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#Debray

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#McLuhan und Debray

„Clearly, my classification resembles his in so far as each historical period is governed by major shifts in the technologies of transmission“, antwortet Régis Debray im Interview mit Andrew Joscelyne auf die Frage, wie er sich zur Theorie Marshall McLuhans verorte.[1. „Revolution in the Revolution“, Interview in Wired Digital. Aufruf am 03.05. 2009.] Debrays Konzept der „Mediosphären“ schließt konzeptuell an McLuhans Epochenabgrenzungen durch unterschiedliche Leitmedien an. Mit Blick auf den Begriff des Mediums selbst aber distanziert sich Debray von der „verschwommenen“[2. „I also feel that McLuhan blurred over some fairly complex issues in his famous „the medium is the message“ sound bite.“, vgl. ebenda.] und „verwirrlichen“[7. DEBRAY, Régis: Einführung in die Mediologie, Bern u.a. 2003, S. 45.] Konzeption McLuhans („the medium ist he message“), die seiner komplexeren Definition nicht gerecht wird und gleichsam nur das Erdgeschoß[7. DEBRAY, Régis: Für eine Mediologie, in: VOGL, Jospeh, PIAS, Claus (Hg.): Kursbuch Medienkultur, Stuttgart, 1999, S. 67.] beim Errichten des mediologischen Gedankengebäudes bilden dürfe. Die Tatsache, dass es ohne Medium keine Botschaft gebe, bezeichnet er als trivial; ein Sophismus sei es jedoch, aus diesem Umstand zu schließen, beides sei dasselbe.[4. Ebenda, S. 46. Dennoch, und das gesteht DEBRAY ein, verifiziere gerade die Sloganhaftigkeit des McLUHAN’schen Diktums und seine allgegenwärtige Verbreitung die Bedeutung des Mediums – eine self-fulfilling prophecy!] Das Verständnis des Mediums als Mittler für Botschaften sei zwar notwendig für eine vollständige Analyse, alleine jedoch nicht hinreichend; verbliebe man auf diese Weise im Erdgeschoß, gerate man förmlich in eine „substanzialistische Falle“: „Die Objekte und Werke zählen nämlich weniger als die Operationen. Hüten wir uns vor der substanzialistischen Falle, indem wir das Medium als Dispositiv in die Mediation als Disposition integrieren.“[9. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 67.]

Hier geht Régis Debray über das an McLuhan anschließende Konzept vom Medium als technischem Mittel zur Beförderung einer Botschaft hinaus; seine Dekomposition des Begriffs unterscheidet verschiedene Ebenen des Mediums, die sich ebenso wenig widersprechen wie sie deckungsgleich sind. Es sind vielmehr Überschneidungen möglich, Dazwischen-Räume . Debray unterscheidet

  • allgemeine Symbolisierungsverfahren: (gesprochene) Worte, Schrift, analoge Bilder, digitales Rechnen)
  • soziale Kommunikationscodes (natürliche Sprache)
  • materieller Einschreibe- und Speicherträger (Ton, Papyrus, Papier, Festplatte)
  • Aufzeichnungsdispositiv (Buchdruck, Foto, Fernsehen, Informatik, Digitalisierung).

Wir haben es aus mediologischer Perspektive also mit einem hochkomplexen Zusammenspiel von Mittlern (im Sinne Bruno Latours) zu tun, denen es von Fall zu Fall auf die Spur zu kommen gilt. Dass diese Entfaltung der Beziehungen zwischen Technik und Kultur nicht mit einem substanziellen Medium vereinbar ist, dürfte einleuchten: „Das Medium an sich existiert ebenso wenig wie das Zeichen an sich“ resümiert Frank Hartmann.[6. HARTMANN, Frank: Medien und Kommunikation, Wien 2008, S. 96.] Mit Debrays Beschreibung von Medien als einem System von „Dispositiv – Träger – Prozeß“ [7. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 69.] geht dieser über den Begriff des Mediums als Träger von Information hinaus: So wie die alleinige Fixierung auf den technologischen Träger auf Kosten der Symbolisierungsverfahren und Codes zu kurz greife, wie Debray wiederum mit Blick auf McLuhan festhält, sei der entgegengesetzte Fall für die Analyse konsequenterweise auch nicht hinreichend: „Semitiocans do the opposite – they glorify the code at the expense of what it is really used for in a specific milieu.“[6. Wired Digital.] Das Milieu ist folglich für die mediologische Analyse eine ebenso notwendige Bedingung wie das technische Einschreibemedium, der Mittler für Botschaften oder die performative und codierte Anwendung.

