verfügung haben. Es läßt sich auf die unmittelbare face-to-face-Kommunikation ebenso anwenden, wie auf die technisierte Massenkommunikation, die Mensch-Maschine, sowie die Maschine-Maschine-Kommunikation.“
  5. Ebd., S. 47.
  6. GIESECKE, Mythen, S. 59.] Die neue Struktur erweist sich als wesentlich flexibler und durchlässiger und führt zu einer Beschleunigung und Vergesellschaftung von Information; 14Vgl. Ebd., S. 63.
  7. Ebd., S. 69.
  8. Ebd., S. 71. Vgl auch SANDBOTHE, Mike: Medien – Kommunikation – Kultur. Grundlagen einer pragmatischen Kulturwissenschaft: „Die ersten deutschen Wörterbücher und Grammatiken wurden im 16. Jahrhundert als Gebrauchsanleitungen verfasst, die Skribenten, welche für das Typographeum schrieben, zu beachten hatten, um gedruckt zu werden.“
  9. JANSEN, Stephan: Schwärmen für Schwärme, in: brand eins 12/08, S. 166- 167. Online hier. (26.05. 2009)
  10. GIESECKE, Mythen, S. 75.
  11. Vgl. ebd., S. 62f.
  12. Vgl. ebd., S. 46.
  13. Ebd., S. 69.
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„Hello world“ – esoterisch…

… oder in fünf Schritten von Räucherstäbchen zu nicht-trivialen Maschinen.

„Esoterik“ ist für gewöhnlich ein Wort, dass müdes Abwinken oder Fluch(t)reflexe bei mir hervorruft. Umso überraschter war ich, als ich vorhin über den Wikipedia-Artikel zu „Piet“ stolperte – eine sogenannte „esoterische Programmiersprache“. Und weiterlas…

Nun bedeutet εσωτερική (esōterikós) zunächst nicht mehr als „innerlich“ und hat folglich noch nicht viel mit Mystik oder Spiritualität zu tun. Vielmehr bezog sich der Begriff in der Geistesgeschichte auf Formen des Wissens, die im Gegensatz zum öffentlichen (exoterischen) Gedankengut nur einem kleinen Teil von Eingeweihten zugänglich war; somit kann für die Form des Wissens eine Unterscheidung zwischen innen und außen, zwischen eso- und exoterischem Wissen getroffen werden. Unterscheidung ist dabei immer notwenig eine Form mit zwei Seiten, wobei eine der beiden Seiten angezeigt wird („esoterisch!“). Die Einheit von Unterscheidung und Anzeige nennen wir Beobachtung. Werfen wir also einen Blick auf esoterische Programmiersprachen:

Im Gegensatz zu praktischen und für den alltäglichen Einsatz konzipierten Programmiersprachen folgt in diesen Fällen die Form nicht der Funktion. Hacker, Informatiker, Code-Poeten und Computer-Ästhetiker testen die Grenzen von Sprache und Design aus, praktische Anwendbarkeit („usability“) tritt in den Hintergrund. Es werden bespielsweise sogenannte „nicht-deterministische Sprachen“ genutzt; diese machen es unmöglich, vom aktuellen Stand des Programms aus einen Folgezustand zu antizipieren. Das Konzept erinnert an Heinz von Foersters nicht-triviale Maschinen. Dass Zufälligkeit für Computerprogramme nur schwer marktfähig ist, ist leicht einzusehen. Ihre Bedeutung liegt eher im Kontext der Designentwicklung von Sprachen oder Systemen; Gesichtspunkte, unter denen sie insbesondere in Forschung und Lehre zum Einsatz kommen.

Die Abbildung zeigt übrigens das berühmte „Hello World“-Programm in der oben schon erwähnten esoterischen Programmiersprache Piet. Der Name ist eine Reminiszenz an den niederländischen Künstler Piet Mondrian, einen Pionier der abstrakten Kunst. Die kleinste semantische Einheit der Sprache sind sogenannte „Codels“, ein Kompositum auf Basis von „Code“ und „Pixel“ – grafische Beispiele finden sich auf der Homepage des Piet-Erfinders David Morgan-Mar.

Das alles hat nichts von Transzendenz oder Räucherstäbchen. Wir können beruhigt sein.