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Bielefeld und andere Religionen.


Eine kurze Notiz zu einer besonderen Seminarsitzung. Im laufenden Wintersemester 2009/2010 begleite ich als Tutor das Hauptseminar „Was kann ich wissen? Mediale Bedingungen und Grenzen des Wissens“ von Christina Schwalbe. Ausgehend von der ersten der vier kantischen Fragen werden Bedingungen der Möglichkeit von Wissen und Bildung unter besonderer Berücksichtigung aktueller Medien erörtert. Als theoretische Grundlage dient dabei der Entwurf einer strukturalen Medienbildung nach Winfried Marotzki undBenjamin Jörissen. Die Herausforderungen und Chancen rezenter Entwicklungen werden von den SeminarteilnehmerInnen in einem im neuen Jahr anschließenden Praxisteil durch eigene „Feld“forschungen analysiert. Weiterlesen

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#Giesecke

Michael Giesecke präsentiert unter der Überschrift „Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten der Informationsgesellschaft von der Buchkultur“ ein von der Sozialpsychologie inspiriertes und mediengeschichtlich interpretiertes Phasenmodell des Generationswechsels. Dabei arbeitet er unter Rückgriff auf gruppendynamische Forschung drei Phasen heraus, für die er im folgenden eine Geltung sowohl bei der Beschreibung menschlicher Sozialisationsprozesse als auch für die Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien beansprucht: Ablösung, Gegenabhängigkeit und Autonomie. Weiterlesen

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#Snippet

previewEin kurzer Einblick in die Werkstatt: Ich habe am Multimedia-Snippet zur Visualisierung eines systemtheoretischen Medienbegriffes nach Luhmann gearbeitet, bin mir zum gegebenen Zeitpunkt aber nach wie vor nicht sicher, ob das Vorhaben als Flashfilm oder mittels einer Stop/Motion-Animation verwirklicht werden soll. Aus diesem Grund wird hier fürs Erste nur eine Konzeptskizze präsentiert, die auf die eine oder andere Weise realisiert werden kann. Zum Hintergrund des Medienbegriffes vgl. den Artikel #Medium.

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#Debray

debray

#McLuhan und Debray

„Clearly, my classification resembles his in so far as each historical period is governed by major shifts in the technologies of transmission“, antwortet Régis Debray im Interview mit Andrew Joscelyne auf die Frage, wie er sich zur Theorie Marshall McLuhans verorte.[1. „Revolution in the Revolution“, Interview in Wired Digital. Aufruf am 03.05. 2009.] Debrays Konzept der „Mediosphären“ schließt konzeptuell an McLuhans Epochenabgrenzungen durch unterschiedliche Leitmedien an. Mit Blick auf den Begriff des Mediums selbst aber distanziert sich Debray von der „verschwommenen“[2. „I also feel that McLuhan blurred over some fairly complex issues in his famous „the medium is the message“ sound bite.“, vgl. ebenda.] und „verwirrlichen“[7. DEBRAY, Régis: Einführung in die Mediologie, Bern u.a. 2003, S. 45.] Konzeption McLuhans („the medium ist he message“), die seiner komplexeren Definition nicht gerecht wird und gleichsam nur das Erdgeschoß[7. DEBRAY, Régis: Für eine Mediologie, in: VOGL, Jospeh, PIAS, Claus (Hg.): Kursbuch Medienkultur, Stuttgart, 1999, S. 67.] beim Errichten des mediologischen Gedankengebäudes bilden dürfe. Die Tatsache, dass es ohne Medium keine Botschaft gebe, bezeichnet er als trivial; ein Sophismus sei es jedoch, aus diesem Umstand zu schließen, beides sei dasselbe.[4. Ebenda, S. 46. Dennoch, und das gesteht DEBRAY ein, verifiziere gerade die Sloganhaftigkeit des McLUHAN’schen Diktums und seine allgegenwärtige Verbreitung die Bedeutung des Mediums – eine self-fulfilling prophecy!] Das Verständnis des Mediums als Mittler für Botschaften sei zwar notwendig für eine vollständige Analyse, alleine jedoch nicht hinreichend; verbliebe man auf diese Weise im Erdgeschoß, gerate man förmlich in eine „substanzialistische Falle“: „Die Objekte und Werke zählen nämlich weniger als die Operationen. Hüten wir uns vor der substanzialistischen Falle, indem wir das Medium als Dispositiv in die Mediation als Disposition integrieren.“[9. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 67.]

Hier geht Régis Debray über das an McLuhan anschließende Konzept vom Medium als technischem Mittel zur Beförderung einer Botschaft hinaus; seine Dekomposition des Begriffs unterscheidet verschiedene Ebenen des Mediums, die sich ebenso wenig widersprechen wie sie deckungsgleich sind. Es sind vielmehr Überschneidungen möglich, Dazwischen-Räume . Debray unterscheidet

  • allgemeine Symbolisierungsverfahren: (gesprochene) Worte, Schrift, analoge Bilder, digitales Rechnen)
  • soziale Kommunikationscodes (natürliche Sprache)
  • materieller Einschreibe- und Speicherträger (Ton, Papyrus, Papier, Festplatte)
  • Aufzeichnungsdispositiv (Buchdruck, Foto, Fernsehen, Informatik, Digitalisierung).