„Der gleiche Mechanismus kann sich in einem Fall als epidemisch, in einem anderen Fall als völlig wirkungslos erweisen. Im China des 11. Jahrhunderts vermochte man nicht, die beweglichen Lettern fruchtbar zu machen und sich anzueignen, die dann im 15. Jahrhundert am anderen Ende der Welt wieder aufgetaucht sind und sich weiterentwickelt haben und dabei vom Holz zum Blei übergegangen sind. Der chinesische Holzdruck hat ausgereicht, um der begrenzten Nachfrage nach Gedrucktem nachzukommen, er benötigte keine großen Investitionen und war vielmehr dazu geeignet, die kalligraphischen Eigenheiten wiederzugeben.“[8. DEBRAY, Für eine Mediologie, S. 70.]

Dieselbe Technologie kann sehr unterschiedliche Effekte in unterschiedlichen Milieus (beziehungsweise historischen  Mediasphären) haben. Hinreichende Bedingung für eine mediologische Analyse ist die Berücksichttigung von Trägern, Netzen und Prozessen gleichermaßen. Wir haben es also nicht mehr mit linearen Kausalitäten zu tun, sondern vielmehr mit verzweigten Netzwerken von Mittlern, Spuren, Milieus und Prozessen – mit Systemen, die durch Kommunikationen konstituiert und aufrechterhalten oder verändert werden. Diese Entitäten beeinflussen sich wechselseitig: „if a book like Das Kapital had an influence, then it was because the technologies of print, the networks of distribution, and libraries worked together to create a fertile milieu – what I call a „mediosphere‘ – for its operation.“[8. Wired Digital.] In diesem Zusammenhang macht m.E. die Erinnerung an Heinz von Foersters Unterscheidung zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen Sinn: Die Vorgänge bei der Transmission sind nicht kausal determiniert und vorhersagbar; bemerkenswert, dass Debray seine Analyse als „Black Box-Problem“ beschreibt: „If the input is sounds, words, letters, even photons, and the output is leislation, institutions, police forces, and so on, then inside the black box must be what I call „the act of transmission“, the whole set of technologies and environments that translate the input into the output.“[12. Ebenda.]


#Materie und Organisation

Debray differenziert also zwischen den technischen Aspekten der Übermittlung und ihrer soziopolitischen Dimension; erstere bezeichnet er als organisierte Materie, letztere als materialisierte Organisation.[5. Vgl. DEBRAY, Einführung, S. 60.] Die Unterscheidung von Trägern der Überlieferung und den Milieus, Sphären, Institutionen trennt einen materiellen von einem sozialen Pol.[6. Vgl. ebd., S. 52.] Hierbei wird erneut deutlich, wie die mediologische Konzeption sich vom Fokus auf das bloße substanzielle Trägermedium emanzipiert hat: Das Zusammenspiel unterschiedlichster Sinnträger (und damit von Medien, wie ich sie unter Zuhilfenahme systemtheoretischen Vokabulars in Artikel #Medium skizziert habe) bei den Übertragungs- und Überlieferungsprozessen ist sowohl technischer als auch sozialer und kultureller Art. „Der Ansatz des mediologischen Geistes besteht nun darin, den Finger auf die Überschneidungen zwischen intellektuellem, materiellem und sozialen Leben zu legen und diese allzu gut geschmierten Scharniere zum Quietschen zu bringen.“[9. DEBRAY. Für eine Mediologie, S. 73.] Ebenso wie Bruno Latour mit seiner Akteur-Netzwerk-Theorie votiert Debray im Rahmen der Mediologie für einen Panoramablick, der disziplinäre Scheuklappen ablegt und beobachtet, statt schon im Vorfeld Grenzen aufzuzeigen.

Ein möglicher Gegenstand für eine exemplarische mediologische Analyse wäre demnach eine konventionelle Seminararbeit. Diese bedient sich aller medialer Ebenen (zumeist der Schrift als allgemeines Symbolisierungsverfahren, in den häufigsten Fällen der Muttersprache in einer wissenschaftlichen Sonderform als Kommunikationscode, des bedruckten Papiers als finales Einschreibemedium über den Umweg des Textverarbeitungsprogramms eines Computers) und hat damit gleichsam einen materiell-technischen Pol (kann also mit Debray als organisierte Materialität beschrieben werden), ist aber ebenso in das sozio-politische Netzwerk der Universität als Institution mit ihren Leistungsscheinen oder Creditpoints eingeflochten und den Dozenten, die Seminararbeiten häufig auch lesen. Dieses System muß wiederum als historisches Produkt sozialer Kommunikationen erachtet werden – ebenso das in einer Seminararbeit transportierte „Wissen“: „Es wäre nicht ganz abwegig, [das Buch selbst wie einen Autor sprechen zu lassen], denn schließlich stammt, jedenfalls wo es „wissenschaftlich“ zugeht, nur sehr weniges, was in einem Buch zu lesen ist, von dem Autor selbst“, schreibt Niklas Luhmann.[10. LUHMANN, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1992, S. 11, Fußnote 1.]

Das Beispiel ließe sich wesentlich detaillierter aufschlüsseln, wäre dann aber einen eigenen Beitrag wert. Aber bereits durch die Andeutungen dürfte der etwas nebulöse Zusammenhang zwischen Symbolischen, Sozialem und Technischem sichtbar geworden sein, deren Schnittstellen zu untersuchen die Aufgabe der Mediologie eines Régis Debray ist.


#Bonustrack. Das philosophische Mau Mau

Das folgende Netzfundstück zeigt eine fiktive Debatte über den Medienbegriff, Debray diskutiert mit Theodor W. Adorno, Erving Goffman und dem Literaturwissenschaftler Joseph Vogl. Das Video scheint als „Kreativaufgabe“ aus einem Einführungskurs in die Medienkultur hervorgegangen zu sein und könnte unter diesem Gesichtspunkt für Seminarteilnehmer von Interesse sein, die mit der Konzeption eines Multimedia-Snippets liebäugeln.


Die verwendete Fotografie gilt aufgrund eines ausgelaufenen Copyrights als public domain.

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#EvG

„Vom Gesichtspunkt des Handelnden ist es irrelevant, ob seine Vorstellungen von der Umwelt ein „wahres“ Bild der ontischen Wirklichkeit darstellen – was er braucht, ist eine Vorstellung, die es ihm erlaubt, Zusammenstöße mit den Schranken der Wirklichkeit zu vermeiden und an sein Ziel zu kommen.“ (Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, S. 22.)¹

#Wissen. Viables Wissen.

Scheinbar: „Knowing how“ der Naturwissenschaft versus „knowing that“ der klassischen, der Ontologie verpflichteten Erkenntnistheorie (vgl. S. 13) bzw. das Wissen über das Sein der Welt befand sich in der Verwahrung durch die Religion (vgl. S. 16). Glasersfeld widerspricht dieser Intuition, indem er tradierte Konzepte (Übereinstimmung, Kongruenz, Korrespondenz etc.) durch das Konzept der Viabilität (etwa „Gangbarkeit“, vgl. S. 18) ersetzt und den Begriff des Wissens damit aus einem wahrheitswertfähigen in einen funktionalen Diskurs überführt („praktisches Wissen“). Dieser Schritt ist notwendig gekoppelt an die eigene Erlebens- und Erfahrungswelt (vgl. S. 21). Weltbilder und Wissen müssen somit als Resultate von Konstruktionen der Individuen in ihren Interaktionen mit einer sozialen und physischen Umwelt aufgefasst werden. Diese Erkenntnis geht zurück auf die Forschungen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget (Akkomodation/Assimilation als Ergebnis auf erfahrene Irritationen/Perturbationen).

Der ontologische Absolutheitsanspruch wird zugunsten des flexibel-funktionalen Viabilitätsprinzips aufgeben. Im Zuge dieser Relativierung wird jedoch keinem erkenntnispessimistischem Relativismus Vorschub geleistet: Weltbilder und Wissen bleiben falsifizierbar! Wahrheit wird systemrelativ: Die Relation zwischen erinnertem Erleben und aktuellem.

#Objektive Wirklichkeit.

„Wissenschaftliche und religiöse Redeweisen ähneln sich darüber hinaus vielfach auch darin, dass sie beide meinen, absolutes Wissen zu vermitteln.“²

Deontologisierung der Welt: Die klassisch-philosophische Erkenntnistheorie begeht den Fehler einer petitio principii, die das als gegeben annimmt, was erst einmal zu beweisen wäre: Objektive, ontische Wirklichkeit (vgl. S. 17). Dieser naive Realismus ist tief verwurzelt in der europäischen Philosophiegeschichte, von der sich auch von Glasersfeld nicht völlig frei machen kann („Subjekttheorie“). Was sichert in Ermangelung von Korrespondenz mit einer objektiven Wirklichkeit nun Wissen? Epistemologisch hängt der Begriff des Viabilität m.E. eng mit dem Konzept der Kohärenztheorie (Grafik) zusammen. Das heisst: Widerspruchsfreiheit eines Überzeugungssystems (in Zeit-, Sach- und Sozialdimension!) ersetzt „Objektivität“ (vgl. oben: systemrelative Wahrheit).³

#Wahrnehmung der Welt.

Die Aufgabe des priviligierten Zugriffs auf eine objektive Wirklichkeit hat weitreichende Folgen. Jede sinnliche Wahrnehmung bleibt in Folge dessen beobachterabhängig, kein Beobachter (also auch kein Forscher) hat eine wirklichere, „sinnlichere“ Wahrnehmung als jeder andere Beobachter auch: Welcher „Meta-Sinn“ soll auch die Wahrnehmung via Sinn überprüfen können? Stattdessen: Prinzip der indifferenten Codierung. Interpretation der Signale von Sinnesorganen als Unterscheidungen von anderen Interpretationen, nicht aber von ontischen „Dingen“ (vgl. S. 21):

„Der „Bedarf“ wird dabei durch den Zusammenhang des Handelns bestimmt, in dem wir uns gerade befinden; und dieser jeweilige Zusammenhang erfordert nie, daß wir die „Umwelt“ so sehen, wie sie „in Wirklichkeit“ ist (was wir ja ohnedies nicht könnten), sondern verlangt nur, daß das, was wir wahrnehmen, uns zu erfolgreichem Handeln befähigt.“ (S. 22)

Angewendet auf das Prinzip der Viabilität bedeutet dies für die Wahrnehmung der Welt und unter Rückgriff auf den evolutionären Erkenntnistheoretiker Donald Campbell ein „zunehmendes Passen des Organismus in seine Umwelt“ (S. 27). Allerdings muss an dieser Stelle vor einem (wie auch immer) priviligierten Zugriff auf objektive Wirklichkeit gewarnt werden: „Wahrnehmung und Erkenntnis wären demnach also konstruktive und nicht abbildende Tätigkeiten.“ (S. 30) Viabilität garantiert das „Passen“ des Wissens mit dem bisherigen Erleben und hilft so beim fortlaufenden Aufbau, bei der Konstruktion von „Wirklichkeit“.

#Diskussionsfragen.

  • „Wie kann einem konstruktivistisches Wissenskonzept im Interaktionssystem des schulischen Unterrichts Rechnung getragen werden (beispielsweise mit Blick auf Leistungsbewertung)?
  • Wenn vor allem das Abgleichen von Wissen mit Anderen zur Steigerung der Kohärenz eines Überzeugungssystems führt: Was bedeutet dies für die Arbeit mit Wissen? Für seine Darstellbarkeit? Für die „Vermittlung“?

#Bonustracks.


#Anmerkungen.

¹Alle nicht gesondert gekennzeichneten Verweise basieren auf der folgenden Textfassung: GLASERSFELD, Ernst v.: Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, in: GUMIN, Heinz, MEIER, Heinrich (Hg.): Einführung in den Konstruktivismus, München ⁶2002, S. 9 – 39.

² GLASERSFELD im Interview mit Bernhard PÖRKSEN. Vgl. ders.: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus, Heidelberg ²2008, S. 49.

³ Vgl. die eigene Grafik zum Kohärenzmodell.

Die Grafik basiert auf einer Fotografie von Christian Michelides und unterliegt folgender CC-Lizenz. Danke!