Wir haben es aus mediologischer Perspektive also mit einem hochkomplexen Zusammenspiel von Mittlern (im Sinne Bruno Latours) zu tun, denen es von Fall zu Fall auf die Spur zu kommen gilt. Dass diese Entfaltung der Beziehungen zwischen Technik und Kultur nicht mit einem substanziellen Medium vereinbar ist, dürfte einleuchten: „Das Medium an sich existiert ebenso wenig wie das Zeichen an sich“ resümiert Frank Hartmann.[6. HARTMANN, Frank: Medien und Kommunikation, Wien 2008, S. 96.] Mit Debrays Beschreibung von Medien als einem System von „Dispositiv – Träger – Prozeß“ [7. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 69.] geht dieser über den Begriff des Mediums als Träger von Information hinaus: So wie die alleinige Fixierung auf den technologischen Träger auf Kosten der Symbolisierungsverfahren und Codes zu kurz greife, wie Debray wiederum mit Blick auf McLuhan festhält, sei der entgegengesetzte Fall für die Analyse konsequenterweise auch nicht hinreichend: „Semitiocans do the opposite – they glorify the code at the expense of what it is really used for in a specific milieu.“[6. Wired Digital.] Das Milieu ist folglich für die mediologische Analyse eine ebenso notwendige Bedingung wie das technische Einschreibemedium, der Mittler für Botschaften oder die performative und codierte Anwendung.

„Der gleiche Mechanismus kann sich in einem Fall als epidemisch, in einem anderen Fall als völlig wirkungslos erweisen. Im China des 11. Jahrhunderts vermochte man nicht, die beweglichen Lettern fruchtbar zu machen und sich anzueignen, die dann im 15. Jahrhundert am anderen Ende der Welt wieder aufgetaucht sind und sich weiterentwickelt haben und dabei vom Holz zum Blei übergegangen sind. Der chinesische Holzdruck hat ausgereicht, um der begrenzten Nachfrage nach Gedrucktem nachzukommen, er benötigte keine großen Investitionen und war vielmehr dazu geeignet, die kalligraphischen Eigenheiten wiederzugeben.“[8. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 70.]

Dieselbe Technologie kann sehr unterschiedliche Effekte in unterschiedlichen Milieus (beziehungsweise historischen  Mediasphären) haben. Hinreichende Bedingung für eine mediologische Analyse ist die Berücksichttigung von Trägern, Netzen und Prozessen gleichermaßen. Wir haben es also nicht mehr mit linearen Kausalitäten zu tun, sondern vielmehr mit verzweigten Netzwerken von Mittlern, Spuren, Milieus und Prozessen – mit Systemen, die durch Kommunikationen konstituiert und aufrechterhalten oder verändert werden. Diese Entitäten beeinflussen sich wechselseitig: „if a book like Das Kapital had an influence, then it was because the technologies of print, the networks of distribution, and libraries worked together to create a fertile milieu – what I call a „mediosphere‘ – for its operation.“[8. Wired Digital.] In diesem Zusammenhang macht m.E. die Erinnerung an Heinz von Foersters Unterscheidung zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen Sinn: Die Vorgänge bei der Transmission sind nicht kausal determiniert und vorhersagbar; bemerkenswert, dass Debray seine Analyse als „Black Box-Problem“ beschreibt: „If the input is sounds, words, letters, even photons, and the output is leislation, institutions, police forces, and so on, then inside the black box must be what I call „the act of transmission“, the whole set of technologies and environments that translate the input into the output.“[12. Ebenda.]


#Materie und Organisation

Debray differenziert also zwischen den technischen Aspekten der Übermittlung und ihrer soziopolitischen Dimension; erstere bezeichnet er als organisierte Materie, letztere als materialisierte Organisation.[5. Vgl. DEBRAY, Einführung, S. 60.] Die Unterscheidung von Trägern der Überlieferung und den Milieus, Sphären, Institutionen trennt einen materiellen von einem sozialen Pol.[6. Vgl. ebd., S. 52.] Hierbei wird erneut deutlich, wie die mediologische Konzeption sich vom Fokus auf das bloße substanzielle Trägermedium emanzipiert hat: Das Zusammenspiel unterschiedlichster Sinnträger (und damit von Medien, wie ich sie unter Zuhilfenahme systemtheoretischen Vokabulars in Artikel #Medium skizziert habe) bei den Übertragungs- und Überlieferungsprozessen ist sowohl technischer als auch sozialer und kultureller Art. „Der Ansatz des mediologischen Geistes besteht nun darin, den Finger auf die Überschneidungen zwischen intellektuellem, materiellem und sozialen Leben zu legen und diese allzu gut geschmierten Scharniere zum Quietschen zu bringen.“[9. DEBRAY. Für eine Mediologie, S. 73.] Ebenso wie Bruno Latour mit seiner Akteur-Netzwerk-Theorie votiert Debray im Rahmen der Mediologie für einen Panoramablick, der disziplinäre Scheuklappen ablegt und beobachtet, statt schon im Vorfeld Grenzen aufzuzeigen.

Ein möglicher Gegenstand für eine exemplarische mediologische Analyse wäre demnach eine konventionelle Seminararbeit. Diese bedient sich aller medialer Ebenen (zumeist der Schrift als allgemeines Symbolisierungsverfahren, in den häufigsten Fällen der Muttersprache in einer wissenschaftlichen Sonderform als Kommunikationscode, des bedruckten Papiers als finales Einschreibemedium über den Umweg des Textverarbeitungsprogramms eines Computers) und hat damit gleichsam einen materiell-technischen Pol (kann also mit Debray als organisierte Materialität beschrieben werden), ist aber ebenso in das sozio-politische Netzwerk der Universität als Institution mit ihren Leistungsscheinen oder Creditpoints eingeflochten und den Dozenten, die Seminararbeiten häufig auch lesen. Dieses System muß wiederum als historisches Produkt sozialer Kommunikationen erachtet werden – ebenso das in einer Seminararbeit transportierte „Wissen“: „Es wäre nicht ganz abwegig, [das Buch selbst wie einen Autor sprechen zu lassen], denn schließlich stammt, jedenfalls wo es „wissenschaftlich“ zugeht, nur sehr weniges, was in einem Buch zu lesen ist, von dem Autor selbst“, schreibt Niklas Luhmann.[10. LUHMANN, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1992, S. 11, Fußnote 1.]

Das Beispiel ließe sich wesentlich detaillierter aufschlüsseln, wäre dann aber einen eigenen Beitrag wert. Aber bereits durch die Andeutungen dürfte der etwas nebulöse Zusammenhang zwischen Symbolischen, Sozialem und Technischem sichtbar geworden sein, deren Schnittstellen zu untersuchen die Aufgabe der Mediologie eines Régis Debray ist.


#Bonustrack. Das philosophische Mau Mau

Das folgende Netzfundstück zeigt eine fiktive Debatte über den Medienbegriff, Debray diskutiert mit Theodor W. Adorno, Erving Goffman und dem Literaturwissenschaftler Joseph Vogl. Das Video scheint als „Kreativaufgabe“ aus einem Einführungskurs in die Medienkultur hervorgegangen zu sein und könnte unter diesem Gesichtspunkt für Seminarteilnehmer von Interesse sein, die mit der Konzeption eines Multimedia-Snippets liebäugeln.


Die verwendete Fotografie gilt aufgrund eines ausgelaufenen Copyrights als public domain.

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#Medium

Substantiv, n. Silbentrennung: Me·di·um, Plural: Me·di·en. Aussprache: [‚meːdi̯ʊm], Plural: [‚meːdi̯ən], Herkunft: von medium → lat. – Mitte, Mittelpunkt, Zentrum, dazwischen liegend, in der Mitte befindlich. 1
„Licht ist der Begriff für das Medium, in dem wir etwas sehen. Ohne Licht, das kann man sehr schnell ausprobieren, sehen wir nichts.“ Niklas Luhmann 2

#McLuhan

mcluhan

McLuhan

Nach Marshall McLuhan beeinflusst Medialität die Kulturhistorie der Menschheit paradigmatisch; er unterscheidet hierbei vier Phasen: „die Epoche der oralen Stammeskultur, darauf folgend die Manuskript-Kultur, die ‚Gutenberg-Galaxis‘ sowie das elektronische Zeitalter. Medientechnisch entspricht dieser Aufreihung die Abfolge Sprache – Schrift – Buchdruck – Elektrizität.“ 3 Das jeweils aktuelle Medium bewirkt dabei eine Veränderung der Grenzen und Formen der Kultur, in die es eingebettet ist. 4 Die Möglichkeiten der Welterschließung und -wahrnehmung werden folglich durch Medien determiniert, wobei dem jeweils rezenten Leitmedium eine dominante (allerdings nicht: ausschließliche) Wirkung zuschrieben wird. Vor diesem Hintergrund ist auch McLuhans berühmtes Bonmot zu verstehen, wonach das Medium die Botschaft sei; die Botschaft eines Mediums oder jeder Technik demnach „[…] die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt.“ 5 Somit ist dem kanadischen Medientheoretiker folgend der Inhalt eines Mediums seiner Form nachgeordnet; entsprechend kann McLuhan den Inhalt eines jeden Mediums iterativ wieder als Medium begreifen. „Medien schaffen neue symbolische Ebenen und generieren völlig neue Umwelten – »The new media«, sagt McLuhan in einem seiner vielen Interviews, »are not bridges between man and nature, they are nature«. Dass Medien die Wirklichkeit nicht wiedergeben oder vermitteln, sondern diese erst definieren, das hat McLuhan in aller Radikalität vorgeführt.“ 6

#Kittler

kittler

Kittler

Unter dem Aspekt der Welterschließung schließt Friedrich Kittler an McLuhan an. Kittler rekonstruiert als „Medienarchäologe“ (Hartmann) „[…] die Moderne unter den Bedingungen der medialen Diskurse, die sie ermöglicht haben“; 7 anonyme Aufschreibesysteme trugen mit Kittler entscheidend zur Genese der Moderne bei – ihre Kultur sei demnach immer als Konglomerat von Datenverarbeitungsprozessen zu begreifen: „Kulturelle Erscheinungsformen wie die Künste und die Wissenschaften sind an bestimmte Kulturtechniken gebunden“ 8, jene Aufschreibesysteme als ein „Netzwerk von Techniken und Institutionen […], die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben.“ 9  Kittler modifiziert den berühmten „Homo Mensura“-Satz (den der griechische Philosoph Platon in seinem Dialog Theaitetos 10 dem Protagoras zuschrieb und nach dem der Mensch das Maß aller Dinge sei) indem er die Medien zum Maß aller Dinge erhebt: Die Schaltungen der Systeme, nicht mehr Menschen oder „Subjekte“ bestimmten die Wirklichkeit. Ähnlich wie McLuhan beschreibt Kittler somit ein „technisch-mediales Aprori“, das allen gesellschaftlich-kulturellen Strukturen als Bedingung ihrer Möglichkeit vorausgesetzt ist 11 – eine konsequente Zuspitzung des oben zitierten McLuhan’schen Slogans vom Medium als message. Gleichwohl lassen sich hier Differenzen in den Ansätzen der beiden Theoretiker aufzeigen: Bleibt McLuhan („Extensions of Man“) weitgehend in einer anthropozentrischen „Prothesentheorie“ (Hartmann) befangen, die Technik als Ausweitungen der Körperorgane, des neuronalen Systems, als Werkzeug begreift, dreht Kittler das Verhältnis um, und beschreibt den Menschen von seinen Kulturtechniken ausgehend. 12 Vielleicht haben wir es aber auch nur mit einer begrifflichen Unschärfe McLuhans zu tun, wie Benjamin Joerissen anregt, der eher Invasionen als Extensionen ausmacht und Kultur dann auch für McLuhan als „Epiphänomen des jeweilig kursierenden Leitmediums“ skizzieren kann. 13

#Medium

„Fleck oder Loch?“

Figur/Grund

Die McLuhan’sche Formulierung, dass Inhalt eines Mediums immer ein anderes Medium sei, verweist auf die grundlegende Selbstreferenzialität des Konzepts. Zudem kann, ohne direkte Links zwischen den Autoren, auf Basis der strukturbildenden Zusammenhangs zwischen Leitmedien und Gesellschaft 14 eine Überleitung zur modernen Systemtheorie versucht werden. Hier wird unter maßgeblichem Einfluß von Niklas Luhmann insbesondere auf einen Medienbegriff rekurriert, der auf den österreichischen Gestaltpsychologen Fritz Heider zurückgeht und erst im Anschluss an Luhmann wieder Beachtung erfährt. Heider zeichnet in einem erstmalig 1926 veröffentlichten Aufsatz unter Verwendung der Begriffe „Grund“ und „Figur“ die später bei Luhmann ausgearbeitete Konzeption von „Medium“ und „Form“ vor: „Figur bedeutet sachlich: ein fester Körper, der vor etwas Anderem ist. Grund ist etwas, das nur in Bezug auf die Figur einheitlich ist; es ist das, was hinter der Figur ist, gleichgültig, ob [das] nun eine Vielheit von Gegenständen oder eine weiße Wand ist.“ 15 Luhmann bezieht sich später implizit auf die Konzeption Heiders: „Von »Medium« sollte nur die Rede sein, wenn eine Menge nur lose gekoppelter Elemente bezeichnet wird, die für Formenbildung zur Verfügung stehen.“ 16

luhmann

Luhmann

Luhmann zieht einen Vergleich mit dem Schachspiel: Angesichts einer spezifischen, selbsterzeugten Stellung betrachtet man das Spiel (als Möglichkeitsraum, der im Laufe des bisherigen Spiels eingeschränkt wurde) und entscheidet den nächsten Zug. Im Medium des Spiels wird die eine oder die andere Form realisiert. 17 Das Medium muss aus aktuellen Gegebenheiten laufend neu konstruiert werden. Es ist auch augenscheinlich, dass Medium und Form keine Gegenbegriffe im strengen Sinne sind: Das Medium begrenzt vielmehr die Menge der möglichen Formen. So kann dann beispielsweise ein Wort als Formbildung im Medium der Buchstaben begriffen werden. Weil der Medienbegriff aber „re-entrant“ (Joerissen in Anlehnung an die Spencer Brown’sche Figur des re-entry) ist, kann das Wort iterativ als Formbildung im Medium des Satzes begriffen werden, dieser als Form im Medium der Sprache etc. Das Medium selbst wird dabei nicht wahrgenommen, ist formenlos beziehungsweise durch eine nur lose Kopplung von Elementen charakterisiert: „Die Formen »verdichten« ihrerseits die Verbindungen zwischen den Elementen des Mediums in rigidere Kopplungen, die wahrgenommen werden.“ 18 Wir begreifen mit Luhmann unter Formbildung in einem Medium also den Übergang von loser zu fester Kopplung von Elementen.

#Definition

Nach diesen Vorbemerkungen kann als erstes und vorläufiges Fazit eine Definition des Medienbegriffes versucht werden. Diese bezieht sich wohlgemerkt auf den allgemeinsten und weitesten Begriff eines Mediums. 19

Def. Medium. Ein M. ist loser Elementzusammenhang, der sich zu festeren Formen kondensieren läßt. Ein M. kann nur unter Bedingungen der Formbarkeit als ein solches gelten. Es gibt kein M. an sich, sondern ein M. immer nur relativ zu einer sich durchsetzenden Form.

Ein solch offener systemtheoretischer Begriff erlaubt entsprechend Formbildungen in einer Vielzahl von Medien: Wahrheit, Recht, Macht, Geld, Sprache, Sinneswahrnehmung, Kausalität, Glaube, Sinn… Wie der von Benjamin Joerissen entlehnte Begriff des „re-entranten“ Mediums anzeigt, kann die Differenz von Medium und Form dabei selbst wiederum zu einem Medium werden, wenn sie zur Beschreibung von Medien/Form-Differenzen genutzt wird (Form der Beobachtung).

#Post Scriptum

Inwiefern ein Zusammenhang zwischen Kittlers „Medium Mensura“-Satz und Luhmanns Realität der Massenmedien herauszuarbeiten ist, muss in einer eigenständigen Behandlung herausgefunden werden, erscheint mir aber als spannende Fragestellung.
Edit [27.04.]: Bitte auch den #Nachtrag beachten!

 


Bildnachweise: Die McLuhan-Grafik ist ein Ausschnitt der Zeichnung „The Seer“ von Alex Veness unter unterliegt folgender CC-Lizenz. Die Kittler-Grafik basiert auf einer Fotografie von flickr-Userin Sabinesabine (ebenfalls eine CC-Lizenz). Danke! Bei den anderen beiden Abbildungen handelt es sich um eigene Grafiken, die ebenfalls einer CC-Lizenz unterliegen.

Anmerkungen

  1. Vgl. den Eintrag „Medium“ in: Wiktionary. Das freie Wörtebuch (Abruf am 26.04. 2009).
  2. LUHMANN, Niklas: Einführung in die Systemtheorie, Heidelberg ²2004, S. 226.
  3. JOERISSEN, Benjamin: Beobachtungen der Realität. Die Frage nach der Wirklichkeit im Zeitalter der Neuen Medien, Bielefeld 2007, S. 199.
  4. Vgl. HARTMANN, Frank: Techniktheorien der Medien, in: WEBER, Stefan (Hrsg.): Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus, Konstanz 2003, S. 57.
  5. McLUHAN, Marshall: Die magischen Kanäle. Understanding Media, Düsseldorf 1968, S.  14, zit. n. JOERISSEN, Beobachtungen, S. 200.
  6. HARTMANN, Frank: Medienphilosophische Theorien, in: EBER, Stefan (Hrsg.): Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus, Konstanz 2003, S. 307. Das McLuhan-Zitat belegt Hartmann a.a.O. wie folgt: Audio Quotes: http://www.webcorp.com/sounds/mcquote.htm – die Seite ist offensichtlich aber nicht mehr online.
  7. HARTMANN, Techniktheorien, S. 59.
  8. 5. HARTMANN, Techniktheorien, S. 59f.
  9. Vgl. KESHMA: Aufschreibesysteme (26.04. 2009)
  10. PLATON: Theaitetos 152 a.
  11. Vgl. HARTMANN, Techniktheorien, S. 62.
  12. Gewissermaßen wendet Kittler McLuhans „the medium is the message“ damit in einer radikalen Auslegung („streng nach McLuhan“, wie Kittler schreibt) gegen seinen Urheber.
  13. JOERISSEN, Beobachtungen, S. 202f.
  14. „Jedes neue Verbreitungsmedium konfrontiert die Gesellschaft mit neuen und überschüssigen Kommunikationsmöglichkeiten. Für dieses neue „Mehr“ an Kommunikation reichen Struktur und Kultur einer Gesellschaft nicht immer aus,  so dass umwälzende Verbreitungsmedien entsprechende Modifikationen der Gesellschaftsstruktur erfordern und erwirken: Die selektive Handhabung des überschüssigen Sinnes kann auf Basis der etablierten Struktur und Kultur nicht mehr gehandhabt werden, das heisst Struktur und Kultur einer Gesellschaft müssen entsprechend angepasst werden.“ Vgl. den Artikel „Computergesellschaft“.
  15. HEIDER, Fritz: Ding und Medium, Berlin 2005, S. 113. Ursprünglich erschienen in: Symposion. Philosophische Zeitschrift für Forschung und Aussprache Jg. 1, H. 2, Berlin 1926, S. 109 – 157.
  16. LUHMANN, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1998, S. 1098.
  17. LUHMANN, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt/Main 2002, S. 89.
  18. CORSI, Giancarlo, ESPOSITO, Elena: Form/Medium, in: BARALDI, Claudio, CORSI, Giancarlo, ESPOSITO, Elena: GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt/Main 1997, S. 59.
  19. Also noch nicht ihre konkrete Funktion abtastend, was mit Blick auf sogenannte „Erfolgsmedien“ (symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien), Verbreitungsmedien oder Massenmedien relevant wird.
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#Wissen0.1

„Laß es mich nochmals sagen: Überhaupt nichts kann durch Erzählen gewußt werden.“ George Spencer Brown¹

difference

Aus der letzten Sitzung im Rahmen des „Knowledge Formation„-Seminars entwickelte sich zunächst eine Diskussion, aus dieser ein provisorischer Blog-Eintrag, hieraus wiederum eine virtuelle Anschlussdiskussion und an diese soll hier angeschlossen werden. Die (laufende) Diskussion problematisiert zwar primär Fragen der Voraussetzungen formaler Logik, daran knüpft m.E. aber unmittelbar die Frage nach der Konstruktion von Wissen an, die ja auch Leitfrage des Seminars sein soll. Aus diesem Grund scheint mir eine erste Skizze unter dem Titel #Wissen0.1 angebracht.

Mein Kommentar begann wie folgt:

Eine klassische Annahme zu Beginn eines Kalküls lautet etwa „Es sei…“. DAS ist die erste Unterscheidung, die aber durch Formalsprache („Metasprache“?) verschleiert wird. Annahmen sind Unterstellungen von Tatsächlichkeit – dabei sind doch eigentlich die Mathematik und Logik Musterbeispiele für die Tatsache, dass Erkenntnis immer aktive Konstruktion ist! Wir gehen immer von unseren Entscheidungen aus, legen mit Definitionen und Axiomen den Rahmen fest, folgen uns selbst auferlegten Regeln und Gesetzen.

Soweit zur Logik. Eine Formulierung wie „Es sei…“ oktroyiert dem Leser einen Sachverhalt, den er glauben, auswendig lernen oder zurückweisen kann. Wissen dagegen benötigt eigene Erfahrung, sonst bleibt es bloße Meinung oder Glaube.² Zwar können wir nach vielen (erfolgreichen) An-Wendungen mathematischer Regeln dazu verleitet werden, von einer „Gewißheit“ zu sprechen – vergessen dann aber die uns zugemuteten Anweisungen, die am Anfang standen. Wir kennen Regeln, wir befolgen sie, erkennen ein „Schach matt“; aber immer nur im Rahmen des vorkonstruierten Regelwerks, ohne das es das Schachspiel schlicht und einfach nicht gäbe. Wissen ist Beobachtungsleistung und immer systemspezifisch.

Helmut Willke charakterisiert Wissen als „die Veredelung von Information durch Praxis. Jedes Wissen setzt Praxis voraus.“³ Also gilt (und mit dieser Rückbindung an den Ausgangspunkt soll diese erste Skizze beendet sein) für das #Logik-Dilemma: Unsere jahre-, manchmal jahrzehntelange Praxis suggeriert uns Wissen. Es erweist sich als praktisch und viabel; wir sollten aber bereit sein zuzugeben, dass wir nicht mit Tatsachen operieren, sondern mit selbstgeschaffenen Regelsystemen. Analoges gilt übrigens auch immer für Sprache .

Und am Horizont winkt Gödel.


¹ SPENCER BROWN, George: Laws of Form. Gesetze der Form, Lübeck ²1999, S. XII.

² GLASERSFELD wies in einem bereits hier angeführten Zitat auf diesen Umstand hin: “Wissenschaftliche und religiöse Redeweisen ähneln sich darüber hinaus vielfach auch darin, dass sie beide meinen, absolutes Wissen zu vermitteln.“ Vgl. ders.: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus, Heidelberg ²2008, S. 49.

³ WILKE, Helmut: Einführung in das systemische Wissensmanagement, Heidelberg 2004, S. 28.

Die Grafik basiert auf einem Foto des flickr-Users Whole Wheat Toast und unterliegt folgender CC-Lizenz. Danke!

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#Logik

bild-1Eine kurze Notiz zu einer Diskussion über Logik, die im Anschluss an das heutige Seminar stattfand. Ausdrückliche Werkstattversion.

Thorsten geht, in Bezug auf den Wahrheitsbegriff, weitgehend mit Kant, wenn er Logik logische Urteile als analytische Urteile a priori beschreibt. Hier entfaltet sich die Tautologie der reinen Logik: Ohne eine Synthese, also das Hinzufügen eines weiteren Prädikats, das bislang nicht in der Menge der Aussagen enthalten war (beispielsweise in Form einer Anwendung: „x ist wahr“) entsteht keine (neue) Erkenntnis. Aus diesem Grund stufte Kant Mathematik als ein „synthetisches a priori“ ein, da in der simplen Addition der Zahlen 5 und 5 die Zahl 12 nicht enthalten ist. Kant schreibt in der Kritik der reinen Vernunft: „Daß 7 zu 5 hinzugetan werden sollten, habe ich zwar im Begriff einer Summe = 7 + 5 gedacht, aber nicht, daß diese Summe der zahl 12 gleich sei. Der arithmetische Satz ist also jederzeit synthetisch;“¹

Ist die Aussage, Wahrheit sei losgelöst von einem Beobachter potentieller Gegenstand theoretischer Reflexion, überhaupt haltbar? Was ist der Nutzen einer „reinen“ Logik, wenn sie immer durch die beobachterrelative Synthese „verunreinigt“ wird? „Seit Hegel kann man im Grunde wissen, daß man mit einer Logik, die widerspruchsfreie Gegenstände postulieren muß, Soziales aus der Umwelt der Wissenschaft ausschließt.“² Das soziale Leben arbeitet nicht widerspruchsfrei – und Widerspruch ist nicht mehr als ein Moment der Selbstreferenz von Sinn, denn jeder Sinn schließt die eigene Negation als Möglichkeit ein: „Unter Logik ließe sich, wenn man dieser Perspektive folgte, ein System von Regeln verstehen, das die Konstitution von Widersprüchen konditioniert.“³ Diese Defintion halte ich für intuitiv plausibel: Ohne Logik keine Widersprüche, sie ist zunächst ein Werkzeug zur Konstruktion und Erkenntnis von Widersprüchen.

Woher aber die Gewißheit, mit der wir die logische Wahrheit aus syllogistischer Deduktion oder mathematischer Gleichung (2 + 2 = 4) gewinnen können? Gibt es eine ideale Gewißheit (im Sinne Platons)? Liegt unter dem Schleier der unreinen Sprache die saubere Domäne der Mathematik verborgen, die von uns nur ent-deckt werden muss? „Wir erfinden uns die Regeln, und dann folgen wir den Regeln“ schreibt Heinz von Foerster.⁴ Und Ernst von Glaserfeld antwortet: „Du hast das sehr schön erklärt. Das ist genau, was ich auch glaube. Die Mathematik ist freilich eine freie Erfindung, nur wird das sehr oft mißverstanden, weil die Leute sagen, ja wenn es so frei ist, warum ist dann 2 x 2 immer 4?“⁵

Die Antwort liefert die zunehmende Abstraktion von konkreten Zählvorgängen, alles sensorische Material wird eleminiert.⁶ Die Hypothesen verschwinden aus dem Blickfeld und wie beim Syllogismus gilt: Es kann auch aus falschen Hypothesen richtig geschlossen werden. Die Hypothesen sind jedoch Verabredungssache: Wir landen wieder bei Viabilität. Alles weitere: Regelfolgen.

post scriptum: Dem geneigten Leser seien noch zwei oder drei Einträge in meinem Hauptblog nahe gelegt: „Fröhliches oszillieren!“ und „Wittgenstein sagt…„. Und natürlich „Die Moral von der Geschicht‘„…


¹ KANT, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft 1, Frankfurt/Main 1979, S. 56 (B16).

² LUHMANN, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/Main 1984, S. 490.

³ Ebd., S. 495.

⁴ FOERSTER, Heinz von, GLASERSFELD, Ernst von: Wie wir uns erfinden. Eine Autobiographie des radikalen Konstruktivismus, Heidelberg ³2007, S.132.

⁵ Ebd., S. 133.

⁶ GLASERSFELD: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme, Frankfurt/Main 1997, S. 281.

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#EvG

„Vom Gesichtspunkt des Handelnden ist es irrelevant, ob seine Vorstellungen von der Umwelt ein „wahres“ Bild der ontischen Wirklichkeit darstellen – was er braucht, ist eine Vorstellung, die es ihm erlaubt, Zusammenstöße mit den Schranken der Wirklichkeit zu vermeiden und an sein Ziel zu kommen.“ (Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, S. 22.)¹

#Wissen. Viables Wissen.

Scheinbar: „Knowing how“ der Naturwissenschaft versus „knowing that“ der klassischen, der Ontologie verpflichteten Erkenntnistheorie (vgl. S. 13) bzw. das Wissen über das Sein der Welt befand sich in der Verwahrung durch die Religion (vgl. S. 16). Glasersfeld widerspricht dieser Intuition, indem er tradierte Konzepte (Übereinstimmung, Kongruenz, Korrespondenz etc.) durch das Konzept der Viabilität (etwa „Gangbarkeit“, vgl. S. 18) ersetzt und den Begriff des Wissens damit aus einem wahrheitswertfähigen in einen funktionalen Diskurs überführt („praktisches Wissen“). Dieser Schritt ist notwendig gekoppelt an die eigene Erlebens- und Erfahrungswelt (vgl. S. 21). Weltbilder und Wissen müssen somit als Resultate von Konstruktionen der Individuen in ihren Interaktionen mit einer sozialen und physischen Umwelt aufgefasst werden. Diese Erkenntnis geht zurück auf die Forschungen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget (Akkomodation/Assimilation als Ergebnis auf erfahrene Irritationen/Perturbationen).

Der ontologische Absolutheitsanspruch wird zugunsten des flexibel-funktionalen Viabilitätsprinzips aufgeben. Im Zuge dieser Relativierung wird jedoch keinem erkenntnispessimistischem Relativismus Vorschub geleistet: Weltbilder und Wissen bleiben falsifizierbar! Wahrheit wird systemrelativ: Die Relation zwischen erinnertem Erleben und aktuellem.

#Objektive Wirklichkeit.

„Wissenschaftliche und religiöse Redeweisen ähneln sich darüber hinaus vielfach auch darin, dass sie beide meinen, absolutes Wissen zu vermitteln.“²

Deontologisierung der Welt: Die klassisch-philosophische Erkenntnistheorie begeht den Fehler einer petitio principii, die das als gegeben annimmt, was erst einmal zu beweisen wäre: Objektive, ontische Wirklichkeit (vgl. S. 17). Dieser naive Realismus ist tief verwurzelt in der europäischen Philosophiegeschichte, von der sich auch von Glasersfeld nicht völlig frei machen kann („Subjekttheorie“). Was sichert in Ermangelung von Korrespondenz mit einer objektiven Wirklichkeit nun Wissen? Epistemologisch hängt der Begriff des Viabilität m.E. eng mit dem Konzept der Kohärenztheorie (Grafik) zusammen. Das heisst: Widerspruchsfreiheit eines Überzeugungssystems (in Zeit-, Sach- und Sozialdimension!) ersetzt „Objektivität“ (vgl. oben: systemrelative Wahrheit).³

#Wahrnehmung der Welt.

Die Aufgabe des priviligierten Zugriffs auf eine objektive Wirklichkeit hat weitreichende Folgen. Jede sinnliche Wahrnehmung bleibt in Folge dessen beobachterabhängig, kein Beobachter (also auch kein Forscher) hat eine wirklichere, „sinnlichere“ Wahrnehmung als jeder andere Beobachter auch: Welcher „Meta-Sinn“ soll auch die Wahrnehmung via Sinn überprüfen können? Stattdessen: Prinzip der indifferenten Codierung. Interpretation der Signale von Sinnesorganen als Unterscheidungen von anderen Interpretationen, nicht aber von ontischen „Dingen“ (vgl. S. 21):

„Der „Bedarf“ wird dabei durch den Zusammenhang des Handelns bestimmt, in dem wir uns gerade befinden; und dieser jeweilige Zusammenhang erfordert nie, daß wir die „Umwelt“ so sehen, wie sie „in Wirklichkeit“ ist (was wir ja ohnedies nicht könnten), sondern verlangt nur, daß das, was wir wahrnehmen, uns zu erfolgreichem Handeln befähigt.“ (S. 22)

Angewendet auf das Prinzip der Viabilität bedeutet dies für die Wahrnehmung der Welt und unter Rückgriff auf den evolutionären Erkenntnistheoretiker Donald Campbell ein „zunehmendes Passen des Organismus in seine Umwelt“ (S. 27). Allerdings muss an dieser Stelle vor einem (wie auch immer) priviligierten Zugriff auf objektive Wirklichkeit gewarnt werden: „Wahrnehmung und Erkenntnis wären demnach also konstruktive und nicht abbildende Tätigkeiten.“ (S. 30) Viabilität garantiert das „Passen“ des Wissens mit dem bisherigen Erleben und hilft so beim fortlaufenden Aufbau, bei der Konstruktion von „Wirklichkeit“.

#Diskussionsfragen.

  • „Wie kann einem konstruktivistisches Wissenskonzept im Interaktionssystem des schulischen Unterrichts Rechnung getragen werden (beispielsweise mit Blick auf Leistungsbewertung)?
  • Wenn vor allem das Abgleichen von Wissen mit Anderen zur Steigerung der Kohärenz eines Überzeugungssystems führt: Was bedeutet dies für die Arbeit mit Wissen? Für seine Darstellbarkeit? Für die „Vermittlung“?

#Bonustracks.


#Anmerkungen.

¹Alle nicht gesondert gekennzeichneten Verweise basieren auf der folgenden Textfassung: GLASERSFELD, Ernst v.: Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, in: GUMIN, Heinz, MEIER, Heinrich (Hg.): Einführung in den Konstruktivismus, München ⁶2002, S. 9 – 39.

² GLASERSFELD im Interview mit Bernhard PÖRKSEN. Vgl. ders.: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus, Heidelberg ²2008, S. 49.

³ Vgl. die eigene Grafik zum Kohärenzmodell.

Die Grafik basiert auf einer Fotografie von Christian Michelides und unterliegt folgender CC-Lizenz. Danke